Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Frankfurter AraeWWeS NonRenRaÜ. Seite 3 densschluß Paten gestanden haben, sondern ernste, besonnene, im öffentlichen Leben bewährte Männer, die mit den realen Notwendigkeiten der Stunde sehr wohl zu rechnen verstehen. Oder glaubt man etwa, daß Männer lute Herrn. Gnnrpertz, Benjamin Hirsch, Dr. David H o f f m a n n, George M a r x, Louis F e i st n. a. m. erst der Belehrung bedürfen, die ihnen der Artikelschreiber erteilt? Bei diesem Friedensschlüsse gibt es weder Sieger noch Besiegte; von keiner Seite ist die Aufgabe ihrer Prinzipien verlangt und noch viel weniger konzediert worden. V e r l a n g t u n d konzediert ivard nur eine in der Form v crsöhnliche, gerechte, maßvolle Polemik beim Anstrag etwaiger Mcinungsdifscrenzcn, wie sie unter religiösen Gesinnungsgenossen selbstverständlich sein sollte und wie sie, das sei bereitwillig zngestanden — auf beiden Seiten bisher nicht immer geführt wurde. ■ Die „Richtungen" innerhalb der Orthodoxie haben so ungeheuer viel gemeinsame praktische Arbeit für ihre gemeinsamen Ideale zu leisten, daß diese Gemeinsamkeit stark genug ist, um auch Meinungsverschiedenheiten taktischer Art zu ertragen. Mögen daher immerhin einzelne Unbefriedigte ihre Aufgabe jetzt noch immer darin erblicken, Mißtrauen zu säen und damit — gegen ihren Willen — die Geschäfte der gemcinsanien Gegner zu besorgen, die „Freie Vereinigung" wird sich dadurch sicherlich nicht beirren lassen und wer es ehrlich meint mit der Zukunft des gesctzestrcucn Judentums in Deutschland, der muß und wird ihr dabei freudige Mitarbeit leisten. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Lffenbach a. Mf Zur Feier ihres 50 jährigen Geschästsjubiläums überwiesen die Herreil I. M ayer u. Sohn dem Pensionsfonds der Witwen und Waisen ihrer Arbeiter 100 000 JL — Außerdem stiftete Herr- Kommerzienrat Ludo Mayer seiner Vaterstadt zirka 200 000 JL zur Freilegung des Schloßplatzes und Herstellung eines inonumeutalen Renaissancebrunnens, umgeben von Parkanlagen. Cassel. Antisemitisches Brot. Das sogenannte Simonsbrot wird hier von einem Hauptmann a. D. Simons hergestellt. Dieser Hauptmann ist ein fanatischer Antisemit, der in der wütendsten Weise gegen die Juden hetzt und einem hiesigen, sehr angesehenen Inden, der sich bei einer vom hiesigen Magistrat abgeordneten Deputation befand, welche auf Wunsch des Hanptmanns dessen Fabrik besichtigen sollte, den Eintritt in seine Fabrik verweigerte, da er keine Inden darin dulde. Da nun vielleicht auch Inden dieses Simonsbrot kanseir könnten, man aber annehmen darf, daß dies dem Herrn Hauptmann a. D. und Sinionsbrot-Fabrikanten nicht angenehm sein dürfte, wenn sein antisemitisches Brot auch von Juden gegessen wird, so wollen wir, um Herrii Simons einen Gefällen zu tun, unfern Lesern von diesem antisemitischen Brot hiermit Kenntnis geben. Berlim. Das König!. Sächsische Justiz- Ministerin m hat dein Verbände der deutschen Jude n auf seine Vorstellung vom 13. Juni 1907 mitgeteilt, daß folgender Erlaß am 21. Juni 1907 an die Königl. Sächsischen Amts- und Landgerichte ergangen ist: In der letzten -Zeit sind verschiedene Stände und Bcvölkerungsklassen bei dem Justizministerium dagegen vorstellig geworden, daß sie bei der Wahl zu Schöffen und Geschworenen grundsätzlich nicht berücksichtigt würden. Wie schon in der Verordnung vom 7. -Oktober 1905, I. M. Bl. S. 139, ausgesprochen worden ist, würde es