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Neue jüdische Presse · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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«Seite 4. Rußland. Petersburg. Nach Verhörung von 355 Zeugen hat die Untersuchung iiu Prozeß wegen des Pogroms in Shitomir ihr Ende erreicht. Es wurde als außer jeglichem Zweifel fcstgestellt, daß die gegenseitigen Beziehungen zwischen Juden und Christen gute waren und das; der Progrom einzig und allein ein Werk der Agitation war. Das I-lrteil wird am 9. Juli erwartet. Petersburg. Bekanntlich hat die sozialdemokratischen Fraktion im finnischen Landtag eine Petition über die Gleichberechtigung der Juden cingcbracht. Es sei hier der Text dieser Petition angeführt: „Es ist schon das zweite Jahr, seitdem in unserem Lande eine Proteststimmc vernommen wird, ivelchc bei den Volksmassen ein tiefes Aiitgefühl Hervorrust. Diese Proteststimme hat unser Volk auf solche Handlungen aufmerksam gemacht, die im höchsten Grade das Gefühl der Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Menschenliebe des finnischen Volkes beleidigen. Diese Stimme der finnischen Judenschaft hat sich wie ein Echo durch das ganze Land vernehmen lassen; die durch sie aufgedeckten anormalen Erscheinungen haben das finnische Volk, hauptsächlich aber die Arbeiterklasse, veranlaßt, öffentlich zu protestieren gegen die Willkür und die Schwierigkeiten, welchen die Juden ausgesetzt sind, hauptsächlich aber dagegen, daß diese Willkür im Namen des finnischen Volkes verübt wurde. Allen Volksvertretern im Landtage wird geivis; nicht unbekannt sein — wenigstens nicht völlig — die unmenschliche Lage, in der sich die Inden befinden, welche wnter uns leben. Wir glauben nicht irre zu gehen,, wenn wir gleichzeitig unsere Ucbcrzeugung ausdrücken, daß die Lage der finnischen Juden absolut unerträglich ist. Alle diese Anormalitäten und Beschränkungen gegen die Juden zu vernichten, ist die heilige Pflicht der finnischen Volksvertretung, denn ivir sind hierher nicht zum Schutze der Rechtlosigkeit und Unterdrückung geschickt, sondern zur Verwirklichung des Ideals der Gerechtigkeit und der Freiheit. Wir sagten, daß die Vernichtung der anormalen Lage der finnischen Juden die heilige Pflicht unserer Volksvertretung sei, aber diese unsere lieber - zeugung beruht nicht nur auf einer menschlichen Pflicht — sic beruht auf dem Willen des Volkes, welches uns hierher geschickt hat. Es ist fast zwei Jahre her, seitdem in unserni Lande der gerechte Judcuprotest vernommen ward, und alle Klassen der Gesellschaft haben sich ihm solidarisch angcschlosscn. Aus Grund dessen, was wir in allgemeinen Zügen auseinandergesctzt haben, haben wir die Ehre, der finnischen Volksvertretung den Vorschlag zu machen, daß der Landtag.sich, au den finnischen «enat mit der Bitte wende, zur nächsten Session ein Gesetzesprojckt auszuarbeiteu in dem Sinne, daß die bürgerliche Gleichberechtigung allen Juden gewährt werde, welche hier geboren sind, hier ihre Ausbildung genossen haben und denen, welche hier eine gewisse Zeit vor Veröffentlichung des neuen Gesetzes gelebt haben." Odessa. „Kein Pogroni — nur Pogromstimmung; nicht 100 Tote pro Tag — nur ein halbes Dutzend einmal die Woche," so lautet die .neue Losung des Odessaer schwarzen.Hundert gegen die Inden. So wurden am 2. Juli, als die tapferen Patrioten nach einer Versammlung ans dem Heimweg waren, von ihnen ein lOjährigcr Jude erschossen, ein Jude namens Boruch Tscherni im Bauch 'stark verletzt, die 17jährige Lisa Trachtenberg, der 18jährige Josef Tresjak, Schkaume Raplan und Hersch Brazlawer