Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches FamMenblaü. Nr 20. 0 Ost und West. Sittenbilder aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Jacob Levy. (Fortsetzung.) 11. Kapitel. Sein Fremrd Alex, Sohn des Präsidenten Klausius, war anwesend. „Tag Alex." „Servus Karl." Karl setzte sich und rauchte schweigend. „Junge, Du siehst so nachdenklich aus." „Jawohl, ich werde ernst machen." „Weshalb auf einmal, hast Du etwas mit Deinem Kater?" „Nein, wie gewöhnliche Ich soll mehr studieren und solider werden." Der Andere lachte. „Dies Thema wird auch bei uns mit besonderer Vorliebe Behandelt." „Za, und durch die Verheiratung meiner Schwester bekommt alles bei uns einen solch religiösen Anstrich daß ich mich mit. dem Uebertritt beeilen muß, solange meine Eltern noch nicht ganz unmodern geworden sind. Höre Alex. Wir sind doch schon — warte — fünfzehn Jahre lang Freunde. So lange kennt auch Dein Kater mich. Glaubst Du, Baß er mir raten und verstehen wird?" Alex meinte bedenklich: „Ich glaube, daß nrein aller Herr es auf uns Beide nicht gut stehen hat. Aber wenn Du vernünftig'mit ihm redest, den nötigen Ernst zeigst, weshalb nicht?" „Ja, ich hätte mit Deinem Vater verschiedenes zu besprechen, ich gehe zu ihm.. Ich will wirklich vernünftig werden. Die Tollheiten müssen doch einmal arrfhören." Sein Freund lachte. „Wie oft Haff Du Dir das schon vvrgenommen?" „Egal, jetzt muß es sein." —< — - 'Der Präsident Klausius war in seinem Zimmer, mit Schreiben beschäftigt, als der Diener den Referendar Werner anmeldete. - Der Präsident, ein hagerer Herr mit grauem Haar, die goldene Brille vor den klugen Augen, der Typus des ältpreußischen höheren Beamten, blickte auf. . Karl trat besangen ein. „Nehmen Sie Platz, Herr Referendar. — Was führt Sie zu mir?" „Im Vertrauen darauf, baß Excellenz mich als Freund Ihres Sohnes schon von meiner Kindheit an kennen, wollte ich Excellenz um einen Rat betreffs meiner Zukunft bitten. Darf ich ungescheut reden?" „Ich bitte." Der Präsident lehnte sich in seinen Sessel zurück und blickte Karl scharf an. „Ich stehe vor dem Assessorexamcn und beabsichtige, die Gcrichtscarriörc einzuschlagen. Diese Laufbahn ist mir möglich, weil ich mich taufen lassen werde." ,Meiß Ihr Herr Vater von dieser Absicht?" , Nein, ich muß ihm mit der vollendeten Tatsache kommen." „Welchen Rat wünschen Sie den» von mir, da Ihr Programm schon fertig entworfen ist?" „Excellenz werden verzeihen. Aber es würde mich ungemein beruhigen,' wenn ich mit dem Bewußtsein Ihres Wohlwollens arbeiten könnte. Es wird Excellenz ein Leichtes sein, mir in meiner Beförderung ihre gütige Bcihülfe zu gewähren. Und dann, wenn ich eine Stellung habe, dürfte ich vielleicht die Hoffnung hegen, auch der Familie Ihrer Excellenz näher zu treten. Ihr Fräulein Tochter —" Der Präsident unterbrach ihn, eine Zorncsfalte zeigte sich auf seiner Stirn. „Meine Tochter? Das Kind ist ja erst sechszehn Jahre alt. Haben Sie mit dem Mädchen etwas über Ihre Pläne gesprochen?" „Nein. Ich wußte ja nicht, ob meine Absichten vr-n der Familie meines Freundes Alex günstig anfgcnr-mmcn werden." Der Präsident richtete sich auf.; „Genug, daß Sie nicht viel taugen, mußte ich aus der Freundschaft schließen, die Sie mit meinem Taugenichts von Sohn bcrbindet. Daß Sie aber einen solch erbärmlichen Charakter haben, konnte ich nicht annehmen Ich achte jeden Andersgläubigen und bedauere von Herzen, daß dem strebsamen Juden nranche Laufbahn verschlossen ist. Aber ein Uebertritt aus so Nacktem materiellen Interesse, um meine Gunst und müheloses Steige» zu erwerben, diese Spekulation