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Neue jüdische Presse · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. «Leiteten die Juden eifrig gegen Baxa, mancher der früher deutsch gewählt, wählte jetzt sozialdemokratisch; doch es war schon zu spät. Auch konnten Viele, die wochenlang deutsch gedrillt worden waren, ihr deutsches Gewissen auch jetzt noch nicht bezwingen, und so wurde Baxa, der Vorkämpfer des Ritualmordmärchens, im jüdischsten Bezirk Prags gewählt. Lemberg. In Äuczacz-Land wurde der Zionist Dr. Heinrich Gabel mit 14537 Stimmen in den Reichsrat gewählt. Sein Gegenkandidat, der demokratische Pole Gromicki erhielt 9213 Stimmen. In Buczacz-Stadt unterlag der Zionist Dr. N a - than Birnbaum mit 2432 Stimmen gegen den konservativen Polen Ritter von Moysa, auf de» 3802 Stimmen entfielen. R«tzla«d. St. Petersburg. Ein jüdischer Soldat beim Zaren. Am letzten Montag wurde I sak Stolberg aus Jekaterinoslaw nach Zarskoje Selo berufen. Er stammt von armen jüdischen Eltern und hat nur Volksschulbildung genossen. Er machte als Soldat den Krieg in Ostasien mit, bei welcher Gelegenheit er die Aufmerksamkeit des Generals Mischtschenko auf sich lenke. In allen Schlachten und Gefechten, welche die Abteilungen dieses Generals mit* machten, hatte Stolberg einen großen Anteil, die gefahrocllsten Missionen wurden von ihm ausgcführt. Von allen Regimentern wurden dem jüdischen Soldaten besondere Ehren erwiesen, sein Ruhm verbreitete sich in der Armee, und Mischtschenko erstattete Bericht an den Zaren. Nicht nur russische Orden crhielt der tapfere Mann, sondern er wurde auch vom Zaren empfangen und bei dieser Gelegenheit zum O ffizier in einem Petersburger Garde- Regiment ernannt. Als der Zar fragte, was er noch wünsche, antwortete Stolberg: „Nichts!" Darauf erschien die Zarin mit dem Thronfolger im «aale und der Zar zeigte den Soldaten dem Thronfolger mit den Worten: „Das ist der bravste unserer tSoldaten". Und schließlich saß der Zarewitsch auf dem Schoß des jüdischen Soldaten. In der ganzen Armee haben nur vier Soldaten die höchste Auszeichnung erhalten, darunter Stolberg und nrch ein zweiter Jude, ein früherer Dentist. Als diesem im Feldzuge ein Arm amputiert wurde, bat er, man solle ihm einen Revolver bewilligen und ihn wieder in den Kampf zurückkehren lassen. Odessa. Bei de» in den letzten Tagen von dem „schwarzen Hundert" verübten Ueberfällen ist der bekannte Schriftsteller A ch a d H a a m durch einen SchlagausdenKopfvcrwundet worden. — Der Rabbiner -der Chersoner Kolonien, Dr. M. Krebs — es ist der sattsam bekannte frühere Odcssacr Ärcnrabbiner, den die Odessacr Jude» als Individuum der Regierung nicht länger duldeten — ist zum Mitglied bei dem Departement für nichtrnssische orthodoxe geistliche Angelegenheiten beim Ministerium des Innern ernannt worden; Dr. M i ch e l s o h n - Riga, der bisher diesen Posten inne hatte, ist zum Berater in jüdischen Angelegenheiten bei dem baltischen General-Gouverneur ernannt worden. Serbien. Belgrad, 23. Mai. Bei der heutigen Grundsteinlegung der neuen Synagoge erschien König Peter in Begleitung seiner Minister und nahmpersönlichdcnAktdcrGrundsteinlegun o vor, wobei er seinen besten Wünschen sür das Wohlergehen der Juden Serbiens Ausdruck gab 0 Ißuülßfoii. 0 Oft und West. Sittenbilder aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Jacob Levy. (Schluß.) Der leise Lenzwind bewegte den herabgelassenen Vorhang vor dem geöffneten Fenster. Die Abendstnnenflrahlcn zuckten bald hier, bald dort in's Zimmer, Bücher, Instrumente streifend, vergoldend. Man hörte das leise Rmuschen der Bäume, den Gesang der Vögel. Ueberall Sommerfreude, Leben in der Natur — und hier war über ein junges Leben der Stab gebrochen... „Haben Sie Akut," tröstete der Arzt. „Sie können aus andere Weise ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden." Das Telephon klingelte. Der Arzt eilte hin. „Ein plötzlicher Unglückssall. Ich muß Sie vcrlqjsen. Besuchen