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Neue jüdische Presse · 1907-06-28 · Heft 25 (28.6.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 25 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Isrartkfitrter Istiklitislhks laiiiilicablatt. i r '■ '— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn- Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— __ -- HedaLttoik Md HefchaLtsfislke: Frankfurt s. ITC., Lleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße Herefo« 10507. Kals cheis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. iss .. Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereirckunst. 5. Jahrgang. Freitag, de« 16. Tamus 5667 <28. Juni 1907). No. 25. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Religion und Sittlichkeit. — Schalom Asch's Drama. —Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Tante Gute. — B r i e f k a st e n. — Familiennachrichten. Religion und Sittlichkeit. Eine Betrachtung zur Grundlegung der Religiousphilosophie von Hermann Cohen. (Berlin 1907, 79 S. Verlag M. Poppelauer. Preis: Mk. 1.20.) I. 9» der Artikelserie „Hermann Cohen" (Franks. Ist. Fam.-Bl. Nrn. 40—43, 48, 49 d. I. 1904 und 2, 3 Ix I. 1905) hatten wir bereits Gelegenheit, das Verhältnis von Religion und Ethik nach einer Richtung hin zu betrachten. — Vgl. besonders die Kapitel IV und V: „Die prophetische Gottesidee" und „Die Messiasidcc" (48, 49 d. I. 1904 und 2, 3 d. I. 1905) — und sind ihm in den Aussätzen „D i c Grundlagen der jüdischen Religionsphi l o s o p h i e nach H e r m a n n C o h en", die die im Erscheinen bcgrissen sind, noch näher getreten. Viele Kapitel I. Wir glauben daher, uns mit einer verhältnismäßig knappen Rezension dieser Schrift des großen Meisters begnügen zu sollen. Ganz besonders wollen wir ihren Charakter und die Motive ihrer Entstehung neben einer Uebcrsicht des Inhalts hervorheben. * Eigentlich entspricht der Titel dieser Schrift nicht ganz der Disposition ihres Thenias. Er besagt mehr, als er cs Ivill. Denn es handelt sich hier vornehmlich nicht so um das Problem: „Religion und Sittlichkeit" schlechthin als um das Problem der jüdischen Religion und Sittlichkeit; richtiger: der jüdischen Religionsphilosophie und Ethik. Freilich wird die jüdische Religionsphilosophie im intimen Znsaminenhange mit der Religionsphilosophie überhaupt betrachtet, jene bildet aber den Zentralpunkt der Betrachtung. Es muß aber gesagt werden: In der Behandlung der spezifischen Frage nach dem Verhältnis von jüdischer Religionsphilosophie zur Ethik gelangen, Ivic es in der Cohcn'schen Methode begründet ist, die entscheidenden Momente der allgemeinen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Sittlichkeit zu einer systematischen Reife, die den Titel rechtfertigen mag. Cohen verfolgt niit der Veröffentlichung dieser Schrift neben der theoretischen Erörterung eines so wichtigen Knlturproblems auch den praktischen Zweck: Aufklärung und Ermahnung an Volk und Staat, die mit ruhigem Gelvissen öffentlich Schandtaten an Juda begehen. Er verkennt nicht die Schwierigkeit dieser Aufgabe: „Es ist ja freilich wenig Aussicht vorhanden" — heißt cs im Vorwort — „daß in heutiger Zeit ein ernsthaftes Wort in Fragen der Religion und insbesondere des Judentums unbefangen und in derjenigen Stinunung entgegengenommen werde, welche für die wissenschaftliche Diskussion, ziunal auf dem Wege der allgemeinen Bildung, gefordert werden muß. Wer eine von einer so weitgehenden Verschwörung angegriffene Sache vertritt, der würde klug tun, sich zu bescheiden, sich nur an die Angegriffenen zu wen- )en und seinen Lohn allein darin zu suchen, daß er sie und mit ihnen sich selbst den Blick erhellt und den Mut und die Widerstandskraft 'tählt und endlich auch, ioas gar nicht zu verachten ist, Trost bringt und die Zuversicht aufrechterhält." Doch kann sich Cohen einer solchen Ruhe nicht hingeben. Es ist die Kraft der sittlichen Ideale, die ihn davor schützt. Ja, cs ist die Kraft des Judentums, der optimistischen Weltanschauung des Judentums, die ihn an der Aufgabe dieser Schrift, wie an seiner Lebensarbeit der Wahrheitserforschung überhaupt nicht verzagen läßt. „Es wäre ja Verzweiflung an Wissenschaft und Philosophie, wenn ich darauf verzichten würde, die Bedeutung des Judentums vor dem allgemeinen Forum der Wissenschaft und der Kultur zu verhandeln." Es ist nicht von ungefähr, wenn Cohen in der Vorrede zum ersten Buche seines philosophischen Systems („Logik der reinen Erkenntnis") seinem Glauben an den prophetischen Optimismus als dem Ansporn seiner wissenschaftlichen Lebenstätigkeit Ausdruck zu geben sich veranlaßt sieht. Er sagt da: Die allgemeine Weltlage widerspricht dem Geiste ernster Philosophie, der immerdar die Weltanschauung des Jdealisnms darstellt. Selbst der deutsche Sinn ist von seiner weltbürgerlichen Richtung abgeirrt. Daher die Hintanstellnng von Recht und Gerechtigkeit hinter Macht und Wohlfahrt und die Zurücksetzung der Humanität hinter die Religion. Trotz allen diesen traurigen, betrübenden und kränkenden Sturmfahnen halte ich die Zuversicht auf den Sieg der Freiheit und der Wahrheit fest. Und es ist nicht allein mein Glaube an die religiöse Wahrheitdesprophetischen Me ss i a n i s m u s, der solchen Optimismus in jeder Zeit- und Lebenslage zum Leitstern macht. ... Cohen kennt nicht jene kleinmütigen Rücksichten, die gar viele einflußreiche Juden an einem freimütigen Bekenntnis in der Indenfrage zu verhindern verulögen. Dies hat er bereits vor Jahren an einer tapferen Tat bekundet, eine Tat, die keusch und bou der Öffentlichkeit unberührt bleiben will. Es galt, die Ehre des Judentums zu verteidigen, das vom „wissenschaftlich" begutachteten B l n t m ä r ch e n verleumdet war. Die Annalen der Marbnrger Universität, resp. der theologischen Fakultät, dürften davon Zeugnis ablegen. Die Ehre des Judentums — sie ist das Motiv, aus dem die vorliegende Schrift hervorgegangen ist. Im Gefühl seiner Ehre, der Ehre seines Volkes, verkündet Cohen — auf die Gefahr s e i u e r u n g e h e m m t e n b e r u s l i ch e n Tätigkeit hin — in schmerzdurchdrungenen und nur gewaltsam zurückhaltenden Worten eine Mahnung an seine Mitbürger; eine Mahnung, die vielmehr Anklage heißen dürfte. Es ist die Entrüstung eines Mannes, dem die schmähliche Kränkung der Menschenwürde, die seinem Volke von einem Kulturstaate schamlos zugefügt wird, auf der Seele brennt. „Der Judenhaß ist mehr als ein Symptom in der Krankheit unserer Zeit. Und man täusche sich nicht: die Zeit ist krank, auch wenn ihre äußeren Erfolge größer wären, als sie sind. Es gibt keine Gesundheit in einer Zeit, welche den Menschenhaß duldet; in welcher Abweisung und Zurückstoßu n g als b e r e ch t i g t e M i t t e l f ü r e i n e n höheren Zweck gelten. Es gibt keine wahrhafte Sittlichkeit für ein Volk, in welchem Staat und Gesellschaft Entfremdung und Ausschließung einer religiösen Gemeinschaft innerhalb desselben Staates politisch und sozial organisieren. Und es ist keine wahrhafte Religiosität, wclchedie Absage au die H u m a n i t ä t g u t h e i ß t!" (Vorrede.) Und er klagt Volk und Staat wegen Eidbruchs an. „Jeder, der einen Diensteid schwört, schwört die Verfassung gewissenhaft zu beobachten. Diese Verfassung hat dem Juden die Rechte des deutschen Staatsbürger verliehen." „ . . . Meine Mahnung erstreckt sich auch auf diesen tiefernsten Punkt der öffentlichen Sittlichkeit: die Heilighaltung des Eides. Und dieser Eid betrifft ein Menschenrecht." * Am Schluß seiner Schrift wendet sich Cohen gegen den Zwang der Taufe, die der Staat, wenn auch indirekt, den Juden auferlcgt. Es 'wäre ein Zeichen der Unfreiheit und Unaufrichtigkeit, wenn wir hier nicht schwere Klage gegen unser Zeitalter erheben würden, gegen Volk und Regierungen, wegen der die tiefste Empörung herarcsfordcrnden Verführung, welche jetzt wiederum aic den Juden verübt wird. Und wiederum: man denke an den neulichcn Appell des bewährten Liberalen, Prof. Th. Nöldecke! „Wir gründen das Recht auf die Fortexistenz der Religion auf die Pietät der Treue. Ihr fällt die zarte, sittliche Aufgabe zu, die Geheimnisse der Religion für die sittlichen Werte auszudeuten. . . . . Und nun bedenke man, welche tiefe Verletzung der intimsten idealisch cn Tugend darin begangen wird, daß man den Menschen verleitet, diesen Faden der Treue für sein Bewußtsein und sein Gemüt zu zerrei-

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