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Neue jüdische Presse · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter JsraelüWeL FamMenblaL Nr. 21 Die ans unserer Rasse Flüchteirden, die auf den Brettern, die die Welt bedeuten, unter kurutzcnhastcn Pseudonyms ihre Unsterblichkeit leben, wurden in letzter Zeit recht oft und ernst vor die Nase gestoßen. Peter Koroda und Emrich Csäszar, -„sogenannte" Dichter, liefern den Mnsenhallen nur dann ihre „sogenannten" Theatcrstücke, wenn sie die Sicherheit haben, daß diese unter „geregelten konfessionellen Verhältnissen" zur Aufführung gelangen. Sic haben auch dafür die glänzende Genugtuung, als Märtyrer ihrer Gesinnungstüchtig kcit ihr Leben auszuhauchen: sie sterben an Rasscnrcinheit! Daß der Name ein Schicksal bedeutet, hat der jüdische Schriftsteller Moses Schächter am eigenen Leibe traurig erfahren. Durch handfeste Detektivs wurde dieser russische Flüchtling zum Stadthauptmann Bartfelds gezerrt. Nichts als der ominöse Name konnte dem harmlosen Skribenten - vorgeworfen werden. Da der siebenmülweise Potentat hinter der Firma den Semiten vermutete, war das Urteil entschieden: unter militärischer Eskorte — selbstredend ohne Musik — wurde die Existenz begraben. Was das aufgcpeitschte europäische Gewissen — das bei uns ein knospenhaftcs Dasein fristet — erwirkte, war ^tine vierzehntägige Galgenfrist, damit der ins Ungewisse Gejagte seine im Spital schwerkrank liegende „ungarffche Frau" mitnehme. Selbst der großmächtigen sozialdemokratischen Organisation Magyariens, die dem Freihefts-- und Brüderlichkeitsgeflunker ihr Wachstum verdankt, ist der panische Schrecken vor dem Namen in die Glieder gefahren. Beim letzten Parteitag wurde alles, was erzpatriarchalisch klingt, mit Höflichkeit, aber entschieden genug vom Piedestal geholt. Alle — die auf „Jakob" oder „Israel" reagieren — viere an der Zahl — wurden von der Bürde, die die Pcoletenführcrschast ihnen auferlegte, befreit. Die Planeten mit den fixen Ideen sind erloschen. Daß bei uns der Plan des Fürsten von Schaumburg-Lippe, seine ausgebreitete Besitzung bei Veröcze an zwölftausend aus Rumänien flüchtende Inden zu parzellieren, keine sonderlichen Sympathien erregte, ist selbstredend. Ein aufgewärmter Paragraph aus der Fremdenverordnung der Aera des selige» Ministers Szsll genügte, um. diesen Schimmer edler Menschlichkeit zu verdunkeln. Dies war der Hintergrund der V. L a n d e skonferenz der ungarischen Zionisten, die diesmal im Zeichen der praktischen Palästinaarbeit tagte. Die Beschlüsse: mit allen Mitteln die Privatinitiative in Erez Jisroel zu fördern, für die Produkte des Bezalel Absatzgebiete zu schaffen und durch die Landeszentrale den Eßrogexport aus den jüdischen Kolonien zionistisch zu organisieren, fanden begeisterte Aufnahme. Der Erfolg ist auch nicht ausgeblieben. Unsere Anregung wurde von der Leitung der orthodoxen Landeskanzlei unterstützt. 