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Neue jüdische Presse · 1907-06-21 · Heft 24 (21.6.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 24 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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<--;- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, .sonstige Länder Mk. 2.— 4.'— _— — - - - - He-aKkto« «rrd ch-fchäfr-DMe SranMrt a. m.. Lleichstraße 8, Ecke vil-elerstraße T-r-fo« 10507. HnaitssHsv: Salg cheis. . Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. NPsg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. 5. Jahrgang. Freitag, den 9. Tamus 5667 (21. Juni 1907). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Püffe und Fußtritte. — Der Einzug der ersten jüdischnationalen Abgeordneten in Wien. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Frühmorgens in einer Kellerstube. — Tante Gute. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Püffe und Fußtritte. Im Königreich Preußen kann jeder nach seiner Facon selig — werden, aber nicht selig — leben. Davon wissen besonders wir Juden ein Liedchen zu singen. Der große Friedrich prunkte mit seiner Lichtung vor der Frecheit der Gedanken, doch, sobald es uns Juden betraf, zog er eine scharfe Grenzlinie; die preußische Landesverfassung verbürgt die Gleichheit der Rechte aller Staatsbürger, doch, daß diese Gleichheit bei uns Juden anfhört, darüber können sich nur die unter uns täuschen, die getäuscht sein wollen. Aber das sind „olle Kamellen", wir hätten sie nicht ausgewärmt, wenn nicht einige Borkommnisse der letzten Zeit mal wieder mit greller Deutlichkeit gezeigt hätten, wie trotz aller Anpassungsversuchc des modernen Juden in Wirklichkeit die Situation beschaffen ist. - Ueber das eine Vorkommnis, das wir im Auge haben, möge eine Eingabe, die der Ingenieur Benno Kohn in Königshütte an den österreichischen Minister des Auswärtigen gemacht hat/ informieren. In dieser' Eingabe heißt es: „Am 1. September d. I. trat ich als Ingenieur in Stellung bei der Brückenbauanstalt der vereinigten König- und Lanra-Hütten-Aktiengesellschast in Königshütte, Preußisch-Schlesien. Da ich in Ung.-Brod in Mähren gebürtig und dahin zuständig, also österreichischer Staatsbürger bin, habe ich mich durch einen ordnungsmäßig von der Bezirkshauptmannschaft in Ung.-Brod ausgestellten Reisepaß zu dauerndem Aufenthalte hierorts polizeilich gemeldet. Anl 1. d. Mts. erschien in meiner Wohnung ein Wachmann und meldete mir, daß mir der dauernde Aufenthalt in Königshütte von der Polizei nicht gestattet werden wird. Da ich hierüber keinen gerichtlichen Bescheid erhielt, begab ich mich am 3. d. Mts. auf das Polizeiamt, um mich zu erkundigen, ob diese Meldung tatsächlich von der Polizei veranlaßt wurde. Der Polizeisekretär bestätigte dies, befragte mich nach meiner Konfession, die ich als mosaisch angab, und erklärte mir hierauf, daß laut Erlaßdes R egieruugspräsidiums in Oppeln , den Ausländern mosaischer Konfession der Aufenthalt im hiesigen Regierungsbezirke nicht gestattet werde. Mein Erstaunen wuchs noch mehr, als er mir einige andere hiesige Königshüttener Beamte mit Namen nannte, gegen welche auf gleiche Art vorgegangen ist. Ich habe mich in dieser Angelegenheit sofort durch eine Eingabe an das k. u. k. österreichisch-ungarische Konsulat in Breslau gewendet, erhielt am 12. d. Mts. den Bescheid, Nr. 7519, in welchem mir mitgeteilt wurde, daß die Aenßerungen des Polizei-Sekretärs der Wahrheit entsprechen, daß aber das k. u. k. Konsulat in meiner Angelegenheit erst dann intervenieren könne, wenn ich den schriftlichen Ausweisungsbefehl in Händen haben werde. In der Anlage erfolgt die Abschrift dieses Bescheides. Am 12. d. Mts. erhielt ich auch von der hiesigen Polizeibehörde eine Vorladung zuni Polizcisckretär. Ich wurde befragt, ob ich mich hier dauernd aufzuhalten gedenke, was ich in einem Protokolle bejahte! Hierauf zitierte der Beamte den bereits erwähnten Erlaß des R e g i e r n n g s- Präsidiums in Oppeln, laut welchem den Ausländern mosaischer K o n f e s s i o n der dauernde Aufenthalt hierorts nicht gestattet werde. Er fragte mich, ob ich mich freiwillig aus Königshütte entfernen wolle, was ich natürlich ablehnte. Hierauf machte er mich aufmerksam, daß das Regiernngs-Präsidinm in Oppeln über nieinc Ausweisung entscheiden werde und daß ich mich mit