Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 4 Frankfurter JsraelttffcheL FmnMenblakt. Nr. 28. in Amerika. Redner hat sich zwei Monate in den Vereinigten Staaten aufgehalten, und. in dieser kurzen Zeit ist cs seinem scharfen Blick gelungen, ein treues Bild von dem Leben unserer transatlantischen- Brüder zu gewinnen. 1 Herr Dr. Lewin führte aus, daß es 'nur eine Illusion ist, wenn wir glauben, Amerika sei für das heimatlose jüdische Volk eine Zufluchtsstätte, wo der Haß und die Verfolgung ein Ende nehmen. Auch in dem freien Amerika taucht jetzt immer mehr der Antisemitismus auf, auch dort ist die bürgerliche Gleichstellung der Juden bloß auf dem Papier, wenn man es auch, oberflächlich betrachtet, nicht gleich erkennt. — Trefflich war der ausführliche Vergleich des jüd. Volkes mit Chamissos Peter Schlemiel. Wie dieser durch den Verlust seines Schattens ziellos, von jeder Gesellschaft ausgestoßen, umhcrwanderte und nur in dessen Wiederfindung seine Errettung sah, so werde auch das jüd. Volk unter den ihm feindlich gesinnte» Nationen solange umherirren, bis es einmal seinen Schatten, sein Land, wiedcrerhält. Nur in Palästina ist man in der Lage, Israel seinen Schatten, worunter Redner auch das nationale Gepräge, die Charaktereigentümlichkeiten des jüd. Volkes versteht, wieder zugeben. Ein lang anhaltendes Hedadrusen und Händeklatschen bewies, mit welchem großen Beifall der hebräische Vortrag ausgenommen wurde, trotzdem dem Redner, der selbst hebräischer Schriftsteller ist, die hier übliche sephardische Aussprache des Hebräischen ziemlich schwer fiel. Das 50jährige Jubiläum des Be - stehens der Kolonie Risch on-lezion. In Rischon-lezion bereitet man sich jetzt zu der 50jährigen Jubiläumsfeier eifrigst vor, die den 15. Aw unter großem Prunk stattfinden soll. Einladungskarten zu diesem Feste, für welches bereits ein großartiges und reichhaltiges Programm ausgcarbeitct wurde, sind in Menge abgeschickt worden. Ebenso hat Herr A. M. Freimann cin,,Sefer Hajowcl" Jubilänmsbuch zu diesem Anlaß verfaßt. Dasselbe zerfällt in zwei Teile, von denen der erste die Geschichte der Kolonie, der zweite eine Beschreibung der materiellen, wirtschaftlichen und geistigen Lage der Rischoner Kolonisten enthält. Wie schon aus einem Artikel in der Nr. 23 des in Köln erscheinenden „Haolams" zu ersehen ist, hat die Kolonie gerade in diesem Jahre viel dnrchzumachcn gehabt. Unter den russischen Einwanderern in Palästina befanden sich nämlich viele jüd. S oz i a l i st e n, spr. Anarchisten, die, von revolutionärcin Geist durchdrungen, unter den friedlichen Kolonisten Zwist und Hader stifteten. Nach russischem Vorbild regten sie die Arbeiterinasse zum Streik an, woraus sich ein großes Mißverhältnis herausbildetc, wie aus der angeführten Zeitung ersichtlich ist. Palästina ist also im Fortschritt begriffen! Sogar in Jerusalem drangen die Fortschrittler, die revolutionären sozialistischen Anarchisten, vor. Erst vorige Woche erhielt der Leiter des vom Brisker Rabbiner gegründeten Waisenhauses, nachdem er einige Schüler wegen Pflichtverletzung bestrafen wollte, von den Sozialisten einen Drohbrief, in welchem sie ihn zum Tode verurteilen, im Falle er die bon ihnen gestellten, die Leitung der Anstalten betreffenden Bedingungen, die Ordnung und Sitte einfach Hohn sprechen, anzunehmen sich weigern wird. Dazu waren noch verschiedene Mordgewehre, wie Revolver, Dolch usw., kunstgemäß abgebildet. (Soll auch die edle Kunst sich in ihren verbrecherischen Dienst gestellt haben?!i Daß es kein bloßer Scherz war, beweist ein von dieser Bande ansgeführter nächtlicher Ueberfall auf einen Chalnkaverwalter, der sicher dem Tode anheim gefallen wäre, wären die Nachbarn infolge seines Hilferufens nicht herbeigeeilt. Sogar der Chacham Baschi steht dem oben erwähnten schändlichen Ereignis gegenüber machtlos da, besonders da er, sowie der Getroffene selbst, um Chillul haschem zu vermeiden, die Hilfe der Regierung nicht anrufcn will. Wenn aber die türkische Regierung von dem dunkeln Treiben dieser „Freisinnigen", der jüd. Wegelagerer, die wir mehr bedauern als verachten, einmal Kenntnis erhält, dann wird es nicht nur ihnen, sondern