Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 27 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Israrlkfirrker Zstiklitislhe« familirulilatt. (> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein- . schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Ml. 2.— ___ HedaKtto« «nd HefHäftsstekke: SrsnKfurt s. M.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße D-r-f-« 10507. HerEgeVer: Kalsz cheis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llrberrinkunst. .. 5. Jahrgang. Freitag, den 1. Aw 5667 (12. Juli 1907). Ro. 27. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Religion und Sittlichkeit. — Die Einigung der deutschen Orthodoxie. — Ist ein Zusammenschluß der deutschen Orthodoxie erfolgt? — Brief aus Holland. — Die Woche. — Aus aller Welt/' — Aus der 8eh'rerwelt. — Aus den Vereinen. — Feui lleton: Tante Gute. — Sprechsaal. — Woch en-Kalender. — Familiennachrichten. Religion und Sittlichkeit. Eine Betrachtung zur Grundlegung d e r R e l i g i o n s p h i l o s o p h i e von H e r m aim Cohc n. III. Wie bereits gesagt, glaube ich von einer Behandlung des theoretische» Gehalts dieser Schrift hier Abstand nehmen zu dürfen, int Hinweis auf meine im Erscheinen begriffenen Aufsätze über die jüdische Religionsphilosophie nach Cvhen'scher Auffassung. Nur die Grundlinien dieser Abhandlung inöchte ich skizzieren, gleichsam ein Register der in ihr auftretendcn Motive vorsühren. Es verlohnt sich, den Gang einer Untersuchung zu verfolgen, wenn auch jeder Schritt ungeprüft bleibe>t mag Ein Einblick in den Ausbau eines Themas gewährt bereits einen Ausblick auf die Solidität der Handhabung. I m A u f b a u eines T h e m a s zeigt sich der Meister. Und Hermann Coli e n ist vorne h in l i ch M e i st e r des A u fb a n e s, der P r o b l c m st e l l u n g. * Im Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Sittlichkeit. Tie Religion macht den Anspruch, Sittlichkeit zu sein; die Sittlichkeit will die alleinseligmachende Religion sein. Sind sie identisch, sollen sie identisch sein? Gehen sie nicht vielmehr zwei verschiedene Wege, Ivenn auch ihnen das Ziel gemeinsam sein mag? An den Motiven, die gegen die Religion geltend gemacht werden, läßt sich diese Frage näher betrachten. Wir wissen, die aufrichtigste und historischste Opposition gegen Religion ging von der Wissenschaft aus. Wie verhält es sich mit der Konstruktion dieser Gegenüberstellung? „Es ist einseitig, und von der historischen Fährte ablenkcnd, in der religiösen Opposition ausschließlich nur eine Verneinung der Religion erkennen zu wollen." Selbst in der Bestreitung betätige sich der alte, eingewurzelte Trieb nach ihren Urquellen und Urrechten. Nun ist aber die Frage berechtigt: ob man der eigenen Religion, das heißt, dem Wesen der Religion, „welche jeder ja in der eigenen erkennen will, und erkennen darf", Unabhängigkeit bewahren und bewahren soll? Es wird jedoch damit die Selbständigkeit des Kulturbewußtseins in Frage gestellt. Also Wissenschaft und Religion. Welche Wissenschaft? Die Naturwissenschaft? 'oder die Geistes- Ivissenschaft? die Sciences pliysiques oder die Sciences morales? Es kann nur das philosophische Zentrum allein unter der Wissenschaft als Opposition gegen Religion gemeint werden. Es ist die Erkenntnis, die der Religion gegenübergestellt wird; die Erkenntnis des Sittlichen, also Sittlichkeil als Wissenschaft — die Ethik. Hier ist die Wurzel der Differenz zwischen Religioic und Sittlichkeit als Erkenntnis des Sittlicheir. Im Begriffe der Erkenntnis offenbart sich diese Differenz. „Erkenntnis ist Erkenntnis aus Voraussetzungen und Grundlagen, von denen und an denen der Erkennende selbst Rechenschaft abzulegen hat für jeden Schritt seiner Erkenntnis."... „Ich habe es empfangen; es ist mir überliefert worden, das sind keine Mittel und Vermittelungen dcS Sittlichen. 