Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter UraeMUeS FavMenSlM. Nr. 22. beharrte, das sonst zu gleicher Zeit zu fröhlichem Wachstum sich regt, sendet in plötzlichem Umschwung jetzt seit Wochen der Himmel glühende Sonnenstrahlen herab, versagt lindernde Kühle und läßt alles keimende Leben auf Acckern und Gärten verdorren. Dauert cs so weiter fort, so steht dem Lande die furchtbarste wirtschaftliche Krise bevor, mit allen den Begleiterscheinungen, welche eine Hungersnot in Zeiten revolutionärer Erregung herbeiführt. Zu dieser Zeit finden die Wahlen für Kammer und Senat statt. Von einem Wahlkampf ini westeuropäischen Sinne kann man hier allerdings nicht reden. Denn hier arbeiten die Parteien mit gänzlich andern Mitteln, als man sie im zivilisierten Westen kennt. Ist jene Interessengruppe, welche sich liberal nennt, ans Ruder gelangt, so besitzt sie auch in den meisten Fällen die Möglichkeiten, sich die ihr nötige Majorität in das Parlament zu bringen. Denn hier ist es üblich, daß die neue Regierung sämtliche Beamten des früheren Regimes erbarmungslos hinwegfegt und an deren Stelle Leute ihrer Klique einsetzt. Man kann sich danach leicht vorstellen, wie bei einem solchen System die Aemter vertoaltet werden. Dabei ist die Erbitterung im Wahlkampfe der gerade gegnerischen Partei, diesmal der sogenannten Konservativen, keine so heiße, wie man sie infolge dieses wahrhaften Kampfes ums Dasein annehmen müßte. Denn jede der beiden Interessengruppen weiß, daß auch ihre Zeit der Ausbeute kommt, als wenn eine Verabredung zwischen ihnen bestände. Man kennt das Sprichwort, das zwischen ihnen gelten soll: Heute stiehlst du, morgen stehle ich. Es ist eine Schande, es auszusprechen, aber doch eine Tatsache, daß die einzige Partei, welche einigermaßen europäisch ist und von gewissen Theorien ausgeht, diejenige ist, welche sich offen als antisemitische bekennt. Zu ihren Aichängern zählt besonders die nicht übermäßige Zahl der Studenten. Für die bevorstehenden Wahlen kandidieren hier u. a. die beiden Antisemitenhäuptlingc, die Universitätsprofessoren Jorga und Cuza, und etwas schüchtern der Pöbelhäuptling und Anführer der Judenkraivalle vom 16. Mai, Tarabutza. Dieses Kleeblatt, welches sich so ausgezeichnet ergänzt, hat geradezu eine Vorsehung zusammengeführt. Spricht der Eine mehr die Sprache der Wissenschaft, so vermag der andere den gröbsten Und offenherzigsten antisemitischen Jargon in glänzend geschickter Weise zu handhaben, während der dritte eine ausgezeichnete Initiative von Pogrömchen und Pogroms abgibt. Diese dumme und ehrliche antisemitische Partei wird hier ebensowenig jemals zur politischen Herrschaft gelangen, wie etwa diejenige des Grafen Pückler und Liebermanns von Sonnenberg in Deutschland; denn sie sind so blöde, nicht einzusehen, daß sich ihr Handwerk viel einsacher in konservativem oder liberalem Gcwande ansüben läßt. Denr edlen Wahlkampfe der Parteien müssen die Juden von ferne zusehen. Dieselben Juden, welche den Militärdienst abgeleistet haben und im übrigen keiner der bürgerlichen Pflichten enthoben sind, haben nicht die mindesten Rechte, wenn es sich um die Wahl der Volksvertretung handelt. Die rumänischen Juden machen auch kaum die mindeste Anstrengung, sich dieser Rechtlosigkeit zu erwehren. Die wenigen sehr Reichen, die in den Augen unserer Feinde das ganze Judentum repräsentieren, sind hier, wie fast überall, bestrebt, ihr Judentum möglichst zu verbergen und bereit, jüdische Interessen zu verraten. Und unserer übrigen Bourgeoisie, unserer armseligen Bourgeoisie, denen jedes Krisenlüftchen ihr wirtschaslliches Dasein auszulöschen ' droht, die sorgenvoll jedem kommenden Tage entgcgensieht, daß er ihr nicht den Ruin bringt, ihr läßt der grausige Kampf ums Dasein keine Muße für politische Kämpfe übrig. Und jene noch elendere und größere Masse von Handwerkern, Arbeitern und gefallenen „Bourgeois" müht sich im Schweiße ihren Angesichts, um ein elendes Dasein zu fristen und träumt von jenem Lande jenseits des