Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-07-19 · Heft 28 (19.7.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 28 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692539--03336-2698020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ilraitkfrtrter Zstielilislhe» lomilirnblntt. I “ i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder ML 2.— L ■ -.- _■ , ... . - i KedaKtion Md Geschäftsstelle SraMfurl s. M.. Lleichstraße 8, Ecke vilbelerstraße Gerefo« 10507. Heriutsgever; Saks Gels. Jnsertionspreis«: Die viergespaltene Petitzeile. «Pfg. Die Reklamezeile. MO „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Berbtndllchkeit. Beilage«: Preis nach Uebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 8. Aw 5667 (19. Juli 1807).Ro. 28. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Einigung der deutschen Orthodoxie. — Ist ein „Zusammenschluß der deutschen Orthodoxie" erfolgt? — Der Zusammenschluß der deutschen Orthodoxie. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Personalien. — Feuilleton: Tante Gute. — Wochen-Kalender. — Sprechsaal. — Kunstund Literatur.— Vereins-Kalender. — Famiiiennachrichten. Die Einigung der deutschen Orthodoxie.*) „Die Einigung ist da!" — Und die Basis dieser Einigung — sind das Stammest»»: oder das Judentum schlechthin da maßgebend, das traditionelle Judentum als solches, das sowohl das religiöse als auch das nationale Moment in sich schließt? — Nein! Das spezifisch konfessionelle Moment, das Bekenntnis, wurde aus dem Ganzen herausgegriffen nnd auf den Schild gehoben. Nun sprechen aber auch unsere Liberalen, d. h. unsere Neologen, die die Notwendigkeit einer starken, geeinten Orthodoxie heraufbeschworen haben, von einer jüdischen Religion, von einem Bekenntnis. Was ist da der Unterschied zwischen beiden? — „Der goldene Grund Tanro min Haschomajim" ist der Unterschied von Rechts und Links, von liberalem und orthodoxem Judentum; dieser soll auch fortan als Basis der Einigung der deutschen Orthodoxie dienen. *) Da wir nicht mißverstanden werden möchten, so müssen wir noch einmal auf einige Punkte des bereits Ausgeführten zurückgreifen. Wenn wir von einer Hildesheimer-Horovitz'schen Richtung gesprochen haben, die seit 30 Jahren — nicht 50 Jahre, wie eine Lapsus hindrnckte — besteht, so taten wir es, trotzdem wir wußten, daß Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer längere Zeit ein Verfechter der Trennung war, denn es stand uns dabei hauptsächlich die Hildesheimer'sche „Jüdische Presse" vor Augen. Was Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer s. A. selbst betrifft, so möge auf die Worte Professor Barth's. in einer der letzten Repräsentantensitzungen der Adaß-Jisroel-Gemeinde zu Berlin hingewieseu werden, als man ihn und den Vorsitzenden des Vorstandes F. Rosenblüth darüber zur Rede^ stellte, daß sie der Einladung der Bnei-Brith-Logen zu dem Festakte anläßlich ihres 25jährigen Bestehens Folge leisteten. Professor Barth sagte da: „Die Adaß-Zisroel hat sich vor alten: zu erinnern, daß ihr Begründer und einstiger Führer Dr. Israel Hildesheimer s. A. sogar persönlich Mitglied solcher Wohltätigkeits-Vereinigungen war, deren Männer den verschiedensten Richtungen angehörten, so des Vereins Magine Reim, der Alliance israelite universelle trotz vielfacher Bedenken gegen ihre Schulen und daß sein Sohn Jahre lang mit seiner Genehmigung Mitglied der Loge gewesen ist." Der geehrte Leser möge ferner auseinanderhalten zwischen „Religionsgesellschaft" und „Trennungsprinzip". Die Gründung der Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. war seiner Zeit notwendig gewesen. Das ändert aber nichts daran, daß die Notwendigkeit einer Religionsgesellschaft nur ein leidlicher, nicht aber ein Jdealzustand genannt werden kann und daß das Schwinden' des Bewußtseins der Zugehörigkeit zur großen jüdischen Gesamtheit nnd der Solidarität mit ihr in gewissen Kreisen der Religionsgesellschast als ein Unglück bezeichnet werden muß. Seit wann datiert diese Forn:el als Basis für die Orthodoxie? — Unseren Vätern war sie in ihrer jetzigen Fassung unbekannt, für unsere Väter gab es einen anderen, wenn auch nicht so ausgeklügelten Maßstab: Beobachtung oder Mißachtung der Gebote! Hielt ein Jude die Gebote, dann galt er als guter Jehudi und niemandem fiel es ein, ihn auf Herz nnd Nieren zu prüfen, wie es mit seinem Glauben bezüglich „Tanro min Haschomajim" stünde; mißachtete dagegen jemand die Gebote, so galt er als „Kal", wenn er auch noch so fest an dein Glauben von „Tauro min Haschomajin:" hielt. Nun ist es wahr, daß Rabb. S. R. Hirsch s. A großen Wert auf diese Formel legte und sie seinen Widersachern entgegenhielt; — allein wie ist es zu verstehen, daß man jetzt mit derselben Formel zur Einigung