Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 21 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Frankfurter JfraeMPHeA FamMeMÄk. Seite 3 Vorstand n n m ö g l i ch gemacht, indem inan mir die Niederschrift des Direktors vorenthielt. Was der Vorstand "nicht ableugnet: ^Er habe sich nicht dazu „ermächtigt" gefühlt. Die Ermächtigung war leicht zu bekommen, Herr Lilienthal! Der Herr Direktor hat mir selbst zu verstehen gegeben, daß es sehr in seinem Sinne wäre, wenn' mir alle Mittel zu meiner Verteidigung geboten würden. Sie aber und die Herren vom Vorstand wollten mir die Möglichkeit benehmen, mich zu verteidigen. Das war's. Was soll ich noch, dazu sagen, daß der Vorstand den Vorwurf der Verschleppung zurückweist? Und daß er von der milden Form der Erledigung spricht? Drei Monate seien wenig für solchen Fall. Meine Herren, drei Monate sind viel für einen Mann, dem die Ehre abgeschnitten ist und der sür die Wiederherstellung seiner Ehre kämpfen muß. „Wir mußten die Sache wohl erwägen." Ja, meine Herren, so wohl erwogen haben Sie die Sache, daß Sie in drei Monaten nicht einmal Zeit gefunden haben, mit dem Direktor Rücksprache zu nehmen. Und nicht bloß Ihr Vorstand hat diese Zeit nicht gefunden. Auch Ihre zur genauesten Untersuchung eingesetzte g e m i sch t e Deputation — ans die Sie sich so viel zu Gute tun. Sie ln Ihrem Gerechtigkeitssinn — sie war so unglaublich mit dem Arbeiten zu meinem Heile überbürdet, daß sie ebenfalls nicht Zeit gefunden hat, den Direktor um A u f k l ü r u n g z u bitten. Ja, noch mehr: Diese Ihre Kommission war so eifrig, so sorgfältig, so gclvissenhaft, daß ihr schließlich nicht einmal Zeit blieb, in i ch s e l b st o f f i - zielt zu vernehmen. Und schließlich: so wenig übers Knie gebrochen haben Sie die Sache, daß Sie mich 'erst beinahe drei Wochen nach dem endgültigen letzten Genieindebeschluß von meinem Schicksal in Kenntnis gesetzt haben. Und toie milde haben Sie versucht, die Angelegenheit zur Erledigung zu bringen. Ich sollte kündigen, rieten Sic mir. Ich, der ich ein Recht hatte, klar wie .das Licht des Tages, eine Wahrheit, die mir nicht.einmal ein so gewiegter Advokat wie Herr Syndikus L i l i e u t h a l einer ist, erschüttern konnte, ich sollte kündigen? Sollte mich selbst entmannen in meiner reinen und gerechten Sache? Wo ist die Milde? Aber man höre, was mir sonst vorgeschlagcn wurde: Ein R c p r ä s e n t a n t, ein G eh e i m r a t, riet mir, ich sollte mir von meinem Arzte ein Attest geben lassen, daß i ch sch w e r nervös sei und einer Kaltwasserkur dringend bedürfe. Ich s o l l t c d a n n i n e i n e A n st a l t gehen und n a ch" e i n e m halben Jahre w i c d c r k o m m e u. D a n u tv ü r d e m a n meine A-e n ß e r u n g e n dem Direktor gegenüber auf eine vorübergehende geistige atö» r ü n g schieben .... Doch genug davon. Es widersteht mir. alt die Entstellungen zu buchen, die sich.'Herr Syndikus Lilienthal erlaubt hat, oder gar ein Wort zu verlieren über die unerhörte Verdächtigung z w i - scheu den Zeilen, ich hätte die gänze Angelegenheit in die Redaktion der Staatsbürgerzeitung gebracht, während doch die Staatsb ü r g e r z e i t u n g ganz deutlich erklärt, w i e sie zur Kenntnis über den Fall gelangte. Nur eines Mannes muß ich noch Erwähnung tun. Ich tue es tviderwillig. Er ist ein Greis von über SO I a h r e n. Ab e r e r h a t m i ch L ü g e n g e str a f t: Iulius Iacoby, erster Vorstcher der Iüdischen Gemeinde zu Berlin. Er hat durch Herrn Syndikus Lilienthal ösfentlich erklären lassen: Daß er bei der Verhandlung am 31. Januar die ihm von Herrn Dr. Cohn in den Mund gelegten Worte nicht gebraucht habe:Sicsindbei u n s i n L o h n u n d B r o t, S i e h a b e n u n s e r e A n s ch a u u n g e n zu