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Neue jüdische Presse · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 27. Fr»ttkfurter JfmeMsW» FmnBeiÄaS. Seite 3 unseren: Lande gemacht. Das Wort des greisen Raws von Amsterdam gilt doch auch. Und es stehen auch in gesctzestreuen Kreisen begeisterte Streiter hinter ihm. Aber den schönsten Sieg feiert der Zionismus unter der studierenden Jugend. Diese war früher so gut als ganz für das Judentum verloren, sobald sie den Fuß auf die Schwelle der Universität gesetzt hatte. Oft wandte sic sich dann gegen das Judentum. Jetzt ist dort Liebe und Begeisterung für das Judentum. Welche große Erfolge hätte diese Erscheinung erzielen können in eineni Lande, wo alles getvohnt ist, sich nach dem Gesetze und der Ueberlieserung zu regeln! Und doch beharren unsere Oberrabbiner auf ihrem Standpunkte. Sie bleiben dabei, den Zionismus zu bekämpfen. Der Haager Oberrabbiner ist nicht als ei» arger Gegner des Zionismus bekannt. In den letzten drei Jahren ist er, so weit mir bekannt, nicht aktiv gegen die Bewegung aufgetreten. Er hat jetzt die Aufsicht über das Kaschrus im Restaurationsbetriebc des Kongreßgebäudes übernommen. Die Vorbereitungen des Kongresses sind im vollen Gange und versprechen etwas Gutes. Mögen wir in unseren Erwartungen nicht getäuscht werden. — Die jüdische Presse . . . Aber der Brief würde zu groß werden. Auch hierüber einmal später. M e n d e l e. Die Woche. Wir konstatieren den seltenen Fall, daß wir mit der „Allg. Ztg. d. Indent.", dem führenden Organe der Neologie, übereinstimmen. Das Blatt behandelt in dem Leitartikel seiner vorwöchentlichen Nummer Untcrrichtsfragen und schreibt da 11. a.: „Wenn wir somit die K c n n t n i s d c r h e b r ä is ch e n Sprache als in erster Reihe für die Teilnahme an nnscrcm öffentlichen Gottesdienst als unentbehrlich bezeichnen, müssen wir gleichzeitig ans einen großen Fehler aufmerksam machen, der seit Jahrzehnten dem- Unterricht in dieser Sprache anhaftet. Man geht stets von der Erwägung aus, daß die jüdische Jugend die hebräischen Gebete zu verstehen habe, folglich gibt man sich damit ab, sic zuerst hebräisch lesen zu lernen und dann die Gebete zu übersetzen. Das ist vom pädagogischen Standpunkt ans so verfehlt und verkehrt wie nur möglich. Unsere Gebete sind sprachlich nicht für den Anfänger b e st i m nr t; man erreicht init der mühseligen Erlernung einiger Vokabeln oder auch Sätze, die nur mechanisch sein kann, absolut nichts .... Die hebräische Sprache kann aber n u r e r-l e r n t w e r d e n, Ivenn als U e b u n g s st o f f geeignete Stellen ans den Erzählungen in Prosa aus dein h e i l i g e n S ch r i f t t u m genommen wermcil lvcrden . . . Man wird dadurch zwei Dinge erreichen. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird in der jüdischen Jugend viel verbreiteter sein, als cs jetzt der Fall ist; außerdein lvird sie in der Liebe zur Bibel erzogen werden. Die ebenso betrübende wie beschämende Erscheinung, daß Inden und Jüdinnen von dem schönsten und erhabensten Buch her Welt viel weniger wissen als die Christen, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Diesem Nebel könnte wohl unter allen Umständen leicht abgeholfen werden, ivenn in allen Schulen die Lektüre der Bibel eingeführt würde. Wir wollen nicht den Wert einer guten biblischen Geschichte herabsetzen; aber sic kann immer nur als Einleitung zu der Bibel selbst dienen. Die jüdische Jugend muß rechtzeitig daran gewöhnt werden, die Heilige Schrift selbst zu lesen, ihren geschichtlichen Teil, die herrlichen Reden der Propheten und ihre erhabene Poesie. Sache des Lehrers ist es, das jugendliche und leicht empfängliche Gemüt auf die poetische Schönheit Und den ethischen Gehalt dieser Bücher aufmerksam zu machen. Solange die Bibel nicht wieder unser volles Eigentunl tvird, solange ihre Kenntnis nicht das Gemeingut der jüdischen Familie ist, bleibt nach unserer Ueberzeugung das Hauptziel des jüdischen Religionsunterrichtes nicht erreicht. Wir müssen uns iminer vor Augen halten, daß das Judentum keine Dogmen hat ilnd uns keinen Glauben lehrt. Es spricht zu uns und überzeugt uns, und spricht zu uns nur in den Unvergleichlichen Büchern der Geschichte, der Propheten und der Psalmen und überzeugt uns durch die köstliche Sprache und den ethischen Inhalt. Durch