Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 19 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 Frankfurter Israelitisches FamikKnvlatt. Seite 3 Der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins glaubt sich vor die Frage gestellt zu sehen: Wen von beiden, sein angestammtes Volk oder sein Vaterland, der Jude am meisten liebt— und die Antwort? „Wir kennen kein Rangverhältnis — so heißt es in der Mg. Ztg. d. Jud. Nr. 19 — zwischen unserer Religion (für die berliner jüdische Repräsentanz existiert kein jiidisches Volk, kein Judentum im vollen Sinne des Wortes, sondern eine jüdische Konfession, die den allgemeinen Namen Religion trägt) und unserem Vaterlande. Wir fragen nicht, was kommt an erster Stelle und was an zweiter Stelle. Wir umfangen mit gleicher Liebe 'unsere Religion und unser deutsches Vaterland." Die Antwort unterscheidet sich, wie man sieht, von der der Kinder bloß in der gewundenen Fo r in; — kommt sie doch von erwachsenen Männern, die zu Gericht über einen Rabbiner sitzen. . . Und das Verschulden des Rabbiners? Der Rabbiner befaß den M a n n c s mut, offen zu gestehen, wen er von den beiden, Vaterland oder angestammtes Volk, am meisten liebt; sagte doch Herr Dr. Kohn — wie der Gemeindcsyndikus Lilienthal mit Entrüstung betonte und was „als das schwerwiegendste bei der Beurteilung der Sache" galt — ausdrücklich: „Nach meiner Ueberzcngnng muß jeder Jude sich zunächst "als Angehöriger des anserwählten Volkes Gottes und dann erst als Deutscher fühlen!" Nun meint der iveise, rechtskundige Syndikus — dev Herr ist nämlich Justizrat und mit solchen Herren ist nicht zu spassen .... —, daß wenn der Satz, der schwerwiegendste'Satz des Herrn Dr. Kohn, den wir bereits kennen, zntrifst „dann könnte man denjenigen nicht Unrecht geben, die uns zu Bürgern zweiter Klasse degradieren wollen." Aber, wo ist die Logik, Herr Justizrat? Die Polen Deutschlands, Rußlands, Oesterreichs fühlen sich in erster Reihe als Polen und dann als Deutsche, Russen, Oesterreicher, die Ruthenen und Tschechen Oesterreichs, die Iren und Schotten Englands, die Armenier und Finnen Rußlands fühlen sich in erster Linie als Ruthenen, Tschechen, Iren, Schotten, Armcnierlund Finnen und dann erst als Oesterreicher, Eiigländer, Russen. Müssen nach des Herrn Syndikus und seines Vorstandes Logik all diese als Bürger zweiter Klasse behandelt werden? Wohl verlangten es Pobedonoszew und Bercschkewsly; allein die wollen cs für fremde Nationalitäten, aber nie und nimmer wird ein noch so verkappter Reaktionär ein solches Recht für das eigene Volk anerkennen. Und wenn der liberale Justizrat und mit ihm der Vorstand es freiwillig anerkennen, so muß es als unerhörter, schändlicher, seiger Verrat an seiner Nation angesehen werden. Nun wird man ciitluett&ett: „Für den liberalen Juden gibt es keine jüdische Nation mehr." Allein, abgesehen davon, daß' wegen einzelner toter Glieder eines lebenden Organismus die andere große Mehrzahl lebender Glieder sich nicht totsprechen kann, sind sich auch unsere Liberalen nicht gleich; der Freisinn bedingt noch lange nicht die 'Assimilation, die Nationaljudeu zählen viele Freisinnige Und auch Sozialisten in ihrer Mitte. Aber angenommen, daß wir nicht mehr eine nationale, sondern eine religiöse Gemeinschaft bilden, so weiß doch alle Welt, daß das Bekenntnis bei dem wirklich Frommen an erster Stelle steht; jeder fromme Ehrist ist zuerst Christ und dann Deutscher, die katholische Welt Deutschlands beweist das zur Evidenz. Was folgt nun ans alledem: daß sowohl 'die Nationalitäten, als auch die konfessionelle Gemeinschaften s i ch an e r st e 'Reihe stellen und den Staat aber an ziveite. Der Staat iveiß es und ist 'daniit einverstanden. Das einzige, was der Staat verlangt — und mit Recht — ist, daß das, was ih m z u k o m m t, von jedem anerkannt n n d e r - füllt wird. Gewiß gibt es Staaten, die die Rechte der Konfessionen und Nationalätäten schmälern oder sogar überhaupt nicht anerkennen, allein diese sind entweder ganz oder halb autokratