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Neue jüdische Presse · 1907-06-21 · Heft 24 (21.6.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 24 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Serie 10. Frankfurter Israelitisches FamUieMatt. scher Agadist, „wendete man sich der Halacha zu; jetzt aber, wo das Geld selten geworden und man sich schwach vor Leiden fühlt, hört man nur auf die Segens- und Trostsprüchc (der Agada)." Anders war cs um dieselbe Zeit im weiteren Osten, in Babylonien. Hier blühte ein förmlicher jüdischer Staat, dessen öffentlicher Träger der Exilfürst war. Die Beschäftigung der babylonischen Juden war vorwiegend Ackerbau und Handwerke aller Art. Da cs danrals »och viel herrenlose Grundstücke in der Euphratgegend gab, durfte sich jeder, der sich verpflichtete, davon Grundsteuer zu zahlen, Grund und Boden aneignen. Manche babylonischen Jude» erwarben wieder große Reichtümer durch großkapitalistische Geldgeschäfte, wie Zollpachten. Wie stand es mit den tvestlich von Palästina zerstreuten Juden? Daß die jüdischen Emigranten vorzugsweise Handeltreibende waren, kann durch ausdrückliche Zeugnisse nicht bewiesen iverden. Völlig abwegig ist die Hypothese Kiessclbachs, daß die Juden schon frühzeitig in die Stelle und Rolle der Phönizier getreten' sind, „indem sie nicht nur unter den Römern den merkantilen Zusammenhang der Alten Welt aufrecht erhielten, sondern auch die ersten Verzweigungen des asiatischen Verkehrs in das beginnende Ackerbauleben des inneren Europa vernritttelten." Diese Behauptung will Kiesselbach durch Belege bewiesen haben, die von „syrischen Kausleutcn" sprechen. Letztere sind aber keineswegs mit den Juden identisch. Die Syrer (nogoiiatores syrici) waren tatsächlich noch bis zum Ausgange des VH. Jahrhunderts der einzige Kaufmannstand, von dem man behaupten kann, daß er das Bindeglied zwischen Asien und Mitteleuropa bildete. „Bis heute wohnt in den Syrern ein solcher eingeborener Geschäftseifer," sagt Martian an einer Stelle in seinen Erllärungen zu Ezechiel, „daß sie des Gewinnes wegen die Erde durchziehen; und so groß ist ihre Lust, zu handeln, daß sie überall innerhalb des römischen Reiches zwischen Kriegen, Mord und Totschlag Reichtümer zn erwerben trachten." Diese Worte können lediglich auf die Handelstätigkeit der nsgotiatoros syriei schließen lassen, nicht aber darauf, daß die Juden „frühzeitig von den Phöniziern den Kapitalismus übernomnicn" hätten. „Eine besondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgcwerbe, welches nicht vom Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt," sagt Franz Delitzsch, „zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem I. christlichen Jahrhundert so weit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrhundert vorwärts blicken." Die Vorliebe der Juden für den Ackerbau bezeugt unter anderem der Spruch des großen Aurora Rab (erste Hälfte des Hl. Jahrhunderts n. Ehr.): „Lieber ein kleines Maß vom Felde, als ein großes vom Warenlager." Das Ergebnis gründlicher Forschungen zusammenfassend, sagt von den Juden des Allertums der berühmte Handelsrechtsforscher L. Goldschmidt: „Ein Handelsvolk war das jüdische Volk (im Altertum) nicht." Was aber Herzfeld in seiner Handelsgeschichte der Juden im Altertum von dem. Handel der nach dem Verfalle des jüdischen Staates in Südeuropa und Egypten zerstreuten Juden zu sagen weiß, sind zum größten Teile Vermutungen, die sich darauf stützen, daß in den Ländern ihres Aufenthaltes ein Handel blühte, dem sich wahrscheinlich auch Juden zugcwendet. Eine ausgeprägte Handelsrichtung in der wirtschaftlichen Betätigung der Juden am Ausgang des Altertums ist nicht nachweisbar. Die Juden bildeten nirgends im Römerreiche eine von der übrigen Bevölkerung wirtschaftlich geschiedene Klasse, wie es im Mittelalter der Fall war. Wo es anging, wendeten sic sich der gewissermaßen ererbten