Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 28. hochgehaltcncn Prinzipien vergessen und verleugnet sind. Was führte zu dem Entschluß, was ließ die Abkehr notwendig erscheinen? Wieso aber weiterhin ist diese Abkehr, sind bislang verlästerte Gedankcngänge mit einem Male erlaubt geworden? Suchen wir eine offene Antwort auf diese Fragen, die unserem Mißtrauen gegen die nun versuchte Art der „Einigung" reiche Nahrung geben, so wird uns alsbald klar vor Augen treten, an welchen Hauptmängeln die reorganisierte „Freie Vereinigung" krankt, welche Kardinalfehler der „Umgründcr" die Lebensfähigkeit des neuen Gebildes beeinträchtigen, wenn nicht gar vereiteln müssen. Auch in den ureigensten Kreisen der „Freien Vereinigung" konnte man sich nicht verhehlen, daß die Tätigkeit und Untätigkeit'deck letzten Jahre ideell und materiell ein klägliches Fiasko in nahe Aussicht stelle. Wie sehr man sich auch bemühte, die schwächste Regung zur rettenden Tat aufzubauschcn, die wissenden Auguren lächelten ob der minimalen Leistungen der großsprecherischen Vereinigung. Man mußte endlich andere Wege gehen, wollte man länger „wegefähig" bleiben. Aber wen man auch auf diesen anderen Wegen in rüstigem Fortschritt erschaute und sich zum Partner küren wollte, den schreckte das Inventar der alten „Freien Vereinigung" ab, der ivarf den Werbern der neuen Union all' die Torheiten, die widersinnigen Pronunciamento's der alten Vereinigung vor. So vermeinen wir, uns auch zu erinnern, daß die traditioncll-gcsetzcstreue Rabbinervereinigung bei ihren Verhairdlungcn vor allcni einen neuen Namen verlangte, dessen Ansehen! und Werbekrast die Fehler der „Freien Vereinigung" nichts anhabcn könnten. Freilich ist der alte Name nun doch geblieben. Mit ihm, der nun neue Anschauungen deckt, sind die leitenden Persönlichkeiten der alten in die neue Organisation übernommen worden; gar mancher' klebte eben mehr an seinen! Amte als an seiner — mit nun bedauerter Energie verkündeten — geharnischten Ucberzeugnng. Doch diese Identität des Namens und der leitenden Personen ist auch die Lösung des Rätsels, wieso das lang Verpönte crstrebensivert geworden ist, wieso der Jssur von vorgestern heute keinen Bestand mehr hat. Bei den Vorberatungen konnten die betriebsamen Verfechter der „Einigungsidee", wo immer sie anklopften, hören, ein Wandel müsse gerade hinsichtlich der leitenden Persönlichkeiten eintreten. Man komme mir nicht mit dem Einwand, zu den früheren Vorstandsmitgliedern hätten sich neue ^gesellt, an deren Verbandsfreundlichkeit nicht zu zweifeln sei. Der ganze dreizehngliedrigc Vorstand enthält auch heute noch unter neun Frankfurtern sieben der schärfsten und weiterhin unentwegten „Austrittlcr", und doch hatte man, wenn Ivir über die Präliminarien nur einigermaßen richtig unterrichtet sind, eine vollkommen abweichende Znsammensetzung des Vorstands nach dem Wohnort der Mitglieder und der Stellungnahme zu den Separatgemcinden hier gefordert und dort halbwegs zngesagt. Gewinnt cs da nicht den Anschein, als wolle man überall des Streites Ende, nur Frankfurt soll wie ehedem der Tummelplatz des wildesten Fanatismus gegenüber den „Gleichgesinnten", die in den Verbänden sind, bleiben? Rabbiner Dr. Horovitz, um den Namen zu nennen, der das Kriterium der Ehrlichkeit jeder Einignngsbestrebung innerhalb der deutschen Orthodoxie bilden mußte, — war er doch der von jenen Kreisen stets mißgünstig Angefeindcte — ist nicht unter denen, die bei der Reorganisation der „Freien Vereinigung" beteiligt sind, keiner auch seiner eigentlichen Frankfurter Anhänger sitzt in den Verwaltungsorganen, die man ncngeschafsen und umgebildet hat. Freilich sind auch erprobte und überzeugte Vertreter seiner Anschauungen in die Verwaltungsorgane gewählt worden; aber der einen Beitritt ist, wie man vernimmt, nur provisorisch erfolgt, und samt und sonders sind diese Getreuen