vertrete n. Uebrigens das einzige, was au den objektiven Dingen aus meiner Darstellung bestritten wurde. Ich gebe hiermit im Hinblick auf die Makellosigkeit meiner Vergangenheit, im vollen Bewußtsein der Verantwortlichkeit, die ich auf mich lade, auf Ehre und Gewissen die feierliche E r k l ä r u n g ab, die ich jederzeit bereit bin, eidlich zu Erhärten: Herr Julius Jacoby hat den Ausdruck gebraucht so, w i e ich i h n z i t i e r t h ai 6 e. Ich habe ih» sofort nach meiner Heimkehr in mein Tagebuch eingetragen, zu einer Zeit also, too ich an ein Hinaustreten an die Oeffentlichkeit und selbst an eine Durchführung der Suspensionnoch' nicht im entferntesten dachte, habe ihn auch sofort meinen Freunden erzählt. Jetzt leugnet ihn Herr I a c o b Y. Aber ich habe Ausdrücke schon von ihm anhören müssen, die brutaler waren, als dieser. Am 1. März 1906 suchte ich auf dem Bureau der Gemeinde bei Herrn Jacoby 'vergeblich die Uebertragung der Dirigentenstelle einer Religionsschule an mich durchzusetzen. Da sagte mir Herr Jacoby — es war noch vor meinem Amtsantritt —: „Was Auftreten anbelangt, haben Sie die Qualifikation zu einem Berliner Rabbiner in vollstem Maße! Doch'nur immer zu! Glauben Sie nur, ich v e r st e h' s, mit Rabbinern umzu gehen! Ich habe ja Hebung darin!" l Doch ich bin nicht der einzige, dem Herr Jacoby so gegenübertrat. Man frage das ganze Bell mten Person alderJü di sch enGemeinde zu Berlin. Man frage die Rabbiner, deren einer, ein milder und vornehmer Mann, von Herrn Jacoby einmal so hart angelassen würde, daß er es über sich gewinnen mußte, dem achtzigjährigen Greise zu sagen: ,ZerrJacoby, ichbinkeinKomm i s!" Was aber schließlich den Vorstand anbetrifft, der jetzt durch Herrn Lilienthal erklären läßt, er wisse sich von Anschauungen frei, die solchen Worten entsprächen, so ist ihm dies fein f aäy nicht zu glauben. Im 'Angesichte der Oeffentlichkeit erkläre ich hier: Ein Vorstand, der es zuläßt, daß seine Rabbiner durch den Hilfsarbeiter des Bureaudirektors auf das Gemcindebureau zitiert werden, um sich von diesem Herren Vorhaltungen machen zu lassen, wie es mir am 11. Juni 1906 passiert ist; ein Vorstand, der seine Rabbiner auf das Bureau ruft, um sich Rüffel abzuholen; ein Vorstand, der seine Rabbiner mitten im Schuljahr von einer Schule an die andere schickt, ohne sie erst zu fragen; der den Rabbinern, welche gleichzeitig Schuldirigenteu sind, zwangsweise Lehrer aufoktroyiert; ein Vorstand, der es gewagt hat, einen der angesehenste» und beliebtesten Rabbiner im November 190b einfach die Stellung auszukündige», nachdem er durch sechs Jahre seine besten Kräfte im Dienste der Gemeinde aufopfernd verschtvendet hat; ein Vorstand schließlich, der in dem Maße am Judentume gefrevelt hat, daß er im Jahre 1905 die ehrwürdige, historisch gewordene, durch Gewohnheitsrecht bestehende und durch eine tausendjährige Entwicklung geheiligte Institution des rabbinischen Kollegiums gewaltsam und zu Unrecht aufgelöst hat: Ein solcher Vorstand steht nicht bloß auf dem Lohn- und Brotstandpunkt, sondern ich spreche ihm auch die Fähigkeit ab, zu Gericht zu sitzen über mich; die Fähigkeit, ein Urteil abzugeben, ob ein Mann von meiner Qualität, dem sein Judentum das Höchste Und Heiligste ist, was er hat, und der sich tief und innig bewußt ist, seine Pflicht getan zu haben, wie sie ein Rabbiner nur tun kann, ob ein solcher Mann als Schädling des Judentums ausgerottet werden muß oder nicht. Ich bin am Schluß: Es ist eine heilige und gute Sache, die ich führe. Das weiß ich! Und wenn ich ganz allein stünde mit meinem Kampf, ich müßte ihn dennoch kämpfen! Und wenn in Berlin soviel Repräsentanten und Vorsteher wäre», wie Ziegelsteine auf den Dächern, ich müßte doch austreten und sprechen: Es