Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 23 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Amerika. Neto-Aork. Die hiesigen Morgenblätter vom 24. Mai bringen nachstehende Depesche: „Gleiche Rechte für Israeliten. Hoteliers sollen keine Gäste ihres Glaubens wegen zurückweisen dürfen: A l b a n y, 22. Mai. Senator Saxe reichte heute eine Bill ein, welche cs zum Vergehen stempelt, iveiin Hoteliers Gäste ihres Glaubens wegen zurückmeisc». Es soll durch die Bill verhütet werden, was neulich der Schwester des Bundessenators Rahner in Atlantic Eich passierte. Die Bill besagt, daß kein Hotelier, Wirt, Barbier oder Restaurateur einen Gast seines Glaubens, seiner Rasse oder Hautfarbe wegen zurückweisen darf.- Es wird ferner zum Vergehen gestempelt, Anzeigen zu drucken) in denen gesagt wird, daß in dem betreffenden Hotel nur Christen Aufnahme finden. Verletzungen des Gesetzes sollen mit Dollar nOO Geldstrafe und' 30 Tagen Hast geahndet' werden." G leuKMon. G Frühmorgens m einer Kellerstube. Von I. L. Perez. Autor. Mebersetzung v. S ch o s ch a n a B a s s c l l i. (Fortsetzung.) Noch eiiunal wirst er einen Blick ans Soreh und es dünkt ihm: es ist jetzt der passende Augenblick . . . Sie hat schon Jankelchcn hingelegt. Sie steht jetzt an seiner Wiege und zieht sich an . . . Sie lächelt so gutmütig, lächelt das Kind an. Vielleicht geht cs? „Ich habe diese Nacht nachgedacht, Soreh . . . Der Kauf ist ganz gut. . . Ich werde mit Gottes Hilfe verdienen ..." „Wolle's Gott!" — erwiderte Soreh. „Das habe» wir dem Kinde zu verdanken . . . Sein S'chus . . . Seitdem es zur Welt gekonline», verdienen wir immerhin leichter..." „Ich.meine," wendet Chaijm mit einem schm-'ichlerischcn Lächeln ein, „daß cs Chane's Glück sei . . . Weißt Du, Soreh, als ich die Sachen handelte, dachte ich mir so: ich werde, wenn's uns der Allmächtige beschert, ein Drittel dom Verdienste für Chane heruuternehmen. Und kaum habe ich dies gedacht, wird sic, die Madame, butterweich und läßt ein Zehner! nach dem Zandern nach . . ." „Umso besser," lächelt ihn Soreh an und scheint mit einem Male jünger und frischer geworden zu sei,,. „Wie einst" — durchblitzt es in seinen Gedaickcn. Er hat aber jetzt keine Zeit, diesen Gedanken nachzugchen. „Also ist Chane eine Kompagnoni» von mir." „Sehr zufrieden, so wahr ich lebe." : „Nun ja," stammelt er, „wenn Chane meine Kompagnonin sein soll . . . freilich hoffe ich auf ihr Glück. . aber wenn schon eine Kompagnonin, dann..." „Was denn?" fragt Soreh und starrt ihn au. Sie argwöhnt schon: cs steckt etwas dahinter . . . „— Was denn? fragst Du. . . Ich meine, sie soll eine wirkliche Kompagnonin tverden . . . Sie soll sich am Geschäft mit Geld beteiligen . . ." „Was? Was hast Du gesagt?" Soreh traut ihren eigenen Ohren kaum. Da er nicht antwortet, springt sie ihm wütend entgegen: „Mörder, Räuber! Du willst ein Vater sein? Du willst ein Mann sein? Du Iveißt ja ganz gut, daß das Kind krank ist . . . Daß ich geschworen habe, mit .chr-.m Gelde keine Spekulation zu unternehmen . . . Es ist doch ihr schwer erarbeitetes Geld! Blutiges Geld .'. . Sie trägt mir immer die Körbe nach und bekommt dafür einige Groschen . . ." Soreh kann sich noch nicht beruhigen. Chaijm will.etwas erwidern, doch der Alte läßt cs nicht zu: > „Schweige doch lieber, Chaijm! Schweige. . . Siehst Du nicht ein, daß Soreh'le im Rechte ist? , . . .Suche Dir einen andern Kompagnon! . . . Man soll auch andere leben lassen ..." Chaijm steckt schweigend ein Stück Brot - mit Zwiebel in fein Säckchen und verläßt die Stube. 