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Neue jüdische Presse · 1907-06-14 · Heft 23 (14.6.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 23 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 23 form sei blos die Hülle, das Positive — blos die Schale. „Die Schale kann nur bitter sein," sagt Nathan in seiner ersten llitterrednng mit den Tempelherren?) Diese Anschauung ist bekanntlich . derreligiöse Standpunkt, den Lessing -vertrat?) Sie »istr,die.Lessing'.schc Theorie, ..welche sagt, daß die'-Religionen aus dem Streben der Menschen hervorgegangen seien, und. daß das Positive die Religionsform sei, in welche das religiöse Bewußtsein sich hülle, da jedes Volk seiner «Religion - das "Gepräge' seines nationalen 'Charakter aufdrücke, und /jeder .Religionsstister ihr seinen Geist verleihe. , Ist Nathan auch darin ---Vertreter des , Zudentums? Rein. .Nathan .-vertritt eine Idee, die mit der Lehre des Judentums gar nichts zu tun hat. Nathan, -der als Charakter das typische Bild der 'Jndenheit ist, verliert als "Träger jener JdeL -den --intimen »Zusammenhang--mit--dem Judentum: Nathan als Idee steht demnach als Individuum da, im Gegensatz zu Nathan als C h a r a k t e r, der ein Repräsentant der jüdischen VoWrndivibualität ist.! An dieser Stelle tritt uns die Frage entgegen, ob Nathan seine Mission, als Organ der Lessing'schen Theorie zu dienen, seinem jüdischen Wese» zu verdanken habe. Wird diese Frage bejaht, so taucht eine zweite ans: wir werden dann vor die Frage gestellt, weshalb Lcssing seine Idee in den Körper und das Wesen eines Juden stecken zu müssen glaubte. Diese zweite Frage ist nicht statthast, so lange die erste nicht bejaht ist, denn nur .die Voraussetzung, daß Nathan der Jude dem Nathan als Repräsentant einer Idee entspricht, berechtigt uns, nach dem Grunde derselben zu fragen; ist aber diese Voraussetzung unbegründet, so ist auch der Fall nicht ausgeschlossen, daß der Charakter Nathans ihm ° keinen Vorzug gibt, der Träger dieser Idee zu sein; er ist es aber nicht, weil er es sein muß, sondern weil er es sein kann; er hätte es dann nur dem Umstande zu verdanken, daß irgend einer es sein muß. -Diese Auseinandersetz- -ung richtet sich gegen einige Literaturschreiber, die ohne die erste Frage zu bejahen, die zweite Frage unabhängig aufstellen. > Manche behaupten. Lessing habe deshalb? einen Juden für die Mission einer idealen Hauptperson auserkoren, well die jüdische Natur, die in einer vernünftigen, von Aberglauben freien) auf Menschenliebe basirten Religion erzogen ist „die geeignetste sei, mit der Vernunstreligion sich zu vereinigen; Nathan sei also auch als Idee der Vertreter des. Judentums. Wie verhält es sich damit? Es würde keinen Sinn haben, die Grundlage der Lessing'schen Theorie, die der Begründung der Vernunstreligion vorangehen muß, der jüdischen Religion gegenüberzustellen. Es kann hier die letztere kaum in Bettacht kommen, da doch nicht uur das jüdische, sondern jedes Religionsbekenntnis ihre Entstehung nicht auf das Stteben der Menschen zurücksührt, sondern auf göttlicher Offenbarung fußen läßt und schließt in dieser Hinsicht; jede Vernunftkritik aus. Wir wollen aber der Frage näher treten: ob die jüdische Religion mehr als jede andere mit der Vernunftreligion verwandt sei. Die Vernunstreligion lehrt, daß nur das 'Vernünftige die Substanz, die Quintessenz der Religion bilde, daß das Positive nur die schützende Hülle sei, welches auch als solche innerhalb der Religion geduldet werden möge. Die Vcrnunstreligion, die Lessing preist bettachtet das Rituale als ein „notwendiges Uebel", als ein Mittel, damü der Geist der Kern der Religion, nicht verflüchtigt,' und nur als einem solchen Werk- «) . 2. Auszug, 5. Austritt. 