einen Dolmetsch, durch Kompendien und ähnliche Hilfsmittel dringt nicht die Stimme des Judentums an unser Ohr und noch weniger in unser Herz." Es ist erfreulich, daß man endlich nach den großen Verwüstungen die die bisherige längst veraltete Unterrichtsweise angerichtet hat, das Unhaltbare derselben einzusehen beginnt, und es ist noch mehr erfreulich, daß man sich dem richtigen Weg nähert. Beherrschung der Bibel im Urtext muß die vornehmste Aufgabe,des Religionsunterrichtes sein, wenn eine Jugend mit Liebe zum Judentum herangczogen werden soll. D o ch d a z n m u ß mit der ganzen Methode des nur mechanischen U e b ersetz e n s aufgeräumt werden, denn abgesehen von der Langwierigkeit dieser Methode, dringt der Schüler mit ihr nie in den Geist der hebräischen Sprache und damit auch nicht in den Geist der Bibel ein. Das Moment der Anschauung ist bei uns im hebräischen Unterrichte stets außer acht gelassen worden. Alan kann 100 Jahre lang 3 mal des Tages dasselbe in der Tefilloh beten und wird doch nicht wissen, aus welchen Buchstaben sich die einzelnen Worte zusaminensetzen, weil man sie nie geschrieben und dadurch nie zur Anschauung gebracht hat. Wer auch ein geschultes Denken und Sprechen wurde von jeher vernachlässigt; vom grammatikalischen Aufbau der hebräischen Sprache bekommt der Schüler in der Regel nicht mehr als eine verschwommene Vorstellung. Uns Juden ist 'doch sonst grade das Modernste alt genug. Warum also im hebräischen Unterrichte noch in der wackligen Postkutsche fahren, während bereits angenehme, leichtgefedertc Kurierzüge die Lande durcheilen? Einen modernen Sprach- und Schreib-Unterricht in die Religionsschulcn eingeführt, und dabei die Bibel als Unterlage genommen, wird in derselbe» Unterrichtszeit die dreifachen Resultate zeitigen; — der Gewinn aber für das Verständnis des Judentums wird ein unschätzbarer sein! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die Revräsentantenversamml u n g der i s r a e l. Gemeinde wählte zur Teilnahme an der am 2. Oktober in Frankfurt a. M. stattfiiidendcn 2. H a n p t v e r s a m m l u n g des Verbandes der deutschen Inden: Louis Sachs, M a n n h e i m c r, Professor Geiger, Eeheiinrat Blumenthal, Dr. Ignatz C o h n, W. Löwenthal, Justizrat Veit Simon, Aron Hirsch und Professor K a l i s ch e r. Cassel. In der Zeit des Antisemitismus ist cs erfreulich zu hören, daß bei der von der israelit. Gesellschaft Schwesternbund in Kasse! zu Gunsten ihres neu zu erbauenden Mädchen heims veranstalteten Samnilung der größte Beitrag von einer christlichen Dame gezeichnet wurde. Breslau. Den Tod des jüdischen Einjährigen Ritter verursacht zu haben, war die Anklage, die den Trainsoldat Dinier vor das Kriegsgericht brachte. Am 4. Juni war auf dem Exerzierplatz in Gandan Besichtigung des Bataillons. Leutnant Peschke kommandierte „Laden" und sah die Karabinerlage nach, und die Unteroffiziere revidierten, ob die Karabiner gesichert seien; — da ging plötzlich 'ein «chuß los, und der Einjährig-Freiwillige Ritter sank tot zu Boden; er hatte eiiien Schuß mit einer Platzpatrone in den Hinterkopf erhalten. Der Angeklagte erklärt, er wisse sich nicht zu erinnern, wie das Unglück passiert sei. Auf die Frage , des Verhandlugsführcrs, Kriegsgerichtsrats Diehl, er müsse doch wohl den Karabiner nicht „gesichert"- gehabt haben, gibt der Angeklagte nur zu, daß cs möglich sei, daß er den Karabiner schief gehalten habe. Leutnant Peschke bekundet als Zeuge, der Angeklagte Dinier werde leicht ängstlich nnd^habe in diesem Zustand wohl nicht genügend auf dir Sicherung geachtet. Gcrichtsasscssor Bertram als Anklagevertreter führte aus, der Angeklagte Dinier müsse beim Laden des Karabiners wohl eine „Hemmung erfahren" haben, infolgedessen er unruhig und hastig geworden und dabei aus Unvorsichtigkeit mit der Hand an den Abzugsbügel gekommen sei. Er beantragt die geringste Strafe von 44 Tagen Gefängnis. Der Verteidiger, Leutnant Hosfmann, plädiert für Freisprechimg. Der Angeklagte sei dadurch, daß er das Leben eines Kameraden auf deni Gewissen habe, für sein Leben hart genug gestraft. Das Kriegsgericht erkannte auf Freisprechung. Koburg. Das Schächtverbot zu beschließen, wird lt. Beschluß der Stadtverordneten der Magistrat ersucht. Sollte das Verbot in Kraft treten, so wird die isracl. Gemeinde in der Nachbarschaft