Meeres, das schon so viele ihrer Landsleute aufgenommen und zch stolzen und aufgerichtetcn Menschen erneuert hat. So hört man immer wieder von neuen Gruppen, die sich gebildet haben und sich das lür sie unerreichbare Ziel der Auswanderung jeftcdt haben. Mittellos wie sie sind und sich clbst überlassen, bilden sie vor allem eine reiche Ausbeute fiir die Agenten. So stark ist für sie der Drang, dieses Land zu verlassen, daß sic bei der geringsten sich ihnen darbietendcn Möglichkeit, auszuwandern, alle Brücken hinter sich abbrcchcn und mit unerhörter Energie und Tollkühnheit die Vorbereitungen zur Auswanderung betreiben. So hat sich vor einigen Wochen wieder eine Gruppe von 22 Familien, Schneidern, Schuhmachern und anderen Handlverkern gebildet, deren Faniilieiivätern ein Agent Beförderung durch die Allianz versprochen hat, sobald jeder von ihnen die Summe von 100 Fr. aufzubringen vermag. Diese Leute sind auf den Gedanken verfallen, sich über Nacht in Schauspieler zu verwandeln, von Ort zu Ort zu ziehen und ein zu diesem Zweck eingclerntes Stück so lange aufzuführen, bis es ihnen gelungen sein wird, jene ersehnte Summe sich zurückzulcgen. Es sind schlechte Schauspieler, und sie spielen ein unglaubliches Stück; wer aber besser hinhörte und hinblickte, der sah hinter diesen häßlichen Bewegungen und unmöglichen Vorgängen die furchtbare Tragödie Ahasvers sich abspiclen, die furchtbare Tragödie der Heimatlosen. Und plötzlich erklang ein Lied, das der armselige Dichter des Stückes, als wenn er geahnt hätte, wer es einmal aufführcn würde, eiugeschoben! hatte, ein Lied aus Blut und Tränen, das ein Jüngling sang, der Schmerzensschrei eines gequälten Volkes, mit dein wehmutsvoll mutigen Rcftain: „Kinr schoin, Srulik, denk nicht nach, Sei a Volk mit Völkern glach." Und diese mutigen Unglücklichen, welche ihr Volk in die Heimat zurückrufen, lvissen noch nicht einmal — wenn cs ihnen gelingen sollte, jene notwendige Summe zu ersparen — auf welchen Fleck der weiten Erde sic versetzt werden sollend Und doch rüsten sie sich mit dieser unglaublichen Energie auf die bloße Hoffnung hin, den Staub der unfreundlichen Heimat von den Füßen schütteln zu können. 0. N. Die Woche. Nunmehr sind die Neichsratswahlen in Oesterreich zu Ende geführt worden. Auch das gesegnete Land, wo die Schlacht» blüht, hat seine Wahlen beendet; — das bedeutet für das kleine Land der Polakai eine nationale Tat! Wie stellt sich jetzt die Situation? Man sollte meinen,' daß die Stichwahlen eine vollständige Klärung der Lage mit sich gebracht haben; doch weit gefehlt: die Konstellationen und Gruppierungen der Parteien sind noch nicht vollzogen, das einzige was man weiß, ist, daß hinter den Kulissen und auch teilweise öffentlich daran gearbeitet wird, einen großen Block verschiedener Gruppen, die freisinnigen einbegriffen, auf einer nationalen — sprich antisemitischen — Grundlage zu vereinigen und — wie man sagt — nicht ohne Erfolg .... Oesterreich scheint dazu verdammt zu sein, sein Leben mit bcständigcm Hader zu vergiften; kaum des chauvinistischen Haders los, sucht inan den Antisemitismus an seine Stelle zu setzen. Man glaubt, damit 'den Juden zu treffen, und man will nicht sehen, tbaß man sich damit eher ins eigene Fleisch schneiden wird. Was die Juden betrifft, so kann deren Lage, besonders die der galizischen Juden, nicht schlechter werben. . . Auch die Regierung ist anscheinend mit dem Gang 'der Dinge zufrieden. Es war eine Zeit, da die Negierung, anstatt den berechtigten Wünschen der Nationalitäten nachzukommen, cs für gut gefunden hat — wie es noch jetzt die Regierung in Rußland tut —, die Nationalitäten gegen einander zu hetze». Allein dieses Spiel hat sich nachher als ein gefährliches und unzweckmäßiges erwiesen: die Nationen sind nur in ihrem Bewußtsein gestärkt und die Interessen des Landes sind nicht wahrgcnommen worden, sodaß das Unumgängliche versäumt wurde. Jetzt glaubt man, vielleicht durch den Antisemitismus die Aufklärung der rcifznwerden beginnenden Massen hintanzuhalten, 