Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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eines von diesen kleinsten Geboten anflösct und lehret also, der wird der.Kleinste heißen im Himmelreiche; wer es aber tut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreiche." . . . Erst nachdem das Urchristentum endgiltig unterlegen war und eine Konzession nach der andern an das Heidentum gemacht werden mußte, fand man, daß, weil einige Pharisäer diese Zeremonien nicht in der rechten Weise geübt, so seien die. Formen selbst zu verwerfen. . . . Damit schwand ein Stück Judentum wiederunr aus dem Christentum, weil man cs fallen lassen wollte. Denn die neue .Lehre mußte unbedingt Neues schaffen, somit durfte sie das Ulte nicht gelten lassen. So entstanden die komisch-naiven Begründungen für die Aufhebung des Gesetzes. Bei den Speisegcsetzen: weil nicht das, was in den Mund komme, verunreinige, sondern was aus den'. Munde komme. . . . Gegen den ersten Teil dieses Satzes wird wohl jeder Arzt protestieren. Bei der Encheiligung des Sabbat: weil .David, .in Lebensgefahr von dem Schaubrotc essen durste, und dergleichen mehr. Es gibt aber dennoch einige Punkte, bei denen das Christentum höhere Forderungen stellt, als . das Judentum/ Aber diese Forderungen werden. so hoch geschraubt, daß sie im Vorhinein darauf; verzichten müssen, eine Lehre des Lebens zu sein, d. h. eine wirksame Kraft im Leben zu werden. Allesamt verstoßen sic gegen den Grundsatz unserer Lehre: „Ihr sollt nicht hinzutun und nicht hinwegnehmen." Die Ethik ist aber nicht dazu da, damit sie den Bücherschrank schmücke, sondern sic soll lebensfähig sein, wenn sie ethisches Leben erzeugen soll. (Schluß folgt.) Die Woche. Wie wir vorausgesagt haben, ist die russische Ojürrwoche ohne die von einem großen Teil der Presss prophezeiten Pogrome gegen die Juden vorbeigegangen; der Regierung — dahin ging auch Unsere Begründung — ist 'die Zeit für Pogrome wegen der Haager Konferenz und wegen einer notwendig gewordenen Anleihe ungelegen; Grund genug, die Pogrome ausfasten zu lassen — und so blieben sie auch! «ms. Und sind die Pogrome in weite Ferne gerückt? Das System der Vergewaltigung der Nationalitäten und der Verhetzung derselben gegeneinander besteht noch in Rußland fort. Die vom Zar in der Stunde der. Bedrängnis gewährte Konstitution steht jetzt, da 'die akute Not vorbei ist, auf schwachen Füßen, man möchte sie am liebsten los werden; allein: weder ist die Revolution ganz überwunden, noch ist die Möglichkeit vorhanden, das alte Regime mit den zu! seinem weitern Fortbestand nötigen Geldmitteln zu versehen. Doch Um oie verhaßte Freiheit möglichst armselig' zu gestalten, bedarf die zarische Niedertracht der Kontrerevolution mit Folter, Feldgerichten, Pogromen u. d. m. Und wenn die vereinigten Zuchthäusler Rußlands, genannt: „Echt russische Männer", in Moskau in Anwesenheit der obern Behörden und Geistlichkeit und unter dem Gruß des Zaren öffentlich tagen dürfen, mm über Gewaltmittel, wie Diktatur, Massenpogronre und Suspension der Verfassung zu beratschlagen, so ist es kein bloßer Zufall, vielniehr mutz es als eine unzweideutige Absicht, die Frcihcitselemente einzuschüchtern, damit sie sich zu weiteren Konzessionen herbeilassen, angesehen werden. . Man mißverstehe nicht das zuletzt Gesagte: Die blutrünstigen Hooliganeu Rußlands sind von politischen Absichten weit entfernt: vollständige Vernichtung des Gegners, das ist ihnen das.einzige, worauf