ein eigenes Schlachthaus errichten oder das Fleisch aus Lichtenfels beziehen. lk.) Posen. Die Einweihung der neu erbauten Synagoge dürste noch vor Roschhaschonoh stattfinden. Die Synagoge enthält 598 Männer- und 541 Frauensitze zum Preise von 5—30 Mark. Oesterreich-Ungarn. Wien. Da die jüdische Lebensführung in Israel ziemlich stark geschwunden und häufig vollständig der Lebensführung der Nichtjuden gleich geworden ist, so hat auch die Vergleichung der Gesundheitsverhältnisse der Juden mit denen der Nichtjuden an Bedeutung e i u g c b ü ß t. Trotzdem sind noch interessante Unterschiede vorhanden, wie nachstehende Statistik zeigt. Es starben in Wien in den Jahren 1901—1903, auf je 100000 Lebende berechnet, an: Masern 39 Kathol., 24 Protest., 13 Jud. Scharlach 16 ,, 15 ,, 13 ,, Keuchhusten 11 „ 10 „ 3 „ Diphtcritis u.KrnPP 27 „ 19 „ 13 ,, Lungentuberkulose 388 ,, 246 „ 131 „ Syphilis 8 „ 7 „ 3 „ Krebse u. dglch. 129 „ 108 „ 130 ., " Akute Bronchitis 64 „ 55 „ 18 ,» Lungenu. Rippenfell-Entzündung 218 ,, 183 „ 113 „ Lcbensschwäche 121 „ 92 „ 56 ,, Wien. Der bekannte ruthenische Schriftsteller Iwan Franko schreibt in einem Aussatze, den er jüngst in der „Zeit" veröffentlichte: „Auch die Juden fanden bei uns Schutz und Obdach, ja, richtig, nur war das keine nationale Tat Polens, sondern ein Privatvergnügen des polnischen Königs Kasimir des Großen, der in eine Jüdin verliebt war und auch „Bauernkönig" genannt wird dafür, daß er in seinem „Wisticer Statut" den ersten Grundstein zur Knechtung polnischer Bauern gelegt hat. llebrigens haben die Juden diese polnische Gastfreundschaft sehr teuer bezahlt; sie kamen nach Polen als sreie, hochzivilisierte Männer und sind hier nach Jahrhunderten zum verachteten und abschreckenden Typus des „polnischen Juden" herabgediehen; und wenn aus der Karrikatur dieses Typus sich vor unseren Augen ein neuer »ationaljüdischer Typus heranzubilden beginnt, so sind die Polen seine ärgsten Feinde. Wie einst die Robotbauern, so nröchten die polnischen Herren auch jetzt noch nur altvertraute „polnische Juden" um sich sehen, keineswegs aber freie, vollberechtigte Bürger." Wien. Es ist ja nur ein Jude! Im Rothschild-Hospital wurde der 18jährige Drechslergehilfe Hirsch Wassermann aus Nowominsk (Gouv. Warschau) operiert. Der junge Mann war auf der Fahrt von Warschau nach seinem .Heimatsorte, der Kondukteur revidierte die Billets, konstatierte, daß er nur eine halbe Fahrkarte hatte und drängte ihn daher, da er kein Geld bei sich hatte, zur Tür aus dem im Anfahren begriffenen Zuge hinaus» sodaß W. hinabficl und ihm von den Rädern beide Beine abgefahren wurden. Wien. Der polnische Jude. Wie die»W.Mg. Ztg." meldet, wollte kürzlich ein augenkranker polnischer Jude beini Professor der Augenheilkunde Dr. Ernst Fuchs in der Privatordination ärztlichen Rat holen. Als er im Wartezimmer Platz gcnonimen hatte, wurde er von der Dienerin in barschem Ton anfgefordert, sich zu entfernen, da der Professor polnische Juden nicht behandle. — Der betreff. Herr begab sich nun zu Professor Schnabel, der an Prof. Fuchs ein Schreiben richtete, in welchem er Auskunft darüber erbat, ob die Dienerin nach Instruktion gehandelt habe oder ob es sich um einen Verstoß derselben handle. — Darauf lief eine Korrespondenzkarte ei», auf welcher Prof. Hosr. Fuchs schreibt: „Ich kann die polnischen Juden in ihrem Natt o n a l k o st ü m den anderen Kranken zuliebe, die über deren Geruch sich beschweren, nicht in mein Sprechzimmer einlassen und empfange alle diese Patienten unentgeltlich in der Klinik." Hoffentlich verzichten nicht nur die polnischen, sondern alle Inden sowohl auf die zu honorierende, wie auf die unentgeltliche Behandlung des mit einem antisemitischen Geruchssinn behafteten Herrn Professor! Czernowitz. Die Ausweisung russischer Inden vcranlaßte die jüdisch-nationale akademische Verbindung „Zephirah", sich auf telegraphischem Wege an den Abgeordneten Dr. Straucher und den „Jüdischen Klub" zu wenden, damit dieser das Asylrecht der Flüchtlinge wahre und sie nicht Opfer der Handlanger Dritter werden lasse. Doktor Straucher intervenierte sofort tele - graphisch beinr hiesigen Landespräsidium, indem er dringend um Sistierung des Vollzuges der Ausweisungsbefehle gegen die schutzlofeu Juden bat.

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