durch Schüsse verwundet. Doch was nützt alles Jammern, tvir können uns nicht helfen, und unsere Brüder im Westen helfen uns nur so wie Bettlern, denen man Almosen zuwirft. Riga, 7. Juli. Während des gestrigen Morgengottesdienstes umzingelten plötzlich Militär und Polizei die große Synagoge und verh asteten 95 jungeLeute. Bei den Verhafteten, sowie auch in der Synagoge wurde nichts Verdächtiges gefunden, sodaß sämtliche Verhaftete wieder sreigelassen wurden. MoschjaÄ (Kownoer Gouv.) Ein furchtbarer Brand hat mir 25. Juni unser Städtchen zerstört. Beth-Hamidrasch und Synagoge liegen in Asche. Die meisten der abgebrannten Häuser sind nicht versichert. Die Not ist groß. Palästina. Jerusalem. Große Gesellschaftsreise nach Palästina, Syrien, Egypten, Griechenland und K o n st a n t i n o p c I. I m Herbst l. I. veranstaltet das Rciscburcau „Tabor" Ä. Grajevsky u. Co. Jerusalem, eine große Gesellschaftsreise nach dem Orient. Die Reise nimmt ab Wien und Budapest am 15. Oktober ihren Anfang und dauert 28 Tage, von welchen 2 Tage in Konstantiuopek, 1 Tag in Smyrna und Rhodos, 15 Tage in Syrien und Palästina, 2 Tage in Egypten und 1 Tag in Piräus (Athen) zugebracht werden. Ueberall werden die interessantesten Sehenswürdigkeiten besucht und Ausflüge in die Umgebung untcruommcn. Die ganze Reise Tostet von Kr. 600 und aufivärts, in welchen sämtliche programmäßige Spesen mit inbegriffen sind. Das Reisebureau Tabor liefert sichere Garantie für die präzise Durchführung des Prograunns. Anmeldungen zur Reise und Anfragen sind strankfurt» Israelitische- FamklienvlaL bis zum 15. September an das R e i s c b u r e a u „T a b o r" A. G r a j c v s k y n. C o., I c r n s a l e m, Palästina, zu richten. Jerusalem, 28. Juni. Aus dem Leben Eljaschar ' s. Am 27. Tamus ist ein Jahr verflossen, das; Eljaschar s. A. die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen hat. Es war namentlich für Jerusalem ein ereignisreiches Jahr. Heißt es ja auch: „Wenn ein Frommer die Stadt verläßt, so verläßt sie alles: ihr Glanz, ihr Ruhm und ihr Stolz!" Und indem die Jerusalemer dies an sich erfuhren, gedenken sie umso feierlicher der ersten Jahrzeit des Zaddiks. — Eljaschar ist 89 Jahre alt geworden. Was hat er nicht alles mitgemacht, nicht alles in dieser langen Zeit erlebt. Ein glücklicher Zufall ist cs zu nennen, daß seine Erlebnisse der Nachwelt erhalten blieben. — Dem Drängen vieler Freunde nämlich uachgebcnd, lies; er sich herbei, seine Biographie zu schreiben. In Luncz' hebräischem Almaiiach von 1900 abgedrnckt, wird sic dem spätere» Geschichtsschreiber Palästinas eine willkommene Hilfsquelle sein. — Eljaschar war ein guter Beobachter, nichts entging ihm, zumindest nichts von alldem, was sich innerhalb seines Gesichtskreijes zutrug. Er hatte einen ausgcbildeten Sinn für Geschichte. — In Safsed, zu einer sehr aufrührerischen Zeit, geboren, mußte der Knabe mit seiner Mutter heimlich die Stadt verlasse», ans der sein Vater, ohne sich eines Verbrechens bewußt, schon früher zu flüchten gezwungen war. Als Jüngling mußte Eljaschar eine Reise nach Damaskus antrctcn, die ihn beinahe das Leben' gekostet hat. Unfreiwillig, bloß weil cs die Gemeinde wünschte, hatte er als gereifter Mann mehrere Reisen nach dem Auslande machen müsse». Wo immer er aber weilte, ob daheim oder in der Fremde, ec notierte sich alles, woran er Interesse fand. Und was für ihn von Interesse tvar, das hat für uns historischen Wert. — Seit 1817 war Eljaschar der sechste Chacham Baschi von Jerusalem. Er zählt sie alle seine Vorgänger mit Namen.ans, einzelne Evisvden ans ihrem Leben miteinflechteiid. Man