Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. hunderte von Besuchern füllten znr festgesetzten Stunde die neiteii Hallen des großen Saales. An den Namen des für den Abend gewonnenen Referenten knüpfte das Publikum mit Recht die größten Erwartungen. Dieselben wurden jedoch bald überboten. In atemlcser Spannung folgte es den Ausführungen des Herr» Dr. ph. und ined. A r t h u r K a h 11, Vorstandsmitgliedes des Vereins, der über „Pflichten der jüdischen Gemeindeverwaltung und "Rechte der Gemeindemllglieder" sprach, und einen wahren L-prühregen zündender Gedanken über seine Zuhörer ergoß. Au der Hand eines historischen Exkurses über die sozialen, kulturellen und philosophischen Strömungen de/ Neuzeit legte der Redner dar, welch einen grnndjtürzcndcn Wandel unter deren Anprall die Zustände des jüdischen Gemeindelcbcns in einein Maße erfahren haben, wie wir in dem Leben einer anderen Konfession hierfür vergebens nach einem Gegenstück suchen. Wenn die Berliner Gemeinde sich den wenig beneidcnslverten Ruhm erworben hat, innerhalb der jüd. Diaspora als die T a u f st a d t p a r e x e l l e n c e zu gelten — hat doch König Friedrich. Wilhelm init Rücksicht auf den Massenandrang der Juden znr Taufe, den hiesigen Geistlichen den Rat gegeben, sich für diese Zwecke gleich der Feuerspritzen zu bedienen —, so ist cs doch vom psychologischen Standpunkte aus um so merkwürdiger, daß dennoch die Seuche des Antisemitismus von hier aus den verheerenden Gang nach allen Richtungen und in alle Länder angetreten hat. So naheliegend es auch erscheint, die Massentaufea als eine Reaktionserscheinung des Antisemitismus in seiner brutalen Forin, wie sie in schwachen unbeständigen Seelen zur Auslösung kommt, anzusehnc, so wenig habe» die Tatsachen dies gerechtfertigt. Derselbe hat inzwischen eine Häutung erfahren und Lalonsormcn angenommen, die Taufen indes; haben sich rerdr, isacht. Seit 50 Jahren haben 25 600 Jude ntaufen und cbensoviele Alischchen unter Juden in Deutschland allein stattgefnndcn. Statistiker haben berechnet, daß dem Judentum hierdurch nicht weniger als ISO000 cseelcn — wohl gemerkt in Deutschland! — verloren gingen. Als vor einigen Jahren von einem jüdischen Gelehrten schätzungsweise die Zahl der dem Judcntume durch die Taufen verloren gegangenen Seelen in den Ländern Westeuropas seit dem Auftreten Mendclsohns auf Millionen Seelen veranschlagt wurden, ging ein heftiges Rauschen durch den jüdischen Blätterwald. Man zeigte sich beflissen, diese Zahl als eine arge llebertreibung hinzustellen. Nach Herrn Dr. .Kahns Aufstellungen dürste dieselbe die Wirklichkeit kaum erreichen. Es muß geradezu als rätselhaft erscheinen, daß die jüdische Gemeindeleitung diesen Tatsachen wie einem Fatum gegenüber steht. Noch nie ist auch nur der leiseste Versuch unternommen worden, diesem Probleme dadurch beizukommen, daß man dem in Betracht kommenden Komplexe von Ursachen nachging. Für den Redner liegt eine der wesentlichsten in dem unjüdischen Geiste, mit dem in die jüd. Gemeinde hincinregiert wird. Die leitenden Herren zeigen vor allem einen augenfälligen Mangel an Verständnis für die delikaten Fragen des Gewissens, in deren Kraft das Judentum den sichersten Stützpunkt findet. Während man allgemein bereits so weit gekommen ist, um zu wissen, daß bei der Jugend anzusetzen sei, um so tiefgewurzelte Schäden zu beheben, sehen wir den Berliner Vorstand länger als 5 Dezennien auf diesem Gebiete in unbegreiflicher Untätigkeit verharren. Schon in den 40igcr Jahren des vorigen Jahrhunderts hören wir den Dr. Stern von der Reformgemcindc heftige Klagen über den Verfallderjüd. Religionsschulen erheben. In dem gleichen Sinne betont Dr. Aub, der erste Prediger der hiesigen Orgclsynagoge, daß