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Neue jüdische Presse · 1907-07-19 · Heft 28 (19.7.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 28 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28. Seite 5. gtanrpttser ^tnaQti^esi {jojnuvROUiQ. schnitten sämtliche Betten, daß die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Mein Vater hatte meine Mutter, unsere jüdische Dienstmagd und mich in die Kiiche geschoben, die die Unholde zuerst burchstöbert, nach wenigen Minute» kam auch niein Vater zu uns, drückte die Tür in's Schloß und schob den Nachriegel vor. „Sei ruhig," hörte ich ihn meiner schluchzenden Mutter zuflüstern, „unser Vermögen ist gerettet, ich habe es im Gürtel geborgen." Und ruhig verhielten wir uns, um der weiteren Aufmerksamkeit der Wüteriche zu entgehen, die unter Heulen und Fluchen in wenig mehr als einer Viertelstunde unser ganzes Haus durchsucht und verwüstet hatten. Sie hatten selbstverständlich das Kind nicht gefunden. „Kommt's zum andern Jüdenvorsteher," schrie Brand mit fürchterlicher Sttmme. „Schmul Geizkragen heißen sie ihn, der wird 's Maritscherle abgefangen haben, um's Geld für's Christenblnt zu sparen." Brüllend sttmmten die Andern zu, und lärmend und tobend verließen sie endlich unser Haus, indem sie im Fortgehen noch zertrümmerten, was ihnen in den Weg kam. Sobald der Letzte das Haus verlassen hatte, eilte mein Vater hinaus, warf die Haustür in's Schloß, verrammelte diese und die Fenster in den ebenerdigen Räumen mit den s. g. eisernen Brandläden, denn draußen tobte.und heulte die Menge noch wütender als zuvor. Es war nämlich Abend geworden, die 'Arbeiter waren von den 'Feldern und aus den Fabriken heimgekommen, sie vernahmen die Mähr von dem geraubten Christenkind, das die Juden geschlachtet, und sofort schloß sich die Mehrzahl den Wütenden an. Heulend und johlend zogen sie durch die Judengasse, drangen in die Häuser, plünderten und verwüsteten, was sie nur konnten. „Gehet hinauf in die oberen Zimmer," sprach mein Vater, „ich hoffe zu Gott, Ihr habt nichts inehr zu fürchten, ich werde auch die Hintertür schließen." „Und dann kommst Tu auch hinauf," sagte meine Mutter. „Nein," erwiderte mein .Vater, „ich eile zum Bürgermeister, damit er mit den Polizisten in die Judengasse kommt." „Sie werden Dich ermorden!" jammerte meine Mutter. ,-Sei unbesorgt," erwiderte' mein Vater, „ich eile durch den Garten hinter die Judenmauer und bin in fünf Minuten auf dem Stadthaus." Vergebens sichte meine Mutter, der Vater möchte bei uns bleiben, vergebens vereinigte ich meine Bitten mit den ihren. „Bleibe Du bei der Mutter," entgegnete mein Vater, „weiche nicht von ihrer 'Seite, ich aber — sie haben mich zum Vorsteher gemacht, — und ich sollte nicht mein Möglichstes tun, ihnen zrr helfen?" Er drückte meiner Mutter.und mir gleichzeitig die Hände und eilte fort. Ohne belästtgt zu werde», erreichte er das Stadthaus, denn der wütende Pöbel befand sich vollzählig in der Judengasse. Doch der Bürgermeister war mit den zwei Gensdarmeu und den zwei Polizeimännern längst in die Judengassc geeilt, den Bedrohten zu helfen; aber der fortdauernde Tumult bewies, daß seine Anwesenheit wenig genützt hatte. Mein Vater eilte in die Dechantei, den Ortsgeistlichen aufzufordern, die sinnlos erregten Gemüter zu beruhigen. Der Dechant war ein aufgeklärter, humaner Mann und sofort bereit, meinen Vater zu begleiten. Er!var soeben von einer Reise heimgekvmmen, sein Wagen hielt noch vor seinem Hause. Er forderte meinen Vater auf, zu ihm einzusteigen und befahl dem Kutscher, im Galopp in die Judengasse zu fahren. In wenigen Minuten waren sie dort, mitten in der Menge der Wütenden. Der hochgeachtete Geistliche an der Seite des Judenvorstehers, dieser Anblick allein war schon geeignet, die .Tobenden stutzig zu machen. Und nun erhob sich der würdige Mann, und mit Stentorstimme ermahnte er die Sinnlosen zur Ruhe. Er erbot sich, einen Eid auf die.Hostte zu schwören, daß die Beschuldigung, die Jüdeir gebrauchten Christenblut zu ihrem Passahfeste, die infamste Lüge wäre, die Haß undMißgunst je erdacht. Und je länger der Wackere sprach, desto ruhiger ward es im Haufen. Da erhob sich plötzlich ein fürchterliches Geschrei. „Feuer! Feuer! —" Das Haus in der Mitte der Judengasse, dort wo die Mazzobäckerei sich befand, stand in Helten Flanimen. Hatten ruchlose Hände absichtlich den Brand entzündet? Oder die Plünderer nur aus Unvorsichtigkeit ihn entfacht? — ich weiß es nicht. (Schluß folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocheu-Kalen-er. (Zeitangaben nach dem Lunch.) Samstag, den 20. Juli (= 9.Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 0 Uhr 20 Min., in Berlin 9 Uhr 15 Min. Die Wochensidra H a d e w o r i m ist der Anfang des 5. Bch. M., das danach benannt ist, aber auch Mischue-Tauro, d. i. Wiederholungsbuch, indem vielfach Wiederholungen aus den vorhergehenden Teilen darin enthalten sind, genannt wird. — Die Sidra wird stets am Sabbat vor dem 9. Aw verlesen. Moses wirst einen Rückblick ans die Wüstenwanderuiig» berührt die mannigfachen.Verfehlungen, wie die >L>ünde der Kundschafter, des goldenen. Kalbes, das Vergehen bei den 'Haderwassern, das Verhalten gegen die stammverwandten Völker Edom, Moab und Ammon, die Besiegung der Riesenkönige Sichon und Og und die Verleihung deren Länder an die dritthalb Stämme. Ms Haftoro die 3. Strafpredigt: Chassaun (Jes. Kap. 1). Daher auch Schabbos-Chassaun genannt. Inhalt: Israels Gebrechen werden in glänzender Sprache gegeißelt. Die Haftoro' wird im Klageton rezetiert, die Stellen tröstlichen Inhalts in gewöhnlicher Tonart. Im Bolksmund wird der Schabbos gewöhnlich „Schwarz-Schabbos" genannt. In vielen Genieinden schaltet man im Morgengebet die „Ahavo" vom Sabbat vor dem Wochenfeste ein: „Aus-cho kol hajauin kiwinu". Ebenso als Sulas „be-osneinu schomaanu", beides elegischen Inhalts. Wie am Sabbat vor Schowuaus so auch heute das Gebet für das Andenken an die Märtyrer: ,,'Aw herachamiin". Sinn dieser Einrichtung: Um der Thora willen starben die Frommen, ihr Tod ist gleichbedeutend mit dem Tempeluntergang. Daher die gleiche Klage vor dem Wochenfest und dem 9. Aw! In mancher Gemeinde existteren sogen. Memorbücher mit Aufzählung einzelner Märthrergemeinden und berühmter Frommen. Die Vorlesung dieser Daten heißt „Memorn", von memoria — Gedächtnis. Am Sonntag ist Tischoh boaw — 9. Aw, unser größter Trauertag. Diesmal wegen Sabbat verschoben auf den 10. Aw. Er erinnert an den Untergang des 1. und 2. Tempelheiligtumes, beides am gleichen Tage. Der st. Tempel durch die Babylonier, der 2. durch die Römer zerstört 656 I. später. Auch andere Trauerfälle meldet die Tradition für diesen Tag. Fastenbeginn schon Samstag Nacht. Auch am Sabbat schon bleibe man der ernsten Zeit eingedenk. Am 9. Äw ist wie bei sonstiger Trauer verboten, sich zu waschen, zu salben, lederne Schuhe anzuziehen, aus Tisch und Bank zu setzen u. s. f. Womöglich ziehe man die Lederschuhe auch über die Straße nicht an. Geschäftstätigkeit, überhaupt jede Zeit erfordernde und somit zerstreuende Arbeit bis Mittag untersagt. Auch Thorastudien, weil Herz- und gemütanregend. Stücke ernsten, betrübenden Inhalts (Buch Jirmija, Jjob) darf man lesen.' Bort Mittag an darf man auf Stuhl und Bank sitzen. Fleischgenuß unterbleibt bis Montag Mittag. Des Morgens nach dem Schlaf die Finger nur bis zum Gelenkansatz waschen, Augen feucht abreiben. Mundausspülen verboten. — Samstag Nacht nach Maariw-Gebet Lesen der Trauerlieder Jirmijahs (Echo), ebenso einige Kinaus (Klage - gefänge f. 9. Aw). Solche Kinnaus in großer Anzahl auch Sonntag! Es sind Kompositionen aus verschiedenen Jahrhunderten, von verschiedenen Meistern. Besonders bedeutend sind die sog. „Zioniden" am Ende des Kompendiums, mit d. Worte „Zejaun" beginnend. Es werden Judenverfolgungen in deutschen Landen nird ausländische erwähnt. — Im Morgengebete Aneinu i. d. Schmono Esrei, nachmittags auch „Rachem" in der Brocho „W'hiruscholajini". Thoravorlesungen: Morgens 5. Bch. M. 4, V. 25, nachmittags Waj'chal (Kalbessünde-Veitzeihung). Jedesmal eine Haftoro. Tallis und Tefillin erst zur Minchozeit anlegen. — Am Sabbatausgang kein Hawdoloh, nur Brocho über Licht. Sonntag abend Hawdoloh über Wein, ohne Licht und Gewürz. Am Freitag (26. Juli) ist Chamischo Osor bo aw — 15. Aw. Ein HaDfeiertag, der an verschiedene freudige Ereignisse erinnert. (Aufhören d. Sterbens i. d. Wüste, Beerdigung der ^oten Betars, 'Absetzung von Jerobeams Beamten usw.) Es wird kein Tachanun gebetet. Offenbacber Druckluft=Anlage Telefon 123. Offanbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TapplCllFBlllt0Ull|J. