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Neue jüdische Presse · 1907-06-21 · Heft 24 (21.6.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 24 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«erte 2. Nr. 24 Frankfurter Israelitisches Familicnblatt. zig da, und sicht ihr, sowie ihrem werten Herren Präsidenten Dr. Ster» ganz und gar ähnlich. Zahlreiche Delegierte hatten sich aus ganz Oesterreich cingcsunden. Das Landeskomitec war durch seinen Obmann Dr. Schalit vertreten. Alles harrte gespannt auf das Erscheinen unserer Abgeordneten. Zunächst erschien die hohe, stolze Gestalt des Prager Univcrsitätsdozenten Dr. Mahler (Trembowla,. Stadt). Begeisterter, nicht enden,Vollender Applaus dnrchtoste den weiten Saal. — Dann kamen Adolf Stand lBrody) und Dr. 2 l rauch er (Czernowitz). Endlich erschien Dr. Gabel (Trembowla, Land). Erhebend war der Anblick, als sich die neu cintrctcnden Abgeordneten umarmten und unter Frcudenträncn den Brudcrkuß tauschten. Langanhaltender Beifall erscholl auch, als Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Achcr), der seinen Fall in Buczacz nur dem verbrecherischen Treiben und den skandalösen Wahlschwindeleien der Schlacht« und ihrer Henkersknechte zu verdanken hat, den Saal betrat. Zahlreiche Telegramme waren aus ganz Oesterreich und dem Auslände eingelauscn, darunter vom Präsidenten der zion. Bewegung, David Wolssohn, von R. Sokolow, Berthold Feiwcl und vielen anderen. Nachdem Dr. David Notblum die Festvcrsanlmlung eröffnet hatte, ivies er in seiner Rede daraus hin, das; die österreichischen Zionisten »in kein Jota vom zionistischen Programme abwichen; sic seien dessen voll und ganz bewußt, daß nian in Oesterreich nie und nimmer werde Zukunftspolitik treiben können und daß das zionistische Endziel nur die Schaffung einer gesicherten Heimstätte in Palästina sein könne, aber cs wäre wahnwitzig gewesen, in dem Momente, wo jedes Volk seine Rechte erhalte, zu schweigen und über sich hinweg zur Tagesordnung übergehen zu lassen. Dann ergriff, stürmisch akklamiert, Rcichsratsabgeordneter Dr. Strauchcr das Wort, der aus die Stellungnahme der zionistischen Abgeordneten in; Parlamente hinwies: „Wir werden eine streng srechcitliche, denwkratischc. sozialrcformatorische Tätigkeit im Parlamente entwickeln," sagte er, „aber für andere Völker wollen wir uns nicht mehr die Köpfe zerbrechen, das mögen ihre Abgeordneten tun, wir wollen uns für das jüd. Volk die Köpfe zerbrechen." Dann sprach noch Reichsratsabgcordneter Adolf Stand, der auf die Emanzipation der Juden in Galizien und aus die Verdienste.Hcrzls hiruvies und der mit den Worten schloß: „Wir wollen ihm, dem großen Toten, folgen, der daS jüdische Volk sich selbst achten lehrte, und wollen aber auch unseren; bewährten Parlamentarier und Gesinnungsgenossen Dr. Strauchcr als unserem Führer in; Parlamente treue Gefolgschaft leisten!" ' Hierauf ergriffen noch die Abgeordneten Dr. Mahler und Dr. Gabel das Wort, und nachdem;wch Dr. Birnbaum, Tr. Schalit, Dr. Wcisengrün und noch mehrere mcherc Ansprachen gehalten hatten, endigte die dcnktvürdigc Versammlung. Wien, 18. Juni 1907. Ben Esra Die Woche. Alea jacla est! Der Würfel ist gefallen — die russische Regierung hat den Staatsstreich vollführt. Die russische Staatswcishcit hat cs stets als ihre höchste Leistung betrachtet, die Welt irre zu führen, und ma;: n;nß gestehen, das; ihr dies meistens gelungen ist. . Die Welt ist betrogen worden; allein — der meist Betrogene war R n s; l a n d is c l b st. Rußland hat immer bei diesem Gaukelspiel die Zeche zahlen müssen, und wie es Baucrnschlanhcit ergeht, so stellte sich die Vergeltung, wenn auch nicht bald, so jedoch nachträglich ein. Wer noch daran zweifelte, das; cs dem von Gottesgnaden selbstherrschcndcn Zaren nieinals;m; die Freiheit ernstlich zu tun war, der ist jetzt gründlich von keinem Zweifel geheilt worden. „Die Rviiianow waren von jeher liberale Herrscher!" Diesen köstlichen Witz lnachtc der durchtriebene Fuchs Witte mit ernster Miene in der Presse; vielleicht hat er cs auch ernst gemeint, denn ein russischer Minister versteht unter „liberal": Knute, Galgen und Folter. Doch die Aera Witte ist vorbei — Witte hofft freilich, das; sie wiedcrkommt —, und