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Neue jüdische Presse · 1907-07-05 · Heft 26 (5.7.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 26 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^ttrrtnßfntrfe* Istiklitislhks Imiiilirtblall. HlsdaKki-« «nd Hekchäfrsstekke: Srankkurt s. IN.» Lleichstraße 2, Scke vilbelerstraße v-r-f-« 10507. Hnairsgsvek: Kaks cheir. JnsertionSpreise: Die viergespaltene Petitzril«. « Psg. Die Reklamezeile. 100 ., Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: PreiL nach Neberrinkunft. i -— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis Pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— 4. ... ..... Freitag, den 22. Tamus 5667 (5. Juli 1907). 5. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Religion und Sittlichkeit. — Theodor Herzl. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Personalien. — Feuilleton: Tante Gute. — Wochen-Kalender. — Fa milien- Nachrichten. Religion und Sittlichkeit. Eine B e t r a ch t ung z u r G r uu b t c g n n q der Religionsphilosophic von Herm a nn Cohen. II. Nicht nur an die Verführer wendet sich Cohen, auch die Verführten werden an ihre sittliche Verirrung erinnert. „Es. ist die Tugend der Treue, welche sich in der Pietät für die angestammte Religion.zu betätigen hat. Für die angestammte; eine andere nämlich als die angestammte widerstreitet in vielfacher Hinsicht dem Grundbegriffe einer sittlichen Religion. — . . . Ein sittlicher Mensch, ein Kulturmensch, bleibt nach dem tiefen G o e t h e' s ch e n Wort „an dein stillen Orte", an dem er zur Welt gekommen ist. Er ist da zugleich in die sittliche Welt eingeboren worden. Denn echte Kulturmenschen beherzigen auch den Vordersatz eines Goethc'schen Spruches: „Frage nicht, durch welche Pforte du in Gottes Stadt gekonimeir". Wie gesagt: die Ermahnung, die Anklage — cs ist die praktische Aufgabe dieser Schrift, die an eine theoretische Auseinandersetzung geknüpft ist. * Das Judentum wird in der Moderne unter dem Deckmantel der „Wissenschaft", besonders der theologischen, bekämpft; richtiger: verfolgt. Es sind nreistens jene Theologen, die, ohne in den Geist des alten Testaments cingcdrimgen zu sein, in unbescheidenem liebereifer das Judentum hintanzusctzen suchen. Cohen hat bereits gelegentlich diese Sünder der theologischen Wissenschaft an den Pranger gestellt; nämlich inbezug auf das Gebot der Nächstenliebe, das die meisten christlichen Theologen aus denc neuen Testament zitieren und die Quelle dieses Gebots im alten Testament tendenziös verleugnen. In dieser Schrift jedoch läßt sich es Cohen angelegen sein, diese Theologen gründlich anfznklärcn, oder wenigstens über sie aufzuklären. . Cohen sagt hier: - „Mit gehässigen Nebenblicken und mit Witzeln irach der schlechten Mode des Tages, wie cs nrit wenigen Ausnahmen fast alle Alttestamentler in würdeloser Jnpietät heute betreiben, vermag man allerdings nicht in die Tiefen des Judentums einzudringen. Aber das eben ist das genreinsame Vorurteil, welches alle Kreise der christlichen Bildung verbindet: daß sic nicht darüber hinwegkommen können, das Judentum'für ein Rudiment des Atavis^-tH,. zu halten. So bleibt für diese theologische Geschichtsansicht das Judentum nichts anderes als eine Vorstufe des Christentums. M i t einer solchen historische n W a n d vor den Augen will man den G ei ft des alten Bundes erfasse n. U n d während das Judentum in innerem Wachstum diese nahezu z w c i t a n send Jahre f o r t l e b t, b i l d e t m a n s i ch g e g e n alle historische Methode ein, in a n könnte die Wurzel begreifen und bloste g e n, w e n n m a n s i e v o n d e in O r g a n i s - in ns l o s l ö st, i n dem ihr Lebe n f o r t b e - st eht. Es ist nur eine Uebersetzung jenes dogmatischen Begriffes der Vorstufe ins Praktische und Sittliche, ivas man unter dem barbarischen Ausdrucke des Antisemitismus verschleiert. Judenhaß ist nicht Menschenhaß, denn warum bleibt der Jude auf der Vorstufe des Menschentums?" Wie ivcnig man in das Verständnis des M onotheismns eingedrungen ist, meint Cohen an einer anderen Stelle, habe sich an dem Prioritätsstreit zivischcn Israel und Babylon gezeigt. „M i t e i.n e r durch d e n z e i t g em ä ß e n Judenhaß