Beschäftigung, dem Landbau, zu oder nahmen an den landesüblichen Industrien Antell. Nur für die alexandrinischen Juden ist im - Altertum eine regere Anteilnahme am Handel und an Geldgeschäften nachweisbar. So erwähnt Philo ausdrücklich Schifssherren und Großhändler unter den dortigen Juden. Mit Erlaubnis der egyptischen Regierung waren diese zu Aemtern zugelassen,> wie die Kornverwaltung, was auf gewiegte jüdische Kornhändler hinweist. Auch übten sie eine gewisse Aufsicht über die Meeres- und Flußschifffahrt aus. Eineu großen Teil ihrer Vermögen hatten die alexandrinischen Juden vornehmlich durch. Zollpachtungcn erworben. So berichtet Jo- 'ephus, ein jüdischer Stenerpächter hätte einem gewissen Arion 3000 Talente anvertraut. Besonders begütert waren die jüdischen Vorsteher in Alexandrien, die Alabarchcn. Der Alabarch Alexandcr gewährte dem König Agrippa ein Dariehen von 200000 Drachmen; derselbe war auch Geschäftsführer der Mutter des Kaisers Claudius. Sehr reich war auch der Alabarch Demetrius. In der Apostelgeschichte wird ein alcxandrinischer Jude als Schatzmeister der äthiopischen Königin Kandake genannt. Die blutigen Verfolgungen, unter welchen die alexandrinischen Juden wiederholt zn leiden hatten, namentlich aber die Verfolgung im Jahre 116 bis 117, wo sie fast gänzlich aufgerieben wurden, legten ihre lvirtschastliche Tätigkeit für lange Zeit lahm. Seit dem Blutbade vom Jahre 117 geschieht von den Juden in Alexandrien surch mehr als zwei Jahrhunderte keine Erwähnung, ein Beweis, daß ihre Bedeutung tief gcünken war. Erst um das Jahr 390 tauchten sie in den Geschichtsquelleu auf, und zloar existiert aus diesem Jahre eilt Gesetz von Teodosius, welches die Angelegenheiten einer jüdischen Schifferzuuft in Alexandrien regelt, von welchen man aber nicht recht rveiß, ob es für sie günstig oder ungünstig sein sollle. Um das Jahr 415 lvurden sämtliche jüdischen Einwohner halb nackt aus Alexandrien vertrieben; ihr Vermögen wurde von der beutelustigen Menge geplündert. Wohin sich die exilierten, einst durch ihren Glanz und Reichtum weit bekannten alexandrinischen Juden gewendet und bei welcher Gelegenheit sie zurückgekehrt sind, verschweigen die Quellen. Von der wirtschaftlichen Betätigung der ans dem Festlande und den unzähligen Inseln von Griechenland ansässigen Juden kann nicht bestimmt gesagt iverden, welche Richtung sie angeuomnien hat.' Von Vermutungen wollen wir uns lieber zurückhalten. Das aber steht fest, daß sich die griechischen Juden am Anfang des Mittelalters und auch weiterhin keineswegs mit Handel befaßt haben, sondern daß ihre wichtigsten Erwerbszweigc Ackerbau, Bienenzucht und Seidenspinnerei gewesen sind. Für jüdischen Handel war im byzantinischen Reiche überhaupt nur sehr wenig Spielraum, zumal die byzantinischen Kaiser den Handel mit den eigentlichen Masscnwaren wie Seide, Wein, Oel, Korn und allen sonstigen Lebensmitteln zum kaiserlichen Monopol gemacht hatten. Suchen wir die Spuren jüdischer Gemeinden im weiteren Westen Europas auf, so kvmnit hauptsächlich Italien in Betracht. Bon hier aus ergoß sich, der jüdische Emigrantenstrom nach Spanien, Gallien und Germanien. Es nmß daher die genauere Erforschung der Bermögensverhältnisse der italienischen Juden über die Möglichkeit eines Herüberrcttens jüdischer Kapitalien von der versinkenden Alten Welt ins Mittelalter Licht verbreiten. Gewöhnlich werden per analogiam die Juden im westlichen Römerreiche als die Träger jener umfassenden Geldwirtschaft bezeichnet, wie sie hier einige Jahrhunderte vor der Völkerwanderung ausgebildet war. Die uns überliefcrtten Quellen können aber dazu keineswegs berechtigen. Die soziale Lage der Juden in Italien war im allgemeinen eine recht ungünstige. Durch die bedeutenden Erhebungen des Lsous iudaicus materiell ausgebeutet, durch eine große Zahl neuer, meist mittelloser Ankömmlinge in eine noch tiefere materielle