unser Interesse gilt jetzt seinem Nachfolger Stolypin, der seinen Vorgänger in Verschlagenheit »och weit übertrifft. Stolypin hat sich, nachden; er lange die Rolle eines Liberalen gespielt, als echter Hooligan entpuppt, der seiner Karriere halber vor dem größten Verbrechen nicht zurückschcut, der mit Hilfe der vcrkoinmcnen Hofklique und der organisierten Verbände der „echt russischen Zuchthäusler" das Volk zu knebeln gedenkt und nicht nur die fremden Nationalitäten, sondern selbst die eigene Nation im Vlnte ertränken will. Ein Teil der Presse ergeht.sich in; Suchen nach den Gründen der Auflösung; die Mähr von der Verschwörung gegen den Thron sei .nichts anderes als eine plumpe Provokation, worin die Burcaukratic geradezu genial ist, denn das Prograinin der Tozialdeinolratie war der Negierung zur Genüge bekannt, Zereteli, der Führer der Sozialdemokratie, hat ' cs in seiner Deklaration bereits vor Monaten von der Dunmtribünc herab verkündet, die russische Sozialdemokratie hat offen vor aller Welt gesagt, daß sic danach strebt, Rußland ft; eine Republik zu verwandeln — nud neue Tatsachen sind nickt hinzngekommen. lind noch n;ehr ist die Welt erstaunt, daß gerade in den; Moment, wo sich eine arbeitswillige, arbeitsfähige Mehrheit ergab, die Duma aufgelöst wurde. Allein, gerade die Mäßigkeit der Duma war für eine Regierung, die doch die Reformei; nur als Mittel, die W;lt irre zu führen benutzt, an; gefährlichsten. Die Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären und Volkssozialistcn konnte man als „Kramolniki", als Umstürzler verschreien, nicht aber friedliche, gemäßigte Arbeiter, die ans den; Wege des Gesetzes und der Nesoru; schreiten. Und der Zar? Der Zar in seiner Beschränktheit hat nie begriffen, was Konstitutionalismus und damit verbundener Parlamentarismus bedeuten; in absoluter Unkenntnis hat er in der Stunde der Not den; Wiitöscken Entwurf zngcstimmt, weil er glaubte, daß alles im wesentlichen bei»; alten bleibe und da; man den schnmmen Zeitverhältnissen gewisse Konzessionen, deren Wesen ihn; unklar blieb und fü^ die er niemals feste Grenzlinien erkannt hat, machen niüssc. Der Zar, der weder von der russischen Staatsverwaltung noch von; russischen Volke etwas weiß und der für alle Vorgänge, die sich jenseits seiner Palastmanern abspiele.r -- und seien sie noch so blutig und.noch so entsetzlich — gänzlich u. n e;n p s i n d l i ch i st , kam; seine Zeit nicht erfassen. Die zarische Umgebung besteht fast ohne Ausnahme ans Schmarotzern, Schmarotzern, die durch den Kaiser über die Einkünfte des Staates für sich und andere verfügen, und die im vorliegenden Falke auf das allerstärkste becinslnßt wurden von zwei weiteren gewaltigen Interessengruppen, denen alles daran liegt, die Autokratie, d. h. für sie die Ausbeutung des Staates durch einen engbcgrcnzten Kreis von Menschen, aufrecht zu erhalten. Diese zwei Interessengruppen sind die Bureaukratie und ferner das Großgruudbesitzertum. Die Bureaukratie verträgt keine Kontrolle, weder durch das Parlament noch durch die Presse, und das Agrariertnm mußte sich jeder Reform zugunsten der Bauernschaft Wiedersehen. Daß die Großfürsten und der Kaiser selbst wegen ihrer Einnah;ucn den Parlamentarismus scheuen und die Kontrolle der Ocffcntlichkeit nicht vertragen können, braucht nicht erst gesagt zu werden. Diesen treibenden Kräften warf man ein populäres Mäntelchen durch die künstliche Agitation der schwarzen Hunderte;;m, einer wurzellosen Partei, die künstlich durch die Polizei, durch Staatsgcldcr und durch Spenden aus der kaiserlichen Schatulle am Leben erhalten wird. Kurz;;;;; die Fäden sind sichtbar, die Ursachen, die Rußland jetzt in einen furchtbaren Kreislauf zu Plehwe'schen Zuständen zurückgeschleubert haben, sind klar. Jetzt beginnt die alte Willkür, das alte Verbrechen, wieder zu wüten. Und die neue „Konstitution"? Die neue Konstitution! Es hat wohl nie in Rußland eine wirkliche Konstitution .existiert. Altes war Schwindel. Rußland war in den b e st e n Tagen der K o n st i t u - t i o n a b s o l u t i ft i s ch , die Knute, das Verbrechen sind nach wie vor Trninpf. Will die Freiheit siegen, muß sie ganze Arbeit machen: das ganze System sanft ihren Trägern wcgscgcn! - Schwere Tage brechen