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Neue jüdische Presse · 1907-06-07 · Heft 22 (7.6.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 22 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 22 des Frankfurter Israelitischen Familieilblattes. Inhalt der Beilage: Artikel. Doroth harischonim. —Pflichten der jüdischen Gemeindeverwaltung und Rechte der Gemeindemitglieder. — Aus denVereinen. — Aus der zionistisch en Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Aus den Bädern. — „Jüdische Jugend." Doroth harisclionim. Die früheren Geschlechter. Eine Geschichte der ji Juden, von Isaak Halevy, Hamburg. (Fortsetzung.) Es ist zu bedauern, daß Halevy's Werk nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Die Kraft, die er besitzt, die dunkelglühenden Kohlen des Talmud zu intensiv leuchtender, seeleirbelcbender Lichtflamme Zu entfachen, wäre gerade in den Kreisen am besten angebracht, in welchen gcistcstötende Lehrmethode nur darauf auszugehen scheint, direkte Abneigung gegen den antiken Lebensborn des jüdischen Volkes einzupflanzen. Populäre Lektüre wäre es freilich nicht. Was die Moderne dem jüdischen Leserkreis außer Pflasterromanen bietet, beschränkt sich meistens auf mittelalterlichen Kram, dem als kokettes Mäntelchen philosophische Floskeln umgehängt werde». Halevy hält sich fern von jedem Ausblick auf philosophische Höhenzüge oder in mystische Tiefen. Kein Predigerbombast, keine Clown-Sprünge der modernen Stilverrenkung mit ihrem so unsäglich geistreich vielsagend nichtssagenden Phrasengeklingel. Seine Kunst besteht in nüchterner, aber meisterhafter Strategik, die mif dem Felde der exakt zu nennenden talmudischen Wissenschaft die Linien markiert, in denen sich die historischen Entwickelungsprozcsse mit ihren Fernwirkungen durch Jahrtausende vollzogen haben. Die taktischen Kombinationen überläßt er dem Genie des denkenden Lesers. Ein solches Thema bietet ihm das Auftreten Hillels in Palästina. Der Talmud bringt; in seinem homiletischen Teile eine Rcminiscenz aus Hillcl's Lebensbeschreibung, anknüpfend an den Ausspruch: „Hillcl mechajcw anijim: Hillel entkräftet die Entschuldigung der Armen, daß sie armutshalber nicht studieren konnten." Als Hillel von Babel herauskam, mußte er sich sein Brot als Holzfäller verdienen und von der Hälfte seines kargen Tagelohnes das tägliche Kollegiengeld entrichten. Als ihm dies _ eines Tages fehlte, legte er sich ans das Dachfenster, um die Vorträge Schemaja's und Abtalions zu hören und wurde dabei jo vom fallenden Schnee bedeckt, daß die Lehrer durch die Verfinsterung des Saales aufmerksam gemacht, ihn halb erstarrt herunterbrachtcn. Nach dieser Agada haben die Modernen, als reich dotierte Professoren, in einer leicht begreiflichen Jdeenassoziation sich Hillel als armen, unwissenden Babylonier vorgestellt, der, wie Treitschke's hosenverkaufende Jünglinge des Ostens, mit dem Ministerportefeuille in der Tasche nach Jerusalenr gewandert kam. Halevy, der immer sämtliche Quellen, auch die ältesten und entlegensten, gleichzeitig zusammenstellt, zerstört diese Illusion von den unwissenden Babyloniern im allgemeinen und von Hillel insbesondere. Er zeigt uns in immer stärker hervortretenden Umrissen den Zug Hillels von Babel nach Palästina als ein Ereignis von weltgeschichtlicher Tragweite. Zuerst erscheint im Halbdunkel aus einer der ältesten talmudischen Schriften, dem Skfte, der Bericht, daß Hillel wegen der Lösung dreier scheinbarer Widersprüche im Pentateuch behufs Approbation der von ihm in Babel vorgeschlagcnen Lösungen sich an das nach dem Gesetze der Thora einzig maßgebende Synedrion in Jerusalem gewandt hat. Ferner beweist Halevy durch eine glänzend gelungene Erklärung einer bis heute trotz der Versuche der größten Autoritäten Raschi, Maimonides, R. Elia-Wilna nicht vollständig erklärten Mischna in Edujot 1, 3, daß Hillel gegen Schemaja rind .Abtaljon seine aus Babylon überlieferten