Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 23 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692534--03271-2697948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5K. 23 »°cm neuzugestaltenden. Programm die Autonomie der Nationalitäten ausgeschaltet werden wird, so ist schwer e.nzn nehmen, daß man auch die Gleichstellung der Juden fallen läßt. Daß die Regierung wegen der Judenemanzipation die Duma nach Hause schickt, ist unwahrscheinlich; wenn auch nicht aus humanitären Gründen, ftr doch aus Angst vor der öffentlichen Meinung Europas. Wir sagen unwahrscheinlich, doch ausgeschlossen ist es nicht. . Für eine russische Regierung giebt cs nichts Nnm ögliches. Inzwischen gehen die Juden physisch und was noch schlimmer, auch teilweise moralisch zu Grunde, und am stärksten wird durch die moralische Versumpfung das spezifisch jüdische betroffen. Ein unsäglicher Schrecken bemächtigt sich unser bei dem Gedanken, daß unsere noch einzig übrig gebliebene Burg in Trümmer geht! Aus alter Wett: Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen gebeten: Erklärung. Gegenüber den in den letzten Wochen von verschiedenen Seiten aufgestellten unwahren Behauptungen über die Stellung der Rabbiner in der hiesigen jüdischen Gemeinde sehen wir uns zur Wahrung unserer Ehre zu folgender Erklärung veranlaßt: 1. Es wird behauptet, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin im Jahre 1905 „die durch eine 'tausendjährige Entwicklung geheiligte Institution^ des Rabbinats" aufgehoben habe. Diese Behauptung beruht auf einer unbegreiflichen Verwechslung des! in einzelnen Fällen religionsgesetzlich vorgeschriebenen Zusammenwirkens von 3 Rabbinern (Bes-din) mit der Verfassung des Berliner Rabbinats, wie sie eine 'Zeit lang hier bestanden hat. Seit einigen Jahrzehnten hatten die Rabbiner der hiesigen Gemeinde ihre gemeinsainen Aufgaben wie die Erstattung ^von Gutachten, die Beantwortung religiöser Anfragen, die Prüfung neu anzustellcnder Kantoren u. a. in kollegialer Beratung erledigt, und demzufolge hieß die Bereinigung der Rabbiner der hiesigen Gemeinde Rabbinat oder Rabbinatskollegium. Eine Aenderung dieser Einrichtung erfolgte aus Anlaß einer Frage rein 'taktischer Natur und führte dazu, daß der Vorstand, ^gestützt auf das Statut der hiesigen jüdischen Gemeinde vom 11. November 1895, § 54, gegenwärtig nur noch die Gutachten der einzelnen Rabbiner einholt. 'Damit trat in Berlin lediglich derselbe Zustand lein, der auch in Breslau, Frankfurt a. M., Köln, Prag, Wien und anderen Orten besteht, in denen mehrere: Rabbiner nebeneinander tätig sind. Im übrigen beraten und beschließen die Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde nach wie vor über die verschiedensten gemeinsamen Angelegenheiten und haben hierzu ein besonderes Sitzungszimmer und einen vom Vorstand angestellten Boten zur Verfügung. Völlig unberührt von der getroffenen Aenderung ist das oben erwähnte Zusammenwirken von 3 Rabbinern (Besdin) für einzelne religiöse Akte wie rituelle Ehescheidungen u. Idgl.h diese finden in der hiesigen jüdischen Gemeinde nach wie vor nach den religionsgesetzlichen Bestimmungen statt. 2. Die Aufsicht über die rituellen Jnstitiüionen der hiesigen jüdischen Genreinde Ivird heute ebenso wie früher < im Namen des Rabbinats der jüdischen Gemeinde von einem hiermit beauftragten Rabbiner und weiteren hierzu angestellten Beamten ausgeübt. An diesen wie an jeden Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde kommen die verschiedensten Anfragen religionsgcsetzlicher Art zur Erledigung.. 