Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692535--03292-2697966- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Nr. 24. Seite 11. Breslau. Der Charakter als Geh. Regier n n g >3 rat wurde dem außerordeutl. Professor an der philosophischen 'Fakultät Dr. Siegfried Fried! ä n d e r verliehen. Düsseldorf. Landgerichtsrat Dr. Stern, der dem Vorstände des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur angehört, ist zum O b e r l a n d c s ge - r i ch t s r a t befördert worden. Amsterdam. Das Fest der goldenen Hochzeit kennte der portug. Generalkonsul Levy von Rosenthal, Chef der Bankfirma Lippmami, Rosenthal & Co., begehen. Vom deutschen Kaiser wurde der Jubilar durch Verleihung des Kronenordens zweiter Klasse ausgezeichnet, während seine Gattin von der Königin Wilhelmina den Orauieu-Nassauorden erhielt. Herr von Rosenthal, der bald in sein achtzigstes Lebensjahr tritt, ist durch seine hervorragende Wohltätigkeit bekannt. Vor ctiva 20 Jahren stisicte er eine Kinderbetvahranstalt, in der ettva tausend arme Kinder Unterkunft finden. Ferner sei yervorgehoben, die Schenkung der Bibliotheka Rosen« thaUana, der bedeutendsten europäischen Sammlung von hebraica, an die Universität Amsterdam, und das wahrhaft königliche Geschenk, durch das die hiesige deutsche Kaiser Wilhelm-Schule für alle Zeiten auf eine sichere sinanzielle Grundlage gestellt worden ist. Petersburg. Der Abiturient des Petersburger 2. Gymnasiums, A b r a h a m R a b b i n o w i t s ch erhielt bei seinem Abhang in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen die Goldene Medaille. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Dem Berichte der Deutschen P a l ä st in a - B a n k, die im Jahre 1906 einen Reingeivinn von Jk. 70 376.— (im Vorjahre JL 66120.—) erzielte, entnehmen wir folgende Stellen: „In Palästina war es zunächst die Einwanderung zahlreicher russischer Inden, die, zum Teil wohlhabend, sich dauernd niederließen, Geld ins Land brachten, eine rege Bautätigkeit veranlaßten und so eine recht erhebliche Steigerung für Arbeitslöhne, Baumaterialien und zumal für Landpreise hervorriefen. Eine Anzahl neuer Dampferlinien nahm den regelmäßigen Verkehr mit Jaffa in ihr Programm ans, beförderte und erleichterte den Export, der bisher ziemlich nngeordnct, nach und nach ruhige und geregelte Form annimmt. Endlich zeigte sich im Fremdenverkehr, diesem für das ganze Land so wichtigen Faktor, eine größere Lebhaftigkeit, namentlich seitdem die Haiiibiirg-Amerika-Linie planmäßig im Arrangement von Fahrten nach Palästina und Aegypten vorgeht nnd eine Reihe von neuen Hotels hat erstehen lassen, die den bisher schwierigen Nnterkunftsverhältnisscn im Innern des Landes ein Ende machten. Für Syrien und besonders den von uns bearbeiteten, südlichen Teil brachte das abgelansene Jahr die'Fertigstellung der Bahn Haifa—Der-la nnd damit den direkten Anschluß Haifas an die Mekkabahn, Dainaskus und den Hauran, die Kornkammer Syriens. Ganz bedeutende Länderstreckcn, die bisher ivegen mangelnder Verbindung mit der Küste brach liegen blieben, sind dadurch dein Anbau erschlossen worbcn. Der Export und mit ihm der Import belebt sich zusehends, nnd Haifa, dessen ungünstige Hafenverhältnisse durch den in Angriff genommenen, groß angelegten Ban einer Mole verbessert iverden, zeigt schon jetzt, daß cs einer großen Zukunft entgegengeht." Frankfurt a. M. Bon „Palästina". Organ für die wirtschaftliche und kulturelle Erschließung des Landes^ ist soeben Heft 5 erschienen. Abonnements ans diese Zeitschrift unter Nachlieferung der Hefte 1—5 nimmt zum Ausnahmspreise von Jk 2,50 für den Jahrgang 1907 die Geschäftsstelle des Franks. Jsr. Familienblattes entgegen. 0 leuüMon. 