5) Bekanntlich sagt Lessing selbst (in einem - Entwurf zu Nathan -dem Weisen), -daß Nathans Gesinnungen die seinigen seien. zeuge .gestattet sie -ihm. seinen Wohnsitz innerhalb der Religion zu behalten, so lange, man sich einer bedienen kann oder muß. So ist das Dogma dem ewigen Wechsel der Zeit unterworfen; ein Dogma .kann. leicht, wenn die Vernunsteinsicht es -fordert, in -ein anderes verwandelt Werdens oder einem.anderen seinen -Platz äbtteten, wie auch ohne -Ersatz..aus seinem Gebiete verwiesen werden. Die jüdische Religion räumt nun dem Ritus einen angesehenen Platz ein, kennt in -ihren Satzungen »keinen Unterschied von Zweck und Mittel und legt großes Gewicht auf das Rituale. Die bestimmte - Art des Gottesdienstes, die bestimmte Sitte und . der Kullus beanspruchen <in der jüdischen Religion einen inneren 'Wert, sie haben ihre 'Bedeutung nicht als Mittel, sondern als ein selbständiges - Gebilde des Orgainismus. Freilich ist nicht der. Buchstabe, der Geist, aber er, der Buchstabe, spielt doch eine unverkennbare Rolle.in.der. talmudischen. Gelehrsamkeit, .die als eine unanfechtbare Autorllät im jüdischen Volke stets galt und noch gllt. Die Satzungen der jüdischen Religion dürfen sich nicht nach den Kulturgestalten der Zeit, die einen fortwährenden Prozeß bilden, richten, sie dürfen nicht durch den Bildungszustand der Zeit bedingt sein. An einer Satzung zu rütteln, hieße hier das Gebäude der jüdischen Religion verletzen. Diese Lehre ist fast bis aus die gegenwärtige Zeit die Richtschnur in der jüdischen Rcligionslehre - gewesen, was ein untrüglicher Beweis dafür ist, daß dieses Prinj zip in allen Epochen ein fundamentales Gesetz in der jüdischen Religion gewesen ist. Wohl legt die jüdische Religion ihren Anhängern die Pflicht aus, die Gesetzlehre vermöge der Vernunsteinsicht zu studieren, sie zu erforschen, um zu ihren; ästhetischen Kerne hindurchzudringen, sie gestattet aber nicht das zu entfernen oder abzustreifenl was diese Vernunstkritik in der Religion für unvernünftig findet, sic gestattet es nicht unter der Begründung, daß die Vernunft kein Maßstab für göttliche, übermenschliche Gesetze sein kann. , Hat nun die. jüdische Religion den Vorzugmehr als jede andere geeignet zu sein, mit der Vernunftteligion eine Verbindung einzugehen? Wir glauben diese Frage jetzt verneinen zu müssen. Die Behauptung also, welche den Juden nähere Affinität mit der Vernunftreligion zuschreibt, ist wohl' kaum stichhaltig- Wir dürsten vielleicht der von.manchen ausgesprochenen Ansicht beistimmen, daß-die Missiondie Vernunstreligion zu predigen, deshalb einem Juden zntell wurde, weil gerade einem solchen diese Ausgabe am schwierigsten. ist und weil der Sieg eines -Prinzips um. so glänzender und effektvoller ist, ..wenn cs sich , aus seinem Gegensätze zur Ueberwindung desselben erhebt. Am einleuchtendsten aber scheint cs, daß in-der Wahl der idealen Figur ein anderer Umstand sich geltend gemacht habe, nämlich der Umstand, daß er der. geeignetste ist, selbst eine neue, seiner mitgeborencn väterlichen Idee widersprechende Ansicht, vermöge seiner vorurtellslosen Kritikübung zu begreifen und sie in sich aufzunehmen. Es liegt mir die Absicht fern, die in diesem Aussätze zuletzt berührte Frage zu lösen; wir hielten uns in den Schranken der gegebenen präzisierten Ausgabe und demgemäß behandelten wir diese Frage nur insofern, als es hinzuwcisen galt, daß Nathan als Idee kein Vertreter des jüdischen Volkes ist, was im Gegensätze zu Na? than als Charakter steht.? Die.Woche. Die zweite Reichsduma hat am 3. Juni den dritten Monat ihres Daseins vollendet und ihre 43. Sitzung abzehalten. Die erste Duma erreichte dieses Älter nicht. Sie existierte nur 72-Tage und beendigte ihr Dasein mit der 43. Sitzung. Man sollte »meinen, daß 3 Monate eine genügend lange Probefrist-sind,um die Lebcnsfähigkckiü-eines Instituts endgültig - feststellen zu können. Jnbezug auf die Duma, die ringsum vc-n feindlichen Mächten uingeben ist, trifft das leider noch immer nicht zu. Die Situation ist noch immer verwickelt-und bedenklich. ■;:ccn, behauptet oft, die erste Reichsduma sei aröeitslmfähig-gewesen, sie habe -mit den Ministern nicht Auskommen können und habe die unrealisicrbarstrn