'doch das Resultat wird wahrscheinlich dasselbe sein; höchstens können die Jude» dadurch auf dem Wege ihrer bereits begonnenen Emanzipation von fremdem Einfluß weiterschreiten. Uns soll es recht sein! Das Land aber wird für alle Fälle die Zeche bezahlen müssen. Die Wahlen haben auch manche Affäre auf die Oberfläche gebracht. Unsere knechtischen Hausjuden drängen sich mit aller Gewalt den srcmden Nationen und Parteien auf; hier Deutsche, dort Polen, Tschechen, Rnthcne», anderswo Ungarn, Franzosen, 'Slave», wenn maU will, auch Zigeuner — nur keine Juden. Run fangen aber die Völker und Parteien an, sich ihre Aufdrängung zu verbeten . . . man will die guten „Dienste" der Ueberläufer nicht mehr . . . Die Freisinnigen Oesterreichs haben die jüdischen liberalen Abgeordneten Wiens, die Herren Kuranda und Ofner, ganz einfach hinausgeworscn, sie können sie nicht im Verband der Deutschnationalen gebrauchen, weil sie Inden sind; sie wollen reinen Wein haben, die Juden gehören in einen j ü d i - s ch e n nationalen Verband, nicht aber in einen d e u t s ch e n. ' Das ist klar und aufrichtig seitens der Freisinnigen Oesterreichs; sie haben die Juden nicht mehr nötig und zeigen ihnen nun die Tür. Anöere Parteien sind noch nicht so weit, auf die Dienste der Juden verzichten zu können, und so heuchelt man ihnen Wohlwollen . . . Mit dem Moment aber, wo die Dienste. sich als gleichgiltig erweisen, Ivird sich für die Juden auch dort die Tür sperrangelweit öffnen. Die Singers, die Bernsteins und Adlers kann diese Tatsache betrüben, uns aber nicht . Sollen wir etwa noch de» während der Stichwahlen seitens des Polcnllubs, des eigentlichen Herrschers Galiziens, ausgeübten unerhörten Terrorismus besprechen? Das kann kurz geschehen: Man hat die Wahlzettel in Massen aus den Urnen gestohlen, man hat Wahlzetteln den Wählern mit Gewalt, mit gefällten Bajonetten, entrissen, man hat verwundet, auch getötet; all' das und noch mehr hat man getan, um die große Niederlage bei den Hauptwahlen wett $u machen, und jetzt können die Polen mit Stolz singen: „leselitselie Polsclia ne isgnejlo“! . . . . Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wir erhalten vom Hilfs- Verein der Deutschen Juden nachstehende Mitteil-ingen: Am 27. Mai hat in Jassy eine Sitzung des rumänischen Zentralkomitee's stattgesunden, das auf der Wiener Konferenz vom 5. Mai durch gemeinsamen Beschluß der dort vertretenen Organisationen als r n m ä n i i che Zentrale für die Hilfsaktion eingesetzt worden ist. In dieser Sitzung, an der Vertreter der verschiedenen heiingesuchjen rumänischen Gebiete teilgenommen haben, wurde der Vcrteilungsplan des .Hilssloerks im einzelnen gründlich durchberaten. Es bleibt jetzt noch die Aufgabe zu erfüllen, für eine sehr erhebliche Anzahl Familien — ca. 500 — Sorge zu treffen, die durch die hinlänglich bekannte AuSwcisnngspolitik der rumänischen Regierung gezwungen sind, die Dörfer zu verlassen' und in die rumänischen Städte auszuwandern, wo sie nunmehr aller Hilfsmittel beraubt, sich iu üngewissester und elendester Lage befinden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat erklärt, daß er auch an dieser Aktion teil zu nehmen bereit ist. Bisher find für Rumänien insgesamt über lh Million Mark zur Verausgabung gelangt. Aus einem Briefe von Jakob H. Schiff in Nclv Jork an den Hilssverein geht hervor,, daß das rumänische Komitee in New Jork, das auch an der Hilfeleistung für die verfolgten Landsleute in reichstem Maße teilnahm, sich aufgelöst hat. Berlin. An der Spitze der soeben erschienenen Mitteilungen Nr. 68 vom Deutsch-Israelitischen Gemeindcbunde findet sich ein Artikel erfreulichen Inhalts: Die Errichtung einer Erziehungsanstalt für schwachsinnige jüdische Minderjährige ist gesichert. Mehr noch, die vorbereitenden Schritte zur Ausführung des Baues, zur Schaffung eines Vereins, dem der Anstaltsöetrieb übergeben werden soll, haben begonnen. Der mächtige Fortschritt, den diese wichtige Angelegenheit gemacht hat, ist dem hochherzigen Entschluß