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Neue jüdische Presse · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3tr«vnßfn*fe* Ifrnrlitifitrs fmiiilir«Unit. <"" 1 —i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bet der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— .- _- > _ KedaKtiorr «nd Srsnkfurt 2. IN.» Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße T-r-fo« 10507. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. . . . . 25 Pfg. Die Reklamezeile.. . IW ,. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 18. Siwan 566? (Bl. Mai 1907). No. 21. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jüdischer Handel in der Sahara. — Brief aus Ungarn. — Die Woche. — Mein Kampf ums Recht. —Aus aller Welt. —Feuilleton: Ost und West. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Jüdischer Handel in der Sahara. Tripoli, die erste Stadt, die ich in Afrika besucht habe, ist eine jüdische Großstadt. Sie zählt ungefähr 14 000 Glaubensgenossen, die über ein Drittel der gesamten Bevölkerung ausmachcn und meistens in einem besonderen Viertel, das in Nordostafrika „Hora" genannt wird, während es in Marokko den Namen Melah trägt, wohnen. Die Gemeinde ist sehr alt; schon Augustinus weiß von gelehrten Juden in Oca, wie vormals Tripoli hieß, zu erzählen (4. Jahrhundert). Da die spanischen Flüchtlinge nie nach hier gekonimen sind und da mehrere Male Juden aus den Oasen der Sahara hier zuströmten, bildet die 'Hora von Tripoli einen besonderen Judentypus; ihre Bewohner sind echte Afrikaner in Leben und Sitten geblieben. Die Hora besteht aus einer Menge von engen und schmutzigen Straßen, in deren zahlreichen Synagogen und Jeschibat die sehr frommen, aber abergläubischen Juden meist den Sohar (Kabalah) studieren. Merkwürdig sind die Häuser. Ein Haus in der Hora hat keine Fenster nach der Straße hinaus; es sind das kleine, sonderbare Räume, von welchen ein langes, dunkeles Gewölbe die sogenannte „Sida" bildet. Die Sida ist für den Juden alles: sie dient als Schlafzimmer und als Speisekammer. Alle schlafen auf einem Teppich, der auf einer besonderen Galerie ausgedehnt liegt, da die Armen weder Betten noch Möbel besitzen. Das einzige Reservoir von Licht und Luft ist der Hof in der Mitte des Gebäudes. Dort weilen gewöhnlich, von Schmutz umgeben, Hausfrau und Kinder. Die Frau gilt so wenig, daß sie zur Mahlzeit nicht zugelassen wird, die Kinder gehen fast nackt umher, und doch sind beide, Frau und Kinder, gewöhnlich hübsche Menschen. Aber arm ist man, eine Armut, von der man selbst in Rußland keine Ahnung hat. Wahr ist es, daß der Jude in Tripoli sehr wenig bedarf, ein wenig Brot — oftmals von Gerste — und Früchte, einen farbigen Kaftan für den Mann und ein einziges Stück Zeug, in das die Frau sich einhüllt, — aber eben das fehlt ihm. Neun Zehntel unter den Juden Tripolis leben in einer trostlosen Lage dahin. Viele treiben Kleinhandel in den Bazaren, manche sind Handwerker — Goldschmiede, Schneider, Tischler, Schuhmacher usw. — aber die Stadt ist arm, und außerdem ist seit einigen Jahren der Handel mit der Sahara und dem Sudan" gesunken. Mehrere von den jüdischen Frauen widmen sich der Reinigung der 'Straußenfedern und der Elefantenbeine, die aus dem tiefsten Afrika kommen. Dieser Handel, den die Inden von Triloli und den anderen Oasen Tripolitaniens treiben, ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen, die der Reisende zu beobachten die Gelegenheit hat; ich möchte deshalb hier darüber sprechen« Bis jetzt ist Tripolitanien das einzige Land Nordafrikas, in das ein Christ nicht kommen darf, die Oasen der Küste ausgenommen. Aus diesem Grunde ist es letzteren unmöglich, Handel mit dem Hinterland und mit dem östlichen Sudan zu treiben. Ganz anders die Lage der Juden! Der Araber haßt zwar den Juden, aber er duldet ihn. Außerdem haben sich jüdische Ansiedlungen in mehrereil Punkten des Hinterlands erhalten. Der Berber und oftmals sogar der wilde Tuareg sehen in dem Juden einen Einheimischen, der seit iinnrer im Lande wohnt und der ihm vor dein Siege des Islams den Monotheismus und die ersten Erzeugnisse der Kultur gebracht hat. Sogar dort, wohin ein „Rummi" (Christ) nicht konlmen darf, kann ein Jude frei und sorglos herumreisen. Jüdische Kleinhändler wandern über die