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Neue jüdische Presse · 1907-06-21 · Heft 24 (21.6.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 24 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. Totbiaß und mit zusammengepreßten Lippen sitzt Riwke und horcht auf die Worte des Men . . . Und Chane starrt ihr ahnungsvoll ins Gesicht .. . Tante Gute. Von E r n st Schwarz. Sie war nicht in Wirklichkeit meine Tante, gehörte überhaupt nicht zu dem Kreise unserer Verwandtrn, und ich weiß nicht, ob sie auch nur mit einein Glied unserer Gemeinde verwandt oder auch nur verschwägert war. Trotzdem nannte sie alle Welt Tante Gute. Ich erinnere mich, daß ich als Kind überlegt habe, ob sie deshalb. Dante GHite genannt wurde, weil sie so Überaus gut war, oder ob sie so überaus gut >var, weil sie Gute hieß. Tatsache ist, daß ich in meinem ganzen Leben keinem so gute» Mensche» wieder begegnet bin, wie Tante Gute. Ihre Wohnung lag .meinem elterlichen Hause gerade gegenüber. Sie hatte ein sür die damalige Zeit nicht unbedeutendes Spezereigeschäst, und über ihrer Tür prangte in großen Lettern ihre Firma: Leopold Wallerstein. Ihre Wohltätigkeit!var sprichwörtlich, doch vor ihü'Nl Laden sah man Iveit mehr christliche Arme als jüdische, denn die Dürftigen der jüdischen Gemeinde brauchten nicht zu ihr zu kommen, die suchte sie aus. Doch wie oft traf man sie nicht ajuch in den Wohnungen ckiistlicher Armen, namentlich der Kranken. Es gab iwerhanpi in der ganzen Stadt keinen Dürftigen, der sich ihr nicht verpflichtet gefühlt hätte. Und doch war sie nicht reich, aber ihr Geschäft ging gut, und was sie verdiente gab sie weg, denn für sich selbst und für ihre aire Magd gebrauchte sie äußerst wenig. Und nienu die Ansprüche, die an sie gestellt wurden, ihr Können überstiegen, dann ging sie von Haus zu Hans und sammelte sür die Dürftigen, oft für verschämte Arme, die sich keinein lieber als ihr entdeckten, denn cs >var bekannt, an Tante Gute hatte sich noch keiner vergebens gewandt. Am Donnerstag Abend war ihr Laden stets überfüllt, da wurden Einkäufe gemacht zum Sabbath. Wer nicht zahlen konnte, zahlte nicht, — und spät am Abend, wenn der Laden leer war, dann ward die alte Magd fortgeschickt, um jenen ihren Bedarf zu bringen, die ihn sich umsonst nicht hatten holen wollen. Taute Gute wohnte, wie bereits erwähnt, meinein Elten.Hause gegenüber. Ms.zu meinem siebzehnten Jahre habe ich sie tagtäglich gesehen, sie erschien mir stets, und noch heute steht sie mir vor wie eine Frau von höchstens dreißig.Jahren; aber mein Vater behauptet, daß sie dieses Mter doppelt erreicht hat. Sie war eine hochgewachsene, schlanke Frau, ihr Helles Antlitz bis an ihr Ende von einem zarten Rosa leicht überhaucht: ihre hohe weiße Stirn zeigte keine Falte, ihre braunen Augen, von langen Wimpern beschattet, hatten einen ungemein sanften Blick, um ihre fein gespaltenen Lippen spielte fast beständig ein mildes Lächeln, — doch habe ich sie nie lachen gehört. Auch habe ich nie ein überlautes Wort von ihr vernommen, obgleich ich gar oft vor ihrem Laden gespielt. Nur ivcnn die alte, zruvcilcn griesgrämige Magd uns Kindejr verscheuchen wollte, dann hörte ich sie laut ihren Namen rufen, damit sie die Spielenden nicht störe. Ich glaube, sie hatte Kinder besonders gern, aber ihr großes, .weiches.Herz umfaßte alle Welt mit reinster Menschenliebe. Es war in einem überaus strengen Winter, als dicht vor unserem Städtchen bie P . . . sche Fabrik, die dreihundert Arbeiter beschäftigt hatte, niederbrai'nte. Der Jammer der plötzlich arbeitslos gewordenen war grenzenlos. Obgleich die städtische Arnienverwaltung manches tat, das Elend zu lindern, durchstreiften schaarenweise halbnackte Kinder und viele erwachsene Jainmergestalten hungernd dfe Straßen. Tante Gute tat, was sie konnte, sie gab, was sie nur irgend entbehren konnte, und dann eilte sie von Haus zu Haus, für die Unglücklichen zu sammeln. Aber, so gern ihr auch jeder gab, es war alles zu wenig; sie vermochte nicht, alle Frierenden zu kleiden, war nicht imstande, die Hungernden täglich zu