Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 26 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692537--03313-2697994- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 Frnnffirrter JfraMWeS FmnSinMaÜ. Seite 3 mußte handeln, nmßte und durfte „rücksichtslos" seinen Willen 'durchsetzen. Und er tat es auch. Zn seinem und des jüdischen Volkes Ruhme. Denn seine Schöpfungen sind jung jüdische „Willensdenkmale". * * * Dr. Herzl, der Mann der starken Energie und unbeugsainen Willens, >var sanft, milde, nur Gefühl den: Einzelnen gegenüber. Ans seiner Reise nach Konstantinopel ist es ein abgehärmter Lokoinotivführer, der ihn in tiefes Nachdenken versetzt, in Wilna das bis tief in die Nacht arbeitende Schneidermädchcn, nnd in seinem Arbeitszimmer der jüdische Emigrant, dem .herzt aus augenblicklichem Mangel an Bargeld einen goldncn Ring anbictet. — Solche Fälle berührten ihn so schmerzlich, wirkten so erschütternd ans ihn ein, als würde er sie zuin erstenmalc gesehen haben. Sv berichten Augenzeugen nnd wundern sich darüber. Nein. Das sollte uns von einem Herzl nicht wnndernehinen. Er sah eben die Dinge anders als wir. Das Elend, unter dem tausende und abertausende seufzen nnd dahinsicchcn, behielt für ihn immer den furchtbar schrecklichen Charakter, auch ivcnn er ihm des öfteren begegnete. Das besorgte sein unerschöpflicher Gcfühlsreichtnm. Er bewahrte ihn vor Abstumpfung. Daß aber auch ein Einzelfall ihm den ganzen Jammer der leidenden Menschheit vor's Auge zauberte, wer mag darüber staunen? Er war eben der Große, der im Moment, der für den gewöhnlichen Menschen etwas zufälliges cinzeldastehendcs darstclltc, ein allgemciiics Schicksal gewahrte. * * * Seine intimen Freunde erzählen, daß der für das Gesamte so fein ausgeprägte Scharfblick Herzls Einzelnen gegenüber anders geartet Ivar. Und zwar ans einem speziellen Gebiet: dem der Geldunterstütznng. Er war einige Zeit Präsident der C. . . . Ein Geldfonds stand ihm seitens des Vereins zur Verfügung behufs Unterstützung der Mitglieder. Nun geschah ein Wunder. Der Fonds litt nie an Geldmangel, er war immer voll, wie das Oelkrüglcin, das Eliahu gesegnet. Denn so oft im Vereinsfonds Ebbe eintrat, — kein seltener Fall, lveil Herzl kein Unterstützungs-- gesuch znrückwcisen konnte — griff er in seine eigene Tasche Und er tat solche^ Griffe, daß er dadurch oft in „Geldmangel" fiir seinen eigenen Bedarf geriet. Um ihn vor solchen Uebergriffen zu schützen, bedurfte seine Privatkassc der Obhut seiner intimsten Umgebung. Der kühne, große Führer auf den Alpen des Lebens war im Tale der Daseinsprosa das Kind mit seiner himmlischen Unschuld, das geführt werden muß. To sind sic, die Dichter, die ganz Großen: „Sie sehen, was wir nicht sehen, ihre Blicke dringen höher nnd tiefer als die unser», aber sie können nicht geradeaus ihren kleinen Lebenspfad 'finden, und sie könnten stolpern nnd sich an dem geringsten Kiesel die Nase zerstoßen, wenn man sie ohne Stütze durch das Prosatal wandern ließe, in denen das Leben wohnt." .... In einem seiner stimmungsvollen „Feuilletons" „Die schöne Helionc", schildert Th. Herzl eine Glückliche, Allznglückliche. Alle Gaben, die der Mensch sich denken und erträumen mag, besitzt sie im Superlativ: Zu schön, zu reich, zu klug, zu gut. Dieses „zu" wird