3. Niemals hat der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde es versucht, uns in unserer religiösen Ueberzeugung zu beeinträchtigen .oder gar irgend etwas von uns zu verlangen, was ihr widerspricht. Die Unterstellung, daß wir solches uns hätten gefallen lassen, > weisen wir mit Entrüstung zurück. Behauptungen 'wie die, daß die heutigen Rabbiner Ihre Direktive vom Borstande empfangen, und Phrasen noch niedrigerer Art, Männern gegenüber gebraucht; denen tatsächlich die wichtigsten religiösen Interessen der Gemeinde anvertraut sind und die in einer langjährigen Tätigkeit die Achtung ehrenwerter und ivahrhaft religiöser Männer sich erworben haben, richten sich. selbst. Berlin, den 9. Juni 1907. Rabb. Dr. Stier, Rabb. Dr. Weiße, Rabb. Dr. Eschelbacher, Rabb. Dr. Blumenthal. Frankfurt a. M. Aus dem Deutichen Bureau der „Alliance Jsraölite Universelle" erhalten wir folgende Mitteilung: Bukarest, 7. Juni. Am gestrigen Tage haben die vereinigten Senate des Kassationshofes in Bukarest aus einem Einzelanlaß durch Urteil festgestellt, daß die im Lande geborenen Fremden oder die Söhne von Eltern, die im Lande geboren sind, aus Rumänien ' auSgewiesen werden können, selbst wenn sie dem Militärdienst genügt haben. — Dieses Urteil hebt die gesamte frühere Judikatur auf, die sich auf ein Verdikt de? zweiten Senats des Kassationshofes gestützt gMHfptnCX FfUttMvpyeS VVNMNWUNL. hatte. In Zukunft kann in Rumänien eder Jude des Landes verwiesen r erden, ohne daß ihm das Recht der Bech w e r d e z u st ü n d e. Frankfurt a. M. Die zweite Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden findet am 13. Oktober im hiesigen Saalbail statt. Es sind bereits folgende Vorträge angeknndigt worden: 1. Geheimrat Pros. Dr. Eohen, Marburg, über religiöse Postrrlate. 2. Professor Dr. Martin Philippson, Berlin, über die Organisation der Judengemeinden. 3. Dr. Paul Nathan, Berlin, über Staatsinteresse und Judenpolitik. 4. Rechtsanwalt Dr. Loeb, Mainz, über die politische Stellung der Juden in den süddeutschen Staaten. Berlin. Kaiser's Kaffeegeschäft. Dem Organ des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger Wischen Glaubens" ist folgendes, für manche jüdischen Kaffee-Konsumenten recht interessante Schriftstück zugegangen: ‘ Berlin MV. 40, Haidestr. 15/16, 9. 3. 07. Mitteilung für Frau Lina A..... . Berlin. Nachdem Sie mir mitgeteilt, daß Sie von jüdischer Konfession sind, muß ich Ihnen antworten, daß ich Sie deshalb nicht engagieren kann. Hochachtend - p. Kaisers Kaffeegeschäft Gesellschaft mit beschränkter Haftung ' gez. Herrn. Michels. . Mit Recht bemerkt hierzu genanntes Blatt: Da die „Gesellschaft mit beschränkter Haftung" von Kaisers Kaffeegeschäft sich darauf beschränken muß, christliche Leute anzustellen, läßt sich voraussetzen, daß ihr auch jüdische Käufer unwillkommen sind. Charaktervolle Juden dürften nach dieser Probe von „Kaisers Kaffee" finden, daß er nicht frei von »-antisemitischen" Bohnen ist, die ihn gewiß nicht schmackhafter machen. Hamburg. Wer erholungsbedürftige Kinder hat, sei auf das herrlich an der Nordsee gelegene und allen hygienischen und den strengsten rituellen Ansprüchen genügende „Israel. Kinder - Hospiz" in Duhnen bei Cuxhaven aufmerksani gemacht. Der Pensionspreis, der unter erfahrener Leitung und ärztlicher Aussicht stehenden Anstalt beträgt für 4 Wochen 85 JL Nähere Auskunft erteilt Herr Ludwig Mathinson, Hamburg, Alterwall 58. Oesterreich-Ungarn. Wien. Wir lesen in