Sahara. Ich habe in Mesrata Juden gesehen, die bis Girsa, einer wilden Nomaden-Gegend im Süden der Syrthe, gehandelt haben. In Bemyhagy sah ich sogar jüdische Händler, die bis Djorbub in Modal, dem Hauptort der fanatischen Lenoussige, die als die bösesten Christenfeinde bekannt sind, gekommen sind. In dem Höhlenbewohnerland Gabrian sind mehrere Juden, die mit dem Fezzan Handel treiben. Die reicheren Juden aber organisieren aus mehreren Hunderten Kameelen sich zusammensetzende Karawanen, die in die Wüste Zucker, Salz und Merkantilien tragen und die von dorther Elefantenbeine, Straußenfedern und Farben zurückbringen. Solche Karawanen durchziehen oftmals die Wüste auf einem Wege von 20—90 Tagen. Da Juden als einheimisches Element in dieser Gegend auftreten, haben sie oftmals init alten Antipathien und Sympathien zu rechnen, die nur unter Bruderfeinden möglich sind. Es gibt z. B. im extremen Süden eine Oase nanlens Ghat. Die Einwohner dieses Ortes, die sämtlich Berber sind, erklären, die Enkel von den Philistern der Bibel zu sein, die von David geschlagen wurden und von Gat nach Afrika sich zurückzogen, um dort die Stadt Ghat zu bauen. Die Juden werden von diesen daher als ihre Erbfeinde angesehen — und wehe dem, der den Namen David trägt und nach Ghat sich wagen möchte! Bemerkenswert ist das Vertrauen, das die Einwohner der Wüste den jüdischen Kaufleuten schenken. Sogar die Muselmanen aus Ghat vertrauen, wenn sie nach Tripoli kommen, ihre Waren ausschließlich jüdischen Händlern an. Ferner habe ich beobachtet, daß die Einwohner von Djebil Nefussa — sämtlich Berber, die sich als Enkel der Ammoniter und Moabiter der Bibel erklären*) — den Juden viel höher achten und chätzen, als den muselmanischen Araber. Dasselbe kommt vor noch viel näher von Tripoli. So erklärten die Ureschfana, daß sie als Nachkomkonimeu einer jüdisch-berberischen Prinzessin naniens Fanana die Juden als Verwandte achten dürfen. . . . Solche und andere Ursachen machen aus den Juden Tripolitaniens einen der nützlichsten Faktoren des Handels. Sie zeigen uns auch, warum der jüdische Einfluß immer bis zum Sudan und anderseits bis Aethiopien sich erstreckte. Und wahrlich — kein Element zeigt sich in Afrika 'o tätig, so nützlich, energisch und unternehmungssähig als die Söhne der von Rom in Lybien vertriebenen alten Israeliten.**) Sogar in der großen Wüste habe ich konstatieren können, daß der Jude, wo er nur auftritt, seiner alten Kulturmission treu bleibt. Er bleibt aber auch treu seinen alten jüdischen Traditionen — und über dies das nächste Mal. . . . Dr. N. Slouzsch. Brief aus Ungarn. Dem Mann, der vor zwei Wochen durch einen Schuß aus dem Dienstgewehr die Aufmerksamkeit eines hochgeborenen Erzherzogs und der plebejischen Zeitungsleser auf sein tragisches Kasernenschicksal lenkte, ist entschieden Unrecht geschehen! Die Kugel, die ihn niederstreckte, hat einen Fehlmord begangen; sie war nicht ihm» sondern dem „Juden K o h n" bestimmt, und erst bei seinem letzten Gange haben die mutigen Husaren erfahren, daß ein fürchterliches Mißverständnis über seinem Schicksal schwebte: ein hochgetragenes Kreuz, vom Feldgeistlichen über seinen Sarg geschwungen, demonstrierte mit überzeugendem Argumente sein waschechtes Ariertum. Doch es war zu spät; — der „kleine Kohn" war nicht mehr. Unsere wohlgeborenen „Kohns" assimilatorischer Prägung machen sich das Sterben schwerer und ihr sogenanntes Leben leichter. Sie greifen in den Sack — und nicht einmal tief, da der ganze Kram mit fünfundzwanzig Kupfergroschen erledigt wird. Die Folge ist, daß ein Mann, der sich eines schönen Abends als „Rabbi Wraham Händler" niederlegt, des Morgens als frischbestrichener „Armand Hevesi" seine Auferstehung feiert. Und Budapest, das mit 185000 Seelen das größte jüdische Gemeinwesen Europas bildet, umjnbelt beglückt den obersten Seelenhirten: „ob dieser nachahmungswürdigen patriotischen Tat". Freilich gelingt es nicht jedem Wortkünstler, ungestört auf rotweißgrünen Lorbeeren zu richen. *) Diese Behauptung stimmt mit den Angaben des Talmuds über die Völker Palästinas, die nach Afrika übergesiedelt sind, überein. **) Für mich ist es unzweifelhaft, daß man ohne die Juden nie moderne Kultur in diesen Gegenden wird einführen können!

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