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) „Eine Zentralisatton des Armenwesens war von jeher von Nutzen", erklärt der Schreiber des Sprechsaals der vorigen Nummer. Das ist jedoch nur so weit richtig, als es sich um Regulierung und Kontrollierung der gewerbsmäßigen Wanderbettelei handelt, und mit Recht lautet deshalb der volle Titel des hiesigen Hülfsvereins „Israelit. Hülfsverein, Verein zur Beschränkung des Wanderbettels." Was über diese Grenze hinausgeht — und leider haben die Hülfsvereine das Bestreben, diese Grenzen zu überschreiten: ja, sie möchten sogar die gesamte private Wohltätigkeit ablösen — ist von Hebel. Die Ersetzung der privaten Wohltätigkeit durch einen Verein vernichtet das Verpflichtungsgefühl der glücklichen Besitzenden, für die notleidenden Mitmenschen zu sorgen, denn es ist ja so sehr bequem und so sehr billig, sich für einige Mark Jahresbeitrag von den gesamten Wohltätigkeitsverpflichtungen loszukaufen. Ueberdies wird dem Hülfsbedürstigen, dem häufig vor allen Dingen ein freundliches Wort und liebevolles Interesse uottut, in den Vereinen naturgemäß eine kühle geschäftsmäßige Behandlung zu teil. Die kühl geschäftsmäßige Behandlung scheint mir grade der in den beiden Sprechsaal-Artikeln behandelte Fall zu zeigen. Mir ist Herr Eisigmann als ein ehrenwerter, streb sanier Mann bekannt, und seine Protektoren haben sich erst für das von ihm beabsichtigte Unternehmen interessiert, nachdem sie sich genau über die Chancen desselben informiert hatten. Sie haben umso lieber Zeit und Geld der Sache gewidmet, als es gilt, nicht nach alter Methode Almosen nach dem heiligen Lande zu senden, sondern dort mit einer verhältnismäßig geringen Summe ein aussichtsreiches Unternehmen zu gründen. Und ich finde es sehr unrecht, daß der Hülfsverein das lobenswerte Werk stört, denn allwissend und attvoraussehend i|\ der Hülfsverein doch noch nicht; überdies war der Herr, der den Warnungsbrief gegen Eisigmann unterzeichnet hat, nicht genügend über die Angelegenheit unterrichtet. Warnung. Samuel Rosenfeld ans Lodz und Rebekka Schnur aus Kalisch reisen mit gefälschten ärztlichen Attesten und brandschatzen Private und Armenkassen. Deutsch-Israelitischer Gemeindebund. Kunst und Literatur. PeriEzHodor. Verlag: Redakteur Jos. Schwartz, Bonyhad (Kom. Tolna), Ungarn. Unter diesem Titel erschien soeben in der Redaktion der halachischen Zeitschrift „Wajelaket Jausef" eine hebräische Broschüre, welche Briefe unserer größten Rabbiner au Herrn Oberrabbiner Deutsch in Sachen der Palästina-Esrogiiu enthält. Abonnenten unserer Zeitung erhalten die Broschüre kostenfrei direkt vom Verlag. Vereins - Kalender. „Montefiore"-Berein. Mittwoch, den 24. Juli, abends 9 Uhr, Referat. Ein kaufmännisches Thema. Das Tonbild-Theater aus der Zeil bringt vom 16. Juli ab ein neues Programm, welches sowohl an Tonbildern als auch an lebenden Bildern sorgfältig ausgesuchte und vorzüglich wirkende Nummern enthält. Unter den Tonbildern sind neben einer neuen Tanz - Piece: „Zaukee-Girl- Spitzentan z" (Frl. Eugenie Paßpart) und der „Aennchen-Arie aus Freischütz". „Kommt ein schlanker Bursch gegangen" (Frl. Gertrud Runge) als flott gesungene und darstellerisch bewegte Stücke des Schmugler-Ouintett aus „Carmen" und derWeiberinarsch aus der „Lustigen Witwe" hervorzuheben. Unter den lebenden Bildern werden das „englische Derby 1907", eine Hochtour in denDolomiten und eine umfangreiche Schilderung der großen „Frühjahrsparade aus dem Tempelhofer-Felde" besonders interessieren.

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