kann sich kaum des tiefen Eindrucks erwehren, den folgende Begebenheit ans den Leser macht: Anfangs der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war die sephardischc Gemeinde in große. Not geraten. Sic sah sich genötigt, Sendboten abzuordnen, welche milde Gaben in Empfang nehmen sollten. Das Los siel auch auf den Chacham Baschi. I. Kowo, ein hvchbetagter Mann, der zu der Zeit dieses Amt inne hatte, sollte sich zunächst nach Aegypten begeben. Nur schweren Herzens entschloß sich der Greis zu der ihm auferlcgtcii, nicht gerade leichten Reise. Beim Besteigen des Schiffes sagte er zu Eljaschar, der ihn bis dahin begleitet hatte: „Die Beine des Menschen, sic bürgen für seinen Kopf. Wo dieser zur 9{uf;c gebettet werden soll, dorthin tragen sie ihn." Eljaschar erschrack. „Wenn Du ängstlich bist," sprach er, „wenn Du von bösen Vorahnungen geplagt wirst, so kehre doch um!" Aber Pergeblich. Den Spruch der Weisen wiederholend, zog er, der greise Chacham Baschi, dahin. Im Lima» hat seine Abreise stattgefundcn und am 29. Alv desselben Jahres traf in Jcriisalei» die — Trauerbotschaft seines plötzlichen Todes ein. Er starb in Cairo, nachdem er sich, bereits seines Auftrages in glänzender Weise erledigt hatte. — Mit Eljaschar ist ein Stück guter Mer Zeit dahingegange», einer Zeit, die leider nicht sobald wiederkehren wird. „Secher Zaddik litvrochoh." Möge das Andenken dcS Gerechten Segen der hl. Stadt bringen! H. Amerika. New-Uork. Ein Meeting mit dem Zwecke, daß die o r t h o d. G e m c i. n b e u des östlichen Stadtviertels das Jüdisch-theologische Seminar v o u A m e r i k a", dessen finanzielle Lage eine ungünstige ist, unterstützen mögen, wurde unter Vorsitz Edgar I. R a t h a n' s und in Anwesenheit I a-- c o b H. S ch i f f' s u. Louis M a r s ch a l l' s abgchaltcn. Es sei aus der Debatte folgendes erwähnt: I a c o b H. S ch i s s fragt in seiner Rede, warum das Seminar in Cincinnati von der Rcformgemeinde genügend unterstützt werde und bas Ncwyorker Seminar bei Doll. 40000 Ausgaben nur Doll. 30000 Einnahmen erziele. — Louis Marschall führt aus, daß das Ncwyorker Seminar orthodox geleitet werde und da von den 1J/1* Millionen Juden der Vereinigten Staaten 80«,, zur orthod'.. .Richtung gehören, so müsse das Geld aufgebracht werden, das nötig sei, nin eine so wichtige orthodoxe Institution zu erhalten. — Nathan L a m p e r t, einer der Leiter der „Rabbi Jsaac Elchanan Jeschiwa", erwidert, daß die Gründer des,Seminars nicht die Natur der Eingetvandcrten verstehen; diese wünschen Rabbiner, wie sie ihre Väter und Großväter gehabt haben und nicht, wie sic das Seminar ausbildet. — Nach Schluß der Diskussion wird.zur Einleitung der weiteren Schritte ein Komitee gebildet. Nathan Lampert wurde zum Präsidenten dieses Komitees gewählt. Aus -er Lehrerwett. (M.) Alls Bayern. Am Dienstag. 23. Juli c. findet im Schützenhof zu Aschassenburg die 28. Gene ralv ersam inlu » g des israel. Lehrervereins für das Königreich Bayern statt. Das Progranim ist ein reichhaltiges. Auf der Tages- _5fr 27. ordnung steht u. a. ein Antrag um Erhöhung der Jahresbeiträge auf JL 25, um Einrichtung von Bczirkskonferenzeii, die sich zu Kreisversammluiigeil zusammenschließen mögen. (Res. Strauß-Uffenheim.) Herr Seminaroberlehrer I. Stoll-Würzbnrg hält einen Vortrag über die „Umgestaltung des hebräischen Ucbcrsctzungsunterrichtes »ach Stoffauswahl, Stoffverteilung und methodischer Behandlung". In vier Absätzen sind die Thesen zu diesem gewiß akuten Thema angegeben. Die „Freie Aussprache" bringt ähnliche Wünsche aus der rührigen Fortbildungskonferenz „Nürnberg-Fürth". Auch