es ankommt; ginge es ganz nach'dem Wünsche der „Echten Russen", so wären 90 Prozent der Dumaabgcordneten übernacht aufgehängt und Hunderttausend!: der freiheitlichen Elemente totgeschlagcn worden. Wenn hier von politischen Absichten die Rede ist, so beziehen sic sich lediglich auf die russische Regierung, bei der anscheinend die Parteien der „Echten Russen" gegenwärtig bloß als Waffe, gegen die. Linke gehandhabt werden. Wir sagen als Waffe; denn die Negierung geht ihre eigenen Wege und wird so z. B. — im Frankfurter JsraelitWeS FamÜteMaü. Gegensatz zu den Wünschen der „Echten Russen" — Masscupogrome vorläufig nicht zulassen. Und die Duma? Auch in der Duma treibt Stolypin eine Politik der Einschüchterung. Die fortwährende Drohung mit der Auslösung der Duma ist nichts anderes als ein Versuch, die Parteien zur Nachgibigkeit zu. bewegen. Dis dato ist dieser Versuch gelungen, die Kadetten sind, indem sie Konzession nach Konzession machten, der Megicrung gefolgt; allein dadurch wird diel Kluft zwischen ihnen und den andern linksstehenden Parteien immer mehr erweitert, es wird mithin ihnen nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die rechte» Parteien zu stützen; aber abgesehen davon, daß mit den extremen Rechten, die die Auflösung der Duma wünschen, keine gedeihliche Arbeit möglich ist, so können die Gesetze, die mit Hilfe der Rechten zustande gebracht werden, keinen großen Wert haben. Uirdfwas ist von dieser Duma für die Juden Rußlands zu erwarten? Durch die beständige Angst vor der Duma-Auslösung sind die Kadetten bestrebt, strittigen Fragen aus dem Wege zu gehen oder hinauszuschiebcn. Dies gilt auch, von der Judcnsragc. Dies Regierung, wie bekannt, will von einer sofortigen Gleichstellung der Juden mit den andern Bürgern nichts hören, vielmehr gedenkt sic, wie sic behauptet, allmählich ihre Gleichstellung zu betreiben. — Was ein solches Manöver bcdeiltct, ist klar. Werden die Kadetten, den Mut, energisch für die Rechte der Juden einzustehen, besitzen? Ist nicht vielmehr zu befürchten, daß der Bestand der D u 11t o ihnen.mehr ist, als das Recht der Juden? Die Zeit wird cs uns lehren! Ans aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 21. Mai. Aus bent Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Durch Entschließung vom 14. Mai hat die Regierung von Oberbayern dem durch die städtischen Kollegien in München neugeschassencn Orts st atu t, b e t r. die Sonntagsruhe im tzandelsgewerbc ihre Genehmigung erteilt. Damit ist auch Ziffer 3 dieses Ortsstatuts mit folgendem Wortlaut in Kraft getreten: „Denjenigen Geschäftsinhabern jüdischer Konfession, welche nachweisbar ihren Geschäftsbetrieb am Sabbath und an israelitischen Feiertagen ruhen lassen, ist cs gestattet, ihre Angestellten jüdischen Glaubens an Sonntagen während der Stunden von 10 bis 12 Uhr Vormittags zu beschäftigen mit der Maßgabe, daß die Geschäftslokale für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben und keinerlei Lärm oder Aergernis erregende Arbeiten in denselben ausgesührt werden." Die Rechtsgrundlage dieses für die gesctzestreuc Judenheit überaus bedeutungsvollen Statuts bilde! ein Gutachten des verstorbenen Staatsrcchtslehrers Prof. Dr Seydel, das schon im Jahre 1900 erstattet wurde, das aber durch das in München beschlossene Orissiatut zum ersten Riale praktische legislatorische Anerkeiiiinng gefunden hat. Ans einer ganzen Reihe deutscher Städte liegen zur Zeit Nachrichten über eine beabsichtigte Erweiterung