das L e h r p c n s u m ein völlig unzureichendes sei. Was hätten diese Männer erst 'zu den Zuständen gesagt, bei denen wir gegenwärtig angelangt sind! Heute gibt es Religionslehrer und dt. Lehrerinnen, die als ihre Glanzleistungen die Tatsachen ausgeben, daß sie ihre Schüler dahinzubringen verstanden haben, am Versöhnungstage nicht zu fasten, am Pessach Chomez zu essen und dgl. Heldenstücklein mehr!! Was Referent über den unsagbaren Verfall des modernen R a b b i n e r t u m s vorbrachte, das in der Rolle ei n cr P h o no g r a p h e n wa lz e fü r die Anschauungen des V o r st a n d c s, die bald in dieser, bald in jener Synagoge ihr Pensum abspicle, ganz und gar ausgehe, das kann in der vollen Wucht innerer Uebcrzeugungskraft, gewürzt mit der feinen Ironie vornehmen Witzes, eigentlich nur mit den Worten des Redners wiedcrgegeben werden. Das Zehngebot, so meint der Redner, habe eine Reduktion auf ein Zweigebot erfahren, eines mit positivem Inhalte: Aiensch, zahle deine jüd. Gemeindesteuern! das andere mit negativem: Mensch laß dich nicht taufen! — denn Ivir wollen Vorsteher sein und bleiben. In Bezug auf das gesamte Pflichtenlebcn des Judentums erscheinen die jüd. Gemeinden rein als wie die Entbindungsanstalten, bei welchen die modernen Rabbiner den Hebcammendienst 'versehen. Das Ganze klang in einem gewaltigen Notschrei der Gewissen aus, der in den Herzen der zahlreichen Zuhörerschaft, die von den Ausführungen des Redners überwältigt schienen, einen lebhaften Widerhall fanden. — Frankfurter Israelitisches Farnilienblart. In der hierauf eröffueteu Debatte nahm besonders Herr Dr. Fink das Interesse des Publikums gefangen. Redner hob hervor, daß der Verein der allgemein verbreiteten Legende ein für allemal ein Ende bereitet habe, als ob die gesamte Berliner Judenschaft ausschließlich im Lager der Reform stände. Allein das gewonnene Gebiet müsse nunmehr durch moralische Eroberung für alle Zeit sichergestellt werden. Das wird nur durch Verbreitung richtiger Kenntnisse über den Lchriuhalt und die umfassende einzig erhabene Weltanschauung des Judentums möglich sein. Nie hätte das Judentum so tief heruntcrkonimcn können, wenn wir ihm nicht so lange Zeit hindurch seinen Lebenssaft, Lehre und Erkenntnis, entzogen hätten. Die moderne Wissenschaft habe uns zwar an unseren Schwachen und Schivankeiidcn tiefe Wunden geschlagen; das Verdienst dürfe ihr aber nicht bestritten werden, uns erst den Reichtum, die Fülle au Kräften dessen kennen gelehrt zu haben, tvas Ivir mit dem einen großen Worte „Welt" bezeichnen. Das drängt unweigerlich zum Aufbau einer Weltanschauung, denn sonst sind wir diesem verwickelten, komplizierten Spiele der Naturgewalten gegenüber verloren. Das Reformjudentum hat bisher nur auf die Gefühle spekuliert, nun aber die Sachlage bereits erkannt und sich darauf einzurichten versucht. Allein bei des Reformjudcntums Unternehmungen, eine Weltanschauung des Judentums auszubauen, können wir uns unmöglich beruhigen. Wie stets, so sitze auch hier ein fremdes Muster — das Christentum — zum Bilde. Wir wollen eine Originalaufnahme des Judentums. Im Auschauen dieses Urbildes soll unserem dahinsicchenden Gcschlechtc Genesung werden. Herr Rothenberger brachte noch einen peinlich berührenden Vorfall znr Sprache, demzufolge der hies. Vorstand einem gewissen Dr. H. aus D. zum Rabbiner berufen hat, der in seiner Eigenschaft als Zeuge am Sabbat behufs Empfangnahme der Zcugcngcbühr von Jk 1,90 geschrieben habe, und verlangte, der Verein möge gegen diese Anstellung Verwahrung einlegen. Der Vorsitzende, Herr Dr. B a n e t h, hält cs für ausgeschlossen, daß selbst ein Reformrabbincr sich so weit vergessen könnte; er meinte, es sei aus Versehen geschehen. Weder bei der