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Neue jüdische Presse · 1907-06-28 · Heft 25 (28.6.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 25 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Säte io. TranHurter Jsraüitistzer FamürenblaU. Justiz im Falle einer endgiltigen Urteilsprechung auf sich laden würde, da ja tatsächlich alle angeblichen Beweise gegen den Angeklagten so kraftlos und so wenig stichhaltig waren, daß cs jedem gerechten Menschen klar ist, cs müsse sich in diesem Prozesse mindestens um einen Justizirrtum handeln. Das neuerliche Verfahren vor dem Schwurgerichte in Pisek verurteilte jedoch. Leopold Hilsner, beeinflußt durch unglaubliche antisemitische Agitationen und Hetzen, neuerdings wegen der ihm zur Last gelegten Mordtaten zum Tode. Ein Sturm der Entrüstung erhob sich von allen Seiten gegen das gefällte, aller objektiven, modernen Justiz spottende Urteil. Aber alles blieb erfolglos. Erfolglos die von Dr. Nußbaum publizierte Studie über den Hilsnerprozeß, erfolglos die Aktionen des Wiener Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Friedrich Elbogen, erfolglos die zahlreichen Interpellationen im österreichischen Abgeordnetenhause. Die Beweise für die Unschuld Hilsners wurden übergangen, die Interpellationen wurden ganz einfach nicht beantwortet. Jetzt aber ist cs an der Zeit, wieder einmal ein Wörtlein in dieser Sache zu sprechen, jetzt ist der Augenblick gekommen, wo unsere jüdischen Abgeordneten die Pflicht haben, zu sprechen, um einen Unglücklichen, einen Unschuldigen von fürchterlichen Beschuldigungen reinzuwaschen, jetzt oder nie. Und wir hoffen, daß diese Aktion, die aus die neuerliche Revision des Prozesses abzielt, auch von Erfolg begleitet sein wird, da sich ja hoffentlich im neuen, fortschrittlichen Parlamente eine genügende Anzahl vorurteilsfreier Männer finden wird, welche diesen schweren Fehler schon vom Standpunkte der Gerechtigkeit aus sühnen helfen werden. Vom jüdischen Klub wird bereit in nächster Zeit eine energische Aktion in dieser Sache eingeleitet werden. Die Woche. „Ad schelau schokoh Schimscho schel „Jawne" vlsoh Schimscho schel Pumpedita", noch bevor die Sonne in Jawne untergegangen war, ging die Sonne in Pumpedita auf. Dieser talmudische Spruch birgt eine große Wahrheit in sich und muß als eines der Hauptmerkmale unserer Geschichte angesehen werden. Eine traurige Fügung des jüdischen Volkes von Anbeginn seines Auftretens auf der Weltarena wollte, daß cs ihm beschieden sei, bald hier, bald dort eine Burg nach der andern in Trümmern gehen zu sehen. Bald war es Spanien, bald Frankreich, Deutschland, jetzt ist es Rußland, die noch einzig stehende jüdische Burg, die zur Ruine zu werden beginnt. Müßte man nicht angesichts dessen verzweifeln? Doch siehe! Der Gott Ahasvers schlummert nicht, die Rettung ist da! „Ad'schelau schokoh Schimscho schel Jawne solcho Schimscho schel Pumpedita". In Deutschland erhob sich 'tine feste Burg, noch bevor die jüdische Feste Frankreichs in Trümmer ging; in Polen, Rußland erhob sich eine feste Burg, noch bevor die Feste in Deutschland zertrümmert wurde. — Und jetzt? Mit der Thora in Rußland geht es bergab, die Jugend — die Ecksteine, das Fundament eines zu erbauenden Gebäudes der Zukunft — ist angekränkelt, sie irrt, sie wandelt in schiefen Bahnen; — da sangen die Zeichen der herannahenben Morgenröte an, immer stärker sich bemerkbar zu machen, die Sonne ist eben un Begriff, von Osten her «zu kommen und siehe! Nicht vom Osten der Diaspora, wo die Sonne immer düster und bewölkt scheint, kommt sie her, sondern vom Osten der Heimat, dort wo die Zeder blüht und des Jordans Quelle fließt. ist Zion, unsere Hoffnung, Zion, das verlassene und verödete, das jetzt zum neuen Leben erwacht, und die in der Wanderschaft sich'befindenden verriebenen «Kinder fangen jetzt an, sich nach langem schweren Golus zu sammeln; sie beginnen ihre Schritte nach der.alten. verlassenen Heimat zu lenken, und siehe! sie führen auch ihre heiligen Tafeln, für die sie gelitten und geblutet haben, mit sich —. Es ist nicht lange her, daß sich neues Leben in Palästina zu regen begann. Zu dem bereits seit Jahren gepflegten Ackerbau kommt jetzt allmählich Industrie hinzu, so ist eine Maschinenfabrik in Jaffa begründet