der Sonntagsruhe durch Ortsstatut bei uns vor. Unbeschadet der bevorstehenden rcichsgesctzlichen Neuregelung der Materie, ist es daher die Aufgabe unierer Gesinnungsgenossen, schon jetzt überall, wo sich die Gelegenheit dazu bietet, die Ausnahme ähnlicher Bestimmungen, wie sie jetzt in München beschlossen wurden, in neue oder auch in bereits bestehende Ortsstatute zu erwirken. Um die hierzu notwendigen Schritte zu erleichtern, hat der Vorstand der Freien Vereinigung beschlcssen, das gesamte in Betracht kommende Material (Eingaben, Gesctzesvorschriften, Rechtsgutachten cte.) zu einer Denkschrift zusammen zu stellen. Der Vorstand der „Freien Vereinigung" in Frankfurt a. M. (Schützenstraße 14) sowie auch der geschäftsfnhrendc Ausschuß des Verbandes der Sabbathfreunde in Berlin (Heidcreutergasse 4) sind gerne bereit, diese Denkschrift Interessenten auf Verlangen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wiesbaden. Zu den aus Anlaß der Einweih ungdes neuen Kurhau scs veranstalteten Festlichkeiten empfing neben den Spitzen denBehörden als Ehrengast der Stadt Wiesbaden auch Herr Bezirks rabbiner Dr. Silber stein eine Einladung. 'Er erhielt seinen Platz neben den Spitzen der evangelischen und katholischen Geistlichkeit. Berlin. Protest-Versammlung der Jüdischen Gemeinde Mitglieder. Am 18. dss. Mts. tagte in der Mktoriabrauerei eine Protestversammlung gegen die Amtsenthebung des Predigers an der Jüdischen Gemeindesynagoge Rabb. Emil Cohn, zu Der trotz der Hitze annähernd 2000 Gemeindenritgliedcr sich eingefunden hatten, so daß derjSaal überfüllt war und polizeilich gesperrt werde» mußte. Die Versammlung wurde eröffnet durch einen Nr. 20. rein sachlichen Bericht über den Verlauf der Affäre, den Dr. Biram gab. Als erster in der Diskussion sprach Dr. Zwirn, der sich gegen das jetzt asten Gemeinde- Mitgliedern ins Haus gesandte Plaiboyer des Ge- '»reindesyndikus Herrn Lilienthak wandte. Er griff ihn, zunächst wegcil der von ihm zum ersten Male zur Begründung der Suspension herangezogencii 2 neuen Punkte an, des Verhaltens Dr. Cohn's als Lehrer am Falk-Realgymnasium, sowie seiner Gedenkrede aus Theodor Herzl. Es sei offenkundig, daß man sie nur deshalb herangczogen habe, weil man fühlte, daß daß der Hauptfast ins Wanken geriete. Was diesen Hauptfall anbetrisft, so wandte sich Herr Dr. Zwirn besonders heftig gegen die von Herrn Lilienthal ansgesprochene Verdächtigung des Herrn Dr. Cohn, indem er wörtlich änsführte: „Wir können ruhig Acnßerniigen übergehen, er, Dr. Cohn, halte sich für einen guten deutschen Staatsbürger, Schiller und Goethe seien aus ihm nicht nuszuiiierzen, das sind Redensarten, die nicht mehr ins Gewicht fallen können," meint Herr Lilienthal, „das ist ein Widerspruch in sich, Goethe und Schiller gehören der Weltliteratur an. Wir wollen Shakespeare auch Nicht aus uns streichen »nd wollen doch nicht behaupten, daß wir. gute Engländer sind. Solche Redensarten können den Satz nicht verwischen, der an der Spitze der Aufzeichnungen steht." Nein, meine Herren, der Vorstand hätte die Verpflichtung gehabt, den Kommentar Dr. Cohns dem Direktor gegenüber noch zu ergänzen und jedes Wort über deutschen Patriotismus, >vie z. B. den Satz: „Ich werde im Rclig i 0 n s n n t c r r i ch t m e i n e K i n d e r z u g u t e n Patrioten und guten Deutschen erziehen, denn das ist j ii d. Gebot" noch dick'uiiterftreicheii müsse»! Anstatt dessen desavouiert er seinen Prediger und erstattet gehorsamst wie ein