Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— ^daKtioil Md Hefchafksfiekle: Sranjtfurt s. m.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Tercf-n 10507. r" ~~1 — .. ~; Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach klebereinkunst. _- 5. Jahrgang. Freitag, de« 25. 8ivan 5667 (7. Juni 1967). No. 22. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Herr Fronrer und sein Werk. — Brief aus Rumänien. — Die Woche. — Aus a l l er Welt. — Personalien. — Feuilleton: Frühmorgens in einer Kellerstube. — Woche nka lende r. — Familiennachrichten. Herr Fromer -und sein Werl. Von Maxime Le Maitre. „Das Judentum ist gegen jede Logik und Aesthetik. Nur Ethik. Die Juden als Volk und. als Träger einer Kultur haben keine Existenzberechtigung. Sie leiden überall und nichts rechtfertigt ihr Leiden. Das jüdische Volk steht vor einer Alternative. Ghetto oder Kultur. Kultur und Nicht-Judentum sind identisch. Tauchet unter." Das ist in Summa Fromcrs Werk. Ein Werk oder Machwerk? Ich erkühne mich, diese Frage zu entscheidet!. Getviß ein unbescheidenes Unterfangen. Aber schon Goethe meinte: „Nur die Lumpen sind bescheiden." Also zunächst die Tatsachen: Ist das Jude»-, tnm blos ethisch? Sind Ethik und Logik Gegensätze? Stehcil - sich Aesthetik und Logik feindlich gegenüber? Und die Kardinalfrage! Wird ein Kulturtypus, Kultrlrsystein oder Kulturbetvnßtsein nur nach einem ihm eigenen Element beurteilt? Beurteile» wir Leibnitz nur nach seiner Monadenlehre, Spinoza nur nach seiner Lehre von der Substanz? Der Krämer sieht zuerst den Hering und dann das Faß, der Flickschneider zuerst den Aermcl und dann den Rock. ES ist mir psychologisch verständlich, daß Fromer zuerst die Ethik im Judentum und dann das Juden-, tum selbst betrachtet. Aber einer, der von der Kultur des „gesegneten" Westens so viel gelernt haben will, dürfte sich keine solche Kulturblöße geben. Als Doktorder Philosophie hätte Herr Fronier wissen müssen, daß jedes Weltbegreifen, speziell jedes philosophische Weltbcgreifen, eine letzte Voraussetzung hat; eine letzte Deduktion, die man. nicht auf empirischen Wege gewinnt. Weder hat Bruno seine Monade, noch Plato seine Idee je auf dem Wege des Experiments erkannt. Diese letzte Deduktion ist aber auch gleichzeitig der letzte seelische Gedanke, die letzte und tiefste metaphysische Regung der Persönlichkeit. Ohne Persönlichkeit keine Philosophie! — Demnach hätte Herr Fromer bei seiner Darstellung einer angeblichen Philosophie des Judentums nicht von der Ethik, die - höchstens nur ein Formanteil eines philosophischen Weltbegreifens sein kann, sonder» von der letzten metaphysischen Voraussetzung. „vom letzten seelischen Gedanken" des Judentums ausgehen sollen. Er hätte es sollen; —doch ein Flickschneider... Sind Ethik und Logik Gegensätze? Hermann Cohen leitet seine Ethik von der Logik ab, seine -Aesthetik von der Logik und der Ethik. Das xnge Verhältnis, die direkte -Verwandtschaft zwischen Logik und Ethik und Ethik und Aesthetik hat aber bereits der große Jmanuel Kant entdeckt. Wer noch weiter gehen will, wird schon bei Plato die ersten Ansätze zu dieser Anschauung finden. — Aber im besten Fall, >venn das Judentum nur ethisch loäre — was wir freilich nicht gelten lassen — beweist cs noch nicht, daß cs jede Logik und Aesthetik bekämpft. Oder ist nur die jüdische Ethik so nächtlich verhext, daß sie allein nur eine Feindin jeder Logik und Aesthctik ist? Dann ist cs doch das Christentum, in dessen Testament kein einziges Mal das Wörtchen schön vorkommt, in viel höherem Maße! Und trotzdem findet cs Herr Fromer für logisch und ästhetisch, uns seinen weisen Rat zu erteilen. Und doch, — wie verstehe ich ihn? Ich habe keinen Grund, ihn philosophisch ernst zu nehmen, denn ein philosophisch Deklassierter ivird — sofern er au deni Ausgelachtwerden keine b sondere Freude hat — aus logisches Begreifen und Zusammenfassen, auf systematisches Erkennen mehr geben als .Herr Fromer. Aber doch, — Ivie verstehe ich ihn? Wissenchaftlich nicht! Aber vielleicht politisch? Vielleicht, vielleicht. . .? Also wieder zunächst die Tatsachen. Ein blutjunger Mensch, der eine steinalte Frage beantworten will. Die erste politische Unbescheidenheit! Und in der Politik ist oft Unbescheidenheit ein Fehler. Ein zu einer Tragödie ich verdichteter