'Der Alte sendet ihm den Spruch nach: „Hast . Du, schon 'mal gesehen, wie Vögel'inü Hofe Brocken zusammenklaubenL' Einen großen Brocken nehmen zwei....." .... Frankfurter Israelitische» FamMenLlatt. Auch-im Bette des Mten kann Riwkc nicht einschlafen. Irgend ein Gedanke springt in ihrem Kopfe herum und gibt ihr keine Ruhe. Eine „Begegnung" ist ihr widerfahren. Eines Abends, als sie von der Fabrik nach Hause ging, begegnete ihr auf dem Trottoir ein junger Mann. Sie ging geradeaus und glaubte, er würde ausweichen. Er tat cs aber nicht, sondern blieb stehen und blickte ihr mit zwei lustig lachenden Angen ins Gesicht, sodaß sie errötete. Sie bog um und eilte rasch nach Hause. Als sie eben tu eine Seitengasse einbog, wandte sic ihren Kops unwillkürlich um und bemerkte, daß er noch steht und sie noch immer lächelnd anschaut . . . „Ich werde es Chane erzählen," dachte sie. Doch tat sie es nicht: „Was kann die arme kranke Chane davon verstehen?" Einige Tage darauf begegnete er ihr wieder. Ihr Herz begann heftig zu schlage»,. sie konnte cs nicht über sich bringen, die Augen emporzuheben . . . Sie ging an ihm rasch vorüber, aber so ungeschickt, daß sie beinahe hinfiel. Als sie weiter ging,!oar cs ihr, als ob sein Helles, lustiges Lächeln über ihren bloßen Nacken gleite . . . Und da erschrak sie: es schien ihr, daß sie von allen Vorübergehenden auf der Straße beobachtet, werde . . . Und sie begann noch schneller zu schreiten. Einmal ist xr ivicdcriii», wie ans der Erde emporgeschosscn, vor ihr aufgetaucht. Sie schrie ans. Doch er stellte sich, ihr gegenüber nickging nicht aus dem Wege. „Es scheint mir," sagte er, „ich habe das Glück, Sie zu kennen, Fräulein?" „Fräulein" — sagte er! . . . Sie wurde böse, aufgeregt, wendete sich ungeduldig und ängstlich von ihm ab. Doch mußte sic sich gestehen, daß er eine angenehme Stimme habe; eine „goldene Stimme" — flüsterte ihr das Herz zu . . . _Seitdem treffen sie sich fast jeden Abend. Sic spricht'nicht zu ihm — sie schweigt. Doch läuft sie vor ihm nicht mehr fort . . . Und er begleitet sie nun jeden Abend, wenn sie von der Fabrik kommt. Sie gehen ziisaiiliiien niid schweige». Doch manchmal kann sie sich nicht ziirückhaltca und — wirft einen Seitenblick ans ihn . . . Und dann erwidert er mit einem noch freundlicheren Lächeln. i .Merkwürdige Augen hat er . . . Zuweilen scheint es, als sprühten sie rote Funken..." Indessen erfuhr man davon in der Fabrik. Die Kameradinnen haben cs bemerkt und brachten es auf's Tapet. Man spottet ihrer, man witzelt ans ihre Kosten. „Kindereien" — sagen sie — „heute läuft sie vor ifiu fort, morgen wird sie ihm nachlanfen . . ." „Nickt erleben werden sie es!" denkt sich Riivke. „Die Zunge wird sie nach ihm ausstrccke» — wie das Schaf nach Salz," spotten sie. Riwke beißt die Lippen und schweigt. „Ein schöner Jüngling," sagen sic, „ein „Goldstück". Die Haare! Tic Augen! Die Nase wie gedrechselt. Ans - seiner Weste baumelt eine goldene Kette mit sicherlich sehr goldener Brosche. . ." Und Riwke fühlt sich stolzer. — „Vielleicht ist cs Tombak?" versucht eine zu bezweifeln. „Ach was!" denkt Riwke. Und die anderen Kameradinnen sagen auch: „Sprich kein Unsinn! Man merkt cs ihm doch an, daß er aus wohlhabendem Hause ist!" Und sie wundern sich noch nicht! „Willst noch kein Liebesverhältnis haben? Was, Dü hast noch Zeit? Ja, aber Hab' Verstand, rede ein sieundnches Wort, nimm Geschenke an, laß Dir die Gelegenheit nicht nehmen, einmal gehörig zu esse»... Konfekre zu bekommen . . . Und Theatcrbillettc . . ." Eine lacht hell aus: „Selbstverständlich! Immer nehmen . . . Nur sich nicht von ihnen, von denMänner», uzen lassen ... Mcht erleben sollen sie, es!". . . Da "ertönt im Chor die Stimmender Aeltcsteu, eines hageren Mädchens mit einem länglichen, knochigen Gesicht, Hugespitzter Nase und schielenden, grümichen