Sicherheit auf die in einigen Tagen zu erwartende Ausweisung aus dem ganzen preußischen Staatsgebiete gefaßt machen solle. Auf meine Schlußbemerkung, daß ich die Hilfe der österreichischen Behörden in dieser Angelegenheit anrufen werde, erhielt ich die Antwort: „Das wird Ihnen nichts nützen." Ich bin weder in Oesterreich noch in Deutschland vorbestraft, bin pol itischnichttätig und bin auch dem preußischen Staate bisher in keiner Weise zur Last gefallen, da ich Steuerträger bin. Der Grund meinerbevürstehenden Ausweisung ist, wie es mir ja ganz präzise von den hiesigen Behörden mitgeteilt wurde, einzig und allein der, daß bei - mir als Juden die Voraussetzungen des früher erwähnten Erlasses des Regierungs-Präsidiums in Oppeln zutrefsen." Nun könnte man vielleicht einwenden, es habe sich hier uni den Uebergriff eines antisemitischen Regierungspräsidenten gehandelt, einen Uebergriff, der sicherlich nicht die Billigung seiner Vorgesetzten Behörde findet. Aber auch diese Illusion wird uns geraubt: das österreichische Ministerium leitete die Beschwerde an das preußische Ministerium des Innern — und dieses hat nicht etwa die Verfügung des Regierungspräsidenten aufgehoben, nein, es hat diese Verfügung anerkannt, indem es die Ausweisungsfrist bis Ende dieses Jahres verlängerte. Gerade so einzuschätzen wie dieser Fall, ist ein zweiter; er betrifft eine Verfügung des Kgl. Provinzial-Schulkollegiums an die städtische Schuldeputation in Berlin, in der sie verlangt, die Zahl der jüdischen Lehrkräfte einzuschränken. — Selbstverständlich will das preußische Ministerium, zu dessen Rayon die Wissenschaften ge- No. 24. hören, mit seinem Bestreben, möglichst keine jüdischen Lehrer au seinen Schulen zu haben, nicht die religiöse Anschauung der Inden als gefährlich hinstellen — würde damit doch auch das Christentum, die Tochter des Judentunis, herabgesetzt werden! —; das preußische Ministerium, zu dessen Rayon die Wissenschaften gehören, stellt sich vielmehr — trotz der wohllöblichen Vorsteher und Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in Berlin — aus den wissenschaftlichen Standpunkt, daß der Jude eine andere Volksrasse ist, ein Standpunkt, der übrigens nichts an der Beurteilung der Verfügung ändert. Ob die deutschen Juden durch die kräftigen Hiebe, die gerade in letzter Zeit wieder auf sie hinabsausen, endlich zum Bewußtsein kommen werden? Ich glaube — nicht! Wer sich so wie der deutsche Jude daran gewöhnt hat, sich zu ducken und zu kriechen, der ist gegen Püffe und. Fußtritte gefeit. Der Einzug der ersten jüdischnationalen Abgeordneten in Wien. Ein Wunder ist geschehen. Tie Juden haben es gewagt, eigene jüdische Kandidaten, keine „Auchjuden" k la Gold, Kolischer und Genossen, die sich svrgsamst hinter den Bajonetten der Schlachzizen verbergen, keinen Juden ä la Ritter von Horowitz, der seine Treue zur polnischen Nation dadurch zuni Ausdrucke bringt, daß er Hundcrttausende für die Wahl der Stanzykenpartci schnoderte, nein, sie wagten es, aufrechte, bewußte Juden anfzustellen, die auf rein jüdischnationalen: Programm kandidierten. Und noch ein größeres Wunder geschah, diese Männer, gegen die sich die Schlachta und ihre Schergen, vom Grafen Potocki herab bis zum Dorfpolizisten, das ekelhafte Assimilantentum der Kahalklique und alle finsteren Mächte ver-. bündet hatten, wurden — gewählt. Und Samstag war der festliche Tag, an dem wir Juden Wiens die ersten jüdischen Parlamentsvertreter in unserer Mitte begrüßten. Eine vielhlmdertköpfige Menge, Mann an Mann gedrängt, füllte schon lange vor Beginn den Riesensaal des Hotel Kontinental, in welches der „Bar Kochba" die Wiener Juden zur Festversanimlung geladen hatte. Es hatten sich die Vertreter aller Wiener jüdischen Korporationen eingefunden, und nur eine einzige Körperschaft glänzte durch ihre Abwesenheit, nur eine einzige jüdische Körperschaft, besser gesagt israelitische, noch besser gesagt mosaische 'Körperschaft — unsere wohlhonorige Kultusgemeinde, die Parteifreunde der jüngst aus der deutschsortschrittlichen Partei hinausgeworfenen jüdischen Abgeordneten, die sich aber bereits wieder zusammengesunden haben (verstärkt durch ein paar getaufte Juden), um eine neue, wirklich freiheitliche, deutsche Partei zu schaffen. Dieses Vorgehen unserer lieben Kultusgemeinde steht ein-

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