Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-06-14 · Heft 23 (14.6.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 23 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692534--03269-2697946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Irartkfrtrter ffrnrlitifdirs faniilirahlnll HedaKM« Md Geschäftsstelle: Frankfurt s. m.» . Bleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-fo« 10507. I MC g Hevansgever: Kals Gels. < r—. .. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn 'Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— j, , _ — _ Jnsertionspreis»; Die viergespaltene Petitzeile. > . . . 25 Pfg. Die Reklamezeile. MO „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 2. Tamns 5667 (14. Juni 1907). Ro. 23. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der Jude und der Weise. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Frühmorgens in einer Kellerstube. — Wochen- Ka len d er. — Fam i li en n a ch ri ch ten. Der Jude und der Weise. Eine Betrachtung von Dr. Jacob Barelli (Marburg). Es ist zwar ein banales Thema: Lessing's „Nathan der Weise" vonr jüdischen Standpunkte. Doch kann uns dies nicht irritieren. Es ist noch immer die Aufgabe nicht erledigt, die Nathan als Juden in Nathan als Weisen kennen zu lerneir sucht. Es wird damit der Ziveck verfolgt, die Stellung, die das Judentum in diesem Drain« einnimmt, zu erörtern, da ja Nathan angesichts der Tendenz dieses Werkes ein Vertreter des Judeiitillils sein will. Es handelt sich mithin ilicht uni das Individuum Nathan, sondern um diejenige Gesaintheit, -als deren Repräsentant er auftritt. Um diesem Interesse cntgegcnzukommcn, müssen zuvörderst die Instrumente bcstinunt wcrden, die ims dazu verhelfen sollen, das spezifisch jüdische Element, welches in Nathan ivirkt, in allen seinen Schattierungen zu ermitteln. Sie können nur in eineni Maßstab gefundeii ivcrden, der an die z>oei Faktoren der menschlichen! Lebenstätig' feit: an ihre psychologische und ethische Bestimmung angelegt werden soll; wir müssen uns also mit dem Charakter Nathans und der Idee, die er verkörpert, vertraut machen. Wir wollen es versuchen. In seinen Handlungen tritt vorzugsweise die edle, reine Menschenliebe, die Seelengröße, und der über die beschränkten Vorurteile religiöser Unduldsamkeit erhabene Geist hervor. In der Schule schwerster Leiden erzogen, hatte er sich die Welterfahrung erworben und besitzt die innere Kraft, selbst den hinreißendsten Leidenschaften Widerstand zu leisten, die bösen Empfindungen zu unterdrücken. Nathan ist von einem großen Unglück schwer getroffen, er erliegt ihm aber nicht, sondern überwindet es, und aus tiefer Verzweiflung schwingt seine Seele zum Wohltatssinn empor. Nathans Unglück ist ein ungewöhnliches, ungeheuerliches, ein ganz seltenes Geschehen: seine Frau und sieben „hoffnungsvolle" Söhne werden ihm im Brand entrissen; seine Stammesbrüder sind einer grauen vollen Verfolgung seitens der Christen ausgesetzt Sein Herz, von diesem bitteren Elende heftig ergriffen, empört sich gegen die Nation, die ihm dieses Leid zufügte, und er schwört einen unversöhnlichen Haß gegen dieselbe. Kaum gilt es aber, einem Christen eine Wohltat zu erweisen, so über- (ommt den Weisen ein Zug der Erhabenheit, keine Spur von Hvß macht sich in Nathans Seele bemerkbar, keine Stimme des Zornes hörbar — frohmütig, großmütig, der Stimme Gottes in seinem Innern folgend, streckt Nathan seine Hände nach einem christlichen Kinde aus, er nimmt es, trägt'» auf sein Lager, küßt's, wirft sich auf die Kniec und chluchzt: „Gott! auf sieben doch nur eines wieder!" Dies ereignet sich drei Tage nach der entsetzlichen Begebenheit, der Nathan seinen Um- 'turz zu verdanken hat. Nathan scheut keine Kosten, iflcgt und erzieht das christliche Kind lote eine eigne einzige Tochter. Einen christlichen Tempelherrn, der die Rccha aus deni Brande rettete, will dieser Jude reichlich belohnen. So handelt Nathan; nicht aus Liebe der Feinde, sondern aus Mitleidsgesühl. In diesen Taten spiegelt sich Nathans Charakter ab. Diese - ethische Handlungsweise ist nicht — um einem herrschenden Irrtum vorzubeugen — ein Produkt eines Sieges, den Wohl gibt es noch viele andere Religionen und Sekten, die erhabene ethische Prinzipien lehren und predigen, es gibt aber keinen anderen Träger dieser Prinzipien, als das jüdische Volk. Wohl gibt es noch manche Religionen, die im Besitze der für die Erzeugung einer idealen ethischen Figur ' eines