auf die Hand meiner Tochter, pfui! Wie mögen Sie von einem preußischen Beamten voraussetzcn, daß er aus persönlichen Rücksichten die rasche Beförderung von irgend Jemanden cinleitet. Unsere Unterredung ist Beendet, Herr Referendar." Damit wandte er sich wieder seinen Papieren zu. Karl schwanktc mit fahlem Gesicht ans dem Zimmer. Draußen ermannte er sich und entfernte sich erhobenen yauptes aus dem Hause, ohne seinen Freund aufzusnchen, der in seiner Stube auf ihn wartete. Auf der Straße faßte ihn die Wut über den Zusammenbruch 'seiner Zukunftspläne. „Ich habe jahrelang Chimären nachgcjagt, habe in der christlichen Gesellschaft Demütigungen erduldet, und alles für nichts. Pah, der Alte allein ist mir rächt maßgebend. Wenn ich getauft bin, stehen mir alle Stellungen offen. Aber nnr aiif dem Instanzenwege, dann muß ich verdammt fleißig sein, um Amtsrichter zu werden. Und wenn meiir Vater rabiat wird »nd mir keine Zulage gibt. . ." Er schüttelte sich. „Ich. glaube, ich werde jüdischer Rechtsanwalt und heirate sehr reich. Aber vorläufig werde ich mich noch amüsieren." — Lautes 8ad)cn, Gläscrklirrc» ertönte ans eincin Zimmercherr der Wcinkneipc zum Paradies, als Karl eiiärat. Einige junge Herren saßen da und schäkerte» mit den Kellnerinnen. „Ah, Karl der Dicke, wie geht's, alter Junge!" tönte es ihm entgegen. Er nickte freundlich und setzte sich neben seinen Freund Alex, der ein dummes Gesicht machte. „Alex," flüsterte er ihm zu, „weißt Du, was Dein Vater mir gesagt hat?" „Gelviß, er hat mich rufen lassen und mir eine Standpredigt gehalten, die nicht ohne war. Ich soll nicht mehr mit Dir verkehren, keinesfalls Dich jemals wieder in unser Haus Bringen." Der Lärm der anderen jungen Leute mit den Mädchen wurde so anhaltend, daß das Zwiegespräch der beiden Freunde unbeachtet blieb. „Aber wie konntest Du so wahnsinnig sein und Dich als Schwiegersohn vorstellcn!" „Das ist doch nicht so widersinnig, ich hätte meiner Gemahlin doch auch Stellung und Vermögen zu bieten." * „Lieber Freund, entschuldige, wir verheiraten meine Schwester doch keinem getauften Inden. Wir beide sind ja Freunde, aber das erstreckt sich doch nicht bis zur Familie." Karl erhob'sich und sagte in kaltem Tone: „Ich habe mich auch in Dir geirrt und danke Dir, daß Du mich Bon meinem Wahn geheilt hast. Ich wollte meinem Vater nicht glauben, daß Eure Frenndschast der Probe nicht standhält, daß Eure Toleranz nur ein Hauch ist, der bei. der leisesten Berührung schwindet." Er wandte sich ab. Alex aber meinte: „Na, wenn Du so kommst, ist cs mir auch egal, ich kann Deine Freundschaft entbehren." Kapitel 12. Moritz Brandes und seine junge Frau vcrlcbic» ihre Honigmonde äußerst vergnügt. Sie frente» sich immer auf den Freitag Abend, tvcil dies eigentlich die einzige Zeit war, die sie ruhig und ungestört zu Hanse znbringen konnten, denn in der ersten Zeit ihrer jungen Ehe waren sie durch Einladungen, Theater und andere Vergnügungen sehr in Anspruch genommen Frau Werner aber wiederholte immer ihrem Man», wie außerordentlich sie sich, darüber wundere, daß so große Frömmigkeit sich so gut mit Lebensgenuß vereinigen ließe, der Rabbi selbst veranlasse die Kinder, sich der Geselligkeit nicht zu entziehen. Ihr Mann meinte nachdenklich, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn bei der Erziehung Karl's die Religion nicht so ganz vernachlässigt worden wäre. G Jenifefan. „Der Liberalismus ist ja sehr bequem. Ich habe aber doch inzwischen gelernt, daß der wahrhaft Religiöse vieles als Sünde betrachtet und meidet, was der Unfrommc, besonders der moderne Jüngling als erlaubt