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Neue jüdische Presse · 1907-07-26 · Heft 29 (26.7.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 29 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Isrankfrtrter stttlitisches fmilirntilatt. ~ ~i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mt. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mt. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mt. 1,5V, sonstige Länder Mt. 2.— .. .— i ■■ 3 H-daKttoil und chsfchäftssterr- Srsnksurt 3. m., Lleichstraße 2, Lcke VUbelerstraße 10507.; JnsertionSpreis«: Die viergespaltene Petitzeile. «Pf». Die Reklamezeile. m „ Platz- und Daten-Borschrtft ohne Verbindlichkeit. Beilagen: {ptts TUM) UCOCtmtPnS|S> 5. Jahrgang. Freitag, den 1s. Aw s667 (26. Juli 1967). No. 26. Von nächsten Dienstag ab befinden sich unsere Bureaux schräg gegenüber BirveterNrake (Ecke Bleichstratzc) in dem Hanse, in dem Herr Rechtsanwalt Dr. Schwarzschild sein Bureau hat. Frankfurter Israel. Fantilienvlalt. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Religion und Sittlichkeit. — Die Einigung der deutschen Orthodoxie. — Die Woche. — Aus aller Welt. —Aus der zionistischcn Bewegung. — Feuilleton: Tante Gute. — Kunst und Literatur. — Wo chen-Kalendcr. — Familiennachrichten. Religion und Sittlichkeit. Eine Betrachtung zur Grundlegung der Religionsphilosophie von H c r m nun C o h e n. IV. Es ist die Beimischung des Mythos im Gottesbcgriffe, in der Cohen den Maststab für den Unterschied zwischen Judentum und Christentum findet. Es wird darauf hingewicsen, das; das Christentum aus einer Verbindung von Jndcntum und Christentum hcrvorgegangen sei, >vas zugleich eine Verbindung von Religion und Philosophie bedeuten will. „Das christliche Dogma, auch insofern es in dem Mythos wurzelt, ist durch die Dialektik der griechischen Philosophie hindurchgcgangcn, und sein Mythos ist als Philosophem zum Dogma umgeschmolzen worden." Auch die Vorstufe des Christentums innerhalb des griechischen Judentums müsse als in dieser Verbindungslinie zwischen dem prophetischen Judentum und dem philosophischen, d. h. deni griechischen Judentum liegend aufgefaßt werden. So sei der Logos des Juden Philo entstanden, der die größte Ablenkung von der Denkart des Prophetismns besagt: die Frage nach einem Mittler zwischen Gott und Mensch. „Eine Profanierung der Transcedenz Gottes, wie sie innerhalb des prophetischen Monotheismus nicht schroffer erdacht werden kann. Ein Gott, der nur von außen stieße, nicht iin innersten die Welt, die Menschenwelt bewegte; ein Gott, der nicht aus seinem Wesen heraus den Menschen angeht." So schlich sich mit dem griechischen Einfluß der Mythos in die Religion hinein und bildete sich im Chri-* stentum als Weltmacht ans. Das Judentum aber schied den Mythos ans seiner Religion aus. Es ist auch charakteristisch, sagt Cohen, daß alle namhaften Juden gegen die Attribute Gottes eintreten, wie dies vornehmlich in denr klassischen Werke der jüdischen Religionsphilosophie „More Nebochim" am schärfsten zum Ausdruck gelangt. Sie. Erkenntnis des Wesens Gottes ist' beschränkt auf die „Attribute der Handlungen"; es werden alle diejenigen Attribute bestritten, Ivclche nicht als Ideale der menschlichen Handlungen, als Urbild der Sittlichkeit dienen 'können. „Außerhalb dieses Interesses an der Sittlichkeit ist das Wesen Gottes uuerforschlich". So löst sich der jüdische Gottesbegriff in seine ethische Bedeutung ans. Iin Christentum hingegen ist es das Wesen Gottes, tvelchcs den eigene» Inhalt des Glaubens bildet. Und dies ist ein Erbteil des Mythos. Es rvird nun auf den christlichen Gedanken der Vermittlung von Gott und Mensch als ein wichtiges Moment in der Disfernz zwischen Judentum und Christentum hingewiesen; dann behandelt Cohen ihre Unterscheidung in dem Verhältnis zwischen Mensch und Mensch. Es ist der Gedanke der Erlösung, der hier bestimmend ist. Währcird Christus der Erlöser des Individuums ist, ist dagegen der Messias der der Menschheit. Freilich ist in die Aufgabe des Messias auch die Erlösung des Individuums eingeschlossen; aber das ist eben der tiefe Unterschied: der Messias ist der Erlöser der Menschheit, und nur dadurch ist er cs auch