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Neue jüdische Presse · 1907-06-28 · Heft 25 (28.6.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 25 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gelte L j3cn. Wo und wie soll er noch Einheit für sein Gemüt und selbst für seinen G e i st suchen können, wenn e r s o von ihrer natürlichen Wurzel sich abgelöst hat? Es ist nicht von ungefähr, daß die konvertierten Juden die schlimmsten Verfechter der protestantischen Orthodoxie und der politischen Reaktion überhaupt werden. Und kein Geringerer als R i t s ch l hat an zwei Stellen seines dogmatischen Hauptiverkes an dem Beispiel Philipps, des Vorkämpfers der Rostocker protestantischen Orthodoxie, auf diese historische Denkwürdigkeit hingewiesen. Es kann nicht Wunder nehmen, daß in aller subjektiver Aufrichtigkeit solche Verhärtungen sich einstellen müssen, wo man den Grund des einheitlichen Bewußtseins gewaltsam zerstört hat. .... Nun bedenke man ferner die ungeheuerliche Konrplikation von Vergehungen, die von Staatswegen durch die Verlockung zur Taufe an den Juden begangen wird. Wären es nur Geldmittel, mit denen hierbei gewuchert wird, so wäre der Schaden immerhin geringer. Aber der irdische Lohn, der hier auf den Glaubenswechsel gesetzt wird, betrifft auch nicht einmal etwa allein die Ehrenstellen, auf deren verschiedentliche Gipfel man auch noch verzichten könnte; sondern es gilt hierbei auch in vielen Fällen den Lebensberuf. Das ist der wundeste Punkt in dieser ganzen Methode der Vergewaltignng. Vom Kindesalter nagt die Sorge an dem jüdischen Herzen, ob diejenige Richtung eingeschlagen werden darf, zu welcher Anlage und Neigung hinlenken. Es wird der innere Kern des Lebens von dieser Gefahr des Glaubenswechsels bedroht. Daß andererseits Leichtsinn und absoluter Weltsinn auf Seiten der Juden dieser Verführung; entgegenkommen, braucht hier nicht näher beachtet zu werden, wo es sich nur um die prinzipielle Ueberlegung handelt. . . . Wenn daher der patriotische Mitbewerb an den Staatsänrtern in offenkundigem Cynismus an den Glaubenswechsel gebunden wird, so ist es eine dreifache Verfälschung einer sittlichen Pflicht, der man sich schuldig macht: man entehrt die Religion, das Vaterlandsgefnhl und den Staat." So lautet die schwerwiegende Anklage, die Cohen gegen Volk und Staat richtet. In jedem seiner Worte, dieser tieferlebten Entrüstnng, fühlt man den Hauch eines freien, großen Mannes, eines freien, großen Juden. Berlin. Jacob b. E l i j a h. Schalom Asch's Drama. (Fortsetzung.) „Das Treiben eines Freudenhauses ist ein gemeinschaftlicher Morast aller Völker, und es könnte niemand außer den polnischen Juden einfallen, diesen Schmutz auf die Bühne zu bringen. "So die Ansicht einer antiseniitischen Zeitung. Allein so sprechen nur bösartige Heuchler. Schalom Asch war weit entfernt davon, den Schlamm eines Freudenhauses der Welt zeigen zu wollen ,denn ein solches Unterfangen hätte notwendigerweise scheitern müssen. Wenn dieses Thema von keinem seiner Vorgänger für die Bühne behandelt wurde, ist es lediglich darauf zurückznführen, daß geschäftsmäßige Unzucht einesFreudenh aus eskeineHandlung zur Aufführung bietet. Das Treiben des Freudenhauses selbst tritt auch in Asch's Stück in den Hintergrund. Schalom Asch war von der Tragik, eines Mannes ergriffen, der, in seineni innersten Wesen tief sittlich seiend^ aus Not in einen Sumpf hineingeraten, verzweifelt kämpft, aus dem Sunrpf hinauszukommen und diesem Kanipfe doch unterliegt, da die Verhältnisse stärker als sei» Wille sind. Die Tragödie eines Mannes, der aus Verzweiflung vor der ihm ohne fein Verschulden grausam angetanen Unbill gegen seine Natur zum rachgierigen Tier herabgewürdigt wird, hat uns Shakespeare in Shylock — beabsichtigt oder unbeabsichtigt — gezeigt; die Tragödie eines sittlichen Mannes, der gegen seinen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Willen dazu degradiert ist, mit der Unzucht zu handeln, hat uns Asch in Jankel zeigen wollen. „Warum mußte es gerade ein Jude sein?" — „Was geht denn hier eigentlich vor, was an sich nicht ebenso gut in Deutschland wie in Polen, in einer christlichen >vie jüdischen Familie