Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Veite 4. Frankfurt» Israelitische» FamMenttati. Frieden in der .Gemeinde zu stiften. Das Friedens- Werk ist ihnen aber nicht gelungen; sie dürften aber die Ueberzeugung mit nach Hause genommen haben, daß der Störenfried im Lager der Terroristen zu suchen ist. — Behufs statistischer Zusammenstellung liest der Gouverneur durch den Ehacham Baschi Porugel die Listen sämtlicher Kinder Jerusalems eiiifordern. Der eigentliche Zweck dieser Maßnahme ist vorläufig noch unbekannt. H. Amerika. Rew-Aork. Ein in Amerika nicht mehr ungew öhnli ches Borko mmnis! Frau Verth a'Ray n e r-F r a n k, Schwester des Senators Rahner, eine durch ihre großzügige Wohltätigkeit auf jüdischem und besonders auf interkonfessionellem Gebiete bekannte Dame, hatte in dem „M arlb o r o u g h - B l c n h e i m - H o t e l" in Atlantic City ein allerliebstes Erlebnis. Auf ihre Mitteilung, daß zwei ihrer Nichten cintrcsfen würden und mau für diese Zimmer reservieren möchte, wurde sic gefragt, ob die Damen Jüdinnen wären, ünd auf ihre bejahende Antwort, erhielt sie den verblüffenden Bescheid, daß das Hotel keine Juden als Gäste wünsche. Frau Frank, selber Jüdin, verlies; natürlich sofort das Hotel. — Leider werden auch die .amerikanischen Juden 'sowie ihre westeuropäischen Brüder trotz all' der liebenswürdigen antisemitischen Püffe, die sie mitunter erhalten, sich noch lange nicht aus sich selber besinnen und jüdische Selbstachtung gewinnen. Die Ausschließung der beiden Professoren Dr. Margolis u. Dr. S ch lö ssi n ger von dem H e b r e w Union C o l l e g e in Cincinnati — ein amerikanischer Fall Cohn — weil sie bei Ausübung ihrer Lehrtätigkeit aus ihrer zionistische n Ucberzeugung kein Hehl machten, hat dies erst wieder gezeigt. ' © Jtmttm. © Frühmorgens in einer Kellerstube. Von I. L. Perez. Autor. Uebersetzung v. Scho sch an a Basselli. (Schluß). Soreh erschrickt und auch der Alte eilt herbei. „Was ist? Was. ist geschehen, Chanelc?" „Es tut mir leid, Mutter . . . Ich habe Mitleid." „Mit wem? Mit wem?" wundert sich die Mutier. Sie vergas; alles, was sie jetzt erzählte. „Mit der Braut ... Sie ist so — so gut . . . so freundlich ... gibt mir stets Geld . . . das Geld, das ich Dir gebe . . . sie streichelt mich . . . auch küßt sie mich zuweilen . . . sie will . . . sic will mich im Schreiben unterrichte» ..." „Das fehlte mir noch!" — ereiferte sich Soreh. „Znm Teufel mit ihr! Sie will Dir den Kopf verdrehen, daß auch Du der Mutter nicht gehorchen sollst ..." Chane, erwidert weinend: „Nein, Mütterchen, nein! Fürchte nur nicht! Ich werde Dir stets gehorsam sein. Jeden Bräutigam, den Du niir gibst, werde ich nehmen . . ." Ein lautes Gelächter erschallt. Es ist Riwkr, welche über die Naivität ihrer Schwester lacht. „Tu Bösewicht!" — schreit Soreh — „Tas Kind ist doh krank, gejährlich krank und die lacht. . . Lachen mögest Du — ich will Dir sagen: wie . . ." „Schelte sie nicht, Soreh," besänftigte sie der Alte. „Auch sie ist doch Dein Kind . Soreh geht verdrossen fort und läßt der Rinike den Befehl zurück: „Kannst schon aufstehen, Prinzessin! Gib der Chane Thec! Kehre das Zimmer aus!" * - * < Der alte Menasche leerte sein Glas Milch und setzte sich ans Fenstcrchen. Durch das Fenstcrchen kann man nur die schmalen, laugen Schatten bemerken, die die Borübcrg.Herden auf die Scheiben werfen. Je höher die Sonne steigt, desto dichter schlingen ineinander die Schatten und desto düsterer ivird cs dem Alten zu Mute. Die Menschen lausen, toben, wimmeln. Rur einzig er taugt zu Nichts mehr . _ . So denkt er, der Alte, und scnszt. Ec greift zum Psalm. Mit bebender Stimme liest er. einen Vers im Hebräischen und darauf.einen Vers im Jargon und schaukelt mit zitternder Hand die Wiege Jankel'S. }. : 'Riwke -sitzt im Bett,:, halbangekleidct, 'neben Chane. . Beide