Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 26 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692537--03312-2697993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Nr. 26 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Theodor Herzl. (Zu seinem Todestage.) Erinnerungen und Eindrücke. Von Dr. Jakob Nacht, Focsani. „Welch eine Gestalt, dieser sterbende junge Präsident!" (Herzl, Palais Bourbon, '172.) Th. Herzl must man gesehen haben. Tinte und Feder genügen nicht, um ihn auch nur annähernd zu schildern. Diese sind stumme tote Zeugen, Herzl der Mann des Lebens im edelsten Sinne dieses Wortes konnte nur vom Leben selbst beobachtet, gesehen und begriffen werden. Man muß in sein Auge gesehen haben. Dieses wunderschöne Fcuerauge. Es war kein gewöhnliches Feuer, das ihm entströmte. Es war ein Teil von jenem heiligen Feuer des Altars, das die Priester bei Zerstörung des ersten Tempels in die Grube senkten, und das beim Wiederaufbau des Heiligtums sich dem aus den königlichen Palästen Persiens zu seinen leidenden Brüdern zurückkehrcnden Nechemja offenbarte. . . . ' * * * Zum erstenmale sah ich ihn. Auf dem 6. Kongresse. Samstag war es, im Baseler Tempel. Herzl wird zur Thora aufgcrufen. Alles erhebt sich von den Sitzen. Auch die Rabbiner, die Gaonim aus Litauen. Herzl erscheint auf dem „Belcmer". Mit kaum merklich vorgebeugter Körperhaltung blickt er in das Gebetbuch, um den Segen über die Thora zu verrichten. Tiefe, heilige Stille ringsum. Aller Blicke sind dorthin gerichtet. Dorthin, wo Herzl steht. Die leiseste Bewegung wird mit aller Kraftanstrengung vermieden, auf daß ja nichts versäumt wird. Auf einmal ein leises Rauschen. Man blickt um sich mit einiger Aufregung. Und siche, vom Hintergründe her bewegen sich dunkle Gestalten, schwarzbraunc Gesichter. Schnell huschen sie an den neugierigen Blicken vorüber. Sic haben cs eilig. Immer weiter geht's. 'Dorthin, wo er steht, der Viclersehnte, Viclbcgehrtc, Vielgeliebte. Herzl. Und sie reichen die Hand zum „Schalom". . . . Die kaukasischen Juden. . . . Herzl streckt ihnen die seine entgegen. Er kommt ihnen' zuvor. Das war seine Art. Und in herzvollster Weise tut er dies. Solche Augenblicke pflegte der Meister immer mit Herz zu bezahlen, ach mit zu viel Herz. — — — Freudestrahlend kehren sic auf ihren Platz zurück, diese braunen Gestalten. Sie haben ihren Lohn für den weiten, weiten Weg, während alle übrigen, die diesem Atomente zusahen, die Empfindung hatten, die Worte des Meisters in Erfüllung gehen zu sehen: „Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum. vor der Rückkehr ins Judenland." * * * Eine Nachtsitzung bei den russischen „Jasagern". Das Ostafrikaprojckt soll von Th. Herzl nochmals verteidigt werden. Der Saal ist bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Hoch oben auf der Tribüne bemerkt man Z. . . . Er ist vor Herzl erschienen. Er will uird kann den Meister nicht allein lassen. Geschäftig und aufgeregt steht er da. Er vergißt sogar, seinen gefalteten Hut abzulcgcn. Doch was ist auf einmal geschehen? Mit. aller Hast, wie umgezaubcrt, macht er sich bald an den manschettclosen Acrmcln zu schaffen, wirst den Hut zu Boden und fährt mit den ziemlich - langen Fingern durch sein reich hcrabwallcndes Lockenhaar, cs ordnend und zurcchtlcgcnd, als wäre er der Form gehorsamster Diener. Man blickt um sich und siehe da: Herzl erscheint, der kategorische Imperativ der Acsthetik. * * * Die Sitzung beginnt. Es geht stürmisch zu. Ein Herr B. . .l, der französisch spricht, läßt Worte wie „traite" usw. fallen. Die Gemüter sind auf's Acußcrste erregt. Hinausgcohrfcigt soll er werden dieser Herr B. . .l. 