für das Individuum; Christus ist der Erlösung des Individuums und nur dadurch ist er cs auch für die Menschheit. „Für das richtige Verständnis des Messianismus kann keine stärkere und gründlichere Heminnng ansgedacht werden, als welche in der falschen Uebersetzung des Messias durch Christus fcstgelcgt ist." * Es werden noch eine Reihe von Gedanken aus dem Wege der Bestimmung der Differenz zwischen Judentum und Christentum behandelt; „auf dem Wege," sagten wir; wir möchten fast sagen: unterwegs. Denn gar viele Gedanken werden hier nur als 'Anhängsel in der Folge der Grundgedanken ausgesprochen. In der Erörterung der Messiasidcc finden wir scharfsinnige Betrachtungen über die sittlichen Motive: Zukunft und Ewigkeit, Tage der .Hoffnung und den Tag des Gerichtes. Das mcssianische Zeitalter wird dem goldenen Zeitalter entgegengestellt; dieses als die pessimistische Stimniung in der Verherrlichung der Vergangenheit, jene — das fortwährende Streben in der Richtung auf die Zukunft. „Hoffnung, Zukunft, M e n s ch h e i t gehören zusammen." Lehrreich ist auch der Hinweis auf die Unterscheidung des „ewigen Lebens" als der zukünftigen Welt (olom haba) von der Zukunft der Menschheit als der zukünftigen Zeit (etthid habo)' Es wird damit eine zweifache Zukunft besagt: die Zukunft des Individuums, als die der zukünftigen Welt; die Zukunft der Menschheit, als die der zukünftigen Zeit. * Ich begnügte mich mit der skizzenhaften Darlegung der.in dieser Cohen'schen Schrift erörterten Fragen und glaube auf jedes Werturteil verzichten zu können. Die Darlegung schon macht es überflüssig. Jedoch kann ich cs mir nicht versagen, auf ein kleines Manko hinzuweisen, das sich Cohen in seinen Interpretierungen historischer Gedanken, worin er sich als Meister bewährt hat, zuweilen zuschulden kommen läßt. Bei aller Ehrfurcht vor seinen fruchtbaren Leistungen auf dem Gebiete der bescheiden als Interpretation bezeichneten historisch-philosophischen Forschung, die bereits Gemeingut der Philosophie sind — man denke an seine epochemachende Ergründung der Kant'schen Denkart —; bei alter Ehrfurcht vor diesem Klassiker der modernen Philosophie, glaube ich doch sagen zu müssen, daß Cohen sich manchmal von der Tendenz seines Gedankengangcs zu einem leisen llebergriff von dem systematischen Gesichtspunkte in ein sprachlich - psychologisches Deuten verleiten läßt. Dies widerfuhr dem Meister auch in einigen Stellen dieser 'Abhandlung. Zum Beispiel, wenn er sagt: „Der Prophet sucht zwar nach einer gewissen Klarheit darüber, wie er zu seiner Botschaft Gottes komme; aber es ist charakteristisch, daß cs immer nur der sittliche Weg ist, auf den auch dabei seine Wißbegier gerät. Daher ist der Ausdruck „L a st" so tief bezeichnend. Seine Botschaft fühlt er nicht als eine Befreiung seines Geistes, als eine Entfaltung, geschweige als eine Erhöhung seines 2elbstbewusttseins; und auch nicht einmal als eine Befreiung seines Gefühls von der Last, die auf ihn drückt; sondern sie bleibt die Last, die auf ihn gelegt ist; der er sich nicht entledigt, indem er sic kundgibt." (S. 36.) Wie sehr auch diese Charakteristik der sittlichen Kraft der Propheten als eines unbewußten sittlichen Dranges gegenüber der Erkenntnis der Sittlichkeit als einem bewußten Schaffen treffend und wertvoll ist, fällt cs doch schwer, in dem Worte „Last" („Nosso") eine Bestätigung dafür zu finden. *) Berlin. Jacob b. Elijah. Die Einigung der deutschen Orthodoxie. — Meinungsaustausch. — Sehr geehrter Herr Redakteur!: In Nr. 27 Ihres geschätzten Blattes befinden sich zwei Artikel, beide die jüngst erfolgte Einigung innerhalb der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands besprechend, deren Lektüre unter den Lesern des „Jsr. Familienblattes" wohl ein „allgemeines Schütteln des Kopfes" verursacht haben dürste. Wir Juden sind doch wirklich ein sonderbares Völkchen! Da wird von allen, die es mit dem Judentum ernst meinen, seit Jahrzehnten die bitterste Klage geführt, daß das kleine Häuflein *) Infolge eines Druckfehlers sind im Kapitel l die Anführungszeichen für das Zitat: „Es wäre ein Zeichen. . . verübt wird" (S. 1, Sp. 3) ausgefallen.

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