Versammlung, noch bei dem Antragsteller schien diese Verteidigung recht verfangen zu wollen, welch letzterer ihm cntgegncte: am Ende könne nächstens ein moderner Rabbiner als Entschuldigung für sich geltend machen, er habe vergessen, daß er Jude sei und . . . dann allerdings seien die Konsequenzen kaum mehr auszudenken. In gehobener Stimmung wurde gegen Mitternacht die Versammlung geschlossen. Aus deu Vereinen. Frankfurt a. M., 6. Juni. Der gestrige Referatabend im Verein „Montefiore" war von über 100 Mitgliedern besucht. Herr Abraham Hecht sprach über „Nathan der Weise". Die gediegenen Ausführungen wurden durch lebhasten Beifall gewürdigt. An das Referat schloß sich eine lebhafte Diskussion. Nächsten Mittwoch lautet das Referat: „Shylock und Nathan als Juden" mcs das wir hinznweisen nicht verfehlen wollen. Halle a. S. Im hiesigen „Literatur-Zirkel", einem auf orthodoxer Basis stehendem Verein jüdischer junger Leute, hielt am 28. dss. Mts. Herr Rabbinatskandidat R ö s e l einen Vortrag über das Thema: „Welche politische Stellung nahmen die deutschen Juden im Mittelalter ein." Auf Grund eigener Forschungen, gestützt ,auf ein reiches Qnellenmatcrial, das er aus alten und ältesten Urkunden der Archive gesammelt, entrollte der Redner in knappen, scharfumgrenzten Abrissen ein so klares und trotz des wissenschaftlichen Materials so gemein verständliches Bild der politischen Lage der deutschen Juden des Mittelalters, daß die mit gespannter Aufmerksamkeit lauschenden Zuhörer sich auf das Lebhafteste in jene düsteren Zeiten zurückversetzt wähnten und den Vortrag durch lebhaften Beifall lohnten. — Es ist mit Freude zu begrüßen,. daß sich das jüdische Leben auch in Halle immer mehr zu regen beginnt. Besonders unser jüdischer „Literatur-Zirkel" darf stolz darauf sein, daß er es auch durch diesen Vortrag wiederuin, wie auch bereits durch manchen ihin vorausgegangcncn verstanden hat, das Interesse der Halle'schen jüdischen Jugend für jüdische Kunst und für jüdische Wissenschaft, insbesondere für jüdische Geschichte und jüdisches Wesen immer mehr zu stärken und zu beleben. Möge es dem Verein gelingen unter seinem Vorsitzenden, Herrn Herm. Apelt, auch weiterhin eine segensreiche Tätigkeit zu eutfalten. W. Pose». Am Sonntag, den 14. April fand die 6?,. General-Versammlung des Vereins Les ch a u n L i m m u d i m statt. Wie aus den gegebenen Berichten ersichtlich ist, hat der Verein in allen Zweigen seiner Tätigkeit auch in diesem Berichtsjahre Fortschritte erzielt. Es fanden im Sommer- und Winler-Scmestcr im ganzen 770 (im Vorjahre 663) Lehr st unbc n statt, die durchschnittlich von 9—lQ Teilnehmern besucht waren. Wöchentlich wurden 20 Lehrstunden erteilt und zwar Siddur: 2 Stunden, Tauroh: 2 Stunden, Dinim': 5 Stunden, Mischnah: 3 Stunden, Gemavah': 6 Stunden, Rambaiw: 1 Stun¬ Nr. 22 de nnv „hebräische Sprache" 1 Stunde. Im Wintersemester Ivurden 8 Vortragsabende veranstaltet, die von 90 (ini Vorjahre SO) Personen besucht waren Auch die Bibliothek, die znr Zeit 950 Bände zählt, wurde außerordentlich stark in. Anspruch genommen. Die M i t g l i e d e r z a h l ist von 65 auf 72 gestiegen. In Anbetracht des Umstanoes, daß der Verein keine passiven Mitglieder, sondern nur solche junge Leute aufnimmt, die sich an den Lehrstunden regelmäßig beteiligen und deren Leben auf echt jüdischem Boden steht, sind diese Zahlen gewiß als stattlich zu bezeichnen. Die Bctcilignngsziffcr an den D a m c n k u r s e n, in denen Siddur, Tan- - oh und Dinim gelehrt wurden, ist von 28 ans 32 gestiegen. Das Vercinsvermögcn ist um 163 Jk gewachsen und beträgt jetzt 1312 Jk Nach der Berichterstattung fand die Wahl des Vorstandes statt. ES wurden wiedergewählt: Elias R z e S z e w s k i