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Neue jüdische Presse · 1907-06-07 · Heft 22 (7.6.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 22 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Frankfurter Israelitische» FamMenblE. Nr- 22. des Solmen Gongee. der dein Schurr das Zettelverteile» verwies. Scharr lies; sich nicht irre machen. Er betete mit und verteilte gleichzeitig Zettel. Nach Schluß des Gebetes packte aber Gönger den Zettel- Verteiler und warf ihn zum Bcthanse hinaus. Scharr holte einen Wachmann und ließ das Nationale Göngcrs feststellen; dann verklagte er den Gönger wegen des Hinauswurfes auf Ehrenbeleidigung. In der Verhandlung war Gänger bereit, sich bei dein jungen Mann zu entschuldigen, aber der Kläger bestand auf Bestrafung des Angeklagten. Nunmehr drehte sich aber das Blättchen, indem der Gerichtshof beschloß, den Akt gegen Scharr wegen Verdachtes des Verbrechens der Religionsstörung an das Landgericht abzutreten. - Wien. Der Bezirkshauptmann als Pogrom-Prophet. Aus Brzczany wird der „N. Fr. Pr." gemeldet, das; der dortige Bezirkshauptmann den jüdischen Wählern erklärt habe, daß-, falls der zionistische Abgeordnete Dr. Rapaport und nicht der polnische Dr. Duleinba gewählt iviirdc, jüdisches Blut fließen werde. Wie«. Allgemeines großes Aufsehen il n d B e st ü r z u n g i n d e n j ü d i s ch c n K r c i s c n erregt die Zurückweisung der deutsch-freisinnigen Abgeordneten Dr. Ofner und Ministerialrat K n - raub a seitens des Führers der Deutsch-freisinnigen Dr. Groß, der diesen erklärte, daß sie als Juden in den Block'der deutschen Parteien nicht ausgenommen werden kömiten. Wir freuen uns, daß die Liberalen endlich den Mut'gesunden haben, den Antisemitismus offen und ehrlich zu bekennen. Ob die Juden auch die Konsequenzen hieraus ziehen werden? * Wien. In dem neuen Reichsrate werden zwölf Juden sitzen: Dr. Diamond, Dr. Liebermann (Sozialdem.), Dr. Gold, Dr. Groß, Dr. Kolischcr, Dr. Löwenstein (Polen), Dr. Kuranda, Dr. Ofner (Dcutschfreisinnig), Dr. Gabel, Dr. Mahler, Adolf Stand, Dr. Straucher (Zionisten). Budapest. Die orthodoxe Landes- Repräsentanz wird hier am 4. Juni ihre Jahresversammlung abhalten. Eine Tagesordnung ist den Mitgliedern nicht bckanntgegeben wurden. Lemberg. Infolge unglaublicher behördlicher Wahlbeeinflufsungen ist 'der Zionist Dr. Samuel Rappaport, der 1378 Stimmen erhielt, gegen Duleinba, den ehemaligen zweiten Vizepräsidenten des Polenklubs, ans den 3067 Stimmen entfielen, unterlegen. In B r o d y wurde der Zionist Adolf Stand mit 2585 Stimmen gegen den Polnischen Demokraten Dr. Simon Wollerner, der 2228 Stimmen erhielt, gewählt. ' Teplitz. Die Präsidentin der hiesigen »Frauen- und Mädchenvrtsgruppe des deutschen Schulvereins", Erna Heller, hat als Protest gegen das Vorgehen des deutsch-fortschrittlichen Führers Dr. Gr o ß, der dem Vorstande des genannten Vereins angehört, ihre Stelle niedergelegt. Saaz» 31. Mai. Der deutsche Fortschritts verein hat heute eine Kundgebung beschlossen, in welcher er den von dem Abg. Dr. Groß unternommenen Versuch, die freisinnigen Abgeordneten Wiens von dem angcstrcbten Verbände der deutschfreiheitlichcn Parteien auszuschließen, auf das schärfste verurteilt, das darin nusgedrückte Bestreben, die Parteigenossen nach dem Glaubensbekenntnis zu sondern, als mit den Grundsätzen'jeder wahrhaft freisinnigen Partei unvereinbar auf das Entschiedenste mißbilligt und in der Ausführung des von Dr. Groß angesponnenen Gedankens eine schwere Schädigung des deutschen Besitzstandes in den Sudetenländern erbllckt. Frankreich. Paris. Hebräisch als lebende Sprache in den französischen Schulen! Auf Anregung des Groszrabbiners Levy werden die städtischen schulen in ihr Pensuni täglichen