auch der gesamten jüd. Bevölkerung Palästtnas große Gefahr bringen. Gott schütze uns! B. H. Aus den Vereinen. Prag. Verein zur Gründung und Erhalt ungei ncsjüd. Mus eumsiu Prag. Am 30. Juni fand unter Vorsitz des Vizepräsidenten des Kuratoriums, Herrn Magistrats-Rat Dr. Stein die 1. ordentliche Generalversammlung statt. Der Vorsitzende hielt dem dahingeschicdenen Kurator Herrn Hermann Jnwald einen warmen Nachruf. Den Geschäfts- und Kassenbericht erstattete Schriftführer Lieben. Aus dem Geschäftsbericht ist das stetig wachsende Interesse für die Vcreinsbcstrcbungen ersichtlich. Mehrere Korporationen haben ihre Sympathien für den Verein durch Subvcnsionen zum Ausdruck gebracht. Hervorzuhebcn ist der Gründungsbeitrag der Erben des H. k. R. Gottlieb Bondy im Betrage von 500 Kr., der Stiftuugsbcitrag des Herrn k. R. Moritz Arndt im Betrage von 200 Kr. Der Verein will im September sein Museum eröffnen. Bei der Ergänzungswahl fürs Kuratorium wurde Herr Dr. Haas auf 2 Jahre gewählt. Personalien. DarmftaÄt. Dem ordentlichen Professor an der hiesigen.Technischen Hochschule Geh. Baurat Theod o r L a n d s b e r g wurde der Doktor honoris causa von derselben verliehen. Berlin. Bankier Hermann Nathansohn erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Wleselburg lUngarn). Hier starb der Arzt Dr. Salomou F l e s ch, der Vater des berühmten Geigenvirtuosen Professor Karl Flesch in Amsterdam. Venedig. Der Historiker Moritz Brosch, bekannt durch seine historischen Studien und sein fünfbändiges Werk „Neuere Geschichte Englands von 1509 bis 1874", ist hier im Alter von 78 Jahren gestorben. New-Aork. Durch den Tod des Bankiers Isidor Wormser erleidet die hiesige Judenheit einen schmerzlichen Verlust, denn er gehörte zu ihren angesehensten Persönlichkeiten. Wormser war aus Deutschland (Landau) gebürtig und hat ein Alter von 77 Jahren erreicht. Der Jargon-Dichter Abraham M. Scharkansky ist nach langem Leiden im 40. Lebensjahre gestorben. Scharkansky war Mitarbeiter der amerikanischen Jargon - Zeitungen und schrieb mehrere Theaterstücke. Tante Gute. Von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) „Ereifern Sie sich nicht, junger Herr," sagte Brand lachend. „Sic sind halt noch gar jung, da werden Sie's noch nicht wissen, aber der Stoppel —" „Der Stoppel foppt Sie!" rief ich nahezu außer mir. „Sehen Sie denn nicht, wie er mir fortwährend winkt, dag ich schweigen soll?" „Gehen 'S, gehen 'S, junger Herr, der Stoppel Meier kennt mich gut und weiß, daß einer früher aufstehu muß, wenn er den Brand Peppel foppe» wollt." Meier Stoppel lachte sich in's Fäustchen. „Schaust Poldel, der Herr Brand ist gar gescheidt, der weiß mehr als wie Du." „Schweigen Sie!" herrschte ich ihn an, vergessend, daß ich zu dem älter» Manne sprach. „Wie können Sie solch' wahnsinnige Lügen verbreiten!" „Schweigen's selber, junger Herr," fiel der Brand Peppel ein, „und reden's nicht, was Sie nicht verstehn. Dem Stoppel glaub' ich halt doch mehr als wie Ihnen." Ich war wütend, ich hätte mich auf Stoppel stürzen und ihn erdrosseln mögen. Doch was nützte meine Wut? Stoppel lachte, und der dumme Kerl, der Brand, ließ sich nicht überzeugen. Grollend beteiligte ich mich nicht niehr an ihrer Unterhaltung und schritt schweigend neben ihnen einher, fest entschlossen, meinem Vater sofort Mitteilung zu machen von den gefährlichen Witzeleien des Spaßniachers. — Wir hatten die Stadt erreicht, und da, wie bereits erwähnt, Brand in unmittelbarer Nähe der Jndeugasse wohnte, gingen wir. auch jetzt noch zusaminen. Da stürzte plötzlich die Frau des Brand mit allen Zeichen hefsigster Erregung ihrem Manne entgegen. „Peppel!" rief sie, „hast Du's Maritschcrle ui gesehn?" Das Maritschcrle, ein vierjähriges Mädchen, war das jüngste Kind der Eheleute Brand, das beide trotz ihrer Rohheit mit zärtlicher Liebe umfingen. „Das Maritschcrle" — wiederholte "Brand, „ich komme von Altdorf, wie soll ich das Kind da gesehen haben? — es war doch zu Haus bei Dir, als ich fort bin." „Freilich war's bei mir zu Haus," schrie Frau Brand, die Hände ringend, „aber 's ist ni mehr da. Schau, über 'ne Stunde such' ich's in allen Winkel» und im Hof und in der Gassen, und