später ihr Unheil. Th. Herzl war einer dieser Glücklichen, Allzuglücklichcn. Alles Große nnd Edle, alles an Gaben irdischer und geistiger Natur, ward ihm in reicher Fülle zu teil. Zu viel. — Daß er aber ein zu großes Herz hatte, das ward sein Verhängnis. . . . „Welch' eine Gestalt, dieser sterbende junge Präsident!" Die Woche. „Wir stehen vor einer Verschiebung.unserer g e i - stige ii Zentren", das war die Quintessenz unserer „Wochcn"-Betrachtnngen der vorigen Nummer. Allein wir sprachen dort von unserer Hoffnung, von unserer einstigen und zukünftigen Heimat; hier aber soll von bcr Fremde die Rede sein, von den neu entstehenden Saminelpunkten der Diaspora. . Das jüdische Volk ist jetzt auf der Flucht begriffen, die Reaktion, sein Erzfeind, sieht sich gegenwärtig bedroht und stillt ihre Wut an den ewigen „Soir laasoscl" — Sündcnbock —, so daß die Schläge, die auf ihn herabfallen, geradezu vernichtend sind. Das getretene Volk muß sich retten und ist gezwungen, de» alte» Wanderstab, den cs in diesen Trauer-„Wochen" vor zweitausend Jahren ergriffen hat, wieder zu ergreifen; cs geht, es wandert, wohin es seine wundgetretenen Füße tragen. Seine Heimat kann den Flüchtenden,— dank seinen wohlwollenden, doch übel tuenden abtrünnigen Kindern — vorläufig noch nicht aufnehmen, und so 'ieht er sich genötigt, von „Fremden" zu „Fremden", von altmodischen ganzen Barbaren zu modernen benutz tcn, betünchten Halb- oder Viertel-Barbaren, von offenen großen Feinden zu versteckten kleinen Feinden zu ziehen. . . Die Tore sind vor ihm zwar fast geschlossen, allein Ahasver hat die Not und der lange Wandcrweg hie Kunst des Hincin- 'chmuggelns gelernt, nnd so zieht der unstete Flüchtige in den neuen Nachtasylen ein . . . Ahasver wird vielleicht in den neuen Plätzen für vorübergehend sich eine einigermaßen zurecht gezimmerte Stätte schaffen, doch, — woher noch die Kraft nnd die Mittel für das 'nötige Licht, um sich zurecht betten zu können? Wir meinen: wenn der jüdische Einwanderer sich eine leidliche materielle Position geschaffen haben wird, — wer soll dann für das Geistige, für das spezifisch Jüdische sorgen? „Unsere Weltorganisationen!" werden viele zur Antwort geben. Unsere Weltorganisationen! etwa die Alliance, die niit dem Judentum auf dem Kriegsfuß steht? Doch, es gibt noch eine Organisation, die in Betracht käme, das ist der Deutsche Hilfsvcrein, der in guten Händen liegt; er könnte nnd sollte es in die Hand nchttien. Es entstehen jetzt kleine jüdische Zentren aus den Auswanderern in Frankreich, England, Australien — schon nicht zu sprechen von Amerika —, nnd da sollte eingegriffcn werden, denn diese jüdischen Kolonien können unter Umständen regenerierend auf die halb- oder dreiviertel toten westeuropäischen Juden wirken. Der Hilfsverein legt sein Hauptaugenmerk aus Rußland, das ist sehr löblich, da doch die Not dort am größten ist; allein Rußland durchlebt jetzt eine Zeit der Revolution, da läßt sich auf dem g e i st i g e n Gebiete nichts anfangen. Eine schöne Aufgabe harrt des Hilfsvereins, und der Zionismus wird ihm behilflich sein, die geistige Hilfe des „Hilfsvcreins" — seine Tätigkeit in Palästina zeigt eS ihm bereits —i wird noch von größerem Erfolge als die materielle gekrönt sein! Aus cürer Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M.» 4. Juli. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Inte r e s s e n d e s o r t h o d o x e n I n d c t u m s" wird uns geschrieben: Auf der Tagesordnung des am 27. Juni stattgehabten außerordentlichen Vereinstages stand zunächst die seit längerer Zeit vorbereitete Satz u n g s ä n d e r n n g, die den Rahmen der „Freien Vereinigung" erweitert nnd durch eine größere Decentralisation die Heranziehung eines möglichst weiten Kreises von Gesinnungsgenossen zur Lösung der mannigfachen Vereinsaufgaben gestattet. Das neue Statut wurde nach kurzer Beratung angenommen. In den hierauf vorgenommenen Ergänzungswahlen zum großen Ausschuß wurden neu gewählt die Herren: Jonas Bing- Hamburg, Isidor D ü l k e n-Cöln, Louis F e i st - Frankfurt a. M., Siegniund Fränkel- Münchcn, Sally G u g g e nh eim-Berlin, Hermann G u m p e r tz - Hamburg, Kommerzienrat Benjamin H i r s ch - Halberstadt, Seminardirektor Dr. Hofsm ann- Berlin, Aron Kober- Breslau, Distriktsrabbiner Dr. ,P. K o h n - Ansbach, Landrabbiner Dr. L o e b - Emden, Provinzialrabbiner Dr. M u n k -Marburg, Jacob L> traust, Joseph Wohlsarth, Aron Wolf- Frankfurt a. M. Alsdann fand auf Grund der neuen.Satzungen die Neuwahl des dreizehngliedrigen Vorstandes statt, die folgendes Ergebnis hatte: Rabbiner Dr. S. Breuer, Emanuel Etting- Hause n, Louis F e i st - Frankfurt a. M., Hermann Gumpertz - Hamburg, Wilhelm Hackenbroch- Frankfurt a. M., Kommerzienrat Benjamin Hirsch- Halberstadt, Bankdirektor George Marx- Königsberg, Provinzial-Rabbiner Dr. M unk- Marburg, Jacob Ro sen h eim, AdolfS tern, Jacob Strauß, Joseph Wohlfarth, Aron Wolf-Frankfurt a. M. Der neu gewählte Vorstand trat gestern zu einer ersten Sitzung in Frankfurt a. M. zusammen und kon- 'tituierte sich wie folgt: Rabbiner Dr. Breuer, Voritzender; Kommerzienrat Benj. Hirsch und Jacob Rosen heim stellvertretende Vorsitzende, Jacob Strauß und Hermann G n m p e r tz, Schriftführer, Louis Feist und Aron Wolf, Kassierer. Aus der reichen Tagesordnung ist insbesondere die Beschlußfassung über die zu bildenden Kommissionen hervorzuheben, deren Aufgabenkreis festgestellt wurde, während die Ernennung der Vorsitzenden und der Kommissions- Mitglieder in allernächster Zeit erfolgen soll. Es werden gebildet: 1) llnterstützungskommission. 2) Kommission für Gesetzgebung und Verwaltung, getrennt für Preußen und die süddeutschen Staaten. 3) Kommission für Literatur und Presse. 4) Kommission fürAngelegenheiten des religiösen Pflichtlebens. 5) Konimission für ländliche Wohlfahrtspflege. 6) Kommission für Schul- und Lehrerbildungs- Wesen. 7) Palästinakom Mission. 8) Kommission für Angelegenheiten des osteuropäischen Judentums. 9) Propagandakommission für die verschiedenen Landes teile. Die Vorsitzenden der Kommissionen sind satzungsgemäß zugleich Mitglieder des Ausschusses. Ein öffentlicher Bereinstag soll vorbehaltlich der Zustimmung des Ausschusses im Laufe des Winters in Berlin stattfinden. Frankfurt a. M. Der zweite Delegiertentag des jüd. Frauenbundes wird am 7. und 8. Oktober in Frankfurt a. M. abgehaltcn werden. Es steht von Frauen ans allen Teilen Deutschlands eine rege Beteiligung zu erwarten, da Referate von sachkundigen Rednerinnen zugesichert sind nnd die geplanten Führungen durch die mustergiltigen