Nathan erforderlichen Elemente sind, es gibt aber keine andere Nation als die jüdische, die eben solche Charaktere zur wirklichen Erscheinung bringt; es gibt keine andere Nation als die jüdische, die auch einer Verwirklichung der ethischen Grundsätze, welche doch sonst nur den Wert einer Erkenntnis haben, sich freuen darf. Ein Nathan,- dem die Realität zugesprochen werden soll, kann nur in einem Juden personifiziert sein?) Nathan besitzt nun auch eine bewundernswerte Ausdauer, die gleichsam das hi storischge» wordene Charakteristikum des jüdischen Volkes ist. Er ist also auch die Verkörperung des geangeblich die Vernunft in einem Kampfe mit dem s ch ich tlich en, des aktuellen, nicht nur, wie in Nathan auftauchenden Rach egefühl damanche meinen, des potentiellen Judentums, vougetragen haben sollte?) sondern sie ist ein Produkt des lauteren Charakters, der in den Handlungen zum klaren Ausdruck gelangt. Es sind Taten, die aus geläuterter Humanität, Großmut und Erhabenheit hervorgehen. Diese Eigenschaften Nathans sind jene Eigentümlichkeiten seines Volksstamnies, die fast erschöpfend die wesentlichen Merkmale seines Gepräges bilden?) Versöhnung in reinstem und edelsten Sinne des Wortes ist die Zierde, die das jüdische Volk schniückt, und mehr als eine andere hat die jüdische Nation das Recht, auf diese Tugend Anspruch zu machen. Das jüdische Volk, von einem Schimmer der Erhabenheit umgeben, fühlt sich der Gottheit nahe, vollzieht an sich den Läuterungsprozeß und versetzt sich in jene milde, versöhnende Stimniung, in welcher die Kleinlichkeit des Irdischen vor dem Glanze des Göttlichen erblaßt. Das jüdische Volk hat immer seine musterhaft methodische Ethik, die ihm seine Erzieherin, die Thora, liefert, in Betätigung des mannigfaltigen Lebens mit Hingabe bewahrt und gepflegt. Die Integrität dieser Ethik, die durch große Opfer erkauft wurde, legt davon- Zeugnis ab, daß sie den möglichst größten Einfluß auf alle Generationen des jüdischen Volkes ausgeübt hatte. 1) Diese Behauptung, die auch das Substratum der Ansicht ist, daß Nathan das christliche Ge bot der Feindesliebe erfüllt haben soll, entbehrt jeder Grundlage. Dagegen spricht schon die Erzählung Nathans: „ich nahm das- Kind, trug's aus mein Lager, küßte es. . ." Diese Handlungsweise kann nur einer inneren Ergriffenheit abgerungen werden und kann nicht — wenn sie nicht automatisch ist — durch ein Gebot verursacht werden. 2) Der Talmud gibt bekanntlich drei Merkmale an, die das jüdische Volk als eine Volksindividualität auszeichnen; zwei dieser Merkmale sind: „Rachmonim b'nei rachmonim" und „Gaum ltei Chassodim". Auch in Nathans Worten, spiegelt sich der jüdische Geist ab. Der Odem der Liebe, die tiefe Einsicht, der frappante Scharfsinn, die in seinen Aeußerungen ans Licht treten, und die Gottergebenheit, die in seinen Gemütsbewegungen sich offenbart — es sind die Charakterzüge eines Juden. Das jüdische Volk, von der Herrschastsbegierde, von den Interessen des Irdischen ausgeschlossen, behielt die hohe Kultur seines Stammes, das sittliche Bewußtsein, die reife Betrachtungsgabe, die Pflichterfüllung uno das Prophetenpathos. Nur aus solchen Elementen kann ein Charakter, wie der des Nathan, hervorgehen! * Wollen wir nun zur Betrachtung der I d e e, die der Weise verkörpert, übergehen. Diese Idee tritt in der Parabel von den drei Ringen zu Tage. Die Religion gleicht einem Ringe; die Ringe sind äußerlich nicht unterscheidbar, die äußeren geschichtlichen Beweise der Religionen seien ebenfalls nicht unterscheidbar. „Von Seiten ihrer Gründe nicht; denn gründen alle sich nicht auf Geschichte: geschrieben oder überliefert!" So spricht Nathan zu Saladin. Die Religion beruhe demgemäß auf Glauben der von Menschen heilig gehaltenen Erzähler. Der Ring besitzt die magische Kraft, „vor Gott und Menschen angenehm zu machen". Das ist die moralische Wirksamkeit der Religion. In dieser Wirksamkeit, nicht in dem Dogma, liege der Beweis sür die Wahrheit einer Religion. Die Religions- 3) Die von manchen vertretene Ansicht, Nathan verkörpere das theoretische Judentum, ist durchaus nicht stichhaltig. Wenn auch die jüdische Ethik unstreitbar einen großen theoretischen Wert hat, so ist sie doch nicht berechtigt, in Nathan einen Vertreter des Judentums zu erblicken, da auch manche anderen Religionen und Nationen (wie Buddhismus und Christentum) eine hohe ethische Kultur in ihren Lehren entwickeln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.