mit dem Geiste des Gesetzes nicht im Einklang stehen, wenn weite Kreise der Bevölkerung von dem Ehrenamt eines Schöffen oder Geschworenen ganz oder fast ganz ausgeschlossen - bleiben. Maßgebend für »die Auswahl ist die Bildung, die Urteilsfähigkeit, die Ehrenhaftigkeit und der Wert der einzelnen Persönlichkeit. Liegen diese an die Schöffen und Geschworenen zu stellenden Erfordernisse vor, so dürfen — abgesehen von den gesetzlichen Ausschließungsgründen — keine Erwägungen Platz greifen, welche ganze Stände und Bevölkerungsklassen grundsätzlich von dem Amte ausschalten. Wenn daher, wie geltend gemacht und von einem Amtsgerichte bestätigt worden ist, die mittleren Postbeamten lediglich deshalb, um sie nicht ihren dienstlichen Obliegenheiten zu entziehen, von dem Amte eines Schöffen oder Geschworenen ausgeschlossen worden sind, so würde dies in dem Gesetze keine Stütze finden. Trifft weiter die Behauptung zu, daß in einigen , Bezirken ausnahmslos .oder doch in der Regel keine Juden zum Schöffen- oder Geschworenendienst berufen oder Inden zwar zu Geschworenen, niemals aber zu Schöffen erwählt worden seien, obwohl dort in größerer Zahl Juden vorhanden seien, die sich nach ihrem Bildungsgrad und sonst zu Schöffen und Geschworenen eigneten, so würde auch dies dem Geetze znwiderlaufen. Die Auswahl der Schöffen und Geschworene» teht zwar im freien Ermessen des Ausschusses und res Landgerichtes (G. B. G. §§ 42, 98). Das Justizministerium glaubt jedoch, die Gerichte auf die mehrfach ausgesprochene» Wünsche beteiligter Kreise aufiNerksam machen zu sollen. Ministerinnl der Justiz Dr. von Otto. Coblenz. Der Verband israelitischer Gemeinden im Rc g.-Bez. Coblenz hielt unter .der Leitung seines Vorsitzende», Herrn Dr. Lichtenstein - Neuwied, eine Ausschußsitzung ab. Der Verband bezweckt vorzugsweise: Austausch von Erfahrungen in der Gemeindeverwaltung, bestehende Mißstäude in kleinen Gemeinden zu beseitigen und Differenzen zu schlichten, das Gemeindcwesen zu organisieren, Pflege und Förderung des Religionsunterrichtes, Heranziehung der Jugend zu anderen Erwerbszweigen als zum Viehhandel, Hebung geistiger Kultur. — Die diesmaligen Beratungen des Ausschusses bezogen sich auf die Einrichtung und Förderung des Religionsunterrichtes in mehreren Gemeinden des Bezirks. Für den Religionsunterricht gibt es in den zum Bezirke gehörenden Teilen des Westerwaldes, der Eifel und des Hunsrück noch vieles zu tun. Am 28. Juli soll in Rheinböllen eine abermalige Ausschutzsitzung und allgemeine Versammlung zur Besprechung über Religions-Schulangelegenheiten stattfiuden. Görlitz. Die jüdische Gemeinde hat einen der schönsten Plätze im Stadtpark angekanft, um darauf eine neue Synagoge zu bauen. Den Kaufpreis von JL 70 500.— hat der Vorsitzende dcö Vorstandes der jüd. Gemeinde, Kommerzienrat Emauuel Alexander Katz aus eigener Tasche bezahlt. Rosenberg (Oberschl). Einbruch in die Synagoge. Aus unserem Gotteshaus wurden mittels Einbruchs zwei silberne Becher, eine massivsilberne Jad, ein silberner Thoraschmnck, izwei silberne Verkleidungen der Thoraspitzen, ein silbernes Gewürztürmchen und ein gelblich-weißer Thoraumhang mit Schnur und breiten Streifen gestohlen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Tolerante Nabbinerl Bei der Feier des 70. Geburtstages des ehemaligen Rektors und Professors der Theologie an der Wiener Universität Dr. Wilhelm Reumann, eines getauften Inden, die diesem der Akadem. Verlag, dessen Präsident Dr. I. I. Hollitscher gleichfalls ein getaufter Jude ist, gab, waren die Rabbiner Dr. Fenchtwang und Dr. Funk anwesend und brachten Toaste aus. sämtliche Herren sind Mitarbeiter au dem Werke „Monumeuta Jndaica". Wie». 