'Es ist zu hoffen, daß das von ihr an alle ungarischen konservativen Elemente ergangene Manifest, den Bedarf an Esrogim nur aus den jüdischen Kolonien zu decken, auch auf unsere Kolonien günstig nachwirken wird. Zioni. Eine große Umwälzung haben die Wahlen in Oesterreich gebracht: das Land des Privelig i e r t e n t um s ist zur Hochburg des Demokratismus geworden. Sowohl links, wie rechts hat man sozial gewählt; ein Beweis, daß gerade auf diesem Gebiete viel gesündigt worben ist. War doch das Land der Schauplatz der wildesten Kämpfe des Chauvinismus gewesen und verdrängte doch der nationale Haber alles andere in den Hintergrund. Oesterreich — eine Hochburg des Demokratismus? O, nein! Frellich hat das Land demokratisch gewählt, und der Krone ist, wenn sie alle liberalen Elemente zu einem Block der Linken vereinigen wollte, die Möglichkeit, demokratisch zu regieren^ gegeben; allein abgesehen davon, daß man in den hohen Regionen vor idem roten Gespenst all zu große Furcht hat. Die Woche. darf nicht vergessen werden, daß die Priveligiertc», wenn sie auch, äußerlich geschlagen worden sind, hinter den Kulissen sich noch ihres alten Einflusses erfreuen und sicherlich alles aufbieten werde», einen Block der rechten Parteien, mit dem regiert werden soll, ins Leben zu rufen. Man führe nicht als Gegenbeweis des Gesagten die eifrige Bemühung der Kröne um das Zustandekommen des ireuen demokratischen Wahlsystems an; wurde doch/letzteres geschossen aus der großen Not, aus' der reinen Unmöglichkeit, das Land unter den bestehenden nationalen Kämpfen, die immer größere Dimensionen annahmen, weiter regieren zu können. Man wollte unter allen Umständen des chauvinistischen Haders loswerdcn, — und dies konnte nur mit Hilfe des neuen Wahlsystems zustande gebracht werden. Die Regierung hatte große Hoffnungen auf die Klerikalen und Christlich-Sozialen gesetzt; des Chauvinismus los, wollte man anscheinend an seine Stelle den Konfessionalismus setzen, — und wenn dieser Wunsch unerfüllt blieb, so lag es nicht am guten Willen der Krone. Auch nicht an Unachtsamkeit ihrerseits! hat sie doch noch im letzten Moment — hart vor den Stichwahlen — eine Einigung ' aller bürgerlichen Parteien zu bewerkstelligen gesucht, 'was ihr jedoch mißlang. Die österreichische Sozialdemokratie hat sich von jeher als eine einsichtige, besonnene Partei gezeigt, sogar das heikle Problem des Nationalitätengegensatzcs in ihrer Mitte verstand sie zu lösen, so zogen cs denn die liberalen bürgerlichen Parteien vor, sich lieber an die Sozialdemokratie als an die Klerikalen unter der falschen Maske des Sozialen anzuschließen. Die Sozialdemokratie ihrerseits hat — im Gegensatz zur verrückten Politik Bebels — den Anschluß an die Liberalen gewünscht und ihn daher akzeptiert, und dank der gegenseitigen Unterstützung wird eine starke Linke im Parlament des demokratischen Wahlrechtes einziehen können, 1 mit der die Negierung für alle Fälle zu rechnen haben wird. Und was haben die Wahlen der Judenheit Oesterreichs gebracht? Drei zionistische Rcichsratsabgcordnete (Dr. Straucher für die Bukowina, Dozent Dr. Mahler und Dr. Gabel für Galizien) — und vielleicht geht dieselbe Zahl zionistischer Abgeordnete aus den noch in beträchtlicher Anzahl bevorstehenden galizischen Stichwahlen hervor — sind herzlich wenig. Allein, will man die politische Unreife der galizischen Judenheit in Betracht ziehen, dann gestaltet sich die Sache ganz anders. Auch darf man dessen eingedenk sein, daß die Vorbereitungen zu den Wahlen seitens der Zionisten sehr viel zu wünschen übrig ließen, und man kann mit Sicherheit annehmen, daß die zukünftigen Wahlen viel günstigere Resultate zeitigen werden. Die