diese Anträge sind detailicrt. Man erwartet regen Besuch der Kollege», die noch niemals in Aschasfenburg „tagten", umsomehr, als die Berwaltungswahl pro 1908 bis 10 stattfindet. Womöglich soll an die Versammlung sich ein Ausflug nach dem Niederwald über Frankfurt oder Darmstadt anschließen. Aus den Vereinen. Berlin. Welche Ausdehnung die jüdische T u r n s a ch e g e n o i» m e n hat, zeigt der in der soeben erschienenen Nummer der „Jüd. Turnzeitung" vcrösfentlichte Berbandsbcricht. Danach gehören gegenwärtig der Jüd. Tnrncrschaft 16 Vereine mit 1215 ordentlichen Mitgliedern und 1500 Zöglingen an, während 1903 die Jüd. Tnrnerschast nur 10 Vereine mit 986 ordentlichen Mitgliedern und 500 Zöglingen zählte. Karlsruhe i. B. Der Verein zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums in Baden, welcher Verein sich durch seine» Kampf gegen das oberrätliche Gebetbuch große Verdienste erworben hat, versendet soeben den Bericht über seine Tätigkeit im Jahre ,1906. Außer der Gebetbnchfrage und der vom Oberrat beabsichtigten, infolge dc§ Widerstandes aller freiheitlich gesinnte» Juden Badens wieder zurückgezogenen Wahlrechts- Vorlage hat der Verein im abgelausenen Jahre sein Augenmerk dem Ausbau seiner Organisation zugewandt. Der Kassenbericht ist ein günstiger; die Einnahmen betrugen -U. 1181, die Ausgaben ,lt 830. Hamburg. Das Jfr. Mädchen-Waisenhaus „P a u l i n c n st i f t" feierte in würdiger Weise sein 50jährigcs Bestehen. Der I f r. II n t e r st ü tz u n g s v c r e i it f ii r Obdachlose verteilte im abgelausenen Vercinsjahrc 188134 Portionen M i t t a g e s s c n an 45 445 in den Answandcrerhalle» kampierende Personen und versah 3200 Personen vollständig mit Kleidung. Der Vorstand hat in Aussicht genommen — die nötige» Geldmittel fehlen freilich „och —, ein eigenes Heim für notleidende Auswanderer zu errichten. G leuiffefoa. I© Xante Gute. Von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) De» Schmerz der Eltern kann ich euch nicht schildern. Dem Vater hat es das Herz gebrochen; er hat angefangcn zu kränkeln, und bevor das Jahr zu Ende war, haben sie auch ihn hinansgetragen aus den guten Ort, wohin sie wenige Monate vorher auch seine Mutter getragen hatten. Wie Gute das alles ertragen hat — cs war einzigartig. Sie hat ihren Mann geliebt und hat ihr Kind geliebt, ivic nur eine Frau Mann und Kind lieben kan». — Geweint hat sie allerdings, aber nie ist eine Klage über ihre Lippen gekommen. Sv sanft und Gott ergeben wie sic heute ist, so ist sic auch damals gewesen. Und seitdem lebt sic allein mit einer alten Magd nnd führt ihr Geschäft, das ausgezeichnet geht, und sorgt für die ganze Welt. „Und ihr früherer Bräutigam", fragte mciiic Tante, „lebt der noch hier?" „Nein" erwiderte mein Vater, „seit seiner schmählichen Handlungsweise gegen das arme Mädchen hat man ihn hier nicht mehr für voll angesehen. Einige behaupteten ztvar, man könne es ihm nicht verargen, daß er die Tochter des Selbstmörders nicht geheiratet habe. 'Aber im Allgemeinen hat inan es ihm sehr übel gcnonlinen. Er hat dann die Brennerei von seinem Schwiegervater übernommen, die ihm jedoch sehr bald abgebrannt ist, und seltsamerweise ist bald daraus seinem Vater dasselbe Unglück zngestoßen. Seine Eltern sind gestorben und sollen sehr wenig hinterlassen haben. Wie es dem Leser gegangen ist, das Iveis; ich nicht. Ich habe schon gesagt, daß er ein sehr schöner Mann getvesen ist, aber an der rechten Hand hat er eineil Fehler gehabt, das heißt, er hat ihn noch. Heute vor acht Tagen ist nämlich ein armer Jude mit

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