auswärtige Herren. Auch ist noch nicht klargestellt, inwieweit nmn sich hier, wie auch sonst wohl schon bei der Werbung von Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „Notabeln" die friedliche Zurückhaltung von Rabbiner Dr. Horovitz klüglich zunutze gemacht hat. llnbegreiflich aber bleibt vor allem der Abschluß der Einignngsaktion dahin, daß man den früheren Vorsitzenden der „Freien Vereinigung" als solchen bcibehiclt und damit den unversöhnlichsten Stürmer znm Mittelpunkte der Union machte. Wir verstehen wohl. Die Personalunion zwischen dem Rabbinat der Frankfurter Rcligionsgcsellschast und dem Vorsitz in der „Freien Vereinigung^ galt dort als die conditio sine qua non, sie war das Acauivalcnt für die Aufgabe aller Prinzipien. Kurzsichtige Politik! Weitere Kreise können unmöglich zu gedeihlichem Schaffen unter einem Namen geeint werden, der eine solch scharfe Sonderstellung cinnimmt, dem das Mißlingen jeder geeinten Tätigkeit innerhalb der deutschen Orthodoxie bisher mit Recht oder Unrecht auf das Schnldkonto geschrieben wurde. Zu welchem Ende also mußte Herr Dr. Breuer Vorsitzender der neuen „Freien Vereinigung" werden? Viele betrachten diese Wahl, die nach der Zusammensetzung des Vorstands den „Umgrnudern" gesichert erscheinen mußte, als einen Affront gegen Rabbiner Dr. Horovitz. Er soll „eingekreist" und „isoliert" werden, damit die Fabel von dem einzigen wahrhaft orthodoxen Rabbiner in Frankfurt von den Gläubigen leichter nachgebetet werde. Es wird nicht gelingen! Und gelänge es, so hat uns Rabbiner Dr. Horovitz in fast dreißigjähriger Tätigkeit überzeugt, daß solche „Isolierung" die besten und reinsten Erfolge zeitigt. Aber cs muß darauf hingewiescn iverden, daß eine solche „Isolierung" von manchen der „Umgründer" geplant ist — so war sie vor zwanzig Jahren bei. Gründung der „Freien Vereinigung" gegenüber Herrn Rabbiner Dr. Hildesheimer geplant und durchgcführt —. damit die Werbcoffizicre der Union mit der gehörigen Reserve empfangen werden. Wir können nicht erst auf die Taten der Union, auf das Verhalten der neuen „Freien Vereinigung" in strittigen Priiizipicnfragcn warten, denn ihre erste Tat war eine fehlerhafte, ihr Debüt ivar ein Schlag in's Gesicht derer, die seit Jahren eine Einigung erhoffen. Gewiß! Ihr habt einen neuen Bund geschlossen, nicht aber einen Friedensbund, einen Bund vielmehr, der Hader und Zerwürfnis bringen muß und nach dem Willen mancher seiner Gründer die persönliche Kluft noch weiter spannen soll. Darum muß die Personenfrage in anderer Form erledigt iverden, muß auch jede räumliche Union mit den Vcrwaltungskörpern der Frankfurter Religionsgcsellschaft gelöst werden, müssen endlich, was nur angedeutet sein möge, die Arbeitsgebiete der Einzelkommissionen statutarisch dermaßen eingeschränkt Iverden, daß eine .Kollision mit den bewährten Palästinavercinen, Hülssorganisationcn für die osteuropäischen Juden nsw. ausgeschlossen erscheint, che die ehrlichen Anhänger des „Zusammenschlusses der deutschen Orthodoxie" die reorganisierte „Freie Vereinigung" als eine geeignete Basis geeinter Tätigkeit im- Dienste der gemeinsamen Ideale ansehcn können. y. Der Zusammenschluß der deutschen Orthodoxie. Von gut unterrichteter Seite wird uns zu dem Gegenstände geschrieben: Sie veröffentlichen in Ihrer letzten Nummer zwei noch fortzusetzende Meinungsäußerungen über die Reorganisation der „Freien Vereinigung" und wünschen den Gegenstand im Kreise Ihrer Leser diskutiert zu sehen. Gestatten Sic mir dazu die Bemerkung, daß von den beiden bis jetzt veröffentlichten Artikeln der erste nach meiner Meinung ans inangelhafter Kenntnis der Tatsachen beruht, während der zweite jeder Objeksivität ermangelt und die Dinge vom einseitigsten Partcistandpunkte betrachtet. Es ist nicht meine Absicht, an dieser Stelle die Frage zu erörtern, wieviel Wahres und Falsches die gegebene Charakteristik