trinken Thee. Von 'Riwke, die von blühendem Leben sproßt, .hebt .sich, die iGestalt Chane's-io sehr ab; daß sie noch kränklicher, noch blässer, noch kleiner und kindischer aussieht. . . Sie sind gerade in ein vertrauliches Gesprächs versunken. „Ich werde es niemandem sagen! erzähle Chane." „Schwöre!" „Ich schwöre..." „Bei was?" „Bei was Du nur willst." Chane faltet die Stirn und denkt nach: „Bei Jankel's Gesundheit!" „Bei Jankel's Gesundheit!" wiederholt Riwke. „Daß?" „Daß ich niemanden sagen werde,* tvas Tu mir erzählst!" Chane sitzt. „Sitzend kann ich nicht" — sagt sic. „Ich will mich legen und znm Plafond schauen . . . Sonst vergesse ich und Vcrlvirre mich . . . Wenn ich aber liege und in die Höhe blicke, so kommt mir alles vor die Augen . . ." „Gut, so lege Dich." „Und Du auch! Halte Tein Ohr ganz neben mich . . Es ist ein schreckliches Geheimnis! Der Großvater soll es nur nicht hören!" Chane faltet noch stärker ihre Stirne und atmet schwer, lvie unter einer Last. ' Sic sinkt auf's Kissen nieder. Spannungsvoll stellt Riwke rasch die leeren Gläser beiseite und schmiegt sich an Chane. Der Alte unterbricht sein Lesen, wirft einen Blick aus die Beiden und fragt: ' „Wäre es nicht gescheiter, Riwke, die Stube auszutchi en?" „Sofort, Großvätercheu, sofort!" — antwortet Riwke. „Chane will mir etwas erzählen." Der Alte schüttelt den. Kopf, lächelt ein wenig düster und fährt fort im Singen der Psalmen. Und Chane erzählt. Ihre Stirne ist stark gefaltet. Ihre Augen sind!veit geöffnet, sodaß sich Riwke beinahe fürchtet. Es scheint ihr, daß Chane nicht aus dem Gedächtnis erzähle, sondern als ob sie all das vor Angen hätte, was sie da erzählt. ' Ihre Stimme ist so tief und ihr Atem so heiß . . , Sic erzählt: „ . . . Die Köchin.war hinausgegangen ... Ich blieb in der Küche ganz allein . . . Saß ichi da und trank Tbec , . . Ich wartete auf die Mutter. Sie sollte mich abholen..." „Riwke!" — unterbricht sie sich plötzlich — „wann haben wir zuletzt Hirse mit Honig gegessen?" „Gestern!" — antwortet Riwke mit einer unheimlichen Stimme. „Da war cs wirklich gestern ... Ja gestern . . . Ich saß und schlürfte den Thee . . . Die Köchin gibt mir stets Thee ... So oft ich nur hinkomme, gibt sie mir Thee . . . Und dort ist cs so angenehm zn trinken . . . Mit einem silbernen Lösselchen . . . Alles glänzt dort. . . In allen Gliedern wird's narm . . . Und Zucker hineingeworfen! Ich will den Zucker beißen und den Rest nach Hause nehmen . . . Läßt sie nicht, die Köchin. Sie sagt: Zucker ist für Dich gesund . . . Und sie paßt ans, daß ich alle drei Würfel hineinwerfe . . . Ein Pfund Zucker kriegt sie, die Köchin, jede Woche ein Pfund . . . Außerdem, was sie sich selbst nimmt . . . Die Mutter sagt, sic nimmt von der silbernen Dose, die im ersten Zimmer steht . . . Sie steht offen . . . Ich habe es selbst gesehen . . . Aber ich werde nichts nehmen . . . Aus der Toic steht ein Hirsch . . . Madame Pimpseuholz hat e-s mir selbst gesagt, daß cs ein Hirsch ist . . . Mit grcpcn, gedrehten Hörnern . . . Ein wirklicher Hirsch ..." „Also, Du sitzt in der Küche ..." — erinnert sie Riwke. „Ja, ich sitze auf dem Bette . . < Auf dem schönen Bette . . . Ach, hat die Wchjn aber ein schönes Bett! . . . Drei große Kissen, weiße Ueberzüge, wie Schnee weiß . . . Gestickte Kanten, inlvendig rot . . . Große Knöpfe von Perlmutter, wie halbe Rubel sind sie gras; . . . Eine gesteppte Atlasdecke — in der Mitte ein großes Rad wie bei einem Brunnen . . . Ringshernlin — große Adler mit Flügeln . . - Darüber noch ein großes seidenes Tuchs. . . Wie eine Prinzessin ist sie, die Köchin . . . Aber sie ist gut . . . Sie bittet mich immer anf'm Bette zu sitzen, zn ihren Füßen . . . Mmmt dann weg das seidene Tuch mit der Decke. . . Sic hat mich gern, sagt iie . . . Und — weiht Du, Riwke, warum?" „Warum?" „Weil sic, sagt sie, so ein Mädchen hatte, das so wie ich war . . . Nicht Chane hat sie geheißen, aber so alt wie ich... Sie' ist gestorben — liebt sic m ich. . So' sagt sie ..." „Warum hast Du eben gebebt, Riwke?" > Nr. 24. „Ach, gar nichts! . . Erzähle weiter, Chane . . ." «Ich sitze und trinke Thee . . . Da kommt sie herein . . „Wer?" „Die geschlagene Braut." „Was? 