betrachtet, zum Schaden von Geist und Körper. Nun, Karl scheint vernünftig zu werden. Er schwärmt nicht mehr von der großen Karriere im Staatsdienst, sondern betrachtet als selbstverständlich, daß er Rechtsanwalt wird." * * * Karl mied seinen gewohnten Bekanntenkreis, um seinem früheren Freund Lllcx rricht mehr zu begegnen. Er lebte aber in wilden Genüssen weiter, in dem unklaren Gedanken, daß er mit dem bestandenen Assessorexamcn solide werden und heiraten müsse, lind das geregelte Leben gefiel ihm durchaus nicht. Wemr er bei seiner Schwester zu Rächt speiste, unterhielt er sich sehr lebhaft und angeregt. Um elf Uhr jedoch eilte er zu der früheren Kellnerin Emma Stocky und deren Freundinne». Jetzt ging's in die Weinlokale, und wenn der Morgen graute, suchte er blaß »uh erschöpft sein Lager auf. Karl bestand das Assessorexamen nicht. Er sab so angegriffen aus, daß seine Eltern ihm. auch nicht ein Wort des Vorwurfs sagten. Wohl aber beinerktc ihm sein Vater: „Du solltest Deine Gesundheit nicht ganz ruiirieren und eine Zeitlang jeden Abend um zehn Uhr zu Hanse sein." Urrd er, der sich krank und elend fühlte, willigte gerne ein. Er holte die Ratschläge der Kurpfuscher ein, jedoch vergebens, dann erst entschloß er sich, den Hausarzt und Freund seiner Familie Doktor Lambert aufzusnchen. Der untersuchte ihn lange und gründlich. „Weshalb kommen Sic erst jetzt?" „Ach Herr Doktor, ich hatte mit dein Examen zu tun, und dann — und dann —" Mit einem schwachen Anfluge des Lächelns fuhr er fort: „Herr Doktor, kurieren Sie mich nur rasch. Meine Mrittcr will mich verheiraten, sobald ich Rechtsanwalt bin." Der Arzt schwieg eine Weile, dann fragte er mit seiner ernsten Stimme: „Weshalb denn so rasch heiraten, sind Sie verlobt?' „Das nicht, cs ist aber der sehnlichste Wunsch meiner Mutter." „Der sehnlichste Wunsch Ihrer Mutter? Dann schmerzt es midi doppelt, was ich Ihnen jetzt sagen muß. Ihr Körper hat diirch Ihre ungeordnete Lebensweise sehr gelitten, die Wiederherstellung Ihrer Gesundheit wird sich jahrelang hinauszichen. Verzeihen Sie mir, aber als Arzt und als Freund darf ich Ihnen die Wahrheit nicht vorenthalte» — Sie dürfen in den ersten zehn Jahren keine Familie gründen." Karl sagte vernichtet: „Doktor, jväre es nicht möglich, daß Sie sich irren?" Der Arzt'erwiderte sanft: „Leider nein. Doch steht Ihnen ja frei, andere Aerztc zu befragen." Eine tiefe Stille folgte. (Schluß solgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbacli a. M. - Gegen Gicht und BhenmatiBmns bewährt. Wocherr-Kalertder. (Zeitangaben nach dem l,n»oh.) Sanrstag, den 25. Mai (— 12. Siwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 15 Min., in Berlin 9 Uhr 15 Min. Die Sidra Rosa » bringt in ihrem ersten Teil die Ergänzung der vorwöchentlichcn: die Dienste der Leviten beim Tragen der Stiftshütte, als diese zum Weiterziehcn abgebrochen wurde. Das Dicnstalter der Leviten ist vom 30. bis 50. Lebensjahre normiert. — Aussätzige und andere „Unreine" sollen außerhalb des Lagers bleiben. — Wer Untreue begeht a» den ^Heiligtümern" Gottes, hat Ersatz zu leisten und ein Sühnopfer; zu bringen. — Verfahren gegen das treulose Weib: sie wird durch den Ehemann verwarnt, der Tat überführt oder im entgegengesetzten Falle zumi Priester gebracht, der ein Opfer entgegenninrmt, ihr Vorhalt macht wegen des Ehebruchs, die Beschwörungsformel ansspricht und ihr die sogenannten „Bitterkeitswasser" zum Trinken gibt. Die trüben Folgen einer tatsächlich vorliegenden Schuld werden dann eintreten. Außerdem bezw. andernfalls wird die Unschuld des Weibes dargetan. — Wir höre» vom