20,000 Kronen Belohnung sichert in einer Bekanntmachung die O e st e r r. Israelit. Union dem zu, der in Sachen des seit 8 Jahren wegen Mordes cingekerkcrten, fortgesetzt seine Unschuld beteuernden Leopold Hilsner Beweismittel beibringt, die zur Wiederaufnahme des Strafprozesses führen. Wien. Es fängt schon an! Im Abgeordnetenhaus richtete der christlich - soz. Abg. Stur m an den Knltnsminister die Anfrage, ob der Minister angesichts des im Falle Eisler vorliegenden uuerhörtenBevorzugung eines jüdischen P s e u d o g ele h r t e n, der durch seine Handlungsweise das Ansehen der österreichischen Wissenschaft im Anstande so unerhört herabgesetzt habe, geneigt sei, dafür Sorge zu tragen, daß Rcisestipendien und Empfehlungen für das Ausland künftighin nur würdigen und bedürftigen Bewerbern, 'nicht aber r e i ch e n j ü - dischen Protektionskindern und Bücherdieben verliehen werden, und ob er weiters geneigt sei, dem an den Universitäten sich immer mehr breit machenden jüdischen Pseudogelehrtentum das Handwerk zu legen? Eisler ist längst — Christ. Also selbst die Taufe rettet nicht davor, als Jude zu leiden! Wien. Präsident Dr. Weiskirchner und die jüdischen Abgeordneten. Die „Polnische Korrespondenz" berichtet: In einem Gespräch mit dem Abg. Dr. Gold über die Haltung der jüdischen Mitglieder des Polenklubs in der Präsidentenfrage äußerte sich der Präsident des Mgeordnetenhanses Dr. Weiskirchner folgendermaßen: „Wenn ich auch die Schwierigkeit Ihrer Situation nicht verkenne, kann ich Sie doch versichern, daß ich mich in der Ausübung meiner amtlichen Pflichten weder jetzt noch auch jemals vorher vom nationalen oder konfessionellen 'Moment habe beeinflussen oder beirren lassen. Als ich das Armenreferat der Stadt Wien führte, wurden nieine Gerechtigkeit und Objektivität auch von den Gegnern anerkannt, und ich habe den armen, bedürftigen Juden ebenso geholfen wie den armen, bedürftigen Christen; die Wohltätigkeit kennt, wie auch menschliches Elend, keinen Unterschied — nicht der Nation und auch des Glaubens nicht. Sie werden," schloß Doktor Weiskirchner, „in meine Geschäftsführung als Präsident des Hauses Vertrauen gewinnen, denn was ich in meiner Antrittsrede über meine Objektivität gegenüber allen Parteien und Nationalitäten des Hauses sagte, gilt auch in uueingeschrünktcm Maße für alle Konfessionen, die jüdische gewiß nicht ausgenommen." Budapest. Ungarn schreitet aus dem Wege des brutalen Antisemitismus rüstig fort; hoffentlich gehen den Juden Ungarns noch rechtzeitig die Augen auf! Der Schauplatz ist diesmal das Abgeordnetenhaus gewesen. Vor.Beginn der Sitzung kam es heute im Beratungssaale zu einem scharfen Wortwechsel zwischen dem Abg. Olay und dem Chef des StenographenbnreauS Hofrat S e n y v e s y. Olay hatte gestern eine Rede gegen die Hauptstadt gehalten und verlangte nach Schluß der Sitzung den Text seiner Rede im Stenographenburcau. «enyvesy erklärte jedoch, daß er nach den Vorkommnissen der letzten Zeit gemäß den Anordnungen des Präsidenten die Reden nicht ausfolgcn dürfe. 