Vorsitzender, Jacob Jacobst a m m Kassierer, S a m u e l F r e n n d Schriftführer, S a l o m o n Plc ß n c r Beisitzer, Martin Wol - k o w s k i Bibliothekar. Budapest. Die Chevra „Bikur Cholim" hielt an: 26. ihre Gencralversammlnirg ab. Der Verein hat im letzten Jahre nahezu 2400 jüdische Kranke mit Kost versorgt und hat dafür ca. 13.000 Kronen verausgabt. Die ordentlichen Mitglieder betrugen 540, für den so segensreich wirkenden Verein eine verhältnismäßig geringe Zahl. Dr. Jakob Schächter, der bereits seit 30 Jahren Präsident ist, wurde einstimmig wiedergcwählt. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Kommission für den jüdischen Nationalfonds zu Händen von Herrn David Hamburger, Uhlandstraßc 51 gingen ein ans Büchsen: Frau Eßmann 22,— M. grau Walfisch 19,65 „ Restaurant Salomon 1,63 „ Kowinsky und Luria 2,56 , 1825 0,60 „ Fräulein Flora Beudheim anläßlich ihrer Verlobung 5,— „ 51,44 Jk Petersburg. Der Minister des Innern erließ ein Zirkular, in denc er denjenigen zionistischen Vereinen, die nicht legalisiert sind, die Wahle n z n m H a a g c r K o n g r e s s e untersagte. Die Ortsvchörden sind strengstens angewiesen, über die Durchführung der Verordnung zu wachen. Faffa. Das hebräische Gymnasium in Jaffa sucht zwei akademisch gebildete Lehrer, einen für Mathematik und Natnrivissenschaften und einen für klassische Sprachen. Näheres durch den Aufsichtsrat (M. S ch e i n k i n - Jaffa). Aus der Lehrerwett. Berlin. Der Deutsch-Israelitische G e m e i u d e b u n d hat an den Kultusminister eine Petition gerichtet, den jüdischen Religionsunterricht m denjenigen kleinen und unbemittelten Synagogengemeinden Preußens, wo für ihn weder durch öffentliche jüdische Schulen, noch seitens der bürgerlichen Gemeinde durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen Volksschulen, noch in anderer Weise gesorgt -ist, aus dem entsprechenden Fond des Ministeriums zu unterstützen. Durch Umfrage bei den Provinzial- und Bczirksverliänden, sowie bei den Land- und Bezirksrabbinatcn bezw. den Borfteherämtern ist der Gcmeindebund in den Stand gesetzt worden, dem Herrn Minister ein umfassendes und zuverlässiges Verzeichnis der einer Unterstützung für den Ncligionsnnterricht aus öffentlichen Mitteln bedürftigen Synagogengemcindcn zu überreichen. Berlin. Die Vereinigung jüd. Religionsl e h r e r B e r 1 i n s hat in ihrer Mai - Sitzung sich mit einer Prüfungsordnung beschäftigt, die sie bezw. ihr.Vorstand für jüdische Religionslchrer und Religionslehrerinnen ansgearbeitet hat. Die Erkenntnis, daß für solche Lehrkräfte, die nicht an Scminarien ausgebildet sind, eine Möglichkeit kaum existiert, sich eine Lehrbefähigung zu verschaffen, hat die Vereinigung schon vor vielen Monaten veranlaßt, dieser Frage näherzutreten. Die Grundziigc dieser Prüfungsordnung wurden nun in der letzten Sitzung dur'chberaten und im Wesentlichen zu Ende geführt. Sobald sie endgiltig beschlossen ist, soll sie der Oeffcntlichkeit unterbreitet werden. Die nächste Sitzung findet am Donnerstag, den 6. Juni statt, in der Herr I. Wohlgemuth „Die Verwendbarkeit von Güdemann's Apologetik für den Religionsunterricht" besprechen wird. Breslau. Breslauer Ferienkurse in Religionswissenschaften für jüd. Lehrer.- Das lebhafte Interesse, welches die in den beiden letzten Jahren Hierselbst abgchaltenen Ferienkurse in Religionswissenschaften in der gesamten jüd. Lehrerschaft sowohl wie in den Gemeinden gefunden, hat die unter Vorsitz des Herrn Prof. Dr. B a d t bestehende Kommission veranlaßt, diese Einrichtung auch in diesem Jahre wieder ins Leben treten zu lassen. In dankenswerter Weise haben das verehrte Dozenten - Kollegium des hiesigen jüd. theologischen Seminars: die Herren Seminarrabbiner Prof. Dr. Lewy,