Sie mich morgen wieder, und wir beginnen dann die Kirr. Gott befohlen." Karl entfernte sich wie träumend. Seine Pulse klopften, in seinem Kopfe nagten stechende Schmerzen. Er ging ziellos, planlos in's Freie. Es war ein herrlicher Abend. Der Horizont war schwach, gerötet, die blauen Schatten der Dämmerung unrhüllten die Ferne, un- Frankfurter Jsraettttsche» Familienblatt. merklich und leise die Nähe in ihre Schleier ziehend. Die Bäume nahmen fantastische Kontouren an, der Boden strönite frischen Erdgeruch aus. Die Vögel schwiegen, hier und da raschelte cs im Gebüsch. Die silberne Mondsichel wurde am Himmel sichtbar und spiegelte sich im Anderstrom, der leise plätschernd dahinfloß. Karl wandelte am Wasser entlang und überdachte sein bisheriges Leben. Er, mit dein es das Geschick so gut s.-mcint hatte, er hatte sich unglücklich gemacht sür's ganze Leben. Er war der Stolz seiner Eltern und das, ja das hatte seinen Ehrgeiz in falsche Bahnen gelenkt. Wie häufig wies sein Vater ihn auf die Laufbahn christlicher junger Leute hin und sporirte ihn an, es ihnen gleich zu tun. .Verkehre mit ihnen und stehe nicht zurück. Teile ihre Vergnügungen, teile ihren Sport, wenn Du gleichwertig bist, wird auch die Gleichberechtigung nicht äusbleiben." Und er war in diesem Punkte gehorsam, jo sehr, daß ihm das Judentum eine lästige Bürde wurde, die er abwerfen wollte, sobald cs sein Vorteil erheische. Und war er denn jemals wirklich glücklich gewesen? Bei seinen vornehmen Freunden war er — er knirschte mit den Zähnen — war er ja nur geduldet, wie manche Demütigung mußte er herunterschlucken, wie oft höhnische Bemerkungen überhören. Bei seinen früheren Kumpanen war er jetzt unmöglich geworden, mit der jüdischen Gesellschaft, hatte er die Fühlung verloren. Er wußte, daß er bei seinen Glaubensgenossen nicht beliebt war, und er konnte., er wollte die Brücke zu ihnen nicht schlagen, da er niemals d:>r Weg zu ihnen gesunden hatte. Und doch, seine Mutter schwärmte sür seine Verheiratung. Er stöhnte auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Er warf sich auf das Gras und starrte durch die Weiden auf den Strom. Verheiratung, mit seinem siechen Körper. Wie durfte er wagen, ei» Wesen an sich zu fesseln! Was soll er denn noch auf der Welt. Seinen Mitmenschen zum Mitleid dienen, seinen Eltern ans ihre endlose Fragen immer ausweichend antworten, auf ihren belümmertcn Gesichtern stuiniiieii Vorwurf lesen. Und wenn man so gar nichts mehr zu hoffen hat, wenn man der Verzweiflung, der Selbstvcrachtung, dem Siechtum nicht zu entgehen weiß und kann sich durch einen kühnen Schritt Ruhe schaffen! Mit dem Tcde ist alles ans, ein höheres Wese», ein Leben, der Seele gibr es nicht. „Ich 'glaube cs nicht. Aber meine Eltern und Betty, die mich so lieben. Pah, sic werden sich' trösten." Sein Herz krampfte sich zusammen, ein wütender Schmerz durchzuckte seinen Körper, er neigte sein Haupt tief und tiefer.-- Das Wässer gurgelte ans, Ringe sickerten «ns der Fläche, die Kreise vergrößerten sich, flössen auseinander. Der Strom schäumte am Ufer auf, die Weiden benetzend, der Mond ließ die Tropfen wie Edelsteine erglänzen. Die Wellen strömten ohne Unterlaß weiter, ihr eintöniges Lied raunend. Tiefe Stille rundum. In der Ferne wird Las Bellen eines Hundes laut, vom jenseitigen Ufer trägt der Wind abgerissene Klänge eines Liedes, von jungen Mädchen gesungen, herüber. Und über allein steht leuchtend der Mond — Gottessriede überall. — — — Kapitel 13. Der >Tod des jungen Werner, dessen Vater allbekannt und allbeliebt war, hatte ungeheure Aufregung verursacht. An einem Selbstmord war nicht zu zweiseln, cs war nur anzunehmen, daß dieser in einem Augenblick geistiger Umnachtung geschehen sei. Die Eltern und Betty waren in der ersten Zeit trostlos. Der Rabbi sagte zu Moritz, der über den Schinerz seiner Frau verzweifeln wollte: „Tröste keinen Trauernden in seinem ersten Schmerz, sondern weine mit den Weinenden." Werner