Unteroffizier, Rapport von der prompt erfolgten Suspension, obwohl Herr Leutnant gar keinen Befehl dazu gegeben hatte." Wenn aber der Direktor von Herrn Dr. Cohn verlangt habe, er solle sich erst in zweiter Linie als Jude .fühlen und .zuerst als Deutscher, so sei Herrn Dr. Cohn daraus kein Vorwurf zu Machen. Ein Konflikt z w i s ch e n Deuts ch t u m n u d I u d e n t u m b e st e h e n i e -- mals. Und deshalb ist die Fragestellung, ob zuerst Deutschtum, ob zuerst Judentum, töricht und muß stets von neuem von uns a limine abgewiesen werden. Denn nicht gleichstehende Interessen kämpfen hier gegeneinander, etwa wie Polcntum und Deutschtum. Die Frage stellt inkommensurable Größen gegeneinander. Unsere Interessensphäre liegt ja nur auf innerpolitischem Gebiet, berührt unsere Gleichberechtigung und Glaubensfreiheit. Und da steht nicht das Judentum dem Deutschtum gegenüber, sondern als Juden stehen wir den Andersgläubigen gegenüber, die uns nicht als gleichberechtigt anerkennen wollen. Eine spezifische jüdische Interessensphäre aber nach außenhin, die dem Wähle der auswärtigen deutschen Politik zuwiderläuft, ist ein Unding und ein Unsinn! Aber, meine Herren, wenn es sich um einen Streit um Interessen handelt, wie sie im Leben praktisch Vorkommen, dann, meine Herren, können wir allerdings v e r l a n g c n, d a ß unfern Rabbinern das Judentum über alles geht!" Daraus spricht Redakteur Klausner. Er weist auf 'die Haltlosigkeit der beiden neu herangezogenen Belastungsniomente hin. Das erste, Dr. Cohn's Verhalten am Falk-Rechgymnasium, erledige sich ohne weiteres durch die Tatsache, daß die ganze Angelegenheit vor d e in Amtsantritt des Herrn Dr. Cohn lag. Das zweite Moment, die Herzlrcde, halte einer ernsten Erwiderung auch nicht stand, da zwei Jahre vorher der Kollege Dr. Cohns, Herr Rabbiner Dr. Eschclbacher, ebenfalls eine Gedenkrede auf Herzl gehalten und zwar ohne gerügt zu werden, und schließlich das dritte Gravamen sei auf Grund folgender Uebcrlegung ohne weiteres hinfällig: „Dr. Cohns Aeußerungen zu Herrn Direktor Przygode können iiur aufgefaßt werden als die zu besserer Verdeutlichung! zngespitzte Uebcrtreibung seiner Anschauungen, die im Gegensatz standen und stehen mußten zu den Anschauungen des Herrn Direktors Przygode. Herr Dr. Cohn soll gesagt haben: jeder deutsche Jude müsse sich erst als Jude, dann als Deutscher fühlen. Herr Syndikus Lilienthal hat dem zutreffend entgegengehalten, daß es in unfern Gefühlen für Religion und Vaterland eine Rangordnung nicht gebe. Er hätte den Vorbehalt machen können, — er mußte nichö — daß gerade einem Religionslehrer jene Rangordnung die näherliegende sein dürfte. Er hat aber nicht bloß das nicht getan, sondern in seiner Darlegung gleich nach der Zurückweisung einer Rangordnung überhaupt die der Cohn'schen entgegengesetzte Rangordnung "als die allein anznerkennende und zuverlässige bezeichnet. So enthält zum mindesten die, Begründung des Urteils über das dritte Gravamen einen Widerspruch' in sich, und damit wird' das Urteil, vorher schon zweier von drei Stützen beraubt, auch hinsichtlich der dritten Stütze hinfällig. — Da es einen Jnstanzenzug nicht gibt, so ist nur ein Appell von, den unzureichend informierten Gemeindebehörden an 'die besser zu informierenden möglich. Hierfür die Grundlage zu bieten, ist der Zweck der heutigen Versammlung." ' Den Höhepunkt des Abends bildete die von Dr. Zwirn,verlesene ö ffentli che Erklärung d^es Repräsentanten Professor Dr. Adolf