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Neue jüdische Presse · 1907-06-28 · Heft 25 (28.6.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 25 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 25 des Franksmter Israelitischen FamÜienblattes. Jit dem mit der nächsten Nummer ücginnenden 3. Quartal werden unter anderem folgende Arbeiten erscheinen: „Moses Heß", von „Professor Dr. Ernst Müller-Wien"; „Das Judentum in Frankreich", von „Professor Dr. W. Slouzsch-Paris"; „Religion und Sittlichkeit, eine Betrachtung zur Grundlegung der Religionsphilosophie von Hermann Cohen" von „Dr. Jakob Klatzkin-Bcrlin": „Jüdische Religionsphilosophie", eine größere Artikelseric, verfaßt von „Dr. Jakob Klatzkin-Berlin"; weitere Artikel ans erster Feder über das berühmte . Geschichtswerk „Doroth harischonim".' Wir haben ferner mehrere „spannende Erzählungen" erworben, die zum Abdruck gelangen. Inhalt der Beilage: Artikel: Schalom Asch's Drama. — Der »Hilsner"-Prozeß. — Die Woche. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Wochen-Kalender. — Kunst und Literatur. Schalom Asch's Drama. (Schluß.) Es liegt uns fern,, uns mit den assimilatorischen Zionsfeinden von links und rechts auseinander zu setzen; für Leute, die in gewissenloser Weise die Wahrheit absichtlich entstellen, nützt keine Aufklärung; doch den aufrichtigen Hasen, die sich von Hetzern ins Bockshorn jagen lassen, wollen wir Halt zurufen! Ein Stück, das von der Tragödie eines tief sittlichen Volkes, das gegen seinen Willen in die Unzucht gestoßen wird, erzählt, kann unmöglich „Rischus" machen. „Die Welt erfährt von jüdischer Unzucht", lächerlich! Die Welt hat es schon längst erfahren, sie erfuhr und kennt bloße Tatsachen, da soll sie eben auch etwas von den Ursachen erfahren. Die Welt weiß von jüdischer Unzucht, in Wirklichkeit aber weiß sie nichts; sie soll und muß einen jüdischen Unzüchtigen kennen lernen, daniit sie dieses Volk achten lernt! Der jüdische Bordellwirt Jankel kann in der christlichen Welt nur das Gefühl des Mitleids Hervorrusen, und hat man einmal Jemanden zu bemitleiden gelernt, dann läßt man sich auch bisweilen zu seiner Hilfe bewegen. . . Und noch mehr! Wir gestehen es offen, daß uns auch der umgekehrte Fall nicht bange machen könnte. Es ist eine Tatsache, daß Jankel sich weit von seinen Standesgenossen abhebt — die macht uns Ehre! — doch wäre auch dem nicht so, so ist es noch lange kein Unglück, denn warum müssen gerade wir besser als alle Welt sein?! Freilich gebietet uns unsere Thora, ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk zu sein; das jüdische Volk hat dieses Gebot willig übernommen, unser Streben ging auch von jeher dahin, rein und hoch da zu stehen. Aber das tun wir nur um unserer Sittlichkeit willen — weil wir nicht anders können — nicht aber Risches halber, etwa um unsere Existenzberechtigung dadurch zu dokumentieren; unser Dasein ist auf Grund unseres Seins und auf Grund der Tatsache, daß wir nicht schlechter als andere sind, berechtigt. Doch Ihr macht, indem Ihr unsere Existenzberechtigung auf unsere sittliche und geistige Ueberlegenheit aufbaut, den denkbar größten Rischus. Ihr bekundet selbst, daß das Daseinsrecht des jüdischen Volkes nur ein bedingtes sein kanndaß es zweierlei Maß für die Daseinsberechtigung gibt, während alle anderen Nationen auch Schlechte in ihrer Mitte haben dürfen, muß die jüdische Nation nur Gute besitzen, sonst geht sie ihres Daseinsrechts verlustig. Das ist ein dummes und gefährliches Gebahren. ... Nun entrüstet man sich auch über die Entweihung' der Thora, indem man sie als bloße Dekoration auf die Bühne bringt, „die dreimal gebenedeite", so heißt es mit Entrüstung, „als schaler Theatercoup." Als schaler Theatercoup? Keineswegs! diejenigen, die die wenigen Stichproben des Inhalts in diesen Blättern gelesen haben, werden ermessen können, was die Thora bei dein Sohne eines Pferdediebes, der noch dazu Bordellwirt ist, wert ist, wie. groß seine Ehrfurcht vor ihr und wie stark seine Anhänglichkeit an sie ist. Dieses vor allem 511 zeigen, ist eher ein „Kiddusch" als ein „Chillul Haschem". Und uns dünkt, daß man mit der „Brocho" eines Wucherers oder anderer Gesetzesverletzer über der Thora eine größere Entweihung der Thora begeht, als durch das Erscheinen der Thora in einer ähnlichen Rolle auf der Bühne. „Die Thora als schaler Theatercoup!" Allein, warum ist es noch niemanden bis dato eingefallen, sich darüber zu entrüsten, daß man antisemitischen Bischöfen oder blutrünstigen Satrapen mit der Thora in der Hand unterm freien Himmel si'eiwillig entgegengeht! Uns ist nur ein einziger Fall bekannt, wo man sich über einen solchen Enipfang entrüstete, es war der Empfang eines lauteren, begeisterten Nationaljuden, cs war, als der Rabbi Schlaume Hakauhen zu Wilna tzerzl auf seiner Reise zu Plewe, für seine unglücklichen Brüder um eine Erleichterung zu bitten, mit einer Thora in der Hand entgegenging. Doch das