Wahlen haben gezeigt, daß in den Juden Oesterreichs jüdisches Selbstgefühl und Selbstachtung wach zu werden beginnen; die politische Unabhängigkeit wird schon von selbst Nachkommen. Jedenfalls hat das Hausjudentum einen starken Stoß erhalten und das Schiffchen der feigen Knechte ist leck geworden und jetzt heißt es: Rette sich, wer kann! Besonders erfreulich ist es auch für die Juden Oesterreichs, daß die Judenfresser, die Christlichsozialen, gegen alle Prophezeiungen, keine besondere Erfolge zu verzeichnen haben; die Wahlen haben gezeigt, daß diese Partei in der Abnahme begriffen ist. _ Mein Kampf ums Recht. (Schluß). 3. Mein Gespräch mit dem Direktor des Mommsengymnasiunls. Von der Darstellung, die ich in meiner Broschüre „Die Geschichte meiner Suspension" (siehe Anhang) gegeben habe, habe ich nach den Erklärungen des Vorstandes in keinem Punkte abzugehen. Der Herr Direktor des Mommsenghmnasiums hat mich zwar, recht spät allerdings, berichtigt, doch alle seine Berichtigungen treffen die wichtigen vom Gemeindevorstand inkriminierten Sätze nicht: Er hat zwar erklärt, ich hätte dennoch gesagt: Jeder Andersdenkende lüge bewußt oder unbewußt. Ich kann ihm diese Erklärung nicht verwehren. Aber dieser Satz will wahrhaftig nichts mehr besagen neben der jetzt nach seiner Erklärung und durch ’ sie unwiderleglich feststehenden Tatsache, daß' die Erläuterung seiner Niederschrift, so wie ich sie gegeben habe, authentisch ist. Denn er selbst 'hat meine Erläuterung gelesen und trotz einer spaltcnlangen wortreichen Berichtigung einiger Punkte, auf die ich bereits repliziert habe, gerade über diese Erläuterung, abgesehen von jenem einen Punkte, geschwiegen, somit sie als richtig anerkannt. Die Niederschrift des Herrn Direktor ist also heute nur noch so zu verstehen, wie ich. sie erklärt habe. Was hat daneben die Tatsache zu bedeuten, daß jetzt die Herren Ia c o b y , L a chin ann, Tim endo r f e r und B a d t erklären, ich hätte in der zweiten und letzten Unterredung am 22. Februar die Niederschrift des Direktors „ausdrücklich als richtig und meinen Anschauungen entsprechend anerkannt." Was soll eine solche Erklärung besagen? Etwa, daß diese Niederschrift von mir als der adäquate Ausdruck meiner Gedanken anerkannt fei? Dagegen steht doch mein eine Woche vorher au den Vorstand gesandter Brief, ,dessen Wortlaut Herr Lilicnthal seinen Lesern leider vorenthalten hat, in dem es heißt, daß idie Niederschrift des Direktors „eine verzerrte Wiedergabe meiner Gedanken ist". Soll aber diese Erklärung besagen, daß ich in der Niederschrift trotz der mißglückten Zarin — auf die mich ja der Vorstand selbst nicht festlegcn will — meine 'Gedanken lviederzuerkenncn vermag, min so stimme ich'ihm zu. Warum dann aber diese irref ii h r e n d e lF o r m der Erklärung? Wie gesagt, meine Erläuterung der Niederschrift des Herrn Direktors ist heute authentisch. Bleibt das Verfahren des Vorstands. Dieses Verfahren erscheint nach'der Darstellung des Herrn Lilicnthal in noch viel schlimmeren Lichte als vorher. Zum ersten Male habe ich Näheres über die Anzeige der drei jüdischen Lehrer ersahren. Sic hatten das Gespräch c r.st aus zweiter, der V o rstand also' erst aus dritter Hand. Was mir übrigens jetzt auch ein Brief jenes jüdischen Oberlehrers vom Mommscngymnasium