0 Auswanderer. Bon A n n a D r c y f u s. Novembermorgeil, 6 Uhr. Am Bahnhof. Ein Licht lvird bemerkbar, kommt näher und näher. Das Licht ist ein Zug. Mit Lärm nnd Getöse rollt er in die menschenleere Halle. Nur Wagen IV. Klasse. Bleiche Gesichter sind an die Scheiben gedrückt. Wir sind ans unserem Posten: lvir sollen die Auswanderer in Empfang nehmen, sie erquicken, sie nach Rotterdam schicken. Ja, schicken. Schon seit drei Monaten empfangen lvir tagtäglich diese menschliche Ware; teilnahmslos lassen uns die Vertriebenen für sic sorgen: was liegt ihnen dran, ob diese Leute hier gut und freundlich gegen sie sind? Die Heimat gibt ihnen keiner tvieder, auch nicht die gemordete Mutter, deir verbannten Bruder. Ob sic heute oder morgen erst abreisen, ob sie sich diese oder nächste Woche einschifseik, was liegt ihnen dran? Frankfurter JsraeMWeS Familienblaü. Der Zug ist eingefahrcn, sie steigen ans. Zuerst kommen die Männer in dunkler Joppe oder im schäbigen ehemaligen Ueberzieher oder im Wams; fast alle tragen Tnchmützen. Finster dreinblickend und uns mißtrauisch, angstvoll musternd. Ihnen folgen die Weiber, mit bunten, fuchsig getvordenen Tüchern um den Kops, einen Packen im Arm, bestaubt, schmutzig, traurig. Junge Mädchen, an einer gewissen Sorgfalt für ihre Kleidung erkenntlich, schleppen sich abgespannt hinterdrein. Und zum Schluß kommen die Kinder. Oh! Diese Kinder: Wie süß, wie lieb sind die kleinen Goldgcschöpfe, unsere Kinder. Wie vielversprechend die knospende Seele! Wie hoffnungsvoll ihr Werden! Lugt doch aus den Aengleiir des Kindes seine ganze Seele in die Welt und tvill nur das Schönste, Beste, Reinste fassen und festhaltcn! Mer, diese Kinder! Ihre Augen haben so vieles gesehen, ihre Ohren so vieles vernommen : sie sind ganz anders wie die Kinder bei uns: erfahrener, entwickelter, älter. Kein Freudenschimmer in den starren Augen, kein kindliches Vergnügen atu Spiel. Mäuschenstill sitzen sie da tind trinken Milch: nur das Schlürfen ist zu hören. Keines der sechzig Kinder spricht ein Wort, mir die Säuglinge wimmern. Die lveiße Milch sticht von deil unsauberen Kindcrgesichtern sehr ab; die kleineren lassen die Flüssigkeit aus ihre nicht besonders sauberen Kittel fließen; kaum rührt sich die Mutter. Die haben Gram und Kummer, Elend nnd Entsetzen stumpfsinnig gemacht. Ich nähere mich ihr nnd spreche einige Worte. Sie scheint nicht zu hören. Ich spreche wieder: mißtrauisch mißt inich ihr schwarzes Auge. Eine innere Stimme scheint ihr zugcranut zu haben: „Das ist kein schlechter Mensch". Sie blickt mich init einem Ansdruck unendlicher Dankbarkeit an. Ich' nehme das zweijährige Kind auf den Ann nnd schäkere mit ihm. Es schreit ganz jämmerlich. Die Mutter drückt es an ihre Brust; nnd ihr Blick, von einer inneren Freude erhellt, scheint sich mir anhaftcn zu wollen; sie ist ja nicht mehr gewöhnt, voll Menschen anderes zu hören wie Schmähungen, anderes zu erhalten als blutige Schläge! Von all' den gleichgültigen, trotzigen, mißtrauischen, unglücklichen, verzweifelten Gesichtern ist mir eins so ausgefallen, daß es sich für immer in. mein Gedächtnis cingcprägt hat. Ich schließe die Augen und' will das Gesicht sehen: ich sehe es. Aus dem mageren, fciiigcschiiittcneii Antlitz schauen zwei Augen, bereit Ausdruck mich festbannte. Derselbe war so lebhaft, so zuversichtlich, so hoffnungsvoll, so schafsensfreudig, so geistspri'ihend, daß ich mich unwillkürlich für den Besitzer der herrlichen Augen interessierte. Die hohe Stirn, die schwarzen Locken, der energische Mund nnd die kühn geschwungene Nase ließen darauf schließen, daß in dem Jüngling ein Schatz von Selbstbewußtsei», Kraft, Energie lvohnt. Er lvird sich das Glück erzwingen, er kann sich gar nicht vorstcllen, cs könne ausblciben. Gebändigt lvird König Erfolg zu seinen Füßen kauern. Er wird reich und bedeutend lvcrden. Edles tun, seinen Glaubensgenossen .... Doch der Zug nach Rotterdam ist eingelaufen. Das mühselige Einsteigen beginnt. Nun sitzen alle lvieder in den Wagen. Zusammengepfercht, auf ihren Bündeln und Sachen hockend, fahren die Auswanderer einer nenen, ungewissen, unsichern Zukunft entgegen. Ans einenr Fenster des rasch davoneilenden Zuges grüßen nochmals die schönen, stolzen Augen. Der Jüngling schwenkt den Hut, blickt zum letztcnnial zurück, seine Angen strahlen durch die Entfernung .... herrlich .... herrlich. Aber oft erscheint mir inr Geiste das Bild dieses jungen Mannes, von dem ich nichts lveiß, den ich nie lvieder sehen lverde. Und bang und leise frage ich mich: Blicken sic noch so zuversichtlich, die wunderbaren Angen? Hat er das Glück gefunden? Oder ist er schon tot? .... Wer lveiß.... Bunte Chronik. D r. Theodor Barth nber die russischen Juden i n A merik a. Nichts ist interessanter uitb lehrreicher als die