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Neue jüdische Presse · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27.. seinem kranken Weibe durch die Gasse gegangen. In jedem Hanse hat er die Leute angesprochen und jeder hat ihm gegeben, denn die Frau hat arg ausgesehen. Da kommt er auch in Gutes Gewölbe und bittet um eine Unterstützung; wie sie seine Stimme hört, fährt sie zusammen, sie kommt ihr gar so bekannt vor, aber im Augenblick weiß sie selbst nicht, an wen sie denken soll. Wie er aber dann die Hand ausstreckt, um das Geld, das sie ihm geben will, in Empfang zu nehmen, da hat sie ihn sofort erkannt. „Leser!" hat sie geschricn und ist wie tot zu Boden gestürzt. Er ist dann fortgerannt und hat sein krankes Weib mit sich gezerrt, daß die Leute auf der Gasse ihn angehalten haben, weil sie gefürchtet haben, die arme Person werde zusammenbrechen. Aber er hat sich nicht halten lassen, er ist fort, zur Stadt hinaus, und sein krankes Weib liegt hier im Hekdesch, und Gute, die sich sobald sic wieder zu sich gekommen Ivar, nach allem aufs genaueste erkundigt hat, schickt der Franken alle Tage Hühnersuppe, und ich bin überzeugt, sowie sie wieder ausgehen kann, ist ihr erster Weg, die arme Frau im Hekdesch zil besuchen." Altern Vater hatte recht, nach zwei Tagen sahen wir Tante Gute langsam durch die Gasse schreiten; man sah cs ihr an, sie fühlte sich noch recht matt. Alle Leute sahen ihr nach, viele kamen zu ihr, sich nach ihrem Befinden zn erkundige». Sie ging in das Hekdesch, die totkranke Frau ihres ehemaligen Verlobten zu besuchen. Die allgemeine Verehrung für Tante Gute schien sich seit jenem Tage noch gesteigert zu haben. * * * Die Zeit verstrich. Der Wohlstand in unserem Städtchen wuchs, namentlich unter unseren Glaubensgenossen gelangten Einige zu bedentcildcm Reichtum. Das gute Einvernehmen zwischen Inden und Christen war bisher nie gestört worden. In unserer Gemeinde befand sich, wie ehedem in den nieisten jüdischen Gemeinde», ein sogenannter Schalksnarr. Er war ein braver, rechtschaffener Mann, betrieb einen kleinen .Hausierhandel, der ihn und seine zahlreiche Familie jedoch nicht überreichlich ernährte. Alber er war der offizielle Lustigmacher, eine Fcstmahlzeit ohne ihn war undenkbar, bei jeder Hochzeit >var es seine Aufgabe, Gäste und Brautpaar zu ainüsicrcn, was ihm je »ach den« Stande der Gesellschaft mehr oder weniger reichen Lohn brachte. Mau lachte gern über seine Witze und Einfälle und fand sic vortrefflich. Freilich ärgerte mich häufig, daß ich die Pointe nicht finden konnte, die das Zwerchfell der andern erschütterte. Wie dem auch sei, Meier- Stoppel war ein braver Mann, der sein Möglichstes getan hat, die Welt zn erfreuen. Und dennoch hat einst ein Witz sein sollender Einfall von ihm unsägliches Elend über unsere Gemeinde gebracht, hat der ‘ edelsten grau das Grab gegraben. Ich war damals nahezu siebzehn Jahre alt und arbeitete im Geschäft meines Vaters. Der Frühling hatte begonnen, das Ueberschrcitungsfest nahte. Ich Ivar im Aufträge meines Vaters in einem Dorfe in der Nähe meines Heimatstädtchcns gewesen, jetzt befand ich mich .ans dem Rückwege. Es war ein wunderbar schöner Tag, der Himmel im reinsten Azurblau, kein Wölkchen war zn sehen, die freundliche Gegend ringsum im goldenen Sonnenschein. Ich fühlte mich so frisch, so wohl, so leicht, und in der Wonne meines Herzens sang ich die schönen uralten Melodien, die wir an den ersten beiden Abenden des herannahenden Festes zu singen pflegten, während ich auf der Landstraße dahin schritt. „Lcschonoh habv b'Jruscholajim!" rief plötzlich eine Baßstimme hinter mir, während sich eine kräftige Hand auf meine Schulter legte. Ich wandte mich nin, Meier Stoppel, den Qucrsack auf dem Rücke», war an meiner Seite. „Hast zeitig „Arba Kausaus" getrunken," sagte er lachend, „aber „Mah nischtanno" zn fragen ist an mir, wie kommt der Poldo hierher in mein Revier?" „Ich habe nicht gewußt, daß dieses Ihr Revier ist," erwiderte ich gleichfalls lachend. „Mah nischtauno" zu fragen, ist jedoch keinesfalls am Platze, denn ich komme öfters hinaus nach Altdvrf." „Also in Altdorf bist Du gewesen? Gute Geschäfte' dort gemacht?" Frankfurter JsraÄAWS FamMenAaü. „Ich hoffe, mein