'Abgeordneter Olay war darüber empört und beschwerte sich heute beim Präsidenten, dem er sagte: „Ich bitte Dich, schau, daß Du diesen Juden abschaffst!" Beim Eintreten in den Sitzungssaal bemerkte Olay den Vorstand des Stcnographenburcaus und sagte zu einem Abgeordneten: „Da schau her, das ist der Jud, der mir gestern nicht den Text meiner Rede geben wollte!" Da Hofrat Senyvcsy auf diese Worte nicht reagierte, fuhr Olay fort: „Der Jude stinkt!" Hofrat ^enyvcsy entgegnete: „Ich bitte Sie, halten Sie doch den Mund!" Als Olay fragte, ob das ihm gelte, bekam er zur Antwort: „Ja, Dir, Du Bauer!" Die Szene erweckte peinliches Aufsehen. Gegen den Chef des Stenographenbnreaus ist die Disziplinaruntersuchnng eingeleitet worden. Lemberg. Aus Zaleszchki. Sniaihn, Borßczow usw. werden fortgesetzt C h i k a n i e r n n g e n der Behörden gegen die Juden, von denen bekannt ist, daß sie nicht polnisch gewählt haben, gemeldet. Rußland. Petersburg. »Rußkoje Snamja", das Leibblatt des Zaren, schreibt in einer Kontroverse mit einersozialdemokratischen Proklamation: „Daß der Selb jtherrscher, Zar Nikolaus II.. das Haupt der S ch w a r z - Hun - d e r t e i st, w i s s e n w i r s e l b st r e ch t g u t. Aber was bedeutet denn „schwarz Hundertschaft"? Das ist ja doch die Bezeichnung für das ganze russische Volk, welches den Juden noch nicht verkauft ist. Ja, wir sind stolz darauf, daß an unserer Spitze der millionenhaften Schwarzhundcrtschaften der russische Selbstherrscher und Unbeschränkte, Zar Nikolaus II., steht, und nicht irgend ein jüdischer „Lump"." Warschau, 15. Juli. Die jüdischen Gemeinden von Radsiwilow, Potscheijew und Kremenz haben an den Premierminister und an den Obcrprokuror der heiligen Synode telegraphiert, sie möchten veranlassen, daß die P o g r o m - A gitation in der Zeitung „Potscheijew Jswest" eingestellt werde. . Amerika. New-Pork. Ermordet wurde in seinem Landhause zu Pelham der hiesige Kaufmann Julius R o s e n h c i m e r. Ter Mord ist einer der dunkelsten Kriminalfälle der letzten Jahre. Tie am nächsten Tage vorgenommene gerichtliche Untersuchung förderte nur die Tatsache zu Tage, daß Roscnheimcr für Umfriedigung seiner Besitzung mit einer hohe» Steinmauer mindestens 25 000 Dollars ausgegeben hatte, damit er und seine Frau ungestört und nnbeängstigt des Abends im Garten sich aufhalten könnten. Rosenheimer war seit mehreren Jahren herzkrank, und es wurde ihm deshalb der Aufenthalt und das Gehen im Garten verordnet. Zehn Privatdetektive fahnden nach dem Mörder, doch fehlt ihnen jeder Anhaltspunkt. — Der mit einem Kost eit aufwande von meh r als 3 M i l l i one n M ar k errichtete Neubau des M i ch a e l R e e s e H o s p i t a l in Chicago ist nunmehr seiner Bestimmung übergeben worden. Charakteristisch für die jüdischen Zustände hier zu Lande ist die Wahl eines Christen zum Inspektor der Anstalt. Wie es da mit der rituellen Zuverlässigkeit bestellt ist, kann man sich denken. Rew-Aork, 16. Juli. Hier haben fünfzigtausend der in den Sweating - Shops einiger Großunternehmer zusammengepferchten Schneider, meist jüdische Einwanderer aus dem europäischen Osten, die 'Arbeit n i e L e r g e l e g t. Ihre Forderungen gehen sowohl auf eine Erhöhung der Löhne als auf Verkürzung der 'Arbeitszeit. Palästina. Jerusalem, 1. Juli. Ein hebräischer Bortrag. Vor einigen Tagen hielt das ehemalige Dumamitglied Dr. Sch. Lewin, der in Gesellschaft des bekannten Jargonschriftstellers S ch a l o m Asch das heilige Land besucht, im Saale des vom deutschen Hilfsverein gegründeten Kindergartens einen Vortrag in hebräischer Sprache über die LagederJuden