Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. . Frankfurter Israelitisches Fmnilienblatt. Llntiqnitäteiihüiidlers Elie Wolf, mit 3756 Stimmen gewähl t. Dr. P. Wolf hat sich durch Heraiiszabe uud Kommentierung' des Schweiz. Buiidesreckites cineu bedeutenden Ruf erloorbeii. Czernowitz. Landesgerichtsrat Dr. S a l o W e i ft elb e r g c r ist einstimmig zum Vizcb ü r g e r m c i ste r von Czernowitz gewählt worden. Meran. Sanitälsrat Dr. Raphael Hausm a ü tr, Vorsitzender der Königswarter-Stiftu ig, feierte seinen 70. G e b u r t s t a g. Paris. Im «Salon" erregt eine Statue von N a ch u m A r o n s o h u „Anx innocents", die den durch den Odessaer Pogrom verwaisten Jndenkiudern gewidmet ist, großes A u f s e h c n. Konstantinopel. Der Sultan hat Dr. Bier mit einer neuen, sehr hohen Auszeichnung, dem Jfiikar in Brillanten, bedacht. Frühmorgens in einer Kellerstnve. Von I. L. P e r e z. Autor. stlebersetzung v. S ch o s ch a u a Bassett i. Kaum hatte der alte Meuasche sein Chazzos-Gebet mit einer freimütigen Zulage etlicher Psalmen verrichtet, lag bereits der blasse Sommermvrgen im Fenskercheir der Kellerstnbc. Duster, mit müden Augen sieht Menasche den neugeborenen Tag an. Er dehnt senke dünnen Finger, daß sie krachen, schließt das Psalmbüchlcin, löscht das kleine Petrolenmlämpchen aus und tritt ans Fenster. Er schaut hinauf zum schmalen Himmclsstrcis, der über das enge Gäßchcn verbleicht herabschaut — und ein blasser Schein eines trüben Lächelns breitet sich über das Silberhaar des Bartes und der Locken, wie über das grünliche, fahle Antlitz aus. „Gegeben dem Allmächtigen, loas ihm gebührt", denkt der alte Meuasche. „Biel Dank, Herrscher der Welt." Er seufzt: „Wozu, Allmächtiger, hast Du mich hier nötig? Möchtest Du noch ein Chazzos-Gebet, noch einige Psalmen haben? . . . Was, hast Du »och nicht genug?" . . . Er dreht sich um gen die Stube und sinnt nach: — daß, wie ihm sein Verstand sagt, es besser wäre, wenn im Bette, das er jede Nacht cinnimmt, seine Enkelin Riwke schlafen würde, die sich auf dem Boden iin Gerüll, womit sein Sohn Chaijm handelt, herumwälzt. ... Daß nach seinem Rechtsgefühl, dem Rechtsgefühl eines Sterblichen es besser wäre, wenn das Glas Milch, womit er fast den ganzen Tag hindurch lebt, seine Schwiegermutter Sorch trinken würde, die den ganzen Tag sich auf dem Markte herumtrcibt, ohne etwas warmes in den Mund zu nehmen. . . . Auch dem Jankcle — die neueste Zulage der Familie — auch ihm dürfte es garnicht schaden. . . . Er selbst, der Alte, braucht wenig; aber es wäre ihnen noch besser gegangen, wenn er garnichts brauchen würde. . . . Chaijm läuft halbnackt herum. . . . Chane, die ältere Enkelin, ist eine Kranke. . . . Wenig .Blut. .. . Der Doktor sagt: „Bleichsucht" ... Er sagt, sie soll Eisentropsen, Lebertran trinken. . . . Auch ein bischen Wein. . . . Man sammelt für sie in einem besonderen „Knoten". . . . schon monatelang — und es ist noch immer zu wenig. . . . Und sie wächst fast garnicht, die arme Chane. . . . Auch ihr Verstand wächst nicht. Lllles stockt. . . . Eine Siebzehnjährige — und ein Verstand wie der einer Zwölfjährigen! . . . „Wozu, Allmächtiger, hast Du noch auch mich ans sie ausgeladen?" Er horcht, wie schwer und abgerissen Chaijm im Schlafe atmet; er sicht, wie die abgemagerten Hände der Sorch, die sichtbar eben das Kind einwiegten, an dem Bette schlaff herabhangen. ... Er erblickt auch, daß Jankcle sich in der Wiege bewegt. „Bald wird er zu schreien anfangen und die Mutter wecken" — und eiligst, aber sachte, läuft er zum Er.kclchcn hin, um die Wiege zu schaukeln. „Und vielleicht" — denkt er, indem er sich ans Fenster wendet, — „ist es Dein Wunsch, mein Gott, daß ich noch Freude an Jankcle erlebe? Daß ich mit ihm die Braches sage, ihn Jwri*) lehre?" * * *) „Jwreh" — Das Buchstabieren des Hebräischen. Wie ein roter Apfel blühen im