gesetzlichen Traditionen mit den Ausdrücken seiner babylonischen Lehrer vorgetragen hat. Diese Erklärung ist eine der gelungensten im Werke Halevy's, und ich glaubte, diese piece de resistance dem Leser mundgerecht machen zu sollen. Leider muß ich darauf verzichten, da das berufene Konsiliunl eine derartige Belastungsprobe nrit einer ganzen Mischna für polizeiwidrig erklärt. Zur Sache muß eingestanden werden, daß Halevy bei Behandlung des Thenias in den von ihm selbst gerügte» Fehler tendenziöser Einseitigkeit verfällt, wenn er das Bestehen einer gcwissen Antipathie zwischen Ost und West leugnet, trotzdem sich dasselbe in mannigfachen Variationen wiederholt Nachweisen läßt. Dieselbe hat ebenso sicher bestanden, wie die zur Zeit Maimonides zwischen Sefardim und Aschkenasim herrschende Differenz, welcher der große Weise in seinem berühmten Briefe an seinen Sohn Ausdruck gegeben hat, den man aus kleinlichen Kritteleien als apokryph erklären wollte. Derselbe ist unbedingt echt und richtet sich keineswegs gegen die dem Maimonides wegen der hundertjährigen Kriegswirren nicht einmal dem Namen nach bekannten französischen Autoritäten, sondern nur gegen die Unmanier der damaligen Polen des Westens, der Franzosen, und die noch heute bestehende Unreinlichkeit der südfranzösischen Hafenstädte, die dem in spanischer Grandezza und orientalischer Gravität und Würde Erzogenen antipathisch tvaren. Ganz dasselbe Verhältnis herrschte zwischen dem an Adel des Benehmens gewöhnten Jerusalemer Weltmann gegenüber dem als wild, ungeschlacht, soldatisch barsch geschilderten Babylonier, der darum geistig in mancher Beziehung dem Westler ebenso überlegen sein konnte, wie heutzutage. . . Nun kommt der Amora Risch Lakisch mit einem seiner Lapidarsprüche, der das Erscheinen Hillel's aus Babel niit dem Esra's in einen Rang stellt, als Fügung der Vorsehung, um die Thora zu retten in Epochen, in denen ihr Untergang drohte. Es ist derselbe Risch Lakisch, der einem gelehrten Babylonier nicht die Hand reichen wollte, indenl er sagte: „Ich schwöre, daß ich Euch hasse, denn nur Eure Judolenz war schuld daran, daß die Rückkehr unter Esra ein so armseliges Resultat hatte, anstatt daß sie zur völligen Erlösung hätte Ivcrden können." Die Parallele eröffnet ein weites Gesichtsfeld. Esra kam zur Zeit der drohendsten Gefahr. Seit fast 300 Jahren hatte sich als Vorläufer des Christentums das an Stelle der zehn Stämme angesiedelte Mischvolk der Cutäer als Usurpatoren des Judentums etabliert, die Ucbersetzung des Pentateuch sich angeeignet und demselben ihren Aschimakultus angeschlossen. Die unter Cyrns zurückgekehrten Juden wurden von ihnen teils mit Gewalt bedrängt, teils durch Lockungen zu Mischehen, zur Assimilation herangezogen. Mit königlichen Vollmachten versehen, setzte Esra diesem Treiben einen Damm, entfernte die fremden Frauen und die Anhänger der Assimilation und fiihrte durch die neue Quadratschrist und die Festlegung der Ueberlieferung eine unbezwingbare Scheidewand zwischen Juden und heidnisch-jüdischen Sekten auf. Auf ägyptischem Boden hatte sich. gleichzeitig ein ägyptisch-griechisch-jüdisches Gemeinwesen mit einer prophetisierenden Literatur herausgebildct, welcher durch Aufhebung der Prophetie und Abschluß des Canon die Möglichkeit benommen wurde, fremdartig heidnische Geistesprodukte in das Judentum einzuschmuggeln. Höchst bewundernswert sind die Nachweise Halevy's über den Stand der mündlichen Mischnatradition zu Esra's Zeit, worüber später eingehender referiert werden soll. Ebenso wertvoll seine Beweisführung, daß die sogenannte Sekte der antitraditionistischen Sadduzäer keineswegs theologischen Meinungsverschiedenheiten ihr Entstehen verdankte. Dieselbe war vielmehr eine politische, rein materialistische Verbindung, deren Entstehung in die Zeit des Generalpächters der Lapiden, Josefs ben Tobias, des Schwestersohnes Simons des Gerechten, und seiner Anhänger