Lage herabgedrückt, bildeten die Juden in Rom ein zahlreiches Proletariat. Ein großer Teil ernährte sich künimerlich vom ärmlichsten Hausierhandel. „Für die Juden — spottet Juvenal — ist ein Bündel Heu und ein Tragkorb der ganze Hausrat." Achnlich klingt eine Satire von Martial: „Es bettelt der Hebräer und nicht ruht das Triefaug, das die Schwcelhölzchcn feilbeut." Biele römische Juden machten aus der Traumdcutcrei und' Wahrsagerei ein Geschäft, eine höhere Form der aufdringlichen Bettelei, welche Juvenal an den Juden nicht genug zu tadeln weiß. Ans dem Umstande, daß in Rom der Kleinhandel vorwiegend in den Händen der Freigelassener war, folgert Herzfeld, daß sich mit ihm die zahlreichen Juden befaßten, Ivelche in dem Quartiere „jenseits des Tiber" wohnten; sic waren nämlich ursprünglich als Kriegsgefangene nach Ronr gebracht und dann in Masse sreigelassen lvorden. Doch scheint uns diese Masse nicht ganz zutreffend zu sein, da bekanntlich in dem transtiberinischcn Judenviertel sich Gewerbebetriebe wie Gerbereien, Salbenfabriken u. dgl. befanden, woraus mau folgern kann, daß die jüdischen libertine sich mit jenen Gewerben, die in der inneren Stadt nicht geduldet lvurden, befaßt haben. Hingewiesen sei noch auf einige in den jüdischen Koemeterien in Ronr gefundene Jn- 'chrifteu, ivelche aus der späteren Römerzeit stammen und in ivelcher einige Juden als Handlverker genannt lverden. Anderwärts Iverden jüdische Fleischer, Schneider, Schmiede erwähnt. Wohl berichtet uns eine Quelle, daß sich manche reichere Juden in Rom mit Handel besaßt haben, doch kann man schwerlich annehmen, laß dieser Handel von größerer Bedeutung geivcsen, zumal es die Syrer und lvahrschcinlich auch, die. alexandrinischen Juden waren, welche der Siebenhügelstadt die Luxusartikel des Orients znführten. .Schließlich kann schon aus dem Ilmstande, daß die alexandrinischen Juden — wie früher erwähnt — die Geschäftsträger von Angehörigen der kaiserlichen Familie gewesen, gefolgert werde», daß bei den römischen Juden wohl keine größeren Kapitalvermögen zu vermuten sind. Auch die in Spanien und in der Provinz Germania in später Kaiserzeit sich vorfindeuden Inden sind keineswegs als handeltreibende jüdische Kolonien aufzufassen. Gelegentlich werden im Kodex Teodorici (XII, 1, 157—158) jüdische Kurialen genannt/ die in Köln (Mitte des IV. Jahrhunderts n. Ehr.) ihr Amt bekleidet haben. Dieselben dürften — wie mit Recht G. Caro vermutet — possessores gewesen sein, da die lvichtigstc Aufgabe der Kurialen das Einziehe» der Grundsteuer war und zn solchen sich nur angesehene Possessoren eigneten. Wenn lvir nun das bisher Gesagte znsammcnsassen, so ergibt sich daraus: Größere Reichtümer sind während des Zusammenbruches des römischen' Reiches nur bei den Juden des weiten Ostens vorzufinden, und zwar bei den durch Großgrundbesitz und kapitalistische Geldgeschäfte, wie Zollpachten, bereicherten Juden in Babylonien. Die durch das Kaufmannskapital im Handel akkumulierten Vermögen der alexandrinischen Juden waren am Anfang des V. Jahrhunderts völlig ausgeplündert. Bei den vorlviegend im Handwerk und Kleinhandel betätigten weströmischen Juden kann naturgemäß nur sehr geringes mobiles Vermögen vermutet werben. Personalien. Berlin. Ein herbes Geschick betraf M a r t i n I o s e p h; er verlor seinen einzigen Sohn Dr. jur. Franz Joseph und Tags darauf seine Gattin Selma, geb. Gutmayn. Der Rote Adlerorden 4. Klasse wurde dein Rechtsanwalt Dr. Alfred Saatfeld und dem Bankier Eugen Panossky verliehen. Zum Direkt ordes städtischen U ntersuch u n g s a m t e s für gewerbliche und hygienische Zweck« wurde Kgl.' Regierungsrat Professor Dr. B. P r o s k a u e r, Mtcilungsvorsteher der In - fektionsabteilung am Rudolf Virchow-Krankenhause» gewählt.; i i Leipzig. Den Titel »Kommerzienrat" erhielt Fabrikannt Victor Lilienfeld.

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