geschieht UnrechtaufdemBureau der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. In schmerzlicher Bitterkeit nahm ich die Feder auf, fröhlich lege ich sie jetzt hin. Ich weiß, es werden bessere Zeiten kommen, Zeiten, in denen die Wahrheit nicht verhüllt gehen und das Recht nicht mit Füßen getreten sein wird. Ich grüße die kommende Zeit! Aus aJtev Welt. Deutsches Reich. Berlin. Zum 100jährigen Geburtstag des Würzburger R a w s s. A. sollte ein wissenschaftliches Gedenkbuch erscheinen. Namhafte Gelehrten wie Hoffmann, Harkavy, Epperstein, Löwenstein, Lieben, Ritter, Bamberger, Sennheim u. Schönlanke u. v. a. hatten ihre Mitwirkung zugesagt. Ein Verehrer des Würzburger Gaon s. A. hatte sich bereit erklärt, sämtliche Druckkosten zu übernehmen. Dennoch wird das Gedeukbuch nicht erscheinen, nachdem der Sohn, Herr Rabbiner Nathan Bamberger in Würzburg, der Meinung ist, daß es nicht im Sinne seines gelehrten Vaters s. A. sei. Berlin. Wohltätigkeit der russischen Juden. Aus Rußland sind dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" wiederum Gaben für die notleidenden rumänischen Glaubensgenossen, die den Excesscn zum Opfer gefallen sind, zugeflossen, und zwar sind überwiesen worden aus 3 russischen Städten in Su:nma JL 6544,85. Diese Spenden — das Erträgnis von Sammlungen — sind ein erneuter Beweis für das edle Solidaritätsgesühl der russischen Juden, die unter den Nachwirkungen der russischen Progrome selbst noch schtver zu leiden haben, aber trotz der für sie selbst so ernsten Zeiten ihre» verfolgten Brüdern im Auslände zu Hilfe kommen. . Hamburg. Das Krankenhaus der Dentsch-Jsrael. Gemeinde, bekanntlich von Salomen Heine 1841 gestiftet, versendet über die letzten drei Jahre einen Bericht. Die Anstalt .wurde während dieser Zeit baulich ausgestaltet und ans dem Terrain derselben ein stattliches Wohnhaus für das Schwestcrnheim errichtet. 1906 betrugen die Einnahmen an Pftegegeldern 65,920 Jk und die Ausgaben 113,440 JL Die Verwaltung bilden folgende Herren: N. Beith, Vorsitzender, Dr. Blumenfeld, Schriftsteller, I. Lewandowski, Kassierer, M. M. Heilblnt, Hausinspektor, Dr. S. Allen für Krankenaufnahme, Tr. Alsberg, Oberarzt der chirurgischen Abteilung, Dr. Korach, Lberarzr der medizinischen Abteilung; Prosektor ist Dr. I. Michael, Oberin Fräulein Gordon, Inspektor Herr Zuckermann. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Grobe Wahlmißbräuche hatte eine Depesche, die heute der Minister des Innern von den Abgeordneten Breiter, Mahler und Gabel erhielt, zum Gegenstand. Aus der De-, p e s ch e seien folgende Stellen wiedergegcben: In Brzezany hat der Bezirkshauptmann vor Zeugen, welche Exzellenz zur Verfügung stehen, zugegeben, daß 80o/<» Stimmen jüdischer Wähler für den Kandidaten Rappaport abgegeben wurden. Beim Skrutiiiium aber gelangten nur 30o/o zur Verlesung, und 50o/a wurden als für Dulemba abgegeben verlesen. Das wurde dadurch erinöglicht, daß den Vertrauensmännern bei Verlesung der Stimmzettel die Einsichtnahme in dieselben mit Berufung auf die Instruktion des Statthalters unbedingt verweigert wurde. In Brzozdowce haben Bürgermeister Korzenna und die Gendarmen mit vorgehobenen Bajonetten jüdischen Wählern die Stimmzettel mit dein Namen des Kandidaten Rappaport entrissen und die Wähler gezwungen, solche mit Dulemba abzugeben. Der B e z i r k s h a u P t m a n n von Bobrka sitzt i» Ehodorow und droht den Juden mit Ber- .n i ch t n n g der Existenz. Wien. Bet den Retchsratswahlen am 14. Mai wurden hier 184 762 christlich-soziale und 124 345 sozialdemokrat. Stimmen abgegeben. Gegen 1901 sind die christlich-sozialen Stimmen um 78000, die sozialdemokratischen aber nur um 24 000 angewachsen! Wie diese Zahlen zeigen, entwickeln sich die Christlichsozialen