Schlafe Jankcle's Wänglein. Ein süßes Lächeln irrt um die kleinen Lippen. . . . Sie bewegen sich auf und ab. . . . „Der Fresser! Selbst im Schlafe möchte er sangen" . . . Er ^bemerkt indessen, daß Riwke sich in ihrem Lager herumwälzt. Sie liegt ans einem Sirohsack; bis zur Brust ist sie mit einem schwarz punktierten Leintuch bedeckt. Was ihr eigentlich als Kopfkissen dient, kann war, nicht sehen. Das leicht gerötete Antlitz mit dem schneeweißen, länglich geformten Hals bewegt sich anmutig ans einer Unterlage schreiend-roter, schmutziger Haare, die ganz das unter dem Kopfe Unterbreitete bedecken und noch den Fußboden mit den Enden berühren, welche lei jedem Atemzuge der Riwke leise erzittern. . . . „Ganz ähnlich wie „Meine", seligen 'Andenkens . . . Heißes Blut . . . Träume" . .! „Riwke!" — flüstert er, indem er an sie herantriit und ihre nackte Hand berührt, die sich vom Leintuch losgcmacht hat. „Was? Wie?" — fährt Riwke ans und öffnet weit ihre, großen, blauen Augen. „Sch . . . 'Sch. .. ." — beruhigt er sie lächelnd — „I ch bin cs . . . Geh' doch in mein Bett" . . . „Und Du, G^>ßvater?" fragt sie, ihn voll und breit angähnend. „Ich werde nicht mehr schlafen. . . In meincii Jahren schläft man nicht mehr so gut . . . Ich will Thee anfkochen . . . Du hast doch wohl gestern abend gehört . . Sie wpllcn früh ausstehen . . . Des Vater hat ein Geschäft in der Stadt zu erledigen und die Mutter muß Einkäufe machen zur Verlobung bei Pimpscnholz. . ." „So will ich den Thee aufstellen, Großvater!" „Nein, Riwke, Du geh in mein Bett . . . Kannst dort noch lange schlafen. . . Du gehst heute nicht in die Fabrik, hat die..Mutter gesagt. Sie hat Dich nötig . . . Also kannst Du ruhig ausschkafcn" . . . Jetzt erinnerte sie sich. Der Vater kehrte gestern mit einer freudigen Nachricht nach Hanse: ES habe sich ihm eine sehr günstige Gelegenheit dargcbotcn» alte Sachen besonders billig einzukaufen. Die Mutter kam mit der frohen Nachricht: Bei den Pimpsenholz, zu denen sie öfteren Zutritt hat, kam endlich die Verlobung zustande, obwohl die Braut sich noch ein wenig sträubt. . . Riwke war darüber nicht besonders froh. Allerdings bar» sie heute länger schlafen, allerdings ist es angenehmer, mit der Platter auf dem Marktvlatzc heruiazngchen, als in der Fabrik zu arbeiten. Doch später: die Körbe mit den Eiern und .Hühnern hinter der Mutter nachzntragcn oder gar ein entlaufenes Huhn auf der Gasse cinzufangen — es ist kein großes Bergungen ... Aber wenn cs geschehen muß, hilft ja nichts. Sie hüllt ihren Leib in das Leintuch und springt in das Bett des Alten hinüber. Der Alte findet ein eigenartiger Wohlgefallen an diesen: Sprung: „Ganz wie Meine!" . . . * * * Bcvor noch der Alte Feuer angelegt, bevor er noch das .Holz in dünne Späne gespalten, sie im Ofen anscivo.ndcrgclegt, mit kleinen Kohlcnsplittcrn bestreut („teure Kohlen heute" — denkt er sich dabei), mit Pctrr,enm begossen, augezündet und darüber eine alte, rötlich verrostete Theekanne ausgestellt hatte — saß bereits Soreh mit Jankete an der Brust und wünschte sich sehnsüchtigst, daß sie den Tag. erleben möge, an dem das Kind die Braches über die Milch wird sprechen können . . . Die blasse Chane erwacht und erhebt sich im Bette. .Hinter dem Rücken der Mutter spielt sie mit ihrem kleinen Brüderchen und rnst ihm verstohlen zu: „Kn—kn!" Ihr kleines Häuptchcn mir den blassen Wangen, mit den träumerischen Augen, von asch-blonden, wirren Haaren umrahmt, erscheint bald auf der einen, bald aus der anderen Seite. Ihre Bewegungen sind jedoch zu langsam, das Lächeln ihres Mundes allzu farblos, ihr Blick viel zu stolz, als daß sie den Jankcle „Freßmäulcheu", wie er allgemein genannt wurde, von der Mntterbrnst wogznlocken vermöchte. Er scheint sehr beschäftigt zu sein, er schaut zwar die Schwester an, doch hat er keine Zeit für sie übrig. Seite 5. Das eine Händchen hält