Unterricht im Hebräischen — nach moderner Methode — für jüdische Schüler aufnehmen. Großrabbiner Lcvy hält die Kenntnis der hebräischen Sprache für die Grundlage einer jüdischen Erziehung. Bulgarien. Philippopel. Ge'meindewahlen. Das Gesetz, kraft dessen fremde Untertanen in die Gemeindcverwaltung nicht gewählt werden konnten, ist vom Minister des Aeußeren auf Ansuchen der jüd. Gemeinden annulliert worden. Infolgedessen konnte man von den Gcmcindewahlen, die anr 26. Mai in ganz Bulgarien stattgefundcn haben, große Aeiideriingen erwarten, die wirklich ciiigetretcn sind. In den größeren Städten Bulgariens wie Sofia, Philippopel und Rustschur sind die Kandidaten der sogenannten „Antizionisten" durchgegangcu. In Philippopel, wo nach langwierigen Kämpfen zwischen den Zionisten und ihren Gegnern die ersteren sich der.Genieinde und aller ihrer Institutionen wie Schule und Synagoge, bemächtigten und sie während ihrer dreijährigen Herrschaft mit einem zionistischen Geist erfüllten, wurde ein Genieindcrat von der Gegenpartei mit großer Stimmenmehrheit gewählt. Selbst Zionisten, die vorher dem bisherigen Gemeindepräsidenten, Herrn Dr. Romano, mit Leib und Seele ergeben waren, verhalfcn den anderen zum Siege. Herr Dr. R o m a n o ist unstreitig ein kluger und opferungsfrciidiger Mann. Er hat die Philippopeler Gemeinde modernisiert, die Alliance I s - r a e l i t e nach einer zwanzigjährigen Tätigkeit Vertrieben und sic durch den H i lfs v c re in der Deutschen Inden ersetzt, der hier bereits zwei deutsche Lehrer besoldet. Nur hat Herr Dr. Romano den Bogen zu straff 'gespannt. Durch den Abgang der Alliance von Philippopcl hat auch die Anglo Jcwish Assoziation ihre jährliche Subvention der Gcmeinde entzogen. Die ganze Last siel also auf die Gemeinde, von der nur ein Drittel Steuern zahlt. Zudem hat Herr Dr. R. das Gemeindebudget um Äwa 10000 Fr. erhöht. Woher all dieses verschaffen? Die Gemeindesteuern wurden einfach vervielfacht, ohne zu erwägen, ob die Betreffenden cs aushaltcn können. Alljährlich bildete sich ein Defizit heraus, und die wenigen Steuerzahleiiden sollten es büßen, allein sie machten kurzen Prozeß und zahlten überhaupt nichts. Die Armen haben ganz besonders darunter gelitten. Infolge der steten Ebbe in der Gemcindekasse konnten nicht soviel Nnterstützungen gewährt werden, wie ehemals. Dies alles in Betracht ziehend, vereinigten sich die angesehensten Gemeindemsiglieber und beschlossen, die Verwaltung zu übernehmen, um die Gemeinde zu ihrem früheren Wohlstände zu bringen. Durch Flugschriften und Vorträge agitierten sie eifrig für die wirklich gewählten Kandidaten: Nessim Sidi, M. Capon, S. Eskenasic, Awram Assa, Nessim Pardo, S. Percz und I. Anavi, die folgendes Programm veröffentlichten: 1. Vie Gemeinbeansgaben zu verringern, ohne dadurch die Gemeinde am Fortschritt zu hindern, 2. das Verhältnis der Gemeinde zur Mliancc Jsraelite zu erneuern, 3. den Großrabbiner wieder zu Ehren zu bringen und ihm seine Existenz zu sichern, (Ä n in e r k u n g. - Die bulg. Zionisten sind bekanntlich 1>ie größten Gegner des Dr. Ehrenpreis. Unter dem Regime Dr. Romano wurde ihm der pflichtmäßige jährliche Beitrag von 800 Fr. verweigert. Die große Notwendigkeit eines Groß-Rabbiners in Bulgarien hat sich in der letzten Zeit besonders in der famosen Weltschew-Ässäre sehr fühlbar gemacht.) ‘ 4. Ausarbeitung neuer Gemeindestatuten und Provokation eines Gemeindekongresses, 5. Reformieriing der Wohltätigkcitsvcreine. Herr Dr. Ehrenpreis freut sich am meisten mit diesem Programm, denn nun wird er beginnen, ein ruhiges Leben zu führen. Das Wesentlichste im obigen ist jedoch das Bestreben, die Alliance zurückzurufen. Es ist fraglich, ob 'sie, nachdem man sie vor zwei Jahren einfach fortgejagt, einwilligcn