für unsere .Brüder in Rußland an. Für die erste Zeit, vielleicht bis über die Haager Konferenz, wird die Ruhe notdürftig erhalten bleiben, aber was nachher kommen kann . . . Entsetzen erfaßt uns bei dem Gedanken, was unsere unglücklichen Brüder erwartet. Es ist geradezu zun; Verzweifeln der Gedanke, das; ihnen keine Hilfe geboten werden kann; keine Hilfe, keine Rettung! — Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Vom Hilfsverein der Deut > ch e i; Jude n erhalten wir nachstehende Mittcilnngrii: In der letzten -Sitzung des geschäftsführendei; Ausschusses des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" wurde zunächst eine Reihe von N a eh bewilligu;; g c n und B n d g e t c r h ö h u n g e n für die eigene» I n st i t ii t c d c s HilfsvcrcinS in P a - t ä st; n a vorgciiviunieu und zwar für das Lehrerseminar, für die int April ds. Is. eröffnctc Hanoclsrcaks.chnle, für die 3 Kindergärten in Jerusalem und die Knabenschule und die 2 Kindergärten in Jaffa. Durch den Andrang von Kindern mittcllvscr Emigranten, die nach den Prvgromen der Jahre 1905 und 1903 ans Rußland nach Palästina geflüchtet waren, zu den Schiften und Kindergärten des Hilfs- Vereins, wie infolge der vermehrten Gewährung von Stipendien für die Seminaristen wurden unvorhergesehene finanzielle Aiiforderiingcii gestellt, denen in vollem Umfange Rcchnniig getragen werden mußte. Dem jüdischen M ä d ch e n h e i in in I e r u - s a l e in, das palästinensischen und russischen Waisenkindern eine Zufluchtsstätte bietet, wurden 2000 Francs zur Verfügung gestellt. D;e Subvention für die Gesellschaft Bezalcl zur Förderung der Hausindustrie und des Kunsthandwerkcs in Palästina wurde erneuert. Ans einen entsprechenden 'Antrag aus Hebron wurden als Zuschuß für eine approbierte Hcbeanimc daselbst 100 Francs bewilligt. Das >Lchulwcrk des Hilfsvercins hat einen weiteren Ausbau durch die Bewilligung der Mittel zur Begründung eines Kindergartens in Liberias ei fahren — des neunten, den der Hilfsvercin der Dcutsmen Juden in Palästina unterhält. Für die notleidenden Wohlsahrtseiiirichtungen in G r o d n o in Rußland hat der Hilfsverein der Deutschen Inden eine .Hilfsaktion der großen Organisationen in die Wege zn leiten gesucht und den Anteil, den Deutschland, nach dem vorgcschlagencn Vorteilung'-niodnS zu leisten hätte, im Verein mit dem FraiikfnrtcrHilfs-Komiteefürdieiiotleidenden osteuropäischen Inden, bereits nach Grodno überwiesen. Für die in Deutschland nntcrgcbrachtcn russische:, P r o g r o m - W a i s e n — 58 an der Zahl — hat der Hilfsvercin der Deutsche» Juden in Korporation mit der Großloge für Deutschland seinerseits eine jährliche Spareinlage von je 20 Mark bewilligt, die für diejenigen Kinder, deren Zukunft nicht durch Adoption oder in sonstiger Weise gesichert erscheint, bis zu ihrer Selbständigkeit aufgesaimnelt und zur gegebenen Zeit ausgehändigt werden soll. Für den i s r a e l i t i s ch e n U n t e r st ü tz n n g s- Verein für Obdachlose in H a in b u r g, dem speziell erhebliche Auswendungen für lleberwachnng der koscheren Verpflegung der überseeischen Auswanderer erwachsen, wurden 2000 Mark, für das jüdische Krankenhaus in M c m e k, das zahlreickc kranke russische Glaubensgenossen verpflegt, 300 Mark bewilligt. Berlin. Aus der 4. ordentlichen Generalversa m in l u n g des Verbandes für S t a - tistik der Inden erstattete der Vorsitzende Dr. Alfred N o s s i g den Bericht, dem zufolge das Bureau des Verbandes folgende Arbeiten ansgeführt hat: Im Austrage der Großloge des 1l. O. B. B. sür Dcntsckland wurde eine in; Wesentlichen auf Onginalerhcbnngen beruhende Untersuchung über „Die sozialen Verhältnisse der Juden im Großherzogtnme Hessen" vollendet. Die von Dr. Arthur Ruppin, dem Leiter des Bureaus, verfaßte Arbeit wird voraussichtlich noch im Lause des Jahres 1907 in; Druck erscheinen Mit Unterstützung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" wurde eine vom Mitgliede des Bureaus Dr. Jakob Thon verfaßte Schrift „Die jüdischen Gemeinden und Vereine in Deutschland" mit einem wertvolle» Beitrag von Paul Dreh in München veröffentlicht. „Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich"

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