Konflikt, den ein platter Rationalist lösen will. Die zweite Anmaßung! Ein Politiker empsiehlt immer die Handlung, die Tat, niemals aber den Friedhof und den Tod. Und. den Friedhof und den Tod empsiehlt uns Herr Fromer. Zunächst ist es eine grandiose Dummheit, dann eine sträfliche Frechheit und vom Stand Punkt des Soziologen eher idiotisch als politisch. Ich kann Herrn Fromer weder wissenschaftlich noch Politisch begreifen. Es bleibt mir also nur ein Ausweg. Die Persönlichkeit. Ta lverdc ich ihn verstehen Vom Ghetto zur Kultur. Diesen Weg haben noch viele Andere zurückgelegt. Ich auch. Ich hätte Weg zur Alma mater. Er studiert und hungert, sieht drei oder vier Lenze ins Land gehen und promoviert schließlich zum Doktor der Philosophie. Seine nach dem Westen mitgebrachten talmudischcn Kenntnisse haben niemand frappiert, seine Dissertation hat keiii Aufsehen erregt. Ein Durchschnittsdoktor. Solche gibt cs heute mehr als Schneider. Eine bescheidene Mittelmäßigkeit. Anfänglich vielleicht auch ein mittelmäßiger Charakter; aber Rost zehrt selbst Eisen, und wenn der Magen rostet, muß der Charakter faulen. Herr Fromer ist von Hause aus Orientalist. Für eine solche orientalistische Mittelmäßigkeit und von Hunger zerknirschte Persönlichkeit ist der Posten eines Bibliothekars, was für einen guten Strategen ein Korps-Kommando ist. Fromer verließ das Auditorium und trat in der jüdischen Bücherei der Berliner jüdischen Gemeinde einen Bibliothekarposten an. Aber wer!vill schließlich lebendig begraben sein? Wenn nian einst im 'Ghetto und jetzt in der Kultur lebt, wenn man einst Talmudjünger war und jetzt sich den Doktor Phil, erhungert hat, will man auch schließlich zur Geltung konimen. Maximilian Wittkowsky-Harden, ocm es seiner Zeit daran gelegen war, seine Taufe zu idealisieren und zu verteidigen, weil ihm angeblich das Juventnm zu eng war, fand bald sein Opfer, das sich nach Popularität gesehnt. Dr. Fromer — alias Jacob Elias. Und seitdem Doktor Fromer seine erste Keule gegen das Judentum abgeschossen hatte (das geschah vor zwei Jahren in der Harden-Wittkowskyschen Zukunft), glaubt er sich populär und weltberühmt. Und siehe; cs stimmt. Seit jener Zeit arbeitete er an der Herausgabe seiner sämtlichen Werke, die er auch gleichzeitig mit einer „Dichtung und Wahrheit" zu versehen geruhte und die vor kurzem im Selbstverlag des Autors in Charlottenburg erschienen sind. Er hat sein Ziel erreicht, .heute ist der bedoktorte Talmudjünger a. D. ein Held des Tages. Wir beneiden ihn nicht. Wir sind zwar inuner stolz darauf, wenn Inden wegen litera¬ ■SLÄÄL*«''!** w!!!-»!ch°Mch°, w,!>,-«» B°,. Leidensgeschichte zu erzählen, nicht nur meinen Vater, sondern auch meinen Großvater zu verherrlichen und über den kulturellen Wert oder Uiuvcrt des Judentums meine Meinung abzugeben. Dazu wäre ich vom Fromcrschcn Standpunkt durchaus berechtigt, vielleicht noch mehr als er, denn ich kann mich der Protektorschaft eines Delitzsch nicht erfreuen. Ob mein Weg vom Ghetto zur Kultur nach einem Delitzschen Plan vorgezeichnet war, ob ich noch inzwischen Gorkische und Paracelsiusschc Abenteuer erlebt, tut nichts zur Sache, Also selbst Herr Fronier wird mir das Recht zugestehen müssen, ihn vom Standpunkt der Persönlichkeit zu verstehen. Also ans Werk! Ein russischer, vielmehr polnischer, Talnrudjünger kommt nach dem „gesegneten" Westen, lernt Deutsch (erlernt hat er es noch bis jetzt nicht), paukt - Vokabeln, merkt. sich acht historische Daten und drei mathematische Formeln und bahnt sich, auf diese. jämmerlichen Krücken gestützt, den dienste zur Popularität gelangen, aber ivcr „berühmt" >oird, >veil er auf „Staatskosten" — in diesem Falle auf Kosten des Judentums — pfuscht, Bosheiten oder Torheiten verzapft, nur um berühmt zu lverdcn, um den „Andern" zu schmeicheln; einen auf diesem Wege erworbenen Ruhm beneiden tvir nicht. Brief ans Rumänien. Jassy, Ende Mai. Noch lebt man hier ganz und gar unter den Rachwchen der letzten traurigen Ereignisse. Die Natur selbst scheint entschlossen zu sein, diese Zeit nnansioischbar in die .Erinnerung der Bevölkerung Rumäniens einznpresscn. Während in jenen Wochen oes Schreckens der Himmel stets seine düstere Decke beioahrte, Schneegestöber und Stürme das Land durchzogen, alles Leben in der Natur .in kalter Erstarrung