wird, die Leitung der hiesigen Schule zu übernehmen. Denn eines Tages könnten die Zionisten wieder 'ans Ruder kommen und sich ihr von neuem entgegensetzen. Jedoch haben - ihre Anhänger lange vorher an dem Vcrsöhnungswerk gearbeitet, indem sic ein Lokallomitee der Alliance gründeten und ihr viele Mitglieder erwarben. Es ist also zu hoffen, daß die großmütige Alliance sich doch bereit erklären wird, auch hier für das Franzosentum zu arbeiten. Die Wahl vom 26. Mai war also für die bulg. Judenhcit von großer Bedeutung, denn erstens ist ihr die Existenz des Großrabbiners, der in Bulgarien mehr Konsul und Rechtsanwalt als religiöses Oberhaupt ist, gesichert und zweitens sind ihre Beziehungen zu der französischen Alliance, die sich Jsraelite nennt, enger geworden. PHMPPopel, 24. Mai. Die Entführung der Generalstochter? Seit mehr als drei Wochen hält ein Märchen, eins von jenen, die den Juden schon viel zu schaffen machten, das Interesse der gesamte» bulgarischen Bevölkerung, der jüdischen wie der christlichen, wach. Aus den vielen sich widersprechenden Zeitungsberichten über das Ereignis von Sofia suchte ich die eigentliche Wahrheit zu konstatieren, und will ich nun im folgenden den Sachverhalt den Lesern vorführen. Am 1. Mai gegen Abend spielte die 7jährige Tochter des in Sofia wohnhaften Generals W e l t - s ch e w im Hause einer Freundin Versteck, Auf einmal ist sie verschwunden. Wie sie nachher ihrem Vater erzählte, wurde sie, als sie sich auf dem Hof befand, von zwei langbärtigen Männern, die auf ihren Schultern Säcke trugen, geraubt und durchviele Straßen bis zu einem alten, baufälligen Hause geführt. Bevor sie noch die Schwelle des gen. Hauses betreten konnten, erblickten die Räuber zwei Personen in Uniform (Soldaten oder Polizisten), sie ließen aus Furcht das Kind und ergriffen die Flucht. Die beiden in Uniform beauftragte» einen alten Mann, das Mädchen nach Hause zu bringen. Rahe der Wohnung des Generals ließ der Mann sic los, ohne eine Belohnung zu beanspruchen. Die verlorene Kleine kam allein nach Hause und eilte in die Arme ihrer der Verzweiflung nahen Eltern. Unter anderen Einzelheiten gab die Gcneralstochter an, daß die Entführer unter sich spaniolisch sprachen, daher fiel der Verdacht auf die Juden. Tags darauf sprach der General beim Stadtgouverncur und dem Ministerpräsidenten vor und klagte die Inden als die Urheber an. Die bulg. Zeitungen benutzten die Gelegenheit, das alte Bliitmärchen vorzubringen. Trotzdem Herr Obcrrabbincr Dr. Ehrenpreis vielen Nedakteuren gegenüber erklärte, daß den Inden der Genuß des Blutes überhaupt verboten ist, und dieses auch veröffentlicht wurde, war der Sofianer Pöbel so gereizt, daß man ans einen Pogrom bestimmt rechnen durfte. Dazu war cs noch gerade zur Zeit der bulg. Ostern. Den Bemühungen des Herrn Dr. Ehrenpreis, der mit dem Gouverneur und dem Justizminister mehrere Interviews hatte, gelang cs glücklicherweise, die Gefahr abzulenken. Die Polizei arretierte einige Juden, auf welche der Verdacht siel, und setzte einen Preis aus für die Retter des Kindes, die sich seltsamerweise noch nicht meldeten. Man erkannte daraus, daß es nur eine Verschwörung gegen die Inden war und ließ die verhafteten Spaniolen frei. Allein der General Weltschew reklamierte, beschuldigte die Richter der Parteilichkeit und fordert eine zweite, genauere Untersuchung. Zwei Spaniolen, Awguadisch und Scmo, wurden wieder in Hast genommen, und sind jetzt noch das Opfer eines antisemitischen Komplotts. Die Sache ist momentan noch unentschieden, aber nach allen Schritten, die zugunsten der Juden gemacht wurden, scheint sie nicht mehr gefahrbringend für dieselben zu sein. Von allen bulg. Zeitungen war es nur die „Balkanska Tribuna", die den Juden das Wort sprach. Sic schrieb: „Der Fall erscheint uns sehr mysteriös. Sicherlich, ist er von Antisemiten absichtlich dazu erdacht und ausgeführt, um eine Judenverfolgung zu verursachen. Die Gcneralstochter eignete sich dazu besser als ein gewöhnliches Bürgerkind."