Vater wird zufrieden sein." „Das ist das Beste. Das Znfriedenseiu mein' ich. Merk' Dir's Poldi." „Werde 's nicht vergessen," erwiderte ich heiter. „Hast einen guten Kops?" „Ich wenigstens bin zufrieden mit ihm." „Werd' gleich sehen, ob er was taugt. Also merk' aus. Der Eine hat den Beutet, der Andere hat's Geld. Nun sag', womit hältst Du's?" „Mit dem Geld," erwiderte ich. „Schlechter Kopf," rief Meier Stoppel lachend, „mit der Hand hältst Du's." „Sie sind ein feiner Kopf, Stoppel," entgegnete ich gleichfalls lachend. „Wollt's meinen!" versetzte er, sich in die Brust werfend, „mit Meier Stoppel nimmt's so leicht keiner auf. Schau, da geht der Brand Pevpel. Mit dem habe ich Dir vorige Woche 'ne Hetz geinacht. Komm' mit, wirst 'was zu lachen haben." „Grüß' Euch Gott, Herr Brand!" rief er oem Kommenden entgegen. „Woher? — wohin?" „Grüß' Euch Gott, Meier Stoppel," erwiderte der Angereoetc, „ich koinmc von Altdvrf und gehe nach hause." „So geh'» wir selbander zu dritt', wenn's Ihnen recht ist." „Besser zn dritt als allein," sagte Brand, Ivährend wir nebeneinander weiter gingen, Meier- Stoppel in der Mitte. Der Brand Pcppcl ivar ein Schlossergesell mit gutmütigem, aber überaus dnmuien Gesichte. Er war nicht mehr jung, hatte Frau und Kinder, seine Frau lvar Wäscherin. Er bewohnte einige Zimmer in einem Hause nahe der Judengasse. Ich glaube, bereits erwähnt zn habe», daß Tante Gnte's Haus das letzte in der Judengasse lvar, das Haus, das Brand bewohnte, stieß an das ihre. Stoppel und Brand unterhielten sich mit einander über Dinge, die mich nicht interessierten, bis' endlich Stoppel von dem herannahenden Passahfeste sprach, zn dem er noch mancherlei zn besorgen habe. „Kann mir's denken," erwiderte Brand, „vor dein Passahfeste kehrt Ihr Inden ja das Unterste zu oberst. Meine Frau hat auch damit zn schaffen, mehr als mir lieb ist; ganze Nächte durch, muß sie bügeln. Alber sagen's mir, Meier Stoppel, wie macht Jhr's mit den Mazzen? Dazu braucht's Ihr doch Ehristenblnt, wo nehmt's Ihr das her?" „Das ist keine Schwierigkeit nicht," erwiderte Meier Stoppet mit überlegenem Lächeln, „wir lassen's uns halt was kosten. Für ein gut Stück Geld findet sich immer einer, der sich abschlachten läßt." „Aber Stoppel!" rief ich empört, „was reden Sie da sür Unsinn!" Stoppel winkte mir mit de» Alngcn, dann wandte er sich an Brand und blinzelte auch ihm zu. „Ter Poldi ist ein junger Mensch, der weis; noch nicht, wie sich's gehört." „Aber das nimmt mich doch wunder," sagte Brand, den Kops schüttelnd, „daß er das noch nicht weiß. Das weiß doch jedes Kind, daß die Inden zu den Mazzen Christenblut gebrauchen." „Alber es ist nicht wahr!" fiel ich heftig ein. „Außer Fischblut ist uns alles Blut verboten. Nicht einmal unser eigenes Blut dürfen wir verschlucken. Und ich weiß ganz bestimmt, wenn an einer Mazzvh Blut kommen würde, so würde kein Jude sie genießen." (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Geehrter Herr Redakteur! Die letzte Nummer Ihres geschätzten Blattes gibt mir Anlaß ans einen Unfug im Armenwescn hinznweisen. Ich fühle mich nicht berufen, den Alnwalt des Israel. Hilfsvereins oder des Herrn Hirschler zn machen, finde es jedoch sehr angczeigt, daß Leute, welchen große Erfahrungen zur ■ Seite stehen, das Publikum gegen Ausbeutung zu schützen suchen. In dem angegebenen Falle handelt cs sich um zwei Leute, die die Industrie in Palästina dadurch zn heben gedenken, daß sie mit erbetteltem Gcldc eine Konvcrtfabrik gründen, — ein großartiges Unternehmen, welches wirklich die Mühe nicht lohnen dürfte, da, wie jedem bekannt ist, in alten Ländern Kouverts von Papierfabriken hergestellt und in den Handel gebracht werden. Die Papierfabriken Italiens und Oesterreichs dürften doch gewiß in der Lage sein, erfolgreich mit einer kleinen Kouvertfabrik, die doch Leite 8. ihr Material mit Richen von den Papierfabriken beziehen muß, zn konkurrieren. Leider satten Wohltäter fortgesetzt gründlich damit hinein, daß sie Leilten, wenn solche ein gutes Leumundszeugnis besitzen, Glauben schenke», daß sie sich großartig ernähren könnten, iveiiii sie teure Maschine» besitzen. Die Erfahrung hat bis jetzt gelehrt, daß fast alle Maschinen, welche mit teurem Geld von Wohltätern als Mizwoh beschafft winden, entweder noch ehe solche zu arbeiten begonnen oder gleich nachher für Lappalien wieder verschleudert tvurden'. Welche Berechtigung zwei Ausländer haben, welche keine hervorragenden Techniker sind, J(. 