Maß der Sünden Schalom Asch's ist noch lange nicht voll, noch eine Sünde — und zwar die allerschwerste — kommt noch hinzu: der Name des Stückes „Der Gott der Rache". Von jeher, besonders seit der Zeit der Emanzipation, war man jüdischerseits daran gewöhnt, die Barmherzigkeit der Thora hervorzukehren. Seitens der Christenheit und Judenheit suchte man sich ans diesem Gebiete förmlich zu überbicten, man konnte sich nicht genug darin tun; nun kommt ein polnischer Jude und unternimmt eine Umwertung aller Werte, indem er das strafende, das vergeltende Moment hervorkehrt. Also, nicht den „El rachum", sondern den „El kano" hob er auf seinen Schild! Ist das nicht empörend, dem Christentum den Vorrang zuzugestehen?! . . . Und doch ist unser Gott als Gott der Gerechtigkeit zu bezeichnen und als gerechter Gott muß die gerechte Vergeltung als eine seiner Tugenden angesehen werden. Die unvernünftige Barmherzigkeit kann bisweilen unmoralisch werden. . . Das Judentum kennt nur eine Barmherzigkeit, die vernünftige Schranken inne hält; so ist unser Gott und so gibt er sich uns („Onauchi haschem elaukecho el kano pauked Awaua usw.), und wir haben es nicht nötig, ihn zu verschönern . . Diejenige, die die Schwächen ihres Gottes empfinden, mögen es versuchen; der mächtige Gott Israels bedarf es nicht. . . . Und noch eines: Die Assimilation war und ist noch bestrebt, das Gemeinschaftliche zwischen Mutter- und Tochter-Religion hervorzukehren; — der Zweck ist klar ... die Folgen kennt alle Welt . . . Wir aber, die die Taufe nicht als Endziel des Judentums ansehen, brauchen den Assimilanten nicht nachzumachen. Wir sind mit unseren Betrachtungen zu Ende. Von einer Behandlung der künstlerischen Sette des Stückes wollen wir absehen, da wir schon ohne dies zu wett ausgeholt haben; doch wollen wir noch auf eins eingehen: Es ist die Frage aufgeworfen worden: Sollen wir unsere erwachsenen Kinder zu solchen Stücken in's Theater schicken? Wir können diese Frage nur bejahen. Solche Stücke wirken nur versittlichend! Der entsetzliche Schmutz einerseits und die große Tragik des Vaters andererseits wirken erzieherisch. Verheimlichung und Vorenthaltung erzielen stets das Entgegengesetzte. . . 8—n. Der „HUsuer"-Prozetz. (Alfred Grünspann.) Der jüdische Klub wird im neuen Parlamente einen schweren Stand haben, denn er wird nicht nur gegen äußere Feinde, gegen die noch immer stärkste parlamentarische Partei, die der Antisemiten, zu kämpfen haben, sondern auch gegen die jüdisch-assimilatorischen Abgeordneten. Und doch, so hoffe ich. wird es manches einigende Moment geben, das alle jüdischen Abgeordneten, deren wir im jetzigen Parlamente 17 zählen, zu gleicher Energie und Einigkett zusannnenschließen wird. So wird es vor allem dringend die Aufgabe sämtlicher jüdischer dlbgeordneten sein, eine energische Aktion gegen den schweren Justizirrtum, der seinerzeit an dem unschuldigen Leopold Hllsner begangen wurde, einzuleiten. Leopold Hilsner, der wegen Ermordung der Agnes Kruza und der Marie Klima verurteilt wurde, schmachtet nun schon acht Jahre im Kerker, ohne daß es den zahlreichen Bemühungen einiger ehrlicher, überzeugungstreuer Männer gelungen tväre, eine neuerliche Revision des Prozesses durchzusetzen. Die schweren Justizfehler aber, die im Falle Kruza gleich zu Beginn der strafgerichtlichen Untersuchung begangen wurden, das mangelhafte, unklare Gutachten der Aerzte. die nicht im geringsten bewiesene Identität des im Oktober in der Nähe Polnas aufgefundenen Leichnams mit der seit Juli desselben Jahres abgängigen Marie Klima und schließlich der Umstand, der ja am meisten in's Gewicht fallt, daß Leopold Hilsner der Tat überhaupt nicht überführt werden konnte, dies alles sollte, möchte man glauben, genügen, um eine neuerliche Revision des Prozesses zu erwirken. Aber weit gefehlt. Die von dem Professor an der Prager Universität, Dr. Masaryk, edierte Broschüre („Die Notwendigkeit der. Revision des Polnacr Prozesses"), welche den Hilsnerprozeß einer sachlichen Krittk unterzog und eine Neuaufnahme des Strafverfahrens forderte, wurde gleich nach ihrem Erscheinen von der k. k. Staatsanwaltschaft in Prag konsisziert. Eine gegen die Konfiskation dieser Broschüre eingebrachte Interpellation im österreichischen Parlamente seitens einer Reihe von Abgeordneten an den Leiter des k. k. Justizministeriums blieb — unbeantwortet. Erst int Jahre 1900 wurde dieses Urteil vom obersten Kassationshofe in Wien aufgehoben und die neuerliche Untersuchung der Strafsache angcordnet, nachdem Abgeordneter Dr. Sttaucher an den damaligen Justizminister eine energische Interpellation gerichtet hatte, in der er insbesondere die aufreizenden, unerhört frechen antisemitischen Lügen des damaligen Reichsratsabgeordneten Ernst: Schneider, von dem das neue Parlament glücklich befreit ist, ad absurdum führte und in der er ans die große Verantwortung hinwies, welche die

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