Augen: '' ' ' ,;. _Nr. 23. „Te . . . te . . . te*) . . Eine Kleinigkeit! Was sie da zu verlieren hat! Die Chuppe — wartet schon auf sie! . . . Die Mitgift, die sic hat, liegt schon bereit! Die Schadchoniiii rennen die Türe ein! Die Freier wetteifern um sie! . . . Nicht wahr?" . . . Riwke beißt noch fester die Lippen, neigt noch tiefer ihren Kops über die Arbeit —> und zwei heiße Tränen rollen auf die Hand herunter, die an der Nähmaschine beschäftigt ist. Nein! Sie wird nichts von ihm annchmen! Billette ins Theater? — das sicherlich nicht! Einmal mußte sic in der Fabrik bis spät in die Nacht arbeiten. Da kam die Mutter kaum atmend zu ihr gelaufen und als sie die Tochter erblickte, erstrahlten ihre Augen vor Freude. Der Alte stand im Korridor vor der Treppe und dehnte seine Finger: „Gelobt sei der Ewige!" murmelte er, „gelobt sei Er!" „O nein! Riwke ist zu so etwas nicht fähig!" — fügte er anfatmend hinzu. * * * Auch Soreh gedenkt schon in die Stadt anszngehen. Sic stellt für den Alten ein Glas Milch ans das tlrinc Tischchen, schiebt ihm die Wiege mit Jankelchen zu und null bleibt ihr noch übrig, manche Kleinigkeiten in der Hauswirtschaft zu besorgen. Dabei finoct sie noch Zeit, um vor dem Alten über die „heutige Welt" zu klagen: „Ihr habt also gehört, Schwiegervater! Es soll die Verlobung statifiildcii, es ist der letzte Termin: man telegraphierte, daß man die nötigen Einkäufe mache — und da macht sie, die Braut, einen Skandal! Sie will nicht! . . . Sie will keinen Bräutigam ans der Provinz! . . . Sie habe einen Warschauer, sagt sie ... Einen Warschauer „Aristokraten". . . ." dChane, die bis jetzt mit offenen Augen auf den Plafond geblickt und aufmerksam zugeschaut hatte, lvie die Fliegen eine nach der andern von der Höhe yinabfliegen und im Zimmer herumschwärme», richtete sich plötzlich bei dieser Erzählung der Mutter auf und ihre sonst matten Augen erstrahlten in einem klaren ®lan&c . . . Sie horcht, sieht um sich . . . Sie spitzt die Ohren und öffnet den Mund, als ob sie die Worte der Mutter verschlingen wollte. Und die Mutter glaubt doch sicher sein zu können, daß cs Verdienst geben würde. „Es wird doch die Verlobung mit Gottes Hilse stattsinden! Der alte Pimpseiiholz ivird es schon fertig bringen. . . Und die Madame Pimpseiiholz wird auch mit ihr fertig werden . . . O, hat die schon scharfe Nägel. . ." „Vor allem" — so erzählte mir die Köchin — ,,hat man eine Revision veranstaltet niid man sand Briefe von einem Kavalier und man verbrannte sic. Dann bekam die Braut das Ihrige, aber wie gehörig . . Bei den Haaren hat man sic herumgeschleppt ..." Chane fühlt, ivic ihr die Augen immer feuchter werden und wie das Gesicht errötet und vor Mitleid znsammenschrumpst ... Weinend sinkt sie aufs Kissen nieder. (Schluß folgtZ_ Kaiser Friedrich Quelle - Ottenbach a. M. - Gegen Gicht und TtlieumatiBmns bewährt. Wochev-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem l.oocd.', Samstag, den 15. Juni (= 3. Tarn ns): Sabbat-Ansang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 4b Min Sabbat-Ausgang in Hranksurt a Bi. 9 Uhr 35 Min., in Berlin 9 Uhr 35 Min. Die Sidra K o r a ch erzählt von einer revolutionären Bewegung, die sich gegen Moses und Ahron ricktete. Der Levite Korach verband sich mit Tato» und Abiram aus dem Stamme Rüben und -weihunderifünszig ailgeschenen Männern der Gemeinde. Sie warfen Moses und Ahron in deren Eigenschaft als „Führer" und Hoherpricstcr Ueberhcbung und Herrschsucht vor. Moses ermahnt die Empörer; die Leviten erinnert er an ihre ohnedies bevorzugte Rangordnung als „Diener des Stistszcltes". Am andern *) In der Interjektion des Jargon will es etwa eine Berschmähung ansdrücken.