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Neue jüdische Presse · 1907-06-21 · Heft 24 (21.6.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 24 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vellage zu Nr. 24 des Frankfurter Israelitischen Famüieublattes. Inhalt der Beilage: Gedicht: Der Todesengel. — Artikel: Schalom Asch's Drama. — Die Verteilung des jüd. Vermögens am Ausgange des 'Altertums. — Personalien. — Aus der z i o n i st. Bewegung.— Feuilleton: Auswanderer. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — „Jüdische Ingen b." Der Todesengel?) (Nach dem Midrasch) non Hugo Salns Vor dem Schrcibepult des Engels, Der die Namen der Verstorbenen In die großen Bücher zeichnet. Drängen sich die jungen Englcjn, Die den Himmel noch nicht kennen. Und sie seh'n den ernsten Bruder Namen still an Namen reihen, lind die Englein, ihn umflatternd, Fragen ihn: „Wie heißt du, Bruder? Sag' uns an, du Ruheloser, Der die Namen der Verstorbenen In die großen ' Bücher einschreibt, Nennst dn dich den Todesengel?" — Hebt den Blick vom Folianten Lächelnd ans der emsige Schreiber: „Dieses ist das Buch des Lebens, Ist das Buch des ivahrcn Lebens, Aber mich, der c-s verwaltet, Nennet mich den Todesengel, Nennt mich, wie ihr wollt, ihr Kinder! Bald, wenn frei vom irdischen Staube Eure Schwingen leuchten werden. Werdet ihr »licht nicht mehr fragen!" Schalom Asch's Drama. (Fortsetzung.) „Hort, Reb Elje, wenn meine Tochter heiratet, werde ich zu ihr so sprechen: Dn, geh' aus deines Vaters Haus, und vergiß . . . vergiß dcincic Vater, vergiß deine Mutter, bring' reine Kinder zur Welt, jüdische Kinder, lvie eine gute jüdische Tochter. ... So sprech' ich zu ihr. . . ." Armer Jankcl! Dn hast ans den Sand gebaut, deine Luftschlösser erbarmungslos zerstäubt. Die ausgeklügelten Kombinationen Reb Eljes sind in den Sand verlausen, kein Licht, kein Leben! Der jüdische Gott ist ein furchtbarer Gott, ein eifervoller Gott, der, wie die Natur das Verbrechen „der Väter an Kinder, Enkel und Urenkel ahndet" und „niemand ungestraft läßt, der seinen Namen mißbraucht", ein Gott, der „keine Bestechung annimmt," — und weder -durch Beten noch durch Wohltaten, auch nicht eine Thora-Spende, läßt er sich bestechen. . . . . Ablahzettel für zukünftige Sünden zu verabreichen, ist Sache anderer Bekenntnisse . . das Judentum a b e r k e n n t e s n i ch t . . „Hoaumer öchto wcoschuw ein maspikin bejvdan laassaus Teschuwo (Derjenige, der sagt, ich will cinstiveilen fehlen und werde mich aber späterhin bessern, dem lvird feine Besserung gewährt)", verkünden die jüdischen Weisen. Das Judentnnc kennt kein Seligsprechen .... sondern ein Selig sein. „Gott hat's nicht gewollt" — Riwkele ist entweiht. Die Sache war: so: Hindl, eine der ältesten Dirnen in Jankels Freudenhaus, geht daran, mit ihrem unsauberen Lebeic zu brechen und sich ein Haus zu gründen; sie will cs ihrer Wirtin Sara nachinachen und ist bereits Verlobt. Um aber heiraten zu könne», muß sie sich vorerst mit Material versehen; eine/der Dirnen Jankels hat sie bereits für ihr zu eröff- *) Llus der Wiener „Neue Freie Presse". nendes Freudenhaus gewonnen, und sic hat es sogar fertig gebracht, mit Hilfe dieser Dirne, die mit Riivkele heimlich verkehrt, Riivkelc zu überreden, mit ihr nachts zu Schlomje, ihrem Bräutigam, zu fliehen. Wie nimmt nun Fankel die Flucht seiner Tochter auf?Der Gedanke, daß sein Heiligtum, seine Riwkele, entweiht sei, erschüttert ihn bis zum Mark. Wir sehen ihn anfangs wie gelähmt vor der Thora sitzen und vor sich