der „91. Fr. Pr." vom 8. Juni. Aufruf. Die Reichsratswahlen in Rawa ruSka haben fatale Folgen nach sich gezogen. Im Laufe dieser Woche sind etwa zwölf Leute, die dem Handwerkerstande angehören und in den Augen unserer Behörden verdächtig waren, daß sie für die W ahlein esjüdischen Abgeordneteneingctreten sind, in Haft genommen worden. Wir stehen hilflos gegenüber diesen Verfolgungen. Die Inhaftierten sind sämtlich verheiratet und Väter zahlreicher Familienmitglieder, welche, nachdem die Ernährer sich in Hast befinden, bitterem Hunger ausgesetzt sind. Im Namen der Unglücklichen appellieren wir an unsere Glaubensgenossen, im Westen, für die Bestellung eines Verteidigers für diese unschuldig Inhaftierten Sorge zu tragen und den notleidenden Familien dieser Märtyrer einer gutjüdischen Sache eine Unterstützung zu gewähren. Das jüdische Wahlkomitee in Rawa ruska. Budapest. Die Jahresversammlung derorthod. Landes-Repr äsentanz, welche sich aus 40 Rabbinern und 60 Nichtrabbinern zusammensetzt, war von 60 Mitgliedern besucht und wurde von dem Präsidenten der Zentralkommission, Adolf Frankel, geleitet. Der BerichtdesPräsidenten wurde einer Kommission überwiesen, da eine öffentliche Behandlung desstlben für unzweckmäßig gehalten wird. — Die Untätigkeit der permanenten Talmud-Tora-Kommission wird bemängelt. Tr. Jakob Schächter setzt die Notwendigkeit eines orthodoxen Lehrerseminars — bis heute besteht in Ungarn nur ein neologes — auseinander. Er wird von dem Waitzener und von dem Bonyhadcr Rabbiner, die Gegner method. Schulen und' deshalb Gegner eines Lehrerseminars sind, heftig unterbrochen, und da das Präsidium ihn nicht in Schutz nimmt/ so verzichtet er ans das Wort. Ueber einen Antrag, der die Frage der Sonntagsruhe und einen weiteren Antrag, der die traurige Tatsache, daß jüdische Kinder in verschiedenen Volksschulen zum Schreiben am Sabbath gezwungen werden, zum Gegenstand hat, wird einfach zurTagesordnnng nbergegangen, da nach Ansicht des Präsidenten gegenwärtig mit Deputationen doch nichts auszurichten sei. In der um 7 Uhr beginnenden Abend-Sitzung wird das Protokoll der „politischen" Kommission verlesen, aus dem zu entnehmen ist, daß der Präsident der Kommission über das Verhältnis der orthodoxen Zentralkanzlei zur Regierung, sowie auch über den Stand der Sonntagsruhe, Jeschiwah- Seite 3 und Pensionsfrage Bericht 'erstattet hat, und daß der Präsident den Entwurf des restlichen Teiles der Organisationsergänznng einer noch einzuberusenden Berammlung der Landes-Repräsentanz vorlegen werde. — Auch has Protokoll der Finanz-Komm i s s i o n gelangt zur Verlesung. — Ungefähr um 8 Uhr waren die Beratungen beendet, worauf der Präsident die Jahresversammlung für geschlossen erklärte. Lemberg. Ueber die Haltung, die die üdiichnationalen Abgeordneten im Reichsrate einnehmen werden, äußerte sich A d o l s S t a n d: Die neugewählten zionistischen Abgeordneten aus Galizien werden dem Polenklub nicht beitreten und sich als selbständiger, national-jüdischer Klub konstituieren. In allen sozialen Angelegenheiten werden sie mit dem sozialdemokratischen Klub stimmen» sie werden für die Verminderung der Konsumsteuer, für eine mehr städtische BerwaltnngsPoliUk, Verkürzung der militärischen Dienstzeit auf zwei Jahre, Reform der Mllitärstraf- 'irozeßordnung und des Strafgesetzes eintreten. Dem Polenklub und Ruthenenklub gegenüber werden sie sich vollkommen neutral verhüten. Lemberg. Der Polenklub zählte in der verflossenen Session 65 Mitglieder, verfügt aber heute