'Doch Herzl in seiner meisterlichen Ruhe erwidert: „Herr B. .l hat Recht. Ich habe mich bis jetzt an ihn gewendet. Ich will nunmehr meine Worte an das Publikum richten." Und er fährt fort, „Intimes" zu erzählen. Er ivill zeigen, daß ihn keine Drohung äbhält, von seiner Meinung zurückzutretcn, solange er von der Richtigkeit derselben überzeugt ist. Er greift in seine Jugendjahre zurück. Er spricht davon, daß er ftüher „Assimilant war, wie nur einer", und wie er später ans die Judenstaatsidee gekommen ist. Er hatte dann „eine Welt gegen sich," aber nichts hielt ihn davon ab, seinen Weg weiter zu gehen.' Auch Uganda gibt er auf Drohungen hin nicht auf, solange er nicht anderer Meinung ist. Und er sprach diese Worte so fest, so sicher, daß man von der Krisis, in der er sich schon damals befand, den anderswo von ihm ausgestellten Vergleich wiederholen muß: „Ich kann sie (die Krisis) nur damit vergleichen, wenn man einen rotglühenden Körper in's kalte Wasser Ivirft. Freilich, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird er Stahl." Diesmal hörten wir diese Worte nicht. Aber ein anderes, nicht minder stolzes Wort kam aus seinem beredten Munde. Es ist bereits 12 Uhr nachts. Doch die Sitzung dauert fort. Dort im anstoßenden Saale bei den „Neinsagern". Dorthin begibt sich jetzt Herzl, während er den Saal der „Jasager" unter den Worten verläßt: „Jetzt gehe ich in die Löwengrube." „Die Löwengrube". Ein stolzes Wort. Es erinnert an den Wagemut eines Daniel, der sich nicht beugte und nicht verneigte, auch dann nicht, wenn es um sein Leben ging.-— Und Herzl durfte dieses Wort gebrauchen. Er war der starke Mann, der keinen fremden Willen über sich duldete, „auch wenn er der beste wäre". Er war der Daniel seiner Zeit — und er ging in die Löwengrube. * ♦ * Ein heiliger tiefer Ernst lag über seinen!Gesichtszügcn. So ernst, so heilig, wie die Aufgabe, der er sich gewidmet. Nur einmal sah ich ein mildes Lächeln seine Lippen umspielen. Der Kongreß eröffnet die Debatte über das Ostafrikaprojekt. Dr. L., ein geschworener Anhänger Herzls, ergreift das Wort gegen Ostafrika. Ein schwerer Stand. Gegen den Willen des Meisters, den er so sehr liebt, anzukämpfcn. Er sieht sich in die Enge getrieben. Ein Kampf zwischen Kopf und Herz. Da kommt 'ihm ein glücklicher Gedanke in den Sinn. Rettung. „Dr. Herzl", atmet Dr. L. ftei auf, „stellt uns ans die Probe. Er will sehen, wie wir es mit Zion halten. Indem wir das Ostafrikaprojckt bekämpfen, bestehen wir das Examen. Wir zeigen, daß wir den Meister verstehen." Da glitt ein Lächeln über die Lippen Th. Herzls, „das rätselhafte Lächeln schön gereimter Lippen, die man nur bei Dichtern findet." . . . Dr. Herzl auf der 'Kongreßtribüne, von seiner Mutter umgeben, rief in mir ein bestimmtes Bild wach. Der Kongreß kam mir als das Heiligtum vor, wohin Mutter Chana ihren einzigen Sohn Samuel brachte. — Daß er für immer dort bleibe.Mutter Herzl sprach nicht. Doch ein leises 'Gebet mußte sicherlich auch ihren Lippen entströmen, nach Art der Prophctcnmutter. So tat cs auch jene Chana. Und der Sohn Herzl war ja Samuel nicht unähnlich. Ein Stück herrliches, großes, jüdisches Leben, wie wir ihm nur in der Richtcrzcit begegnen, wo iwch die Palme über dem jüdischen Haupte rauschte, verirrte sich Herzl in bas neue Ghetto des 20. Jahrhunderts, um sein Volk gleich Samuel zu einigen und die „Seherschule" .... wieder zu errichten. Von selbst kommt er /zu seinem Volke, wie jener Richter von dazumal. Das ist Art der Großen. Sie kommen immer von selbst, und warten nicht darauf, daß man sie ruft. * * * Dr. Herzl, der große Dichter und Schriftsteller, war auch zugleich ein Mann der großen Tat. Das hat er durch seine gewaltigen zionistischen Schöpfungen bewiesen. Wie diese Paarung möglich sei, dieser außergewöhnliche Idealismus neben einem eisernen Realismus? Die Vereinigung von Gegensätzen ist das Kriterium