jeden frag' ich, und nirgend's ist's und keiner hat's ni gesehn! Maritscherle! Maritscherlc!" Sie brach in ein wildes Schluchzen aus. Brand war leichenblaß geivorden, cs war ein eigentünilich angstvoll lauernder Blick, den er auf Stoppel richtete. Auch dieser erbleichte. „Weinen Sie nicht, lieb: Frau Brand," sprach er beschwichtigend, „das Maritscherle ist ein kleines Kind, es wird irgendwo mit andern Kindern spielen. Sie werden sehen —" „Ueberall Hab' ich's gesucht," schluchzte die Frau, „nirgend ist's — Maritscherle! Maritscherle!" „Wir werden's mit Ihnen suchen. Koinmen Sie Herr Brand." Er berührte den Arm des Angeredeten, dieser aber zuckte zusammen und zog den Arm zurück. Fürchterlich arbeitete es in dem einfältigen Gesicht des Schlossergesellen. „Was schauen's mir so an?" schrie er endlich, „glauben's halt auch, daß die Juden 's Maritscherlc abgeschlachtet haben zu dein Mazzen!" Frau Brand stteß einen gellenden Schrei aus. „Die Juden haben mein Kind geschlachtet! Die Juden haben inein Kind geschlachtet!" So schreiend und schluchzend, rannte sie die Straße entlang, während Stoppel sich umsonst abmühte, dein verziveiselnden Vater begreiflich zu machen, daß er vorhin gelogen. „Jetzt lugeit's!" schrie Brand, seine wuchtigen Fäuste drohend ballend. Ich aber stürzte fort, meinen« Vater von der drohenden Gefahr zu benachrichsigen, denn hinter mir vernahm ich 'von verschiedenen Seiten die allerdings noch vereinzelten Risse: „Schlagt die Juden tot!" „Tie Juden haben ein Christcnkind geschlachtet!" „Gehn wir über die Juden!" Und dazivischen die verzweiflungsvollen Schreie der Braud: „Maritscherle! Maritscherle! Die verfluchten Juden haben's Mariischer!«: geschlachtet!" In dem Magazin, in dein ich meinen Vater verinutete, .fand ich ihn nicht: Ich niußte „och eine Strecke weiter rennen, bis zu unserm zweiten Magazin, und als ich ihn dort endlich traf, war ich ateinlos vom raschen Lauf und nicht imstande, auch nur ein Wort hcrvorznbringen. Aber ineine Worte waren nicht inehr vonnöten. Von der Straße her erscholl wilder Lärm und Geheul, und aus mehr als hundert Kehlen erscholl der Ruf: „Gehn wir über die Juden!" „Laus' zur Mutter, Poldi, sperret das Haus, die eiserne Tür und die Brandläden. Ich schließe hier erst alles, dann komm' ich nach Aber Du mußt durch den Garten, von, herum geht's nicht." Ich entsprach dem Befehle meines Vaters, sprang dilrch ein Fenster des Magazins in eine Seitengasse, gelangte von dort sehr bald in unfern Garten und eilte durch die Hintertür in unser Haus. Aber ich kam zu spät. Schluchzend und händeringend kam meine Mutter mir entgegen und schloß mich in ihre Arme. „Der Vater!" rief sie, „wo ist der Vater?" „Er wird sogleich hier sein, er sperrt nur das Magazin. Aber wir sollen das Haus sperren und die Brandlädcn anlegen." „Nicht möglich!" rief meine Mutter, „der Brand Peppel steht in dem Hausflur und schreit nach dem Vater, er mär' Vorsteher und hätt' sein Maritscherle geschlachtet — Laus' Poldi, sag' dem Vater, er soll nicht hcimkommen." „Und Tu, Mutter?" „Mir geschieht nichts. Laus' nur zum Vater, lauf'!" Ich stürzte fort, womöglich noch rascher, als ich gekommen, doch am Eingang zuin Garten traf ich den Vater. Ich ivollte ihn zurück halten und teilte ihm init, was die Mutter.mir ausgetragen hatte. Er aber schob mich zurück. „Glaubst Tu, ich würde die Mutter allein lassen?" Mit einem Satze war er durch den Garten in das Haus gelangt. Ich folgte, so rasch ich konnte. Wilder Lärm hallte mir entgegen, ein Brüllen, ein Heulen, waren das Menschen? — ich konnte nicht verstehen, was sie schrieen. Endlich vernahm ich, den Lärnl übertäubend, meines Vaters Stimme. Er bemühte sich, die Leute zur Vernunft zu bringen, suchte sie von dem Sinnlosen ihrer Behauptung zu überzeugen. Rohes Gelächter war die Antwort. „Gebt das Kind heraus!" schrie Brand, „lebendig oder tot!" Was mein Vater erwiderte, konnte ich nicht verstehen; aber gleich darauf sah ich ihn zurücktaumeln. Unter grauenvollem Gejohle drangen zwanzig oder dreißig Kerle in das Innere unseres Hauses. Sie durchsuchten dasselbe vom Boden bis zum Keller, rissen alle Schränke aus und zerstreuten deren Inhalt, zer-