hinbrüten — er kann es nicht begreifen, daß die Thora seine Riwkele nicht habe hüten wollen; er hat doch das Beste vorgchnbt... er hat auch vor ihr nicht zu bitten versäumt: „Ganze Nächte Hab' ich vor ihr gestanden," sagt er zu Reb Elje, als er später znm Belvnßtsein kam, „und Hab' zu ihr gesprochen: Du bist Gott, du weißt um alles, was ich tu, und ivcnn du mich strafen willst — straf mich, straf mein Weib, wir haben gesündigt — aber schone mein unschuldig Kind .... erbarme dich meines Kindes . . .!" Und so sehen wir die erschrockene, bestürzte Mutter vor Jankel stehen, ihn aufrürtelnd: „Jankel, was ist mit dir? Jankel, was sitzt du da? Jankel, was schweigst dn? Da sitzt der Mensch nun starr vor der Thora, und sinnt und sinnt .... wie verrückt starrt er auf die Thora und bewegt die Lippen . . . Hört nicht, steht nicht. . . . Willst dn, daß ich ans dem Hanse gehe — gut!" Jankel kommt allmählich zn sich, lvir sehen ihn wie einen zunc Tode Abgenrtcilten und im vollen Bewußtsein seines Verbrechens ohne Hut und Rock mit zerzaustem Haar und wildem Blick in seiner Wohnung nmherschleichen; lvir hören ihn sprechen,' und wir wissen, daß das Leben Fankels vollständig vernichtet ist. Wenn er sich auch bisher im Sumpf stehen sah, so konnte er feine Blicke auf einen reinen, unbeslccltcic Winkel richteil, auf Riivkeles Zimmer, dort ruhte das ihm Allerheitigste, seine Tochter, er hatte also ein „Kodschc kodvschim", in das er ohne jegliches Bedenken die heilige Thora, die Thora Gottes setzen kann, — und indem er sich an diesen kleinen Flecken tlammerle, glaubte er, auch selbst aus dem Sumpfe hinanskvinincn zu können. Jetzt ist auch sein „Kodsche kodoschim" entweiht, geschändet, kein einziges Fleckchen in seinem Hanse ist nn»- mehr rein, also alles-, loa» z u seiner Familie gehört, ist befleckt, nicht einmal einen reinen Toten kann er zn seiner Familie rechnen: „Kein Heim, kein Weib,' keine Tochter" — klagt Jankel, „alles da unten! Gott will nicht, er läßt es nicht zu . . . alles da unten . . . versunken!" Jankel, der seine Tochter über alles in der Welt liebt, kennt sie jetzt, nachdem sie entehrt ist, nicht mehr. Seine starke Liebe galt seinem .Heiligtum, nicht aber dem unreinen Sproß seines Dirnenweibes! Vergeblich suchen seine Frau und Reb Elje es ihm anszuredcn. „Ra, na," meint .Reb Elje, „Gott lvird dir bcistehen, und alles wird ganz glatt und friedlich abgehen .... deine Tochter wird mit Gottes .Hilfe noch heiraten . . . wie alle jüdischen Töchter. . . du wirst noch Freude an ihr erleben. . ." Jankel ivcist jeden Trost von sich. „Vorbei, Rebbe. . . oh, vorbei! . . . Wär' sie gestorben, Rebbe — nichts hält' ich gesagt. Wär' sie tot — dann wüßt' ich, ich Hab' ein reines Kind begraben. Ich würde aus die Gräber gehen, mich vor ihr Grab stellen und zn mir sprechen: Hier liegt dein Kind . ' . Bist du selbst ein sündiger Mensch — so liegt ein reines Kind von dir begraben, ein ehrbares Kind. Jetzt aber — was bin ich noch lvert auf dieser Welt? Selbst ein Sünder . . . sündige Nachkommen hinterlassen. . . und so pflanzt sich die Sünde fort von Geschlecht zu Geschlecht. ." Als aber Reb Elje Jankcl zum Gottvertranen ermahnt nicd ihm mit Vorwürfen ob seiner unjüdischen Sprache zu überhänfen beginnt, da kann sich Jankel reicht mehr bemeistern und er stößt, tvie jeder, der in Wut und Verzweiflung gerät, lästernde Worte auch gegen den Himmel aus; „wehojo kijiraw wehiskazaf wckilell bemalkau niveelanhoiv (und so geschieht»: wen» er grinriiiig wird, so lästert ec seinen König und seinen