des Ucberm'cnschen. Th. Herzl war einer dieser Auserlesenen. Sein glückliches Beginnen als Zionist ist auf die gesunde Mischung von Realismus und Idealismus, die sein Wesen ausmachtcn, znrückzuführen. Außerhalb des Ghettos unter günstigen Dascinsbedingungen auferzogen, bewahrte er sich den Sinn für das Reale, Konkrete, für das Leben. Er läßt sich das Leben nicht hiittvcgdiskuticrcn. Er kennt seinen Reiz und tritt mit allen Anforderungen an dasselbe heran. Er hat einen Willen zum Leben, den er nicht unterdrücken will. Die Worte Heine's über Lassallc würden in dieser Beziehung auch auf Herzl zutrcffcn. „Herr Lassalle," meint Heine, „ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, Ivohin wir uns mehr oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgclungert und hindurchgcfasclt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren, wir die Alten beugten uns demütig, haschten nach Schattcnküsscn — entsagten und flehten." Herzls Tun sind diese Charaktcrzügc eigen. Als der Lärm des Antisemitismus in sein Arbeitszimmer drang, entdeckte er sein jüdisches Herz. Er will nunmehr seinem jüdischen Volke helfen. Aber cs soll leben. Ein wirkliches Leben. Nicht blos im philosophisch-sentimentalen Sinne. Das ist anderer Leute Sache, derjenigen, denen im Ghetto der Sinn fürs wirlliche Leben abhanden gekommen ist. Herzl ruft seinem Volke mit starker Stimme zu: 'Es lebe das Leben, während er den Nnrscntimcntalistcn seinen Standpunkt in den Worten klarlcgt: „Ich unterschätze die idealen und sentimentalen Beweggründe nicht, aber die materialistischen sind auch etwas ivert." Alles, tvoran Herzl seine 'starke Hand legte, trägt daher diesen gesunden Charakter. Alles zeugt von Leben, von wirklichem Leben, das sich im „Sichtbaren geltend macht". * « Das llgandaprojckt ist vom Kongresse angenommen. Doch die Wogen der Aufregung sind noch nicht geglättet. Der Sturm dauert fort. In den Kouloirs konnte man es den Einzelnen anmerken. Wie sie da hin- und her rennen mit gefalteter Stirn, hinhorchendem Ohre, in Zwic- und Selbstgespräche vertieft. Gang, Miene und Geste, alles, alles steht unter dem Eindrücke der nervenerregenden Debatte. Ich hörte in der Hitze des Gefechtes Worte fallen wie Durchbruch des Baseler Programms, Nachtasyl, Rachmonnszionismus. — — — — Alles bekannte Worte, die mir nichts sagten und meine Aufmerksamkeit wenig beschäftigten. Da höre ich auf einmal ein Wort „rücksichtslos". Die war mir ne», und ich paßte auf. Der Sprechende fährt fort, die Rücksichtslosigkeit unseres Führers zu definieren. Wie er den einen oder den anderen' aus dem Aktionskomitee, aus der Redaktion, der Bewegung scheiden läßt, weil er sich seinem Willen nicht fügt. Und nun die neue Ueberraschung Uganda. Wie er da seinen Entschluß nicht ändern lassen will, während die anderen ohnmächtig vor Aufregung daliegen: „Rücksichtslos". Dem armen Ankläger erging es wie weiland Bileam. Er ging aus um zu fluchen, und segnete. Rücksichtslosigkeit in dem Sinne, wie es Herzl ausübtc, ist keine Sünde mehr. Sie ist eine Tugend, eine unerläßliche für den Führer. Unschlüssigkcit, Kompromisse sind schlechte Berater für's Höhenleben. Sie sind das Produkt der Verzweiflung, der Degeneration, Züchter von Halbmenschen. Der zwischen Sein und Nichtsein schwankende Hamlet sagt: „Der angeborenen Farbe der Entschließung, Wird des Gedankens Blässe angekränkelt, Und Unternehmungen von Mark und Nachdruck, Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, Verlieren so der Handlung Namen." Das war die Tugend von gestern, der Alten, die entsagten und flennten. Herzl, der Mann der Zukunft mit dem . ausgeprägtesten Sinn für's Leben, der Apostel der jüdischen Regeneration, der auf sein Banner das Sein des jüdischen Volkes mit stolzen Lettern schrieb, er