Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 27 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Seite 2. in's Lächerliche zogen, — und die Welt begann zu spotten, man wurde nicht mehr ernst genommen. . . . Und noch ein weiteres: die Zeiten haben sich geändert. . . . Damals vor 50 Jahren stand die Reform iroch in ihrer vollen Blüte, ihre schönen Farben und ihr süßer, wenn auch Gift verbreitender Dust bargen eine gewisse Gefahr in sich, damals war die Absonderung als quasi notwendiges Uebel verständlich; allein heute ist die Nefornr verblaßt, sodaß ein kräftiger Zug ihre welk gewordenen Blätter wcgzublascn imstande ist und damit ist der Trennung ihr einziges zu verstehendes Motiv genommen. Seit langem schon konnte der Trennungszustand nur k ü n st l i ch erhalten werden; seit langem harrte einsichtiger, tatkräftiger Männer die Aufgabe, mit einem unhaltbaren und unerträglichen Zustande ein Ende zu machen — und siehe: diese Männer kamen. Und was taten sie? Sie proklamierten: Die Einigung ist da! Ja, noch mehr! — sic machten vor aller Welt die Brocho: Boruch Hatauw wchametiw! Und der alte Zustand — ist der nicht mehr da? Hat man wirklich mit den alten Prinzipien gebrochen? Und all' die intransigenten Werke und Artikel gegen links und rechts, gegen Zionismus, Misrachi, kurz gegen alle Welt — hat man sie aus der Welt geschafft, verleugnet man sie? Neue Männer sind gekommen — und die alten? Stehen sie nicht noch an der Spitze? Werden die alten oder die neuen Männer zu gebieten haben, wird ganze oder halbe Arbeit gemacht werden? . . . (Schluß folgt.) Ist ein Zusammenschluß der deutschen Orthodoxie erfolgt?*) i. „Es kann und darf kein Bedenken geben, das die Bekenner der Grundwahrheiten des gesctzcstreuen Judentums von einem straffen, wohlorganisierten Zusammenschluß abhalten sollte." Liest man diesen Satz aus der Einleitung zu deni revidierten Statut der „Freien Vereinigung" und hört man in einem der „Leitsätze", daß die stets sluchbereite, mit Bannstrahl dräuende „Freie Vereinigung" nicht länger mehr ihren Mitgliedern „eine Verpflichtung auferlegt, wie sie ihr persönliches Verhalten zu den Organisationen Andersdenkender einzurichten für gut finden", ja selbst „nicht der Gemeinsamkeit derjenigen Interessen vergessen will, welche die Orthodoxie mit der Gefamtjudenheit verbindet", so könnte man glauben, ein ehrliches Streben nach Frieden habe aus einer Phalanx wilder Eiferer die mildesten Apostel der Einigkeit gemacht. Ja, man könnte sich versucht fühlen, zu viel der Konnivenz zu schauen. Sie alle, denen der Jssur in mehr oder minder soleimer Form schon angcdroht oder gar zugestellt war, sind nun in Gnaden aufgenomnicn. War's früher verpönt und schärfste Missetat, int traditionell-ges etzestreuen Rabbinerverband mit jenen an einem Tische zu raten und in einem WÜlen zu taten, die in den „Verbänden" mit den „Andersdenkenden" unter Wahrung ihres Standpunkts zusammenarbeiten, so soll cs nuir, die religiöse Zuverlässigkeit nicht länger beeinträchtigen, ob man dort den Austritt aus den Hauptgemeinden bekämpft, dort im Rabbinerverband, Verband der deutschen Juden oder gar im Gemeindebnnd an leitender Stelle tätig ist. Wenn nicht dem „Leitsctzer" ein laxsus calami unterlaufen ist, soll fürderhin ja auch dem Beitritt zu den „Organisationen religiös Andcrsdeirkendcr", nach den Friedensschalmeien der „Einleitung", zu denen also der Neologen allein/ zu ihren Gründungen und Verbindungen kein die Angehörigkeit zu der „Freien Vereinigung" ausschließendes Bedenken entgegenstchen. Und hat man im Vorjahre *) In Anbetracht ihrer Bedeutsamkeit eröffnen wir mit diesem Artikel die Angelegenheit des Zusammenschlusses der deutschen Orthodoxie dem Meinungsaustausch unserer Leser. D. Redakt. frankfurter Israelitisch^ FÄmilienblatt. mit geflissentlicher Uebertreibung