fällt, welche die Assimilation mit der leichtlebigen heidnischen Kultur anstrebten. Diese Hellenistenbewegung führte schließlich zu den Makkabäerkriegen. Unter den gekrönten Enkeln der Hasmonäer gewann die Partei wieder die -Oberhand und nahm ein quasi religiöses Feigenblatt vor die materialistische Blöße. Aber ihr Hairptgrundsatz war: apres nons Ie deluge. Unsterblichkeit der Seele war ihnen ebenso gleichgiltig, wie die Sorge um den Bestand des Judentums. Die Lage, ivelche Hillel antraf, barg außer dieser inneren Gefahr noch weit bedrohlichere, als Esra sie vorgefunden. Die Stellung der Juden in Europa und Afrika inmitten der heidnischen Kulturwclt war zivar eine sehr mächtige „Die einzig Nüchternen inmitten der -trunkenen Menschheit", sagt Prof. Schleyden. Der Judenstaat war die einzige Gemeinschaft, in welcher keine Leibeigenschaft existierte, in welcher die soziale Frage auf nuistergiltige Weise gelöst war. Die jüdische Religion war die einzige, in deren lauterer Vorstellung von der Unfaßbarkeit eines nur mente sein im Geiste, nicht in Formen vorstellbaren Schöpfers die denkenden religiösen Gemüter der heidinscheu Welt Zuflucht finden konnten aus den Miasmen des religiösen Wahnsinnes der heidnischen Mythologien. Daher die - große Zahl der Proselytcn, von welcher Tacitus berichtet uude auotae dudaeorum res. Zu diesen freiwillige» gesellten sich die gezwungenen Proselyten, die Edomiter, welche Jochanan Hyrkmws — und die arabischen Jturäer, welche Mexander Jannai mit Gewalt in das Judentum ausgenommen hatten. Diese urfeindlichen Elemente bedrohten die Familienangehörigkeit des Hauses Jacobs in Palästina noch mehr, als die Samariter. In Aegypten hatte der -Oniastempel im Verein mit der alexandrinischen Mischkultur ein nicht minder lästiges Misch-Judentum geschaffen. Um die Bedrängnis zu vervollständigen, hatte sich auf den Thron Davids ein edomitischer Sklave, ein Erzfeind geschwungen, der blutdürstige Herodes. Halevy reißt hier mit eiserner Hand dem modernen Renegatentum die Maske vom Gesicht. Ebenso wie die Cäsaren, die durch ihre Perversität den Namen Mensch geschändet haben, ihre Lobhudler fanden, hat dieser Tyrann, der die Blutschande des ägyptischen Hofes mit der schrankenlosen Mordlust des Römers in Jerusalem eingeführt hat, in den modernen pseudosemitischen Historikern Lobredner gefunden. Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt. Und was verschafft ihm diese Gnade? Sein Bestreben, wie Halevy nachweist, die Auflösung des Judentums herbeizusühren, es vollständig dem heidnischen Einftusse auszuliefern. Die Details dieser gelungenen Beweisführung können hier keinen Platz finden. Wie gewaltig muß der Eindruck der Persönlichkeit Hillel's gewesen sein, wenn dieser unbändige Despot sich vor ihm beugte. Auch hier hat Halevy ein Meisterstück kritischer Forschung und Beweisführung geliefert. Daß Hillel es war, der den Gefährlichsten aller Feinde des Judentums mitsamt allen bisher erwähnten fremdartigen Elementen in die Heidenwelt zurückbeförbert hat, das neu entstandene Christentum, das soll in einem folgenden Artikel beleuchtet werden. (Fortsetzung folgt.) Pflichte« der jüdische« Gemeindeverwaltung und Rechte der Gemeindemitglieder. Berlin, Ende Mai. Der Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums hielt im Tiergartenviertel, im großen Saale des Tiergaitcnhofes, eine öffentliche Propagandaversammlnng ab. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt, dem mußte das Unternehmen als ein gewagtes erscheinen, denn das gedachte Viertel bildet bekanntlich den Sitz jener Kreise, bei denen man mehr Interesse für den Abfall vom Judentums als für dessen Erhaltung voraussetzen darf. -Die gehegten Befürchtungen haben sich glücklicherweise als unbegründet gezeigt. Der Abend gestaltete sich zu einem bedeutungsvollen Ereignisse im Leben der Berliner jüdischen Gemeinde. Miele

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