der mit „Hirsch" und mit „Hildesheimer" bezeichneten Richtungen enthält, obgleich die einfache Tatsache festgestellt zu werden verdient, daß Israel Hildesheimer s. A. ein überzeugter Vertreter des Austrittsprinzips war und den Psak S. R. Hirsch's in der Austrittsfrage in eine»! heute noch vorliegenden Schriftstücke als „unwiderleglich" bezeichnet hat. — Andererseits war es S. R. Hirsch's ausgesprochene Absicht, n a ch vollzogener reinlicher Scheidung des religiösen Wirrwarrs die Gemeinsamkeit mit der Neologie in Wohltätigkeits-Angelegenheiten und Dingen der sozialen Fürsorge — unter Aufrechterhaltung der rcligionsgesctzlichen Anforderungen — sehr wohl zu pflegen. Daß cs dazu nicht in größerem Maßstabe kam, war nicht seineSchuld, sondern die schwere Schuld einiger superkluger Leute, die das Lebrnswcrk des genialen Mannes nicht verstanden und ihm — im schroffsten Gegensatz zu Israel Hildesheimer — mit ihrer gutgemeinten Pygmäenarbeit, leider nicht ohne Erfolg, das Konzept zu verderben suchten. Aber nicht hierauf kommt es in diesem Augenblicke an, da es ja viel mehr gilt. Neues und Großes zu schaffen, als über Schuld und Verantwortung historische Untersuchungen anzustellen. Nur gegen.eine Entstellung der Tatsachen, deren sich der zweite Artikel schuldig macht, muß im Interesse der Wahrhaftigkeit Verwahrung eingelegt iverden, gegen die kühne Behauptung nämlich, daß die „Freie Vereinigung" ihre Prinzipien preisgegebcn habe. Die Prinzipien, die der geärgerte Verfasser jenes Artikels der „Freien Vereinigung" unterstellt, hat sie niemals gehabt. In demselben Geiste vielmehr, in dem Samson Raphael Hirsch seine Gemeinde, ihre Leitung, ihre Verwaltung sest und unverrückbar auf den Boden des einzigen, des orthodoxen Judentums stellte, dann aber die Pforten anfmachtc, jedem, der Anschluß suchte, den Weg zum Anschluß öfsnenb, in demselben Geiste hat sich auch die „Freie Vereinigung" von vornherein durch ihr Statut die breiteste Basis gegeben und jedem die Ausnahme zugcsichcrt, der durch seinen Anschluß das orthodoxe Judentum als das seinigc anerkennt. Und sie hat niemals — bei allem sachlichen Meinungskampf — die „religiöse Würdigkeit" ihrer Mitglieder nach der Stellung zu den Verbänden beurteilt. Saßen ja sogar imVorstande der Rabbiner-Kommission Männer, die sich der angeblich „schärfsten Missetat" schuldig machten, im traditioncll-gesctzestreuen Rabbinerverband zu raten und zu taten. Was die „Leitsätze" an prinzipiellen Darlegungen enthalten, bedeutet keinerlei Konzession gegen früher, sondern ist nur eine freimütige Darstellung der Grundsätze, die bisher schon galten und die nur durch böswillige oder gutgläubige Gegner zunr Zwecke der Verschärfung der Gegensätze innerhalb der Orthodoxie verdunkelt worden waren. Verfolgt ja auch der Artikrlschreiber jetzt — nach der umgekehrten Richtung — die Methode, tendenziös das herauszugceifen, was die „Konnivenz" der „Freien Vereinigung" beweisen soll, aber sorgfältig die grundlegende These zu unterdrücken, die für die Einheit und Selbständigkeit der Orthodoxie eintritt. Die ofsen zutage tretende Absicht des Artikelschreibers, den Fricdcnsschluß dadurch zu stören, daß die „Freie Vereinigung" als ein um Hülfe bettelnder Bankerotteur dargestellt werden soll, kann den: Eingeweihten nur ein Lächeln abnötigen! N i ch t die „Freie Vereinigung" hat den Zusammenschluß angeregt, sondern ein Kreis vorurteilsfreier norddeutscher Gesinnungsgenossen, denen die Zerrissenheit innerhalb der Orthodoxie zu Herzen ging und deren Scharfblick glücklicherweise, nicht durch lokale. Parteileidenschaft verblendet ist. In langen und sorgfältigen . Verhandlungen mit diesen Gesinnungsgenossen und in steter Fühlung mit allen Kreisen der Orthodoxie ist die Reorganisation zustande gekommen, und nicht Kinder oder Narren — wie der Artikelschreiber zu glauben scheint — sind es, die dem Frie-