Anstalten Frankfurts den Delegierten nnd Gästen lehrreiche Anregung geben werden. Berlin. Der jüdischen Gemeinde ist die behördliche Genehmigung zur Aufnahme einer Anleihe bis zum Betrage von ö'/e Millionen Mark verliehen worden. Die Schuldverschreibungen sind mit 4 v. H. jährlich zu verzinsen und durch Ankauf oder Verlosung vom Jahre 1908 ab jährlich mindestens mit 1 v. H. des Kapitals unter Zuwachs der Zinsen von den getilgten Schuldverschreibungen zu tilgen. — Mit 60,000 Mark veruntreuten Geldern flüchtig geworden ist der in der Verwaltungsstelle der jüdischen Gemeinde in der Oranienburgerstraße angestcllte Kassierer Aldt. Eine oberflächliche Revision der Kasse hat ergeben, daß A. im Laufe der Jahre mehr als 60,000 Mark unterschlagen und seine Unterschlagungen durch geschickte Fälschungen in den Büchern zu verdecken gewußt hat. Berlin, 26. Juni. In den Räumen des D. I. G. B. tagte heute hier der Ausschuß der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums". Der zur Verlesung gebrachte Geschäftsbericht konstatiert ein stetiges Anwachsen der Mitgliederzahl, die z. Z. über 950 beträgt, und stellt das Erscheinen mehrerer Werke der Gesellschaft für die allernächste Zeit in Aussicht. Es sind dies: „schapiro, die haggadischen Elemente im erzählenden Teil des Koran"; „M. Philippson, Neuere Geschichte der Juden, Bd. 1"; „das Maimonides - Gedenkbnch, Bd. 1" nnd der „1. Band der von M. Brann gesammelten Aufsätze von D. Kaufmann". Von den wissenschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft sind außer dem Maimonides-Werk die Arbeiten für die „Gcrmania-Judaica" soweit gediehen, daß der größere Teil des Arbeitsstoffes unter die Mitarbeiter vorteilt ist und mit der Ausarbeitung demnächst begonnen werden kann. Vom „Corpus Tanaiticum" wird der 1. Band, der Sifta von M. Friedmann-Wicn demnächst dem Druck übergeben werden können. Der Ausschuß beschließt die weitere Ausgestaltung der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", welche durch Heranziehung einer weiteren Reihe von Mitarbeitern in den Stand gesetzt werden soll, von Zeit zu Zeit Berichte über den /stand der Wissenschaft des Judentums und der ihr verwandten Gebiete zu geben. Es wurde ferner in Aussicht genommen, die Generalversammlungen der Gesellschaft zuweilen auch außerhalb Berlins in anderen Großgemeinden abzuhalten. Der Ausschuß kooptterte endlich an Stelle seiner verstorbenen Mitglieder die Herren Prof. Dr. Cohn-Breslau und Toz. Dr. I. Elbogen-Berlin, bewilligte eine Reihe von Subventionen und beschloß zuletzt die Ernennung des Herrn General-Konsul E. Philippson in Brüssel, der sich um die Gesellschaft durch wiederholte größere Zuwendungen in hohem Maße verdient gemacht hat, zum Ehrenmtgliiede. Berlin. Verband der d ent sehen Juden. Für die am 13. Oktober 1907 in Frankfurt a. M. abzuhaltende Versammlung des Verbandes der deutschen Juden hat eine Aenderung des Programms stattgefunden. Herr Dr. Paul Nathan wird im Interesse des Hilfsvereins der deutschen Juden um diese Zeit eine Orientreise antreten, sodaß an seiner Stelle den Bortrag über das Thema: Staatsinteresse und Judenpolittk Herr Professor Philippson übernommen hat. (k.) Posen. Jsr. Waisen-ErziehnngSanstaltfürMädchen. Dem Berwaltungsbericht entnehmen wir, daß das bisherige Haus der Anstalt