er in seine rechte Seite vergraben, ans welcher er im Schoß der Mutter liegt, mit dem anderen Händchen legt er den Saum ihres Henidcs von der Brust zurück, damit es ihm nicht ins Gesicht falle und blickt dabei ruhig und gelassen ans seine Schwester — er weiß: sie wird ihm nicht fortlaufen . « * Chaijm hat bereits Tallis und Tssilin angelegt, er geh! in der Stube auf und' ab und betet. Oft bleibt er stehen uud wirft einen Blick zu Soreh hinüberoffenbar möchte er ihr etwas sagen. Doch wirft er bald einen zweiten Blick auf de» Alten — und setzt fori zu beten und spaziert wiederum hin und her durch das Zimmer ... Er fürchtet sich vor dem Alten... Der Alte meint, es wäre» »och immer seine Zeiten, die alten guten Zeilen, da ein Jude die Muße halte, andächtig zu beten, Wort bei Wort ans dem großen „Anrech-Chaijm-Sidnr" zu beten . . . Heute aber stürzen sich sieben hungrige Kaufleute ans einen Plunder. . . Zwar hat er es gestern schön besorgt. . . Den Kauf hat er sür 6 Rubel weniger 10 Groschen abgeschlossen, als Angeld gab er sieben Gulden (Gulden — 15 Kop.) und 12 Groschen . . . Beim Fortgehen steckte er dem Hauswächier 6 Groschen in die Hand, damit er keinen zweiten „Händler" in den Hof hineinläß! ... Und doch kann er sich nicht beruhigen! Wer kann da voranssehcw? . . . Bis man einen Kompagnon gesunden hat . . . Er trinkt bereits Thee. Er hält das Glas aus der flachen Hand, bläst vor jedem Schlürfen — und weis ncch nicht, was er eigentlich heute zu tun habe. ES ist nicht so leicht, einen Kompagnon zu finden. Au wen soll man sich wenden? An den Geldverleiher? Der schindet einfach alle Leute. An den Magaziuinhabcr? Der leert einem die Taschen, bis es nickits mehr zu leeren gibt! Und wenn man schon einen gesunden hat, muß »:an ihm ja die Hälfte des Verdienstes abireteu, obwohl er beim Handeln nichts mitgeholfe» hat . . . Vormals — da pflegte er bei Soreh einige Rubel zu leihen . . . Aber jetzt! Noch gestern klagte sie, daß ihr selbst zum Einkäufen ein wenig Geld fehlen wird. Und vielleicht! Vielleicht würde sie doch von dem Sparaeld Chane's im „Knoten" für einen Tag leihen? Dock' hat er keinen Mut mehr, den Versuch zu madyvi. Schon mehr als einmal hat er den Versuch gemocht und bereute es dann immer . . . (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrieh Quelle ■ — — Offenbacli a. M. - ■■ - Gegen Gicht and Bhenmatismas bewährt. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Loacb.) Samstag, den 8. Juni (= 26. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 30 Min., in Berlin 9 Uhr 30 Min. Die Sidra S ch e l a ch - l e ch o zeigt die Kleingläubigkeit des Volkes Israel. Trotz der göttlichen Versicherung, daß Palästina ein gutes Land ist, senden sie zwölf Kundschafter dorthin, angesehene Männer darunter Josua und Kaleb. Nach 40 Tagen kehren diese heim, bringen riesengroße Trauben mit, auch Datteln und Feigen. Sie loben das Land an sich, flößen aber dem Volke Furcht und Grauen ein vor den riesengroßen Ureinwohnern. — Das Volk murrt, ist empört über seine trostlose Lage und Zukunft. Sie wollen eine neue Regierung einsetzen und nach Egypten zurück. Josua und Kaleb suchen zu besänftigen, zu beruhigen. Das Volk will sie dafür steinigen. — Da erscheint Gottes Herrlichkeit. Wie bei der Sünde des gvldnen Kalbes soll die ganze Nation vernichtet werden, um auf Moses ein anderes besseres Volk aufzubauen. Moses fleht inbrünstig, die Strafe wird gemildert. Das ganze lebende Geschlecht — Josua und Kaleb ausgeschlossen — soll in einer vierzigjährigen Wüstenwanderung die Sünde abbützcn, sollen hinschwinden, nur das jüngere Geschlecht wird in's gelobte Land kommen. Die Lügenknndschafter starben sofort. Trotz Verwarnung will das Volk auf eigene Faust hineinziehen. Zu spät — sie werden geschlagen. Der Wochenabschnitt enthält ferner Vorschriften für die Speise- und Gußopfer. — Vom Teige ist