'Die Geschlagene?" „Hast Du denn nicht gehört? — die Mutter hat es doch erzählt. . . Ja, ja, man schlägt sic, weil sie den Bräutigam nicht haben will..." „Aha! Also, sie kommt herein —" „Sie kommt herein — blas; . . . Rote Augen . . . Weißt Du, Riwke, sic trägt zu Hause ein blaues Seidenkleid, ganz neu mit roten Punkten — hinten sind noch zwei lange, breite, rot mit schwarzen Seidenfransen — und Brillant-Ohrringe — schön frisiert — hoch ans dem Kopfe einen Kranz — in der Mitte des Kranzes eine Taube mit zwei ansgebreiteten Flügeln! Alles aus den Haaren.ansgelegt, verstehst Du? Hinten ist das Haar mit einer goldenen Spange zusammcngehaltei, — vorne eine Nabel und vielleicht — zwei... Dann beim Band wiederum eine Nadel!... Es blendet. Wenn sie sich umdreht, blitzt cs —" Chane stockt. „Und nun?" „Wart' mal— es ist ein großes Geheimnis!" „Gott wird Dich strafen, wenn Dl cs erzählen wirst," fügt sie ängstlich hinzu. Riwke versichert ihr, daß sie iiiemandem erzählen wird. Chane legt ihre Hand auf Riwkc's Schoß, drückt fester den Kopf an sie und erzählt mit einer noch leiseren, tieferen Stimme. „Sie erblickte mich und-fällt mir um den Hals und weint . . ." „Was wollte sie von Dir?" „Einen Gefallen wollte sie von mir haben." „Einen Gefallen?! Sie von Dir einen Gesalzen?!" „Sieckt mir in die Hand einen halben Rubel — jener halbe Rubel ist es gewesen, den ich gestern Mutter gab — und noch etwas . . ." . „Was noch, Chanchen?" Das Wort: „Chanchen" war in Riwke's Mund immer ein Schlüssel zu Chane's Herz. „Einen Brief — einen Brief soll ich ganz geheim abgeben." „Hast Du cs übernommen?" „Wart' — sie lernte mit mir die Adresse auswendig ein — ich kann ja nicht lesen! Hermann . . . Den zn eiten Namen habe ich schon vergessen — auch die Straße — doch scheint mir: — Nummer 40 . . ." „Hast Du also den Brief genommen und abgegeben?" fragt Riwke mit versteckter Angst. „Nicht so rasch," antlvortcte Chane naiv — „ich habe lange herum geirrt. . ." Mcht das aber interessiert Riwke. „Ist er ein junger Mann?" fragt sie scharf. „Was weiß ich? Wahrscheinlich —" „Wohnt er allein?" „Ich glaube — ja. Er selbst hat mir die Tür geössnct. Ich habe nur auf den lveißen Knopf gedrückt — sie hat es alles mit mir eingcleriit ..." „Hat er den Brief angenommen?" „Angenommen." „Antwort gegeben?" „Nein, Antwort hat er keine gegeben — er sagte: er wird per Post antworten. Aber er war ganz erfreut über den Brief. Vor großer Freude hat er mich ins Zimmer gerufen und mich auf einen Sessel hingesetzt. . ." „Wozu?" „Ja, vor Freude! Er hat mir sogar die Haare gestreichcli ... So wie cs die Mutter manchmal tut: am Sch.rbbes oder Sonntags, wenn sie Zeit hat . . ." „Dann hat er gelächelt und mich sogar geküßt . . . Auf den Mund, direkt aus den Mund . . . Dann ans die Augen . . . Ich. habe schöne Augen, sagte er..." Riwke bleibt neben ihr wie erstarrt liegen. „Gelobt sei der Allmächtige! Gelobt sei er!" — lispelte Riwke mit einer vor zurückgehaltencil Tränen erstickter Stimme. „Was sagtest Du, Riwke?" „iAchts, Chane!" „Mer sage mir doch, Riwke, was wollte er denn?" „Schweig!" — unterbricht sie Riwke angstvoll. Znin Glück hat der Alte nichts davon gehört. — . Er ist in die Psalmen versunken. Er singt einen Vers nach dem andern und Übersicht gleich: „Kein wahres Wort in ihrem Munde . . . Ihr Inneres, ihr Herz ist falsch.. . . Ihr Hals wie ein offenes Grab . . . Wie eine Grube, bereit, jeden einzujchlingen . . . Und eine glatte Zunge haben sie. .