hätte passieren können!" Warum? — Ich weiß nicht, ob diese lächerliche Frage Dummheit und arniseligem Unverstand oder — was noch schlimmer — böswilliger, frömmelnder Heuchelei zugeschrieben werden darf. Warum? Sehr einfach: Der Nichtjud e, der sittlich ist und sittlich bleiben will, wird nicht in die Lage versetzt, ein solches Geschäft betreiben zu müssen; stehen doch für ihn alle Wege offen. Der aber ein -solches Geschäft betreibt, lacht vor der Sittlichkeit, für den existiert die Moral überhaupt nicht. Und der Jude? Weh ob dem „Ganj kodausch", daß es so um ihn bestellt sein muß! Geht aus Eurem engen Kreis des Wohlbehagens hinaus, seht nach Euern unglücklichen, durch unsägliche Not verkommenden Brüdern, so werdet Ihr erfahren, wie es um den Juden bestellt ist! — — — Warschau ist nur eine der vielen Städte, wo Inden wohnen, und Ihr findet dort jüdische Prostituierte in die Tausende. Es ist nicht lange her, seitdem die russische Regierung das Monopol für Branntwein, das sich ftüher vielfach in jüdischen Händen befand, einführte — und siehe! die Zahl der jüdischen Prostituierten in jener Stadt hat sich in einem Jahre um das doppelte vermehrt! „Warum mußte es gerade ein Jude sein?" — Ich gestehe es offen, daß nnr Jankel noch immer lieber ist als ein Wucherer, der hunderte von Existenzen mit kaltem Blute vernichtet hat und sich dabei auf Grund seines erwucherten Geldsackes über rechtschaffene, aber arme Brüder erhaben dünkt und sich womöglich noch die Führerschaft seiner Gemeinde erkaufte. Jankel steht verachtet in den Augen anderer und auch selbst in seinen Augen da, ihnr wird also niemand nachmachen wollen; anders aber der Wucherer. „Hätte ein Christ dieses Stück geschrieben," — so könnten wir uns beruhigen, man würde es als etwas Antisemitisches hingestellt haben. Doch wehe! der Verfasser ist ein polnischer I u d e, sogar ein nationaler Jude, der die Verhältnisse genau kennt und sein Volk über alles liebt, da geht es doch nicht an, der Welt einreden zu wollen, daß das Stück nnr als antisemitische Mache anznsehen sei. Die Sache ist also wahr und „die Christen" — zum Unglück — trotz zahlreicher Judaismen verstehen es" . .. Eines der jammernden Klageweiber behauptete sogar, „dieses Stück ist für Christen g eschriebe n" — und diese Behauptung rührt von einem Geisteshelden von Gottesgnaden, von einer angehenden Größe. . . wie sollte sie also bezweifelt werden — und wenn die Herren Christen das für sie geschriebene Stück verstehen, dann niacht es Rischns. . . . Also was tun, was anfangen?! Man sieht, der Schrecken dieser hasenfühlerischen Nebbich-Juden ist begreiflich; da kommen die intransigenten Demagogen hinterher und versuchen diese von Angst getragene Stimmung für ihre Zwecke auszunützen. Der Verfasser ist ein Nationaljnde, demnach macht -das Nationaljndentum Rischns, und so muß das 'Grundübel weggeschasst werden, denn wenn das Nationaljudentum so viel Unglück stiftet, noch bevor wir Land und Staat besitzen „wie müßte das erst gar noch sein, wenn lvir nun wirllich Land und Staat besäßen!" (Schluß in der Beilage). Aus öfter Welt. Deutsches Reich. Berit«. Ein Denkmal für Professor Mendel. Die Gemeinde Pankow hat, wie verlautet, beschlossen, ihreni dahingeschiedenen Mtbürger Professor Mendel in dem schönsten Teil des - Nr. 25. neuen Gemeindebürgerparks — für dessen Erwerb er aufs eifrigste eiagetreten war — ein Denkmal zu errichten. Es soll schon in nächster Zeit zu diesem Zwecke ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. Das Denkmal, dessen Kosten die Gemeinde jedenfalls allein tragen wird, soll den Gelehrten möglichst in ganzer Figur darstellen. Berlin'. Ueber den vom Hilfsverein der deutschen Juden unterhaltenen Kindergarten in Haifa (Palästina), der im April dieses Jahres eröffnet wurde, ist ein interessanter Bericht eingegangen, dem wir folgendes entnehmen: Zur Zeit besuchen den Kindergarten bereits 44 Zöglinge. Es haben sich iwch viele Kinder zur Ansnahme gemeldet, die aber augenblicklich wegen Haut- und Angen-Krankheiten nicht zugelassen werden kennten. Die Kinder — im Alter von 3 bis 6 Jahren stehend — werden in 2 (Abteilungen von>2 Lehrerinnen unterrichtet. Die erste Abteilung