Entwicklungsgeschichte einwandernder russischer Inden. Sie bleiben mit Vorliebe in Newyork, wo sie Verlvandte, Freunde, Bekannte ans der russischen Heimat treffen. So finden sich gelegentlich halbe russische Ortschaften in einzelnen Stadtteilen Newyorks wieder. Diese Gruppen halten zunächst eng zusammen, teilen sich die Nachrichten aus der Heimat mit, unterstützen sich gegenseitig. Dann tritt ein Auflockerniigsprozcß ein. Die Kinder werden einer erzieherischen Appretur unterworfen und lernen mit überraschender Geschwindigkeit, sich in dem fremden Lande znrechtzufinden. Sie gehen in amerikanische Schulen über und sind in wenigen Jahren zo sehr amerikanisiert, das; sie ihre eigenen Eltern .nicht mehr verstehen. Die Familien trennen sich. Die jüngeren Mitglieder Passen sich 'den ainerikanischen Sitten, ,den neuen LebenSgewohnhciteii, den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen an, lverden selbst ihrer alten Religion vielfach entfremdet. Diese Entwickelung bedeutet für die Jugend der russischen Einwanderung nicht selten den Berlust jedes Ideals. Sie haben die alten Götter zerschlagen nnd noch keine neuen wiedergefunden. Ihre Jntelligenzistregsain geblieben, aber ihr Gefühlsleben degeneriert. Hier liegt wie es scheint, der schwierigste Teil des russisch-jüdischen Einlvanderungsproblems: in dieser staunenswerten Anpassungsfähigkeit des jüngeren E l e m e n t s an die neuen Lebensbedingnngen, nicht in der Sprödigkeit der älteren Einwanderer, sich in das amerikanische Leben einzufügen. Ich habe Gelegenheit gehabt, eineni Festakt in einer Schule der Edncational Alliance beizuwohnen, in der die Kinder eben eingewandertev russischer Juden unterrichtet werden. Mehrere Hundert jüdischer Knaben und Mädchen waren in einem schlichten Saal versammelt. Keines der Kinder war länger als ein Jahr im Lande, viele erst wenige Wochen. Jedes Kind trug als Abzeichen eine kleine amerikanische Flagge. Es wurden Lieder gesungen zum Preise amerikanischer Freiheit und schließlich Medaillen an die verteilt, die zn der verflossenen Woche besonders fleißig und brav gewesen waren. Der Festakt war äußerst eindrucksvoll. Alle Kinder sauber und nett gekleidet, die Gesichtszüge ernst, die Haltung vielfach noch gedrückt. Kinder, die erst vor wenigen Monaten den amerikanischen Boden betreten hatten, wußten sich schon recht gut in englischer Sprache auszudrücken. Der Leiter der Anstalt ließ die prämiierten Kinder vortreten, fragte sie nach ihrer früheren Heimat und nach ihrem Schicksal. Die meisten von ihnen waren grausigem Elend entronnen. Sie betrachteten Amerika als das Land der Freiheit, als Land der Erlösung von unerträglichem Druck. Schließlich hielt eine junge, verheiratete Frau, die denr Festakt als Zuhörerin beiwohnte, eine kurze Ansprache, die in ihrer schlichten Beredsamkeit so ergreifend war, daß kein Auge trocken blieb. Sie erzählte, wie sie, vor zwölf Jahren ans der alten russischen Heimat Vertrieben, ans denselben Schulbänken gesehen habe, was sie dort gelernt und wie sie allmählich 'Amerikanerin geworden sei. Nun gehe es ihr gut, sie sei verheiratet, habe eine glückliche Häuslichkeit, das alles verdanke sie diesem großen, freien Gemeinwesen, das sie und die Ihrigen gastlich ausgenommen habe. Nie werde sie die Dankbarkeit vergessen, die sie ihrem neuen Heimatland schulde. ■ Frkft. Ztg. Der Lohn deS Retters. In einer soeben erschienenen Schrift über den verstorben üw Ojber,prokurator des heiligen Synod Pcbjedonoszcw von A. W. Amphiteatrow lesen wir eine ,nstige Episode: Als Pobjedonoszcw eines Tages in Sewastopol einen Dampfer bestieg, geschah es, daß er einen Fehltritt tat und an einer tiefen Stelle in die See stürzte. Glücklicherweise sprang sofort ein Zuschauer, der bekannte Hypnotiseur Ossig Feldmann hinzu und zog den hohen Würdenträger aus dent Was>er, worauf sichi zwischen dieseni und seinem Retter das folgende Gespräch entspann: „Sie waren es, oer mich ans dem Wasser zog?" — „Ja!" — „Ich danke Ihnen!" — „O, bitte, ich tat nur meine Schuldigkeit!" — „Sie heißen?" — „Ossig Feldmann!" — „Ihr Glaubensbekenntnis?" — „Ich bin Jude." — „Lassen Sie sich taufen!" — Dieser fromme Rat war das einzige Zeichen der Erkenntlichkeit, dessen der Oberprokurator seinem Retter würdigte.