- Durch dieses Ereignis mußte die Jomhaschekelfeier der Zionisten verschoben werden, und sie konnte erst vorige Woche, als die Gemüter sich bereits beruhigt hatten, stattsinben. Jedoch ging es dieses Jahr sehr still zu. In Sofia hielten die Herren Dr. Jeschia Caleff und Karl Herbst Vorträge über die gegenwärtige Lage des Zionismus vor einem nicht allzu zahlreichen Publikum. Die Sofianer zogen dem Jomhaschekel die Millcnniumseier des bulg. Königs Boris I. vor. In .Philippopel zeigte sich unter den Zionisten an diesem Tage regeres Leben. In der Mädchenschule war ein großes Publikum erschienen. Es wurden sechs Reden gehalten, deren eine in hebräischer Sprache war, der Chor sang einige hebräische Lieder, und Spenden für den jüd. Nationalfonds wurden eifrig gesammelt. ._ Ben Hoamitti. Personalien. Frankfurt a. M. In unserer Stadt weilt jetzt Robbt Abraham Sackheim aus Wolia (Rußland). Rabbi Sackheim ist einer der bedeutenden russischen Gedaulim und sowohl durch seine Werke, als' auch durch sein Wirken bekannt. Außer pilpnlistischcn rabbiiiischcn Werken, die in mehreren Auflagen erschienen, schrieb er auch ein Werk in der russischen Sprache über „Die soziale Gesetzgebung im T alm ud". Rabbi Sackheim ist auch der Herausgeber des bekannten rabbinischen Jahrbuches „H a P i s g o", das als Organ der Orthodoxie in Rußland sehr viel für das überlieferte Judentum uns Hochsokaß hatauro gewirkt hat und allerorts allen denen, die hebräisch verstehen, sehr zu empfehlen ist. Auch durch Veröffentlichung berschiedener Familicnpapiere etc. zur Geschichte der Kedauschim von Rnszany, die im 17. Jahrhundert als Märtyrer fielen, sowie mehrerer Geaunim, wie Mahram, Lublin, Mahrscha, von denen er abstammt, hat sich Rabbi Sackheim verdient gemacht. Hellbraun. Anläßlich der Einweihung des israelitischen Landesasyls Wilhelmsruhe in Sontheim wurde dem Kaufmann Julius spicgeltal die Karl-Olga-Medaille in Silber verliehen. München. Der praktische Arzt Dr. Ludwig Kahn ans Augsburg, der aus der psychiatrischen Kiinik entfloh, wurde bei Trudering auf dem Geleise als Leiches aufgefunden. Breslau. Geheimrat Professor Dr. Freudenthal ist g e st o r b e II. 1839 in Bodenfelde a. d. Weser geboren, studierte F. in Breslau und Göttingen, war eine Anzahl von Jahren Lehrer der klassischen Sprachen und der Philosophie am hiesigen Rabbiner- Seminar und habitilicrte sich, für Philosophie an. der hiesigen Universität 1875. 1879 wurde er außerordentlicher und 1888 ordentlicher Professor. Er ist bekannt als SpinozaT-Mograph. Stratzvurg i. Elf. Oberlandesgerichtsrat Levi- Kvlmar ist zum Landgerichtsdircktor am hiesigen Landgericht ernannt worden. In Preußen ist ein solcher Fall bisher noch nicht vorgelömmen; in Hamburg wurde vor einiger Zeit der Amtsrichter Dr. Hinrichsen gleichfalls zum Landgerichtsdirektor ernannt. Im übrigen waren in Kolniar bisher zwei jüdische Oberlandcsgerichtsräte. Der zweite ist Dr. M. Freiidenthal, ein streng religiöser -Jude. . . Wien. Ministerialrat im Eisenvähnministerium SD um irr Kuranda hat bereits vor seiner Wahl in den Reichsrat um seine Pensionierung nachgesncht; dieselbe ist ihm nunmehr unter dem Ausdruck der allerhöchsten Anerkennung g e io ä h r t worden. — Oberfinanzrat Dr. Benjamin Rappaport, Vertreter der Israel. Kiiltnsgein'eindc, erhielt den Titel, tz o f'r a t. Bafel. Bei den Wahlen für das Appelat.ionSg e r i ch t wurde Dr. P. W v l f, Sohn des berstörbeiie»

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