erklärlichen Naivität gibt man sich den Anschein ei n es hi st arischen Interesses, welches zu inaugurieren sei, w äh r e nd es s e i t l an g er Z e i t schon bei keinem Kundigen gefehlt hat. Selbst innerhalb der griechischen Mythenwelt hat man bei Dichtern und Philosophen die Keime des Monotheismus anerkannt. Aber nicht um den Unterschied derEinheitvon d e r M e h rh e i t handelt es sich, noch auch um den Unterschied, welchen etwa ein oberster und ein höchst er gegenüber dem Chorus der Götter -bildet; denn der echte geschichtliche Geist müßte daraufhin weiter fragen: »vorauf beruht denn aber dieser Unterschied der Einheit von der Mehrheit und von d e r U e b e r o r d n u n g, wenn anders er nicht der Gewohnheit des Zählens und des Ordnens entsprungen ist; wenn anders er in dem Begriffe der Gottheit einen sachlichen Unterschied bedeutet? Wenn aber die Frage so nicht gestellt wird, so wird sie nicht in wahrhaft geschichtlichem Geiste, sondern nur in schablonenhafter Entwicklnngstcchnik auf den Ursprung des Monotheismus gerichtet. Die Propheten Israels haben in dem Gedanken von der Einheit Gottes die Eigenart begründet. Daher dürfen sie im begrifflichen Sinne als die Urheber des Monotheismus bezeichnet werden." (S. 30—31.) * Es ist nicht nur eine Verteidigung des Judentums, die Cohen in dieser Schrift gegenüber den eingebürgerten Verleumdungen unternimmt; vielmehr gestaltet sie sich zu einer freimütigen Verherrlichung der jüdischen Sittenlehre. „Es ist eine Lüge der Verführung und der Selbstbeschönigung, daß die Kultur christlich sei. Man müßte dann sagen dürfen, daß die Wissenschaft christlich sei. Dann aber wären wir wieder beim Mittelalter angelangt, und das will sagen: wir müßten die Ro. 26. Wissenschaft in ihrer methodischen Souveränität abfchasfcn." iS. 71.) Dieses Vorurteil wird wohl auch dadurch genährt, daß der Staat nur die Kulturtendenzen der christlichen Kirche fördert. Jedoch, sagt Cohen, iverdcn auf Seiten des Judentums die sittlichen Kulturtendenzen immer deutlicher zur Ausprägung gebracht, so weit dies ohne eine Unterstützung seitens des Staates billigerwcise gefördert werden kann. „Es ist ein tiefer Schaden, daß das Judentum in seinen religiösen Körperschaften und in seinen rabbinischen Vertretungen die soziale Frage nicht als sein prophetisches Erbgut aufpflanzen kann, mährend Katholizismus und Protestantismus von diesem „praktischen Christentnme" eine beträchtliche Empfehlung genießen. Aber theoretisch, wie praktisch, lebt der prophetische Sozialismus in den nr e s s i a n i s ch c n Ideen und den f e stlichen Einrichtungen der Synagoge, io ie in der Weltmacht ihrer Armenpflege und ihrer Notwehr gegen die internationalen Vergehungen und Verbrechen an ihren Glaubensgenosse n." Und im Hinweis auf die historische und sittliche Stellung des Judentums richtet er die Forderung: Erhaltung des Judentums! Das Judentum, sagt Cohen, ist von einer historischen Ursprünglichkeit, in welcher esalle K u l t u r r c l i g i o n e n ü b c r t r i f f t. „Eine solche Urkraft kann nicht als ersetzbar scheinen. Das Ursprüngliche ist in allen Fragen kräftiger, einheitlicher, reiner als alles Abgeleitete. Das Judentum hat sich iu den Jahrtausenden erhalten. Ob cs sich iveiter erhalten wird, darüber haben wir nicht Vermutungen zu hegen. Die Gesinnungen und Bestrebungen, welche aus eine allmähliche Ausrottung gerichtet sind, kennzeichnen sich und richten sich somit selbst als Gegensatz zur Humanität. Aller Staatsweisheit und Geschichtsphilosophie dieser Art gegenüber fordern wir, daß es sich weiter erhalten muß; wir fordern dies aus der prinzipiellen Lage der religiösen Dinge heraus." * Warum aber „aus der prinzipiellen Lage der religiösen Tinge heraus" die Berechtigung dieser Forderung hcrnehmen, als ob sie von den jeweiligen Veränderungen des Zustandes, die doch im Begriff der Lage ausgesagt werden, abhängig sein dürfte. Ist nicht vielmehr das intimste Motiv dieser Forderung der Erhaltung des Judentums die Würde .der P e r s o n, m i t h i n e i n P o st u l a t d c r E h r e!*) Jacob b. Elijah.' *) Das soll ivohl fiir den nichtreligiösen und -nationalen Teil der Judenheit gedacht sein? §>. Redakt.

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