Gott)", sagt der Prophet. „Rebbe, versucht nicht, mir auszureden ... ich weiß, daß alles vorbei ist! Tie Sünde liegt ans mir und ans meine»; Hanse, lvie der Strick um den Hals. Gott hat's nicht gewollt. Nur frage ich Euch, Rebbe: warum hat er's nichr gewollt? Was hätc's ihm geschadet, ivenn ich, Jankcl Schepschoivitsch, ans dem Sumpf heransgekrochen wär', in dem ich steck'! Geht iic Riwkeles Zimmer und bring: die Thora heraus!" Er hebt sie hoch cinpor und spricht zn ihr: „Heilige Thora, ich weiß — dn bist der große Gott ... dn bist unser Gott. . . Ich, Fankel Schepschvwitz, Hab' gesündigt" . . . schlügt sich mit der Faust gegen die Brust . . . „ich bekenne meine Sünden, ich bekenne! Tn aber wirk' ein Wunder! Schick Feuer auf mich herab, das mich verzehrt, hier ans der Stelle, wo ich vor dir steh'! Laß die Erde sich öffnen unter mir und mich verschlingen! Aber bewahr mir mein Mint»! Gib sie mir so rein wieder zurück, so unschuldig, wie sie >var . . ich weiß, du kannst alles .... Wirk' 'ein Wunder . . . Tonst aber — bist du gar kein Gott . . . . sag' ich dir, Fankel Schepschowitsch!" Sara bringt Riwkele nach Hanse, allein sie ist entehrt. Jankel stößt die Tochter und die Mutter ans feiner Wohnung und gibt die Thora Reb Etje zurück. Soiveit der Inhalt des Schalom Asch'schen Stückes. (Schluß folgt.) Die Perteilung des jüdischen Vermögens am Ansgange des Altertums.») Die hadrianischen Bcrfolgungsdekreie, der niedergeworfene Aufstand der Juden unter Bar- K'vchba (132—135) waren jedenfalls von keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Folgen gewesen. Nach dem furchtbaren 'Aderlaß ans den Trümmern Jerusalems und BetarS' muß die ivirtfthastliche Betätigung der palästinischen Juden einige Zeit lang zurückgetrcten sein. Aber allmählich erholte sich das Volk und entfaltete im Frieden seine wirtschaftliche Tätigkeit vornehmlich in zwei Richtungen: Ackerbau und Handwerk. Der Handel der palästinischen Juden und ihre Geldgeschäfte sind „nur in bescheidenen Grenzen" nachweisbar. Das; aber viele von den Juden in Palästina sich in den friedlichen Jahren zn Vermögen emporgeaebeitet hatten, folgt aus dem günstigen Los der Tchriftgelehrten der damaligen Zeit, unter welchen mehrere mit Rcichtümern gesegnet waren. Um so bezeichnender ist die Umwandlung, welche in Palästina nach der Teilung des römischen Reichesin das westliche und ncorgenländische eingetretcn. Ein unerträglicher Steuerdruck, der auf den palästinischen Inden in den Formen von Getreide- und Viehtiesernngen, Kopfgeld, Tribut, Gewerbesteuer haftete, erzeugte unter ihnen eine derartige Armut, daß im IV. Jahrhundert n. Ehr. die Patriarchen ihre Würde nicht mehr ans eigenen Mitteln bestreiten konnten und sich an die auswärtigen Gemeinden um Unterstützung durch Beiträge wenden mußten. Der Steuerdruck rief sogar eine Erhebung der Juden (352) hervor; doch als dieselbe niedergeworfen war, wurden bald neue SchätzungStafeln ausgeschrieben, die den Steuerdruck noch erhöhten. Die 'Armut der Juden in Palästina am 'Ausgang des IV. Jahrhunderts wird durch den Verfall der ernsten Studien gekennzeichnet. „In früherer Zeit, als das Gold noch häufig war," sagt ein zeitgenössi- *) Ans der soeben im Verlage Wilhelm Braninüller erschienenen Abhandlung von Ignaz Schipper: „Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden nn früheren Mittelalter". Die zahlreichen Fußnoten hcrben wir forkgelassen; auch haben wir den Text gekürzt. Wir kominen auf das Werk noch zurück. D. R^akt.

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