grübelte unablässig nach. Er kannte wohl den zerfahrenen Charakter seines Sohnes. Jetzt schilderte Strohsessel Moritz genau das Leben, das Karl geführt hatte. „Warum hätte ich _m 2i. cs Ihnen früher sagen sollen, es hätte ja doch nichts genützt." Als der unglückliche Vater dies alles von Moritz erfuhr, als .später sein Hausarzt mit ihm sprach, wurde ihm zum Teil klar, weshalb sein Sohn in den Tod gegangen war. Er und seine Frau hörten ans die Worte bcS Rabbi Brandes, der sie auf ihr anderes Kind hinwies und ihnen sagte: „Gebe Dich ilicht allzusehr der Trauer hin. Du möchtest sonst noch einen zu beweinen haben." Ihr Haar aber wurde in kurzer Zeit weiß.- Wieder einmal ist ein Jahr dahin. Herr und Frau Werner saßen morgens beim Kasfee, als Moritz hereinstürzte: „Vater, Mutter, Ihr habt ein Enkelchcn, ein Prachtjunge und er soll Karl heißen." Tief gerührt umarmten die alten Leute ihren. Schwiegersohn. * * * Die östlichen Juden vermehrten sich durch Zuzug langsam und stetig. Die alten Leute begehren Unterstützung und sind nicht srupulös in deren Erwerbung. Und diese Leute siv.d milde zu beurteilen, man darf sie nicht mit dem Maßpab der westlichen Kultur messen. In ihrer Heimat, Rußland, Rumänien, waren sie Paria's, fast jeder Erlverbszweig war ihnen abgeschnitten und was sie dort in u tz t e n, — handeln —, dürfen und können sie hier nicht. Hier sind sic in einer anderen, höheren Welt, die sie nicht begreisen, sie kennen die Erwerbsmcthoden nicht und sind zum Lernen zu alt, sic müssen also ihre glücklicheren Glaubensgenossen in Anspruch nehmen. Es ist nicht möglich, diese Leute einem höheren cihischen Standpunkt gewaltsam znznsühren, und die Armcnvcrwaltung von Anderstadt, beraten von Rabbi Brandes, versucht es auch nicht. Sie erhalten bescheidene regelinäßige Unterstützungen und müssen sich nützlich, machen, wenn sie Mehr verdienen wollen. Aber die Jugend, die - wird mit Energie der Kultur zugeführt. Und in der Morgenröte der Frei-' heit, ohne knechtischen Druck, ohne das bleierne Gewicht des Hungers und der Nahrungssorgen zeigt sich die Begabung der meisten Kinder. Sie werden in der Schule ausgenommen und verstehen kaum den Lehrer, in einem Jahr sprechen sie richtiges Deutsch und werden die. besten Schüler. Andere Vereine stehen ihnen nach Entlassung aus der Schule schützend zur Seite. Sie veranlassen, daß die Knaben dem Handwerk zugesührt werden, daß die Mädchen Handarbeiten lernen. Dadurch erhält der Staat — und das nicht zu seine!» Nachteil — einen Zuwachs von jungen, kräftigen Menschen, die arbeiten können und wollen. So kommt die Einwanderung langsam, regelmäßig wie ein Strom, der Schutt und Geröll führt, aber auch fruchtbares Erdreich, und wo er am Ufer dieses absctzt, wachsen über eine kurze Spanne Zeit Blumen und Kräuter. Die Gemeiiideverwaltiing von Anderstadt aber ist bemüht, den Armen, Enterbten ein Heim zu bieten. — Anderstadt ist aber in jeder größeren, jüdischen Gemeinde zu finden: „Chaweirim kol-Jisroeil." Kaiser JFriedrlca Unelle ■ Offenbach a. SL .. Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 1. Juni (— 19. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 2Ü Min., in Berlin 9 Uhr 25 Min. Der dieslvöchentliche Thoraabschnitt berichtet zunächst von der Weihe der Leviten. Diese mutzten zu diesen! Zwecke sich das Haar äbschercn und ein Opfer bringen, auf das sic ihre Hände stützten; auch schwang sie Ahron selbst, wodurch sie vor Gott für ihren Dienst geweiht waren. Tie Borbereitnngszcit für den Dienst währte fünf Jahre, vom 25. bis zum 30. — Tee goldene Leuchter soll sieben Lichter tragen, täglich gespeist vom reinsten Olivenöl, ein Bild des reinen Gottesgeistes und Thoralichts, das stets in Israels Mitte strahle. — Wer durch einen Unfall verhindert gcivesen, am 14. Mssan das Pesachopfer zu bringen, der darf zum Ersatz ein solches am 14. Jjar bringen. Auch dieses logen: Pesach - scheut inuß mit

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