zählt 30 Zöglinge, die zweite 14. Davon sind 31 (15 Knaben und 10 Mädchen, Sephardim und 13 (8 Knaben und 5 Mädchens Aschkenafim. Die sephardische Genieinde^ip in Haifa in starkem Uebergewicht, sie zählt 1300 Seelen, während die Aschkenafim nur 300 Seelen zählen. Die Mehrzahl der Einwohner Haifa's ist sehr arm, das Schulgeld muß daher sehr niedrig bemessen werden. Besonders bemerkenswert in Anbetracht oer palästinensischen Verhältnisse ist im Verhältnis zu den Mädchen der große Prozentsatz Knaben, die rn den Kindergarten, statt wie bisher üblich, in den Cheder geschickt werden, der, abgesehen von allen anderen Momenten, besonders in sanitärer Hinsicht zu den ernstesten Bedenken Anlaß gibt. Damit beginnt eine gesunde, moderne Entwickelung der Kinderfürsorge und Kindererziehung in Palästina sich siegreich Bahn zu brechen. Das Fundament für diese sehr erfreuliche Entwickelung bietet der Kindergarten*), dessen Werk alsdann durch die Schulen und andere höhere 'Anstalten eine Fortsetzung erfährt. Ans dem Berichte seien noch folgende Bemerkungen hervorgehoben, die belveisen, in wie hohem Maße die Bevölkerung des Ortes selbst die segensreiche Wirksamkeit, die der Kindergarten ausübt, zu schätzen weiß Wir können uns schon über den guten Einfluß des Kindergartens freuen. Die jungen Zöglinge, welche ihres Ge'undheitszustandes wegen nicht anfgenominen worden sind, wollen nicht mehr in den Cheder geben. Diejenigen, welche den Kindergarten besuchen, wollen nicht mehr zu Hause bleiben; sie erwarten; des Morgens den -Schuldiener mit Ungeduld, um mit ihm in die Schule zu gehen. Wir sreuen uns, zu sehen, wie die Zöglinge von zarter Jugend an schon gelehrt weroen, sich reist zu kleiden, sich anständig beim Essen zu verhalten usw. Wenn die Kinder einmal groß geworden sind und gute Juden und anständige Menschen sein werden, so werden sie dies dem Hilfsverein der Deutschen Juden zu danken haben. Wir hatten bis jetzt mehrere Besuche, darunter auch den des Herrn Dr. Ga st er aus London. Die Zöglinge haben ihm ein hebräisches Lied vorgesungen; derselbe war glücklich darüber und drückte seine Zufriedenheit über die Reinlichkeit und die gute Ordnung ans, die er bei uns getroffen. Da günstige Erfahrungen wie in Haifa auch an anderen Orten Palästinas gemacht worden sind, wo der Hilfsverein der Deutschen Juden Kindergärten zur Einführung brachte und insbesondere, da die einheitliche Vorerziehung durch die Kindergärten unschätzbare Dienste für die palästinensischen Schulen leistet, die es mit Schülern zu tun habe», in deren Familien die verschiedensten Idiome gesprochen werden, so sucht der Hilfsverein, den an ihn aus immer neuen Plätzen herantretenden Gesuchen zur Begründung von Kindergärten im Rahmen seiner Mittel weiter zu entsprechen. So wurden in der letzten Sitzung des 'geschäftsführenden Ausschusses wiederum Mittel zur Eröffnung eines Kindergartens in Liberias zur Verfügung gestellt. Weitere Gesuche werden zur Zeit geprüft. Köln «. Rh. Etwa 30 jüdische Firmen, die Samstags geschlossen halten, haben eine Eingabe an den Magistrat gerichtet, in der sie ersuchen, daß es ihnen gestattet sein möge, an den Sonntagen wie bisher Lager- und Bureauarbeiten von ihren jüdischen Allgestellten während einiger Stunden ausführen zu lassen. Düsseldorf. Ein interessanter Heine- Fund ist hier bei den Ausschachtungsarbeiten in der Kasernenstraße gemacht worden, nämlich der Grabstein eines gewissen Fsae Geldern, gestorben 1782. Nach'dem Stammbaum Heines ist Jsae Geldern ein Onkel der Mutter Heines, also ein Großonkel des Dichters. In der Kasernenstraße befand sich früher ein israelitischer Friedhof und es wurde bereits im Jahre 188» eine Reihe vorzüglich erhaltener Grabsteine gefunden, die von Gräbern heimischer Familienangehöriger stanimten. Sie wurden auf den israelitischen Friedhof an der Bongardstraße gebracht, wo nun auch der neue Fund Aufnahme gefunden hat. *) Es wäre uns interessant, zu erfahren, in wieweit die Kindergärten Ersatz für den Cheder bilden, ob z. B. den Kindern wenigstens biblische Geschichte und die täglich vorkominenden Segenssprüche gelehrt werden. (D. Redakt.)

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