und vielfacher Wiederholung den abgeschmackten Vergleich der difscricrcnden Richtungen im Judentum mit Katholozismus und Protestantismus wieder und loieder im Munde geführt, nun spricht die „regina catholicissima" selbst von einer Jntcressengcmeinschaft zwischen Orthodoxie und „Gesamtjudcnheit". Der noch von einem Lustrum und seither je und je all dir „Leisetreter", die duldsamen vcrbandsscligcn „Konservativen" verketzerte, will sich nun an die Spitze der „Jrrcgeführten" stellen. Was nahm dem Jssur jede Geltungskraft, was wog der Uittat Schwere auf? Die „Freie Vereinigung" hat ihre Rabbinerkoinmission aufgelöst, ihre Prinzipien sind weggeschivcmmt. Die Opportunisten haben gesiegt, die Intransigenten stehen im Winkel, soweit sie nicht jetzt schoit int Trüben, im Unklaren angeln gehen. Nichts ist geblieben als der Personen Ziffer und Ziffer. In allen: gäbet Ihr nach, seid Ihr zurückgcwichen und habt Euch verleugnet, nur mußtet Ihr beit Herrscherstab behalten. Wo soll'» hinaus? Seid Ihr andere geworden mit neuen Ansichten und neuen Ueberzcugungen, oder gilt cs nur, die Zage» Euch in's Gehege zn bringen? Man hat davon gehört, daß ein llnvorsichtiger in ehrlicher Torheit nahe daran tvar, die Karten — oder waren es itur die seinen? — aufzudecken. Wir können's so und so zufrieden sein. Wir ivußten's früher, daß Ihr allein niemals zu einem Ziele kommen tverdet; Ihr müßt cs nun mit „Ach" mtd „Wcnit" und „Aber" zugestehcn. So könnten wir uns freuen, Euch als Vertreter und Verkünder unserer Prinzipien ztl sehen. Will doch auch niemand ehrlicher eine Einigung der Orthodoxie als die, die innerhalb der Hauptgemeinde für ihre Uebcrzeugnngen kämpfen müssen und ivollen! Wenn wir eine Verständigung mit den „Andersdenkenden" in dem und jenem Punkte zn erreichen suchen, muß uns die lang versagte und von der Jenseite hartnäckig verweigerte Einigung der Orthodoxie ein hochwillkommenes Ziel und Ende sein. Wie Ihr nun die Basis Euerer Separatgcmeinden breiter gestalten, dies und jenes Erfordernis aus den: Wege räumen wollt, um fortan auf Kosten der nicht mehr viel zu schwächendetr religiösen Durchschnittsqualität Eurer Mitglieder Euer Budget mültiplizicren zn können, so seid Ihr auch hier-, zurückgcwichcn und mischet den Wein, den Ihr als schädlich und gefälscht verschrieen habt, zu Eurem Vorrat, habt Ihr die lange Gemiedenen zur Vereinigung — nicht herangezogen —, nein. Ihnen Euch als initarbcitende Truppe angeboten. So dürfen die gegen die nun beliebte Art der „Einigung" in vielen Kreisen rege gcioordenen Bedenken ihren Urgrund nicht in sachlichem Widerstreit haben. Prinzipiell hat man ja in allem nachgcgeben, soviel konzediert, daß gerade darum jegliches Mißtrauen berechtigt ist. Warum wir ehrlichen Anhänger einer „Einigung der deutschen Orthodoxie" den Fricdenstönen vorderhand nicht vollen Herzens trauen können, warum wir gar den Freunden jede Zurückhaltung anempfehlen müssen, warum wir auch in der nun reorganisierten „Freien Vereinigmtg" einen rückhaltslosen Birchas Scholaum nicht erblicken können, das wollen >vir demnächst auseinandersctzen. Brief aus Holland. Die Augen der Welt finb nach Holland gerichtet. Es tagt dort im Haag die Friedenskonferenz, oder, wie sic im Volksmunde heißt, die Friedenskomödie. Aufgezogen ist der Vorhang. Väterchen Zar hat seine Begrüßungsdepesche geschickt und seine telegraphische Huldigung bekommen. Die Sache des Friedens ist en route. Mit doppeltem Interesse sieht aber die jüdische Welt nach dem Haag. Sind dort doch die Vorbereitungen zum achten Zionistenkongreß im Gange, — und sobald die letzten Akte der zweiten Friedenskonferenz abgespielt sind, wird der jüdische Kongreß am selben Orte eröffnet werden. Es dürfte deshalb nicht unangebracht sein, einmal über die Juden in Holland in einer ausländischen Zeitung zu schreiben. Zuerst