worden, außerdem wird der Seifenfabrikation und Olivenölgewinnung immer mehr .Aufrnerksamkeit geschenkt. Eine Anzahl bemittelter russischer Juden ist nach Palästina.gezogen, und noch mancher ist im Begriff, es ihnen nachzumachcu. Auch entfaltet die Kunst eine intensive Entwicklung, und Hand in Hand damit ist auch das Schulwesen in steigender Entwicklung begriffen. So ist sogar ein hebräisches Gymnasium ins Leben getreten, 3 Klassen sind bereits eröffnet. Wir werden noch Gelegenheit nehmen, aus dieses Gymnasium des nähern einzugehen. Summa sumarum ist der Gang der Entwicklung ein sehr erfreulicher. Es ist jetzt Sache der zionistischen Leitung, diese Entwicklung kräftig zu fördern. Doch auf eins möchten wir aufmerksam machen und zwar auf das traditionelle Moment! Besonders in den öffentlichen Anstalten darf die Tradition in keiner Weise verletzt werden, denn abgesehen davon, daß widrigenfalls die Sache viel an Sympathie einbüßru wird, so bietet doch das Nationale allein keine genügende Garantien für die Er - Haltung des Judentum, und es darf auch nicht vergessen werden, daß beim Judentum die Grenzen des Religiösen in Nationalem münden und inan schwerlich die beiden engverwachsenen Elemente des Judentum von einander trennen kann, ohne daß ein jedes von ihnen Schaden nimmt. Es muß beizeiten dafür Sorge getragen werden, daß die jetzt wieder nach Palästina hinziehenden Tafeln keine „Schiwrei-Luchaus", keine zerbrochenen Tafeln werden... Personalien. Berlin. Geh Medizinalrat Dr Emanuel Mendel, außerordentl. Professor für Psychiatrie an der hiepgen Universität, ist im Alter von 68 Jahren gestorben. Mendel war in Bunzlau geboren, studierte in Breslau. Berlin und Wien und promovierte 1860. Bald darauf übernahm er die Leitung ejner größeren Irrenanstalt in Pankow, habilierte sich 1873 in Berlin und wurde 1884 Professor. Seine Hauptwerke sind: „Progressive Paralyse der Irren", „Die Manie" und „Die Geisteskranken in dem Entwurf des Bürgerliche» Gesetzbuches für das Deutsche Reich". Ferner bearbeitete Mendel den größten Teil der Psychiatrie in der Eulenburgschen Realencyklopädie, 'sowie einen Teil derselben in dem Tukeschen Sammelwerk; auch die Abteilung Psychiatrie in dem Ebswin-Schwalbeschen „Handbuch der praktischen Medizin" stainmt von ihm. Mendel publizierte außerdem viel in ärztlichen Zeitschriften und redigierte das von ihm begründete Neurologische Zentralblatt. Er war Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Aerztekammer und ist auch' sozialpolitisch in.der Kvmmunalverwaltuug mit Erfolg tätig gewesen. Auch an jüdischen Angelegenheiten hat der Verstorbene sich lebhaft beteiligt; so gehörte er dem Ausschuß des „Zcntralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" und dem Zentralkomitee des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" an. Berlin. Schriftsteller Gustav Kadelburg erhielt das Ritterkreuz I. Klasse des Württemberg. Friedrichs-Ordens. Bon«. Der außerordentliche Professor für indogermanische Sprachwissenschaft und slavische Philologie Dr. Felix Solmsen wurde zum ordentl. Professor befördert. München. Justizrat Jakob Gotthelf, der Nestor der bahr. Advokaten, ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Gotthelf, in Klein-Nördlingen geboren, hat sich politisch lebhaft betätigt. Er war der erste, der nach dem Kriege 1866 den Mut fand — es war in einer Münchener Volksversammlung — für den politischen Anschluß Bayerns an Preußen mit Entschiedenheit einzutreten. Er hat auch eine zeitlang den „Bahr. Eilboten" redigiert, als dessen Redakteur er wegen Beleidiguing des Bundestages vor das Schwurgericht gestellt, nach glänzender Selbstverteidigung aber sreigesprochen wurde. Bromberg. Eine geborene Brombergerin, Frl. Er na David hat in Freiburg im Breisgau ihre Snedizinis.che Staatsprüfung mit gutem Erfolg bestanden. - (f.) Posen, 24. Juni. Aus eine gräßliche Weise ist der Kaufmann Abraham Leszczjnski in Koni» nms Leben gekommen. - .Derselbe weilte auf Nr. 25 dem Felde, als plötzlich ein Schuß krachte und ihn zu Boden streckte. Der Täter konnte bis jetzt nicht ermittelt werden. — Ein braver und biederer Mann ist gestern in Berlin zu Grabe getragen worden. Herr Hermann Nadt, früher in Wreschen wohnhaft, stand in großem Ansehen und bekleidete viele Ehrenämter. Bis