ganz kräftig weiter, welche Tatsache den Wiener Juden mit ihrer berühmten Indolenz in allen Angelegenheiten, welche irgend wie mit dem Judentum zu tun haben, endlich einmal zu denken geben sollten. Prag. Die-Meichsratswahlen in Prag. Bereits viele Wochen vor dem Wahltermin begann eine heftige, mitunter leidenschaftliche Agitation, die sich vor allem aus die Juden erstreckte. Die Juden selbst hielten Versammlungen ab, in welchen alle möglichen Eventualitäten, sogar die einer jüdischen Zählkandidatur, erwogen wurden, doch mußten alle Pläne behufs gemeinsamer Aktion fallen gelassen werden, weil die Mehrzahl der Juden Prags jede andere Politik lieber unterstützt als eine jüdische. Nicht mit Unrecht bezeichnet man die Prager Juden als die Stütze des hiesigen Deutschtums, ja in tschechisch - chauvinistischen Kreisen geht man soweit» sür Prag Juden und Deutsche zu identifizieren. Daher kommt es auch, daß hier jede antideutsche Bewegung naturgemäß antisemitisch ist (ich erinnere an die Kravalle und Plünderungen von 1897). 'Das Gros der Prager Juden ist also deutsch, beträchtliche Minoritäten tschechischnational und sozialdemokratisch, jüdischnational nur ein kleiner Bruchteil. Als daher die Prager deutsche Parteileitung eine deutsche Zählkandidatur ausstellte und zum Gimpelfang wohl nicht einen Juden — so liberal ist der liberalste Deutsche hier nicht —, aber doch einen Mann, der als Judensreund bekannt ist, als deutschen Zählkandioaten für alle Prager Wahlbezirke nominierte, da wußte man, daß die meisten jüdischen Stimmen selbst dort, wo es sich um jüdische Interessen handelt, versagen würden. Tatsächlich waren in zwei Wahlbezirken prominent jüdische Interessen im Spiel; auf der Altstadt, wo der Held von Polna, Dr. Baxa, und auf der unteren Neustadt, wo der berüchtigte Wenlelslaus Breznovsky, Handschuhmacher und Judenfresser dazu" kandidiert wurden. Die tschechischnationalen jüdischen Verbände — und das ist m. E. ihre erste rühmenswerte Tat — haben mit allen Mitteln gegen diese Kandidaturen angekämpst und es auch durchgesetzt, daß die vereinigten Jung- und Alttschechen die Kandidatur Breznovskhs gänzlich fallen ließen und dem Helden von Polna auf der Altstadt einen in konfessioneller Beziehung völlig etnwandfteien Kandidaten gegenüberstellten. Nun hätte man erwarten dürfen, daß die Juden jüdische Politik treiben und die tschechischen Freisinnigen gegen die tschechischen Antisemiten unterstützen würden. Doch weit gefehlt! Die vom deutschen Wahlausschuß und den deutschen Blättern getriebene Agitation für den deutschen Zählkandidaten verfehlte ihre Wirkung nicht. Die skrupellose Agitation, die soweit ging in Flugblättern, den tschechischen Fortschrittlichen als den „kleineren Rosche" zu bezeichnen, ihm nachweisbar erlogene antisemitische Missetaten vorzuwerfen, aus der hier erscheinenden jüdischnationalen „Selbstwehr" erdichtete Zitate zu verbreiten, nicht genehme Aeußernngen jüdischer Wahlkomitees einfach damit abzutun, daß kein jüdisches Wahlkomitee existiere, um am nächsten Tage selbst genehme Kundgebungen solcher Wahlkomitees zu bringen, befestigte die Prager Inden darin, das zwecklose Spiel der deutschen Zählkandidatur unentwegt mitzuspielen ohne Rücksicht auf die etwaigen Folgen. So ist es nur einem'Zufalle zu danken, wenn Breznovsky aus der Neustadt durchfiel. Auf der Altstadt, wo die Zahl der jüdischen Wähler mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten ausmacht, wäre es den Juden ein Leichtes gewesen, den tschechischen Nichtantisemiten in die Stichwahl zu bringen» wo er dann unbedingt gewählt worden wäre. Doch die Juden mußten „deutsche Zählkandidatur spielen" und so kam es, daß an der Stichwahl Baxa und der Sozialdemokrat sich beteiligten. Für die Stichwahl