berichtet, der von Prof. Schäfer,' einem der drei jüdischen Lehrer, a h n u n g s l o s b e n u tz t wurde, die Niederschrift des Direktors zu erhalten, und der heute jede Beteiligung an dem üblen Handel zuriickweist. Ausd r i t t e r H a n d also! Ich war aber bis jetzt der Meinung, 'der Vorstand hätte sich wenigstens nachträglich mit dem Direktor in Verbindung gesetzt, um! sich die Niederschrift von ihm erläutern zu lassen, aber siehe was stellt sich heraus? Eine Anzeige aus dritter Hand in sechs Sätzen über ein dreieinhalbstündiges Gespräch ohne Erläuterung, lind das nennen die Herren vom Vorstand ein korrektes Verfahren. lSehr korrekt vor allein haben die drei jüdischen Lehrer Prof. Schäfer, Prof. Türk und Lehrer H ansf gehandelt. Ist 'denn keinem von ihnen > der Gedanke gekommen, vor der Anzeige erst mich einmal zu hören? Nun, die Herren werde n j a ihre Gründe gehabt haben, dies nicht ‘ju tun. lind sehr korrekt ging cs weiter. Ich habe behauptet: Man hat mich nicht gehört. Herr Lilicnthal behauptet : Wir haben ihn gehört, so oft er es verlangte. Hier war Herr L i l i c n t h a l m e h r als inkorrekt. Er weiß selbst, daß diese seine Behauptung nicht den Tatsachen entspricht. Ich habe den schriftlichen Beweis dafür in Händen. Es ist übrigens das dritte Mal, daß ach ihm so etwas Nachweisen 'kann. .Am 13. Februar < schrieb ich an den Vorstand der Jüdischen Gemeinde einen Brief, den -auch Herr Syndikus Lilienthat gelesen hat. Er zitiert ihn wenigsteus. In diesem Briefe heißt es (das zitiert er nicht): „Es liegt mir alles daran, daß man erfährt, was ich gesagt habe. Ich will gehört w e r - den, von allen, die in diesem Falle mitz u r e d e n und m i t z u st i m m e n haben, wilk ich gehört werden. Das i st ein Recht, auf dem i ch st e h c." Nun höre man: Ileberhaupt nicht gesehen und nicht gehört haben mich vom Vorstände die Herren: Netter, Eisner, Oliven, Dr. Fei/lchenfeld, Seligsohn. Von der Repräsentanz 'die Herren: L öwenthal, Boden st ein, Hans Friedländer, Man heim er, Minden, Veit-Simon, Dr. Weigert, Levy, Pincus: macht zusammen über die Hälfte der Vorsteher und Repräsentanten. Die Niederschrift des Direktors mit mir besprochen haben nur die Herren Jacoby,Timendorfer,Lachmann,Badt und Syndikus L i l i e n t h a l. Und angesichts dieser Tatsachen, die doch ein Hohn sind auf'den Ruf nach Gerechtigkeit in meinem Briefe, wagt es Herr Lilienthal emphatisch zu verkünden: „Wir haben ihn gehört, so oft er cs verlangt hat"? Aber, sagt Herr Lilienthal, wir haben Herrn Dr. Cohn ja Gelegenheit gegeben, an Vorstand und Repräsentanz „eine ausführliche Verteidigungsschrift zu versenden-". Diese Behauptung ist eine Verdrehung der Tatsachen. Zu nichts h a t m an mir Gelegenheit gegeben. Das was Herr Lilicntal eine Verteidigungsschrift nennt, ist eine historische Abhandlung über den Auserwählungsgedankcn im Judentum, die meine jüdische Gesinnung begründen sollte,'weiter nichts. Zu'dem, was soll die Redensart bedeuten: man habe mir Gelegenheit gegeben usw.? Die Gelegenheit, die man mir gab, bestand darin, daß die Herren sich nicht wehren konnten, daß der Postbote eines Tages ihnen eine Drucksache von Znir brachte. Die von mir beabsichtigte Verteidigungsschrift wurde mir im Gegenteil durch den

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