die politischen Verhältnisse! Sie wissen zur Genüge, daß Holland das Land der Freiheit ist.. Das historische, das traditionelle, das Geburtsland der Freiheit. Was soll's dort also mit den politischen Verhältnissen? Die Juden haben ihre vollen und gleichen Bürgerrechte. Sic haben ihre Delegierten int Abgeordnctenhause. Sogar ihren Minister. Verstehen Sie wohl: rin nicht-getaufter Jude ist hier Minister, und nicht-getaufte Juden sind Mitglieder von beiden Kammern des Parlaments. Und die Judenheit ist hier zn Lande selbstverständlich ganz zufrieden. Ausnahmen gibt's überall, gibt's mich hier. Attch hier existieren Leute, die ben Mut haben, zu erklären, daß die Juden in Holland wohl ihre Gleichberechtigung besitzen und auch inistande sind, von ihren Rechten Gebrauch zit machen, daß aber dennoch weder der amtliche und gesellschaftliche noch der geschäftliche Boykott gänzlich fehlt. Und wer in öffentlichen Aemtern — von den kleinen bis zu den größeren — Karriere machen will, der muß gewiß von vornhinein auf die Erfüllung seiner religiösen Pflichten verzichten. Aber dies braucht doch seine Ursache durchaus nicht im offenen oder versteckten Antisemitismus zu haben. Die nicht-jüdische Gesellschaft ist nun einmal nicht auf jüdisches Leben eingerichtet. Das Judentum kann sich im Golus natürlich nirgends ausleben, wären die politischen Verhältnisse auch ohne jeden Schatten. Diese Wahrheit scheinen unsere Oberrabbiner und sonstigen orthodoxen Führer nicht einzuscheu. Bei ihnen gilt die Lehre: Israel darf nicht aus dem Golus heraus, bevor cs seine Golussünden abgelegt hat und Gott die Stunde der wunderbaren Erlösung schlagen läßt. Sie ivissen wahrscheinlich ganz genau das „Wie" und „Warum" und bemerken nicht oder kümmern sich nicht darum, daß eben durch das Golus die Sünden sich jeden Tag vermehren und vermehren müssen. Ich kamt Ihnen im Rahmen eines Briefes nicht all die Doktrinei: beschreiben, welche hier im orthodoxen Lager herrschen und ihre Dienste gegen den Zionismus leisten müssen. Das tut auch, nicht not, dettn es sind überall dieselben Gründe und Kampfesmethoden. Die Protest-Rabbiner scheinen sich einander ihre Argumente zu borgen. Wir habcil hier also ailch unsere Protest- Rabbiner. Mit Ausnahme des bekannten altehrwürdigen Amsterdamer Oberrabbiners Dr. Dünner, der im Zionismus eines der größteit Wunder unserer Zeit begrüßt, verurteilen alle anderen Oberrabbiner, meist Schüler Dr. Dünner's, die zionistische Bewegung tmd erklärten sic in Wort und Schrift als strittig mit dem überlieferten Judentum. Manche von ihnen fulminieren auf's schärfste gegei: die Bewegung bei jeder Gelegenheit, die sich ihnen darbietet. Der Zionismus hat deshalb in Holland einen schweren Kampf zu führen. Das holländische Judentum ist durchgehends orthodox. Das heißt: offiziell orthodox. Man kennt hier nur orthodoxe Gemeinden. Die Reform hat hier nie Wurzel geschlagen. Das Judentunt in Holland wird gänzlich orthodox geführt, tlnd an dieser Führung beteiligen sich nicht nur Orthodoxe; auch die radikalsten Neologen haben Sitz in den Gemeindestuben, als Kultusvorstand, Kultusrat, Aufsichtsrat oder Vorsteher von streng traditionell-jüdischen Erziehungsanstalten, Schulen usw. In Sachen religiöser Natur ist aber immer die Meinung des Oberrabbiners maßgebend. Und diese Geschäftsführung hat niemals Schwierigkeiten hervorgebracht. Bis in der - allerletzten Zeit in einem Falle, wo der Kultusrat in Rotterdam eine Mischehe in die Matrikeln der jüdischen Gemeinde hat einschreiben lassen gegen das ausdrückliche Veto des Oberrabbiners. Diese Handlung hat im ganzen Lande Auftegung geiveckt. Und was das Ende sein wird, ist noch nicht zu sagen. Vielleicht kann ich es Ihnen in einem späteren Briese berichten. Trotz dieses Druckes von oben hat der Zionismus dennoch beträchtliche Fortschritte in