7000 für eine Maschine zn verlangen, müßte ich in der Tat nicht. Wie vielen ehrlichen Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten in Deutschland könnte gehotfe-r werden, wenn man ihnen nur JL 8000 zur Verfügung stellen könnte. Leider glauben viele Leute, eine große Mizwoh zn tun, wenn sie Fremden, welche mit Schmcichclworten und Empfehlungen von Rabbinern, welche den Worten der Untcrstützungsnchenden leicht Glauben schenke», sich an sie wenden, durch große Summen unterstützen. Es ist gewiß kein tlurecht. Arme zu unterstützen, aber nach Vorschrift des Schulcha» Orlich müßten die hciinischeil Armen ein Vorrecht vor den entfernten Atrmen haben. Leider leiden gerade unsere verschämten Armen darunter, daß das für jie bcstinnnte Armengeld durch unbefugte Sammler für Ausländer verwendet wird. Die unverschämten Armen wissen sich durch allerlei Kniffe schon ihr Geld zu verschaffen, aber unseren einheimischen verschämten Armen wird diese Mizwoh auf unerhörte Weise entzogen. Eine Zentralisation des AriiienweseiiS war von jeher von Nutzen, und nicht jeder sollte sich, wenn er eine Mizivoh tun will, nur auf sein eigenes Urteil verlassen, sondern erst fachmännischen Rat einzieheu, che er sich bereit erklärt, eine», Armen seiner Heimat das Almosen zn Gunsten eines Fremden j» entziehen. Ein treuer Abonnent. Hasser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem tmach.) Samstag, den 13. Juli (= 2. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 30 Min., in Berlin 9 Uhr 25 Min. Die beiden Wochenabschnitte Matt ans und M a s a i werden vereinigt gelesen. In der ersten werden zunächst die Verordnungen mitgcteilt, welche sich auf Gelübde oder sonstige Versprecheil der Ehefrau beziehen. Ter Ehemann kann die Gelobungen der Ehefrau aufheben. — Jlrael wird zum Kriege gegen Midjan ansgcfvrdert, weil dieses Volk Israel zur Sünde und zum -Abfall verleitete. Pinchas wird Anführer. Im -Anschluß an diesen Krieg werden Gesetze zur „Reinigung" von Geschirren iuib_ Geräten mitgcteilt, die heute noch für die religiöse Praxis von grundlegender Bedeutung sind. („Käschern".) Die Kricgsbeute ward unter den Mitkämpfern, der Gemeinde, den Leviten geteilt, ebenso kam ein „Zoll" davon ins Heiligtum. — Rüben, Gad und der halbe Stamm Menasche erheben Anspruch auf das Ostjordanland, das sich seiner vielen Wiesen halber zur reichen Viehzucht dieser Stämme besonders eignet. Moses macht ihnen Vorstellung dagegen, er sieht darin bedenkliche «onöerbestrebungen. Schließlich erhalten sie Lstjordanicn gegen das bündige Versprechen, als Kombattantcil einst ihren Brüdern im Westen beizustehen. Im zweiten Wochenabschnitt sind die verschiedenen Lagerstätten, wo Israel seit dem Auszüge ans Egtzpten geweilt, der Ordnung nach aufgezählt. Wiederholt ist eingcschärft, im Umgänge mit den Ureinwohnern Palästinas die größte Vorsicht zu gebrauchen. Schonung der Heidenstämmc wird die Uebung deren Gräueltaten im Gefolge haben. — Es werden die Grenzen Westjordaniens festgestellt für die neun einhalb Stämme. Die Geometer bei der künftigen Austeilung dieses Landes werden bestimmt; cs sind Stammesfürsten. Die Leviten solle» keinen eigentliche» Anteil am Lande erhallen. Nur Städte mit Gemarkung ringsum werden ihnen zngewicsen. Für den olfne böswillige Absicht begangenen Mord wird die Einrichtung getroffen, daß der Mörder in eine sogenaiintc „Zuflnchtsstadt" fliehe, wo er vor der Rache der aufgeregten Blutsverwandten sicher ist. Dort verweilt er bis zum Tode des Hohenpriesters. Drei Znfluchtsstädte lagen diesseits des Jordan, drei jenseits! Der absichtlich begangene Mord soll jedoch mit aller Strenge abgcurteilt werden. Im Schlußteil werden noch Bestimmungen über das Erbfolgerecht mitgeteilt, dabei wiederholt ans den einschlägigen Fall der Töchter des Zclofchad hingewiesen. Damit schließt zugleich das 4. B. M. — Während der ganzen folgenden Woche — die sog. „neun Tage" — unterbleibt Fleisch- und Weingennß.

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