sättigen. In dieser Not verfiel die seltene Frau auf ein seltsames Hilfsmittel. Nie im Leben hatte sie auch ..nur einen Kreutzer in die Lotterie gesetzt. Wenn die Trasikantin sie hin und wieder. aufgefordert hatte, doch auch einmal ihr Glück zu versuchen, dann hatte Frankfurt« JsraelWWeS Familienblatt. sic stets erwidert, daß sie ihr Geld zu andern Dingen verwenden müsse und für die Lotterie keines übrig habe. Als sie nun aber trüben Sinnes dahin schritt und jene wieder einmal.die Frage an sie richtete, ob sie nicht „setzen" wolle, da war sie, einem plötzlichen Einfälle nachgebend, in die Trafik getreten und hatte einige Gulden auf eine Anzahl Nummern gesetzt. Am folgenden Tage herrschte frohes Leben in der ganzen Stadt, Tante Gute's Nummern waren sämtlich heransgekoinme» mit nicht unbeträchtlichem Gewinn. Sinn gab es keinen Hungernden inehr in unserm Städtchen, der nicht satt geworden wäre. Und von da an setzte Tante Gute zu jeder Ziehung, nnd jede Ziehung brachte ihr Gewinn, den sie jedoch ausschließlich zum Wohltun verwendete. Wenn ich gesagt habe, daß ich nie ein überlautes Wort von Tante Gute vernommen, so muß ich mich berichtigen. Einmal habe ich einen Schrei von ihr gehört, so herzerschütternd, daß er in der Erinnerung mir noch heute in den Ohren gellt. Es tvar. am Vorabend meines zehnte» Geburtstages. Wir tummelten uns auf unserm LieblingSjpielvlatz vor Tante Gute's Ladentür. Aus den breiten glatten Sandsteinen rollten unsere kleinen bunten Glaskugeln so leicht dahin, daß es eine wahre Lust für die Spielenden war; ja Ivir ivaren fest überzeugt, daß die schönen Steine sich nur um unseretwillen dort befanden. Es war ein milder, schöner Sommerabcnd. Vor den meisten Haustüren faßen die Bewohner der Judengasse, die Männer rauchend, die Frauen strickend, in nanlicher Unterhaltung. Da sahen wir ein Bettlerpaar langsamen Schrittes aus der oberen Gasse herankomnien. Bor jedem Hause blieben sie stehen und empfingen Almosen von den davor Sitzenden. Die Kleidung beider war sehr defekt, doch während der Manu von kräftigem Körperbau, schien die Frau in ten letzten Stadien der Auszehrung. Das Antlitz war so schnial, so bleich, sie schien nur mit äußerster Ansirengung sich aufrecht zu halten; der Mann schleppte sie mehr, als daß er sie sührte. „Schau, die arme Frau," slüsterte einer meiner Kameraden mir zu, als die Unglücklichen in Tante Gute's Laden getreten waren, um aiuh von ihr eine Spende zu erbitten. „Sie scheint sehr krank zu sein," fügte der Knabe mitleidig hinzu, „es ist ein Unrecht von dem Manne, daß er sie mit sich herumschleppt. .Warum läßt er sie nicht in der Herberge und geht allein?" „Darüber kann man nicht so aburteilen," entgegnetich altklug, „der Mann will vielleicht, daß die Leute sehen, daß seine Frau krank ist, damit sie ihm mehr geben und er sie besser Pflegen kann." „Es ist doch Unrecht von ihm," behauptete der andere, „er hätte es nur Tante Gute zu sagen brauchen, die hätte schon für sie gesorgt." Wir debattierten noch über diesen Gegenstand, als wir in dem Moment, da der Bettler seine kranke Inan nach sich zerrend, sich eiligst an uns vorüber drängte, einen gellenden Schrei vernahmen, nnd als wir in das Innere des Ladens blickten, sahen wir Tante Gute auf dem Fußboden liegen mit geschlossenen Augen und leichenblassem Angesicht. „Sie ist tot!" schrie die alte Magd, die, neben ihr knieend, sich um sie bemühte. Im 9tu war der Laden mit Menschen überfüllt. Ich aber stürzte, gleichfalls schreiend, hinüber in unsere Wohnung, meine Mutter zu rufen, denn nach meiner Ueberzeugiing konnte hier niemand helfen als sie. Mein Vater eilte auch hinüber, ich folgte den Eltern, aber nur bis vor den Laden, wo noch ein Haufen Menschen war. Man hatte die Ohnmächtige zu Bett gebracht und einen Arzt gerufen, meine Mutter und noch einige ihr näher stehende Frauen befanden sich int Krankenzimmer. Trotz der Menschenmenge vor deni Hanse, vernahm man kein lautes Wort, alle - unterhielten sich im Flüsterton. „Es war der Leser." ' „Welcher Leser?" , Leser Schweinfurt. Haben Sic ihn nicht erkannt?" „Gerechter