zu seiner Uebersiedelung ist derselbe Mitglied des Gemeindevorstandes gewesen. — Pforzheim. Privatier August Oppenheim wurde in den Shnagogenrat gewählt. Wien. Baron Schey ist in das Herrenhaus berufen 'worden. Wien. Der am 16. Juni vollzogene Pairsschub verschafft auch einem Juden die Würde eines lebenslänglichen Herrenhausmitgliedes: dem liniversitätsprofessor Hosrat Dr. Josef Schey Freiherrn von Koromla. Hofrat Schey ist im Jahre 1853 geboren und entstammt der bekannten Bankierssamilie Schey. Als Professor des österreichischen Zivilrechtes wirkt er seit dem Jahre 1897 an der Wiener Universität und gehört zu den hervorragendsten Lehrern der juristischen Fakultät. Einen deutlichen Beweis seiner wissenschaftlichen Bedeutung liefert die Tatsache, daß er vom Ministerpräsidenten Koerber in die Kommission berufen wurde, welche zur Kodifikation des bürgerlichen Gesetzbuches eingesetzt wurde und der die Koryphäen der österreichischen Rechtswissenschaft angehören. Prag, 23. Juni. Am 21. Juni starb hier der Juwelier Herr Hermann Jnwald. Durch sein biederes Wesen, wie seine opferwillige Mühewaltung im Dienste humanitärer und gemeinnütziger Anstalten, hat er sich' die Achtung und' Verehrung der ganzen jüdischen Gemeinde und auch weiter nichtjüdischer Kreise erworben. Die Vereine, deren Leitung er angehörte— er war Obmannstellvertreter der Israel. Becrdigungsbrüderschaft Chewra Kadischa, Obmann des Krankenunterstützungsvereins Derech Jeschara Maskil el Dol, Obmann der ehemaligen Zigeunersynagoge, Vorstandsmitglied des Jsr. Fortbildungsverrins, Vizepräsident des Kuratoriums des Vereins zur Gründung und Erhaltung eines. jüdischen Museums in Prag — erleiden durch seinen Tod einen schwer zu ersetzenden Verlust. Die allgemeine Sympathie, deren er sich erfreute, äußerte sich bei dem heute unter ganz außerordentlicher Beteiligung stattgefundenen Leichenbegängnisse. Der israelitische Badhof war lange vor der angesetzten Zeit überfüllt. Alle jüdischen Korporationen, sowie sämtliche Rabbiner Prags und der. Vororte waren erschienen. Im Badhofe sprach Oberrabbiner Dr. Ehrenseld einige allgemeine Worte des Gedenkens.. In der Zeremonienhalle nahm Rabb. Dr. A. Deutsch in ergreifenden Worten Abschied von dem langjährigen Freunde. Am offenen Grab sprach der Obmann der 4cerdiguugsbrüderschaft, David Liebe it, namens seiner Kollegen, in seinem Nachruf hob er besonders die gr.'.ßen Opfer hervor, welche der Verstorbene der Ehewra gebracht, seine eiserne Energie, mit welcher er die althergebrachten Bräuche gegen alle Neuerungsversuche zu schützen wußte, endlich seine Fürsorge für das Personal der Chewra. Znm Schluß sprach noch Juwelier Liebers für das Goldarbeitergremium. Hegh-MäÄ (Ungarn). Kreisarzt Dr. Jgyaz Blaöberger, ein streng rituell lebendes Mitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde, erhielt das goldene Verdienstkrenz mit der Krone. Boston (Amerika). Abraham K. Cohen ist zum Richter des 'Distrikts-Gerichtshofes des Staates Massachusetts gewählt worden. Das Amt ist ein lebenslängliches, und Cohen ist der erste Jude, dem diese Ehre zuteil wurde. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M.» 27. Juni. Die hiesige Orts, gruppe hielt gestern Abend eine von etwa 80 Perjonen besuchte Sitzung ab. Herr Dr. I.. Feucht - w a n g e r referierte über die Aufgaben des 8. Kongresses. Da man innerhalb des Zionismus heute darüber einig ist, daß der Zionismus die Bedingungen für eine energische Kolonisation. Palästinas .schaffen muß, da aber auch selbst der rechte Flügel der Zione-Zionisten die diplomatische Arbeit des Aktionskomitees aufrecht erhalten wissen will, so hofft Redner, daß der 8. Kongreß dieselbe harmonische Einmütigkeit zeige, wie sie einst der erste Kongreß gezeigt hat. In der nun folgenden Delegiertenwahl wurde» gewählt: Dr. Jackob Feuchtwanger, Jakob S. Posen und Fritz Sondheimer als Delegierte und S a l y Geis, I. -jö. Goitein und Dr. Siegfried Schwarzschild als Ersatz- Delegierte. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Zentralverein dcntfcher Staatsbürger jüd. Glaubens hatte zwecks Gründung, einer Ortsgruppe auf Montag abend eine Versammlung nach der Frankfurt-Loge.ein« berufen. Das Referat hatte Dr^ med. Pariser-:

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