Forderungen gestellt.und die Tribüne der Duma zu Agitation benutzt. So.sei sie schließlich der Auslösung verfalle». Kann man der zweiten Duma dieselben Vorwürfe machen? Durch die Erfahrung belehrt, hat die Opposition in der zweiten Duma vom Anfang an alles aufgewcndet, um beit Feinden der Volksvertretung jeden Vorwand zü nehmen, die Duma der Arbeitsunfähigkeit zu beschuldigen. Es war nicht-leicht, diese Taktik durchzusetzen. Die Duma ist zu bunt znsmnmengest-tzi , die politischen -Richtungen ihrer Fraktionen sind zu verschieden, ebenso-die Interessen. Immerhin kann-man jetzt sagen, daß die streng-parlamentarische -Taktik gesiegthat. Eine Reihe von Abstimmungen hat gezeigt, daß in der Duma eine Mehrheit vorhanden ist, die den Charakter und die Befugnisse der hohen gesetzgeberische» Körperschaft richtig auffaßt und entschlossen ist, die Rechte der Volksvertretung zu verteidigen. Auch gegen etwaige Ausschreitungen im Lause selbst, die das Fortbestehen der Duma gefährde» könnten, wurden Verhütiingsmaßnahmen gctrossen Ter Unterschied zwischen der ersten und zweiten Duma ist also bedeutend. Hat sich das Zusammenwirken der Feinde des .Parlamentarismus in der erst:.: Duma auf Rekognoszierungen und Vorpostengefechte beschränkt, so rückten sie jetzt in der zweiten Duma schars heran und entfalteten alle ihre Kräfte. Der Rtkognoszierungsdieiist ist jetzt viel besser organi>.ert. Man ist viel besser und genauer über die realen Kräfteverhältnisse orientiert. Die Gegner wissen, über welche Mittel sie verfügen, und was sie riskieren. Im Falle der Auflösung der Duma kommt eine Verschlechterung des Wahlrechts. Die Regierung riskiert aber die Verstärkung der Anarchie und die Ausbreitung der revolutionären Bewegung mit all ihren Begleiterscheinungen und schweren ökonomischen und finanziellen Folgen. Die Gegner müssen wohl überlegen, was für sie vorteilhafter ist, sich wiederum in einer neuen Schlacht zu messen oder Unterhandlungen anznknüpfen. Auf eine vollkommene oder nur dauernde Verständigung mit der Regierung kann man allerdings nicht rechnen. Eine solche Uebereinknnst ist nur mit einem tatsächlich verantwortlichen Mün-wrinm möglich. Allein Rußland hat keine verantwortlichen Minister. Sie sind allen unvcraiitwL-rtlichen Einflüssen zugänglich. Die Agrarrcde Stolypins kennzeichnet am besten die Abhängigkeit dieser Minister. Aber auch die zweite vertragschließende Partei, die Reichsdnma, scheint vorläufig noch nicht absolut zuverlässig zu sein, da eine Dumamchrheit nur von Fall zu Fall besteht. Es müssen aber Vereinbarungen getroffen werden über die Taktik der Duma. Das verlangt die Not des Augenblicks. Dann nur kann die Duma praktische Arbeit leisten. Von . den praktischen Leistungen der Düma hängt ja, wie man dem Dumapräsidenten auch in.Petershof angedeutet haben soll, das Schicksal und. Fortbestehen der Duma ab. Allel» um praktisch arbeiten zu können, muß man über eine Mehrheit verfügen — und woher die nehmen? Es-heißt: Die stärkste Partei, die Kadetten, wollen mit dem polnischen „Kolo" und den Mitgliedern anderer Nationalitäten,-sowie mit Hilfe-der Regsten eine Mehrheit bilden. -Wenn dieses Gerücht sich bewahrheiten sollte, dann müßten die Kadetten viele ihrer Programmpunkte — vielleicht sogar grnndlcgcude — fallen lassen oder für eine bessere Zeit aufheben. Wie aus dem - bisherigen Verhalten, der Kadetten zu entnehmen ist, scheinen sie stark'opport u n i st i s ch zu sein, und da - von einer Auslösung dcr Duma eine friedliebende Partei, wie-die Kadetten es sind, wenig zu erwartcn» hat, -so ist es.nicht ausgeschlossen,, daß sie nachgeben werden. Was. haben, nun die russischen Juden von einem etwaigen- Kompromis der Parteien, mit der-Regierung zu erwarten? Das alte Programm - der--Kadetten spricht von Menschenrechten/ von völliger Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz;, auch von Autonomie hxr Nationalitäten ist/dort die Rede, -und wenn auch .in

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