mir über 54, darunter 15 Konservative: Nur dank dem unerhörtesten Wahldrucke haben die Konservativen diese winzige Zahl von Mandaten erworben. Zn beachten ist, daß die meisten Konservativen in den von Inden dicht bevölkerten Kleinstädten durchgekommen sind, es ist bekannt, daß die großen elenden Jndenmäsien von den großen Magnaten leider stets abhängig und in beständiger Angst-vor den direkten Organen dieser Klique, den politischen Landesbehörden, vor und während der Wahlen erhalten worden sind. Was nutzten die fieberhaften Anstrengungen der Zionisten, diese Massen zur politischen Selbständigkeit zu zwingen? Sie versagten in vielen Punkten angesichts des offiziellen Wahlterrors. Daß die schwache zionistische Partei trotz allen Schwierigkeiten mit 30,000 Stimmen 3 Mandate erobert und es zu mehreren Stichwahlen gebracht hat» ist eine Tatsache, mit der man in den offiziellen Kremen zn rechnen beginnt. Die „Gazeta Narodowa" führte bereits aus, daß die nationalen Forderungen der Inden berechtigt seien und daß die Polen den Juden keineswegs ihr Polentnm aufzwingen wollten. Die Zicnisten wollen die gerechten nattonalen Forderungen der Polen und Ruthenen unterstützen. In allgemeinen sozialen und politischen Fragen werden sie sich an die Sozialdemokratie anlehnen, sie find eine rein demokratische Partei auf national-jüdischer Basis. Wenn das so weiter geht, so ist bei den nächsten Wahlen eine noch größere Ablenkung der jüdischen Massen von den Schlachzizen zn erwarten. „Frankst. Ztg." Schweiz. Bern. Die jüngst in Zürich abgehaltene 2. Jahreskonferenz der schweizerischen Derritorialisten hat folgende mehr als in einer Hinsicht bemerkenswerte Resolution einstimmig angenommen: Die 'Jahreskonferenz lehnt jede Verantwortung für jedwedes Unternehmen des Jtodirektoriums, das nicht Unmittelbar auf die Erreichung eines autonomen Territoriums abzielt — ab, so lange nicht ein' allgemeiner Jtokongreß dieses als in dem Rahmen des Jtoprogramms gelegen anerkannt hat". Es Ast unschwer zu erraten, daß man bei Annahme dieser Resolution das Emigrationsdepartement im Auge hatte. Es wäre wahrlich ein Verdienst'der Konferenz, wenn sie es vorbengte, daß die „Jto" zn einer fruchtlosen Filiale der allgemeinen phllanthropischen Kolonisationsgesellschaften herabsinke. Großbritannien. London. Die Jto hat, wie verlautet, die Regierung von West-Australien ersucht, ihr im südlichen Telle ihres Gebietes am Meehng-River eine Million Acre zur Gründung einer jüdischen Kolonie auf IVs.Jahre fest an Hand zn geben. Die Antwort steht noch aus. Rußland. Warschau. 12 000 Fahrkarten nach Amerika sind hier in den letzten Monaten von jüdischen Auswanderern gekauft worden. Ldessa. Die teuflischen Pläne des Verbandes der echt russischen Leute haben fast wieder zn Judenmetzeleien geführt. Nachdem am 2. dss. Mts. der Plan, durch das Sprengen einer Bombe Unruhen hervorzurufen, durch eine Unvorsichtigkeit vereitelt worden war, wurde am 5. dss. Mts. früh morgens das Gerücht verbreitet, daß die Juden in der verflossenen Nacht 60 Bauernmädchen abgeschlachtet hätten. Bereits um 10 Uhr zogen mehrere Tausend Menschen nach dem Anatomiehaus -auf dem alten Friedhof, verlangten mit Drohungen die geschlachteten M Wichen zu sehen und mußten durch Militär und Polizisten zurückgetrieben werden. Durch die Versicherung, daß das Gerücht erfunden sei, ließ sich die tobende Menge nicht beruhigen, und erst nachdem das Anatomiehaus geöffnet worden war und er dort nichts vorsand, verlies sich allmählich der VolEhausen.