'Nicht einmal darf ich sagen: ich habe cs erkannt, sondern allein: ich habe es zu crkenneu; den» cs bleibt unaufhörlich mein größtes, nächstes und allerschwerstcs Problem. Und wie die Erkenntnis kein Ende hat, und auch nicht einmal einen nnablösbaren Anfang, so muß die Rechenschaft stets von neuem anfangen, und immer tiefere Grundlagen erspähen und versuchen, um neue Fundamente und neue Befestigungen für dcic Begriff des Sittlichen, für den Begriff des Menschen zu gewinnen. So fordert es der Begriff der Erkenntnis." Die Religion ist nicht Erkenntnis, will cs nicht sein; Erkenntnis in dem eben präzisierten Sinn. Es ist die Differenz der Methode, welche die Distanz zwischen der Sittlichkeit der Religion und der Sittlichkeit der Erkenntnis bestimmt. Cohen behandelt nun in diesem Zusammeiihange den methodischen Unterschied zwischen der Sittlichkeit der Propheten und der Sittlichkeit der Philosophie, des Griechentum s. Das sind die zivei Repräsentanten der zwei Faktoren in unserem Problem: Religion und Sittlichkeit. Die Propheten verkündeten die Sittlichkeit der Religion, die griechische Philosophie erdachte die Sittlichkeit als Erkenntnis. Der Unterschied wird in den Begriff Gottes gesetzt. Zuvörderst wird die Grenze zwischen Religion und Mythos gezogen; es ist der Gottesbegriff, der auch hier die Demarkationslinie bildet. Der Mythos ist gerichtet auf das Verhältnis zwischen Mensch und Gott; die echte Religion aber zuerst auf das Verhältnis zwischen M e n s ch u n d Me n s ch und „von dieser Stufenleiter erst erhebt sich die Beziehung auf Gott". Diese Religion ist die prophetische Religion. Mit dem prophetischen Gotte ist der Gedanke des Guten entstanden, wie in der griechischen Philosophie der Begriff des Guten, die „Idee des Guten". Die Götter der Mythen aber verkünden Glück oder Unglück, Sieg oder Untergang; nicht aber, was gut sei. Wird nun das Wesen Gottes als Urbild der menschlichen Sittlichkeit, als Ideal der menschlichen .Handlung gedacht, so ist hiermit schon die Kollision zwischen Religion und Ethik ausgedrückt. Die Religion soll die Lehre von Gott bedeuten, aber die Idee Gottes soll die Idee der Menschheit bedeuten und gewährleisten. Die Religion und die Ethik wetteifern also um ein Gebiet. An der Religion aber blieb immer der Mythos haften, wie sehr'sie auch in der prophetischen Denkart sich von ihm emanzipiert hat. Die Befreiung der Religion aus der Verflechtung mit dem Mythos bedeute nun ihre Verwandlung in die Ethik. * Im Rahmen dieser Betrachtung über die Differenz zwischen Religion und Ethik, im Hinblick auf die Herrschaft des Mythos, vollzieht sich auch die Bestimmung der Differenz zwischen Judentum und Christentum. Es ist die Beimischung des Mythos in dem Gottesbegriffe, die hier ausschlaggebend sein soll. Wir wollen diesen Gcdankengang kurz streifen. I a c o b b. Elijah. Die Einigung der deutschen Orthodoxie. Die Einigung der deutschen Orthodoxie ist da! — Ist da? Zivei Richtungen in der deutschen Orthodoxie stehen sich seit 50 Jahren schroff gegenüber, die Hildesheimer-Horovitz'schc Richtung einerseits und die Hirsch'sche Richtung andererseits. Erstere Richtung fußt auf Judentum und Judenheit zusammen, letztere auf dem Iudentnm allein. Erstere will, indem sie sich als Glied des jüdischen Volles betrachtet, sich nur darin von den anderen Gliedern dieses Volkes unterscheiden, daß sie streng die Gebote des von den Vätern überlieferten Judentums beobachtet; letztere dagegen betrachtet sich als losgelöst von den nicht traditionell denkenden Teilen der jüdischen Gesamtheit, erkennt also einen jüdischen Stamm, ein „Kelal Jisroel", nicht an. Jede der zwei Richtungen handelt gemäß ihrer Anschauungen; die eine steht im Bund mit ihren angestammten, in religiösen Dingen divergierenden Brüdern, und wenn sie auch in Sachen der Religion bisweilen separat vorgeht, so steht sie doch mir Andersgesinnten in Konnex, wo es sich um einigende Momente — mögen sie religiöse oder soziale Gebiete betreffen — handelt; die andere dagegen hat eine völlige Trennung vollzogen, die selbst vor rein sozialen Angelegenheiten nicht Halt machte. Ja, — nicht genug damit, daß man sich von den nicht traditionell denkenden Brüdern loslöste, hat man sich sogar von den gleichgesinnten, gleichhandelnden orthodoxen Brüdern getrennt, hat separate Gemeinden, separate Rabbiner- und Lehrer-Vereine gegründet, hat eine scharfe Grenzlinie gezogen für's Leben >vie für den Tod. Man fühlte sich eben als die einzigen, echten Orthodoxen, man wurde zu den Auserwählten der Auserwählten im anscrwählten Volke, man scheute sich sogar nicht, von dem Tische bewährter Orthodoxer und anerkanmer Talmidei-Chachomim nicht zu genießen. .... Doch solange an der Spitze dieser extremen Richtung ein Mann wie Samson Raphael Hirsch stand, ging es noch leidlich; allein dem Großen folgten nicht-ebenbürtige Epigonen, die mit ihrem einseitigen, exklusiven Vorgehen ihre Sache