schreitet, mit der man bis dato zur äußer st enTrennnng f chritt? Man sage nicht: die Zeit hat es heraufbeschivoren! war doch die Einigung der O rthodoxie in Zeiten der Blüte der Reform noch nötiger. — Wirft sich da nicht von selbst die Frag: aus, wo die Garantien für das ehrliche, aufrichtige Wollen — und noch viel mehr für die Ausstihrbarkeit der Sache sind? Man hat eine Formel für beide Richtungen der Orthodoxie aufgestellt; - - wäre:: auch die andern, um deren Hand man jetzt wirbt, bei der Grundlegung der gemeinschaftlichen Basis beteiligt, oder hat man sie vor die fertige Tatsache gestellt? Doch nach Garantien rufen meistens Uebelivollende, und uns liegt es fern, unseren streitbaren Brüdern, die jetzt nach Frieden rufen, in ihrer alten Kunst nachzumachen. Wir suchen keine Händel; wir, die für „Achdus Jisroel" stets mit Eifer eingctreten sind, sind weit davon entfernt, der Sache der Einigung im entferntesten schaden zu wollen. Unsere Bedenken entspringen nur den bösen Erfahrungen der Vergangenheit und der A r t der Einigung in der Gegenwart, und wenn wir sie äußern, so geschieht es nur, weil die Sache uns zu nahe am .Herzen liegt. Doch wir wollen nicht zu weit von unserem Thema abweichen. — Wir sprachen von einer Formel als Basis der Einigung, von Tauro min Haschomajim war die Rede — und nun fragen wir: Was wird man einem Juden, der den Anschluß sucht und dabei beteuert, den Glauben an „Tauro min Haschomajim" zu besitzen, jedoch der Parnofso halber ein „mechalel Schabos besarhesje" ist, zur Antwort geben? Darf man ihn zur Orthodoxie zählen oder nicht? Ein anderer wiederum kommt und sagt: Ich halte an der Tradition fest, beobachte die Gebote aus ethischen, sozialen, nationalen Gründen, da sonst das Fortbestehen des Judentums in Frage steht; allein nach meinem Glauben an „Tauro min Haschomajim" fraget nicht. Wird er in den Bund ausgenommen oder nicht? Gemäß dem Grundsätze Glaube an „Tauro min Haschomajim" wird ersterer, der „mechalel Schabos besarhesje" ist, ausgenommen; letzterer, der „Schäumer Schabos" ist, aber nicht. Nun fragen wir: Wie soll da bei einer solchen Praxis die geeinte Orthodoxie stark werden? — Man beruft sich bei der Ausstellung dieses Grundsatzes auf einen Großen, aus Hirsch; wie kommt es aber, daß derselbe Mann bei . der Festlegung der Statuten der Religionsgesellschaft nichts von diesen: Grundsätze wissen wollte? In jenen Statuten heißt es: Derjenige, der „kedas Mansche wejisroel" getraut und seine Kinder beschneiden läßt, darf Mitglied der Religionsgcsellschaft werden. Es genügen also schon zwei Geböte, die man ebensogut aus nationalen oder anderen Gründen ausüben kann, um zur Orthodoxie mitzählen zu dürfen! Der Große, auf den man sich beruft, wollte, wie man sieht, im praktischen Leben nichts von einem Glaubensartikel wissen, er wollte es auch nicht bei der Begründung ein er Gemeinde; jetzt hat man eine Weltorganisation im Auge und siehe! — da wird ein Glaubensartikel zur Basis gemacht! Man sucht den Anschluß an die andere gleichgesinnte Richtung, man geht auch noch weiter und stellt sogar das gemeinschaftliche Vorgehen mit „religiös anders denkenden Organisationen" in Aussicht, allerdings nur „zurLösungPraktischer Einzelzwecke". Man will nur abwarten, bis die Orthodoxie mächtig wird, damit man keine Gefahr läuft, bei der Berührung in oorpore mit den Andersdenkenden seine religiöse Ueberzeugung zu gefährden. Also, mit den Nationalen und Freidenkern^in Berührung kommen, darf man nur?.ä 1) in corpore, ad 2) wenn man hinter sich eine große, mächtige Organisation hat — also, das ist der alte Spuk! Allein, wie muß es da um eine Ueberzeugung bestellt sein, daß man solche Mittel braucht! . . Und wenn dem so ist, wie kann man nun den Einzelnen gestatten, sich den Andersdenkenden anzuschließen? Wenn den: so ist, wenn der Glaube, das Konfessionelle, allein so wenig Gewähr seinen Bekenner» bietet, warum hat man die anderen zugkräftigen Momente im Judentum ausgeschaltet und sich blos auf das Konfessionelle zu stellen gesucht? Glaubt man wirklich, in der heutigen Zeit mit dem bloßen Konfessionellen vorwärts kommen zu können? Mir Organisationen allein ist noch lange nicht alles getan. Wir hätten noch manche Frage stellen können, doch genug damit. Es ist uns nicht um nörgelnde Kritik zu tun, vielmehr ist cs heiligster Ernst, der uns leitet; es ist uns traurig zu Mute, all diese Fragen und Bedenken an unsere uns ebenbürtigeu traditionellen Brüder richten zu müssen; allein die heilige Sache erheischte es, und wir sind nur unserer Pflicht nachgekommen. Ist ein „Zusammenschlich der deutschen Orthodoxie" erfolgt? ii. Zwei Fragen drängen sich auf, wenn man überdenkt, daß nun die lange Jahre hindurch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.