Gott! Der Leser Schweinfurt?" So 'schwirrte es flüsternd um inich herum, und erst jetzt erinnerte ich mich, es lvar der Name Leser, den Seite 5. Tante Gute in jenem furchtbar gellenden Schrei ans« gerufen hatte. Eben trat mein Vater ans dein Laden. Er schien sich nach inir umzusehen; ich eilte zu ihm und ergriff lerne Hand. „Wie geht es Tante Gute?" „Der Doktor ist drinnen, und die Mutter ist bei ihr. Die Mutter loird diese- Nacht drüben bleiben. Du aber komm' nach Hause, es ist spät. Du mußt in's Bett." Mein Vater schien sehr aufgeregt zu sein, ich hörte ihn noch lange im Zimmer ans und nieder schreiten. Früh am Morgen kanc meine Mutter, aber nur mit einige Anordnungen im Hauswesen zu treffen und meine Toilette zu mustern, dann eilte sic wieder hinüber zu der Kranken. Ich saß mit meinem Vater allein beiin Frühstückstisch, e? wollte mir gar nicht munden. Mein.Vater merkte es. „Armer Schelm," sagte er, „das ist ein trauriger Geburtstag. 9lber mach' Dir nichts daraus, wir verschieben den Geburtstag auf morgen, bis drei Mutter wieder daheim ist." Ich erwiederte nichts, schweigend zerbröckelte ich meinen Zwieback in den Kaffee. „Wer ist Leser Schweinfurt, Vater?" fragte ich endlich. Mein Vater blickte erschrocken um sich. „St, st! Kind. Was weißt denn Du von dein?" „Gestern Abend, bevor Tante Gute umgesallen ist, hat sie „Leser" geschrieen, und nachher haben die Leute ans der Gasse Leser Schweinfurt gesagt. Aber sie haben nur leise davon gesprochen, ich habe sie nicht verstehen können." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle ■■ — Offenbach a. M. — ■ - ■. Gegen Gicht nnd ßheumatismus bewährt. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem l,n»ob.j Samstag, den 22. Juni (= 10. Tamns): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 40 Min., in Berlin 9 Uhr 40 Min. Der Thora-Abschnitt C h u k a s behandelt in seinem ersten Teile das Gebot von der „roten Kuh". Eine vollständig rote Kuh sollte als Sündopfer bereitet werden durch den Hohenpriester. Sie wird ganz zu A>che verbrannt. In den Brand soll Zedernholz, Ysop und Karmesinwolle geworfen werden. Der opfernde Priester, ebenso wer sie verbrennt, wird dadurch tome (unrein). Die Asche der Kuh wird aber in Urnen aufbewahrt und dient zur „Reinigung" der Unreinen, die einen Toten berührt, mit ihm unter einem Dache geweilt, ein Grab, einen Knocken oder sonstige Teile eines Toten berührt hatten usw. Man warf von der 'Asche in ein Gefäß mit lebendigem Quellwasser und besprengte die „Unreinen" daniit am 3. und 7. Tage. Erst dann durften sie wieder in's Heiligtum treten oder auch verschiedene Opferteite genießen. Eine andere Reinigungsart gab eS nicht. (Dieses Gesetz führt an das größte Problem unseres Daseins: den Gegensatz zwischen Leben und Tot. Es wird immer uns rätselhaft» unverständlich bleiben.) — Mirjams Tot in Kadesch. Dort murrt auch die Gemeinde wegen Wassermangels. Mosche soll dem Volke Wasser gebe», indem er einen Felsen anredet. In seinem Zorn schlägt er jedoch zweimal den Felsen. Er verscherzt sich so die Erlaubnis und das Glück, in's gelobte Land zu dürfen. Ebenso sein Bruder Ahron. — Ahrou stirbt auf dem Berge Hör in Gegenwart Moses und seines Sohnes Eleasar. Letzterer wird Nachfolger im Hohenpriesteramt. Das Volk betrauert Ahron. — Das Volk will auf seiner Wanderung durch das Land Edoms ziehen. Es erhält hierzu nicht die Erlaubnis und macht nun einen Umweg. — Das Volk murrt über den langen Weg. Gott schickt giftige Schlangen, deren Biß viele tötet. Moscheh betet. Aus Gottes Befehl soll er eine kupferne Schlange fertigen nnd sie aus eine Stange sehen. Wer sie anschaute blieb am Leben, (sinn: Der Aufblick zu Gott schafft Leben!) — Israel besiegt zwei mächtige' Reiche: Emori und Basan. Deren Könige — Sichon und Og — sind gefürchtete Riesen. Sie fallen in 'Israels Hand. Die Sidra enthält ein kurzes Siegeslied über die Kämpfe in Ostjordanland. Offenbarer Druckluft* Anlage Telefon 128. Ottenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TapplChrelntgunff.

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