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Neue jüdische Presse · 1907-05-24 · Heft 20 (24.5.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 20 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^tan&futtex ZsmrlitWs fifflilirnlilott I" " — —!> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— fiei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— -. . Y- .. HsdaKtton nnd chefchaftsfierre: Frankfurt 3. m.. Bleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße T-refo» 10507. OalU Hers. Jnserttonspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Freitag, den 11. Siwan 5667 (24. Mai 1907). 5. Jahrgang. Inhalt des Hauptülattes. Artikel: Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Ost und West. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten — Barmizwohs. Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. (Warum wir uns nicht taufen.) Von S. B e n - D a u w. (Fortsetzung). Wenn wir nun, nachdem wir. uns überzeugt haben, welcher Natur die angeblichen Fortschritte des Christentums über den jüdischen Gottcsbegrisf in Wahrheit sind, uns den Fragen der praktischen Ethik zuwenden, werden wir auch hier auf die Hauptpunkte uns beschränken. Aber nicht nur darum, weil wir sonst zu weitläufig werden müßten, sondern vorzugsweise deshalb, weil es vollkommen ausreicht, einige dieser Sätze zu beleuchten, damit jeder denkende Jude sich über die Tendenz des Ganzen klar werde. Daß aber Tendenz hier im Spiele ist, und zwar die, daß die neue Lehre um jeden Preis. Neues, über die alte Lehre Hinausgehendes bringen niüsse, zeigt schon die äußere Form dieser Offenbarungen: „Euch Ivurdc gesagt, ich aber sage euch!" Ja, cs hat den Anschein, als ob die Verfasser der Evangelien die Empfindung hatten, daß ihr Gottesbegriff nach all den Konzessionen an das .Heidentum sehr alt ist; umso neuer sollten daher die ethischen Lehren werden, damit die mit dem Siege des Heidenchristentums um jeden Preis neu sein wollende Lehre ihre Existenzberechtigung erlange. So kam es, daß man zu künstlichen und falschen Auslegungen der heiligen Schrift hat greifen müssen. „Ihr habt gehört, daß gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben, und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: liebt eure Feinde; segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen!" (Ev. Matthäi, V., 43, 44.) Kein Jude auf dem ganzen Erdenrunde, der nicht zusällig das neue Testament gelesen) weiß etwas von einem Gebote zu sagen, in dem ihm befohlen sein soll, seine Feinde zu hassen! Wir haben viclniehr gehört, daß es uns verboten ist, .Haß nachzutragen und Rache zu üben. „Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen, du sollst deinen Nächsten zurecht weisen (wenn er dir Unrecht getan), damit du nicht einen Teil seiner Schuld trägst . . .! Du sollst dich nicht rächen und Haß nachtragen den Söhnen deines Volkes, und du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst, ich bin der Ewige." (Levit. XIX., 17, 18.) Wir haben ferner gehört, daß wir verpflichtet sind, unseren Feinden wohl zu tun: „Wenn du begegnest dem Ochsen deines Feindes oder seinem Esel, die sich verlaufen, so sollst du sie ihm zurückbringen! Wenn du das Lasttier deines Feindes unter seiner Last lagern siehst und du möchtest dich entziehen, ihm zu helfen, so sollst du ihm dennoch helfen . . .!" (Exodus XXIII., 4, 5.) Nun versuchen die Verteidiger der Evangelien die Erklärung, alle die erhabenen Stellen der Bibel, wo uns die Nächstenliebe in den einfachsten und darum, umso wirksameren Worten zur Pflicht gemacht wird, beziehen sich nuv auf Juden; denn „Neachö" soll Volksgenosse heißen. — Derjenige, dem der Geist des Judentums nicht fremd ist, wird keinen Augenblick iiw Zweifel sein, daß diese Deutung falsch ist. Die anderen aber mögen in Exodus XI., 3 und XII., 35, 36 Nachlesen, so werden sic uinviderleglich dargctan finden, daß unter „Reacho" auch die Egyptcr verstanden werden.*) . . . Wem dies noch nicht genügen sollte, der wird alle seine Zweifel fahren lassen, wenn er im Leviticus an der oben angeführten Stelle einige Sätze Iveiter lesen wird: „Wenn in eurer Mitte ein Frenidcr wohnt, den sollt ihr nicht bedrücken. Wie ein Alteingeborener sei euch, der Fremdling, und liebe ihn, wie dich selbst, denn Freiudlinge wäret ihr in Egypten, ich, bin der Ewige, euer Gott!" .... (Levit. XIX., 33, 31.) Ja, selbst die Egypter dürfen wir nicht hassen! Das Neue also an der berühmten christlichen Nächstenliebe ist, daß man diejenigen, aus deren Händen man diese erhabene Heilslchre empfangen hat, so sehr nicht lieben kann, daß man bestrebt ist, diese Liebe ihnen als Stein an den Kopf zu schleudern! .... Daß auch unsere Weisen das Gebot der Nächstenliebe schon vor der christlichen Zeit als den Eckstein der Thora gelehrt haben, mag ein Ausspruch statt vieler beweisen, Als ein Heide von Hillcl verlangte, er möge ihm die ganze Lehre mitteilen, während er auf einem Fuße stehe, da gab er ihm zur Antwort: „Was du nicht willst, das dir geschehe, tue auch deinem Nächsten nicht an!" . . . Trotzdem nun dies alles klar zu Tage liegt, so wird von den christlichen Gelehrten noch immer an der Fiktion festgehalten, als habe das Christentum hier ganz Neues gebracht. Auch Prof. Harnack in seinem Buche „Das Wesen des Christentunis" fährt in dem alten und, wie es scheint, geheiligten Unrecht fort, das Christentum auf Kosten des Judentums herauszustreichen. Bewundernswert ist die sophistische Kunst, die er dazu auswendet. Leider ist die Kenntnis des Judentums unter den Juden nicht mehr so häufig, als daß trotz dieser Künsteleien die Wirkung gerade dieses Buches keine verderbliche sein sollte. Die alten Weiber, die sich deswegen taufen — weil ihnen die christlichen Psalmen Davids ... so sehr imponieren, vermögen natürlich nicht zu erkennen, daß dieses Buch gerade für sie und Ihresgleichen an großer Unkenntnis des Judentums geschrieben ist. . . *) Dieser Hinweis soll vom sel. Baron Wilhelm von Rothschild stammen. Ro. 20. Harnack muß sein Festhalten an der überlieferten Beurteilung des Judentums umso schwerer angercchnet werden, als er sonst den Mut hat, auch heilige Ueberlieferungen" vor der Wahrheit weichen zu lassen. So hält er nicht mehr an der Göttlichkeit des Stifters des Christentums fest. Worüber natürlich besagte alte Weiber in Israel in seliges Entzücken und helle Begeisterung geraten. Der Erfolg ist, daß sie sich beeilen, ihre Kinderchen in den christlichen Religionsunterricht zu schicken: dort aber unterrichtet nicht — der Herr Prof. Harnack .... und wird noch sehr lange dort nicht unterrichten können. . . Abgesehen davon, daß wir noch dann, wenn dieser Geist im Christentum der herrschende werden sollte, sehr lange unsere Kinder nicht dorthin werden gehen lassen dürfen, denn dies wäre nur ein einziger Schritt zurück von dem sehr weiten Wege, den das Christentum von seinem Urquell sich entfernend zurückgelegt. . . . Aber nur dann hätte dieser Schritt zur Wahrheit für uns Wert, wenn ihm die 'Gerechtigkeit dem Judentume gegenüber auf dem Fuße folgte. Nicht der richtige Glaube allein macht selig, ihm muß sich erst die richtige Ethik heigesellen. Es entspricht aber weder der Wahrhaftigkeit noch der Gerechtigkeit, wenn behauptet wird: Das Judentum sei die Religion der Formen, der Gesetzlichkeit und der Zeremonien; aber das Christentum sei die Religion des Herzens und der Liebe! Denn von niemand übertroffen ist die Gewalt der Rede, mit der eben die Propheten Israels gegen diejenigen zu Felde zogen, welche im Formelwesen mehr als eine Form erblickten, die erst dann chren Wert hat, wenn sich ihr der kostbare Inhalt verbindet: erst die rechte Gesinnung macht eine religiöse Handlung zum Gottesdienst. Die schönsten Stellen im neuen Testamente, welche diese Lehre vortragen, sind naturgemäß die, welche aus dem allen „Buche der Bücher" entlehnt sind. Wir bedürfen wahrlich dazu nicht erst des Christentums, um dieser Lehre inne zu werden! Weit llarer nnd voller fließt diese Quelle im Judentum: unsere Propheten und unsere Weisen ergänzen hier einander. Nur ist ihre Älbsicht dabei nicht, den Gottesdienst und die religiösen Zeremonien zu beseitigen, denn sie sollen äußere Zeichen der inneren Gesinnung sein; nur dort ergießt sich ihr Zorn nnd ihr Spott, wo sie diese Gesinnung vermissen. Nicht viel anders muß es im Urchristentum gewesen sein, wenn wir in der Bergpredigt lesen: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis Himmel und Erde zergehn,, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, Noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es Alles geschehe. Wer nun

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