Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Bagins kh, des einzigen, der in der Repräsentantenversammlung vom. 5. Mai gegen die Rede des Syndikus! Lilienthal laut protestierte, leider aber nicht zu Wort kommen konnte, da eine Debatte nicht eröffnet wurde. Die Erklärung lalltet folgendermaßen: „Dasj Gespräch zwischen Herrn Dr. Cohn uiid dem Direktor des Mommsen-Gymnasiums hat sich so entwickelt, weil 'der Direktor seinen früheren Schüler durch Darlegung seiner Anschauungen über das Jlldentum geradezu provoziert hat, weil Herr Dr. Cohn im Vertrauen auf den privaten Charakter des Gespräches und im Eifer der Kontroverse sich zur Ausbreitung seiner intimsten Ansichten hat verleiten Paffen. Daß der Herr Direktor das Gespräch niedergeschriebcn und weitergegebcn hat, ist unbegreiflich; unverantwortlich das Verhalten der jüdischen Oberlehrer, die sich das Protokoll verschafft und Anzeige erstattet haben. Räch solchen äußeren Vorgängen hätte 'die Gemeinde das Protokoll niemals zu einer Anklage gegen Dr. Cohn verwenden dürfen. Der Vorstand hätte Herrn Dr. Cohn Vorstellungen machen,, hätte ihm sagen können, daß es eine Torheit gewesen sei, sich von einem christlichen Gynmasialdirektor in der Weise ausholen zu lassen, nicht etwa, weil 'er als Jude etwas 51t verbergen hätte, sondern weil ihn der Direktor von seinem eigenen Standpunkt aus garnicht verstehen könne. Aber das wäre das Aenßerste gewesen, was der Vorstand hätte tlin dürfen. Die Einleitung jenes Perfahrens war eine Ungerechtigkeit. — Doch zur Sache selbst. Wie hat Herr Dr. Cohn gesprochen? Nach meiner Ueberzeugung hat Herr Dr. Cohn gesprochen, wie ein jüdischer Religionslehrer sprechen muß! Er hat seine Religion und den Religionsunterricht, den er erteilen sollte, in die erste Reihe gerückt und dadurch zu erkennen gegeben, daß es ihm Ernst ist um seine Sache. Dafür kann er von der Gemeinde gewiß nicht bestraft werben. Er 'ist ganz im Recht, wenn er erklärt: „Jchjhabe die jüdischen Kinder inr Religionsunterricht nur als Inden ausznbilden; denn die Pflege des patriotischen Gefühls bedingt die jüdische Religion 00 ipso. Wenn wir unsere Kinder religiös erziehen, so erziehen wir sie auch zu Patrioten." Auch über dies andern Herr» Dr. Cohn zum Vorwurf gemachte» Vorgänge, insbesondere idie am Falk-Realgyiniiasinm, bin ich 'einigermaßen instruiert. Soviel ich weiß, hat Herr Dr. Cohn nichts getan, was nicht zu den Aufgaben eines jüdischen Religionslehrers und Predigers gehört. ' Ich 'habe die Ueberzeugnng, daß die Maßregelung des Herrn Dr. Cohn zum Schaden des gesamten Judentums ansfalten wird, und habe diese meine Auffassung 'auch in jener Kommissionssitznng, welche sich Mit der Affäre Cohn zu befassen hatte, unverhohlen und nachdrücktichst znin Ausdruck gebracht, ohne mit meiner Anschauung durchdringen zu können." Ungeheuren Jubel entfesselte der nächste Redner, Oberlehrer Dr. 'I 0 e l. Im Aufträge einer A n - zahl jüdischer Oberlehrer Berlins gab er öffentlich die Erklärung ab, daß diese Oberlehrer das Vorgehen der beiden die Anzeige an den Gemeindevorstand vermittelnden Oberlehrer Professor Schäfers und Prof. Türk aufs s ch ä r f st e m i ß billigen. Dr^ Klee warf in der wcitergehenden Diskussion dies Frage'auf, was wohl die Katholiken getan hätten, wenn ein protestantischer Direktor einem katholischen Rcligionslehrer gesagt hätte, er halte es für richtiger, daß die katholischen Schüler am evangelischen Religionsunterricht teilnähmen, und von dem katholischen Lehrer die gleiche Ansicht verlangt hätte. Das Zentrum hätte schon am nächsten Tage im Abgeordnetenhaus die Bestrafung des betreffenden Direktors dnrchgesetzt. Nach einigen finden kraftvollen Schlußworten Dr. L 0 e w e' s wird folgende R e s 0 l u t i 0 n gegen eine einzige Stinime unter stürmischem Beifall einmütig angenommen: „Die am 15. Mai 1907 in der Mktoriabranerci versammelten! Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlin halten die Amtsenthebung des Predigers Herrn Rabbiner Dr. Einil Cohn für nicht gerechtfertigt. Sie sprechen Herrn Dr. Emil Cohn ihre Sympathicen und zugleich deir Gemeindebehörden die z n v e r s i ch tliche Erwartung aus, daß diese nach erneuter unds eingehender Prüfung ihr U r t e i l r e v i d i e r e n und'berichtigen w e r d e." Berlin, 10. Mai. Einer im I. Bierteljahrheft der „Zeitschrift für Statistik des Deutschen Reichs" veröfientlichtchi Zusammenstellung über die Eheschließungen in Deutschland i. I. 1905 entnehmen wir, daß 3905 (i. I. 1901: 4001) rcinjüdischc und 819 (i. I. 1904: 748) jüdisch-christliche Ehen eingcgangen wurden. Detmold, 20. Mai. An dem Festgoltesdienst, mit dem die neue Synagoge cingeweiht wurde, beteiligte sich F ü r st °L e 0 p 0 l d zur Lippe und seine> Gemahlin nebst 'Gefolge, der Staats- ^ininister, die Spitzen der staatlichen und kommu- "nalen Behörden und zahlreiche evangelische Bewohnen der Residenz, sowie auch der katholische Landdechant. Auf denr Festbankett hielt der Höfmarschall Graf Rittberg eine Ansprache, in welcher er der Gemeinde big Grüße des Landeshcrrn übermittelte und erklärte, daß der Fürst mit Dankbarkeit und Anerkennung der Verdienste der jüdischen Bewohner um die Entwicke¬ Fsrankstlrter JsvaeMMS NanMmSürÜ. lung und das Aufblühen der Residenz gedenke und auf'ein weiteres harmonisches Beieinanderleben zwischen Israeliten und Evangelischen hoffe. In gleichem Sinne sprachen der Oberbürgermeister W i t t j e und der Reichstagsabgcordnete R e u m a n n h 0 s e r, der die im Lipperlande geübte Tugend der Toleranz und das herzliche Beieinanderleben aller Konfessionen feierte.! Posen, 15. Mai. Bekanntlich ist vor einem Jahre die israclit. Brüdergemeinde der Stammgemcinde einverleibt worden. Danach hat die geteilte Kasscnverwaltung ausgehört, und beide Gemeinden unterstehen nun einer Gemeinde-Behörde. Der Tembcl der Brüdergemeinde hat sich in letzterer Zeit nicht als ausreichend genug für seine Btitglieder herausgestellt und eine Erweiterung ist daher nötig geworden. Die Stammgemeinde hat darauf hin der Brüdergemeinde eine Pauschalsumme von zweihunderttansend Mark zur Vergrößerung des Tempels bewilligt. In diesen Tagen ist der 'Ankauf des anschließenden Gebäudes, welches dem Kaufmann I. Jacobskamm, Schuhmacherstraße 5 gehört, perfekt geworden. Oesterreich-Ungar«. Wien. In dem Bezirk Leopoldstadt war bei der Reichsratswahl das Stimmenergcbnis folgendes: der Antisemit 3244 Stimmen, die jüdischen Kandidaten : Dr. Ofner (Sozialpolitikcr, Assimilationsjude) 2360,. Landesschulrat Dr. K 0 h » (dentschlibcral, Vizepräsident der Israel. Kultusgcmeinde Wien) 1285 und Dr. Schallt 529 Stimmen. Im 1. Bezirk ist ein Jude, Ministerialrat Camillo K u r a n d a (deutschliberal) gewählt worden. Von Galizien werden z ahlreicheUebergriffgderBehörden, um die Wahl von Juden zu verhindern, gemeldet. Budapest. Auch in Ungarn organisiert man sich ich» dl ich zNm Schutze deir Sabbatbeobach tnng! — Soeben hat sich hier ein vorbereitendes Konnte für die Gründung einer „Ehewras Schaumre Schabbos" gebildet und als Hanptprogrammpunkte der Bereinstätigkeit in Aussicht genommen: „die Unterbringung der die Schule verlassenden Kinder und Vermittlung von Stellen für Hanoels- »nd Gewerbeangestelltc in sabbatheiligende Häuser, sowie Versicherung gegen Stellenlosigkeit für Mitglieder des Vereines; die Kartellierung der einzelnen Geschäftsbranchen zum Zwecke der Beseitigung und Verhütung her Konkurrenz am «chabbos." In weiterer Folge lverden geplant: „die Gründung.einer Hilfs- und Vorschußkasse für die Mitglieder des Schanmre-Schabbos-Bereines; dre Einführung von Hausindustrien zunr Zwecke der Hebung und Verbreitung der Erwerbsfähigkeit der Familien der Vereinsmitglieder; und schließlich die Ergreifung aller Maßnahmen auf denr Gebiete der jetveilig aktuellen Handels- und Wirtschaftspolitik, die geeignet sind, die Opfer, welche die strikte Ärüritsrnthaltung am Schabbos uns Inden anferlegt, nach Möglichkeit zu erleichtern und zu verringern." Schweiz. Zürich. Das Sonntagsruhegesetz ist mit großer Mehrheit angenommen worden. Personalien. Frankfurt a. M. Ehren-Pr eis. Bei der hiesigen, Ausstellung von Lehrlings-Prüfungsarbeiten, welche vom 5.—12. Mai d. I. stattgefunden, hat der Lehrling Karl Keller ans Bacharach, welcher bei Schtthmachermeister M ax Be h r Schnurgasse 10 iw der Lehre ist, für einen ausgestellten Herrenstiefel den Ehrenpreis zuertcilt bekommen; ferner erhält derselbe für seine gute Leistung vom Innungs-Ausschuß ein wertvolles Buch. Die 'Auszeichnung ehrt nicht nur den Lehrling, sondern auch seinen Meister. Berlin. Herr Gerson Simon, Teilhaber der Firma Jacob & Richter und Mitglied des Rcpräsentantenköllcgiums der jüdischen Gemeinde, erhielt den Titel Kommerzienrat. Herr Simon Fischer und Frau gcb. Goldstein, früher in Kattowitz, feierten die goldene H r. ch zeit. Der Charakter als Justiz rat wurde folgenden Rechtsanwälten verliehen: Dr. Julius Jac 0 b s 0 h 11, Dr. Schöps, G. P i n c u s, Hugo L evy II., Galland, Dr. E. Grelling und 'Dr. S i l b e r m a n n in B e r l i n, Rat h a n in G ö rlitz, Joel in Breslau, Jafso in Frankfurt a. M„ Bln'memthal 'in Dortmund, A r 0 n in Elbing und G 0 l d in a n n in Magdeburg. " Berlin. Bei dem Wettbewerb um die Stipendien dev M i ch a e l B a e r s ch e n S t i f t u n g e n im Betrage! von 2250 Ji zu einer einjährigen Studienreise nach Italien wurde der Preis der ersten Stiftung dem Bildhauer B e n n 0 E l k a n - Dortmund zuerkannt. München. Professor Dr. Georg Preuß. außerordentl. Mitglied der Kgl. Akademie der Wissenschaften, wird dem an ihn ergangenen Ruf als Extraordinarius für mittlere und neue Geschichte an der Universität Breslau Folge leisten. Sekte 3 Jnstizrat Dr.' Wassermann wurde das badisch.' Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens 1. Klasse verliehen. ' ' ) ' Oberlandesgerichtsrat. Eduard S i l b e r » in a n N wurde zum stellvertretenden Mit g l i e ü der Kgl. Disziplinarkammer ernannt. Kassel. Rechtsanwalt Dr. Arnthal wurde zum Notar ernannt. Stratzburg. Herr Dr. Georg Wetll ist vom Kaiserlichen Statthalter durch die Verleihung des Titels Professor geehrt worden. Herr Professor Weilt, ein Schüler des bekannten Augenarztes Universitätsprofessor Dr. Stilling, war seit ca. 15 Jahren unter des letzteren Leitung in der Klinik für Augenheilkunde iin Israelitischen Spitale tätig, die unter best Auspizien des Konsistorialpräsidenten und damals dirigierenden Arztes Sanitätsrat Dr. Levy von Stilling gegründet wurde. Krotoschin. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Stadtverordneter Abraham Grün spach verschied im 70. Lebensjahre. Prag. Im 63. Lebensjahre verstarb Frau Luise B r a n d e i s, die Gattin des bekannten Verlagsbnchhändlers Jakob B. Brandeis. Aus der Lehrerwelt. Berlin. Das Rabbiner-Seminar (Rektor: Dr. Hoffmmm) versendet den Bericht über das 33. Jahr seines Bestehens. Die Anstalt wurde im Berichtsjahre von 44 Hörern (29 aus Deutschland, 12 aus Oesterreich-Ungarn, 2 aus England, 1 aus Ru-' mänien) besucht. Von ehemaligen Hörern sind berufen worden: Dr. Edm. Weil zum Rabbiner in Fegersheim (Elsaß), Dr. Arthur Marmorstein zum) Prediger in Jamnitz (Mähren), Armin Blau znm Lehrer an der Talmud-Thora-Schule in Hamburg, Dr. Aron Nurock, bisher Prediger in Mitan, zum Rabbiner in Libau (Rußland) Israel Nobel zum Prediger und Schuldirigenten in Filehne, Dr. Marcus Lange zum Lehrer an der Talmud-Thora-Schule. in (Hamburg, Dr. Siegm. Hanover zum Religionslehrev der Israelitischen Synagogengemeinde in Köln am Rhein, Heinr. Dreifuß zum Religionslehrer in Frankfurt >al. M., Dr. Leop. Nenhaus zum Prediger in Lauenburg, Dr. M. Mainzer zum Religionskehrer in Frankfurt a. M. Darmstadt, 22. Mai. In der gestrigen Sitzung des Vorstandes der hiesigen israelitischen Gemeinde ist .Herr Dr. Italiener aus Peine ^Hannover) zum Rabbiner der israelitischen Religionsgemeinde gewählt worden. Nürnberg. Zum Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. Ziemlich wurde Dr. FreudenthaI- Danzig gewählt. (k.) Posen. Generalversammlung des Vereins „Israelitischer Lehrer" der Ost Provinzen. Erschienen ca. 30 Mitglieder und als Deputierte der Gemeinde die Herren Friedlaender, Werner und Bleistein. Außerdem nahmen die Herren -Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld und Dr. med. Jeremias an der Sitzung teil. Im Anschlüsse an den Vortragenden Geschäfts-, bericht hielt der Vorsitzende an den em. Lehrer Grünfeld-S hwersenz eine herzliche Ansprache, indem er ihn zum Ehrenmitglied unter Ueberreichung eines diesbezüglichen Diploms proklamierte. Nach dem Bericht wies der Verein im Berichtsjahre 60 Mitglieder auf. Die Einnahme betrug 344,40 Ji, welcher sich eine Ausgabe von 143,04 Ji gegenübcrstelltc. Es verblieb mithin ein Kassenbestand van 201,36 Ji, wovon 150 Ji zinsbar angelegt sind. _ Aus der aufgestellten Tagesordnung kam zunächst der Vortrag des Herrn Perzkowski-Nakel: „Liturgie in der Schule" an die Reihe. Redner hatte in fachgemäßer Weise seine Gedanken entwickelt und nachstehende Leitsätze aufgestellt, welche die Versammlung deöattclos annahm. Der Wortlaut war folgender: „1. Die Kinder aller Unterrichtsstufen erhalten liturgische Belehrungen. 2. Diese bilde» kein besonderes Lehrfach, sondern schließen sich auf der Unter- und ' Mittelstufe an den Lehr-, ans der Oberstufe (vorzugsweise) an den Uebersetzungsunterricht an. 3. Die liturgischen Belehrungen bewegen sich (den Alters¬ und Unterrichtsstnfen entsprechend) in konzentrischen Kreisen. 4. Die liturgischen Belehrungen erstrecken sich nicht nur auf die Tempelgebete, sondern auch ans die tzansaiidachte». 5. Durch die bei jeder sich bietenden Gelegenheit viorgenommene Wiederholung prägt sich der richtigste Stoff als unverlierbares Eigentum den Kindern ein. 6. Die Einübung liturgischer Gesänge geschieht zwar, wo der Einführung dieser Disziplin nichts im Wege steht, am besten in der Religionsschule. In der Mittagspause besuchten die Bereinsmitglieder das Kaiser Friedrich-Museum und die jüdische Lesehalle. Uny. 3 Uhr wurde die Sitzung wieder ausgenommen und der Rest der Tagesordnung erledigt. Lftrowo. Rabbiner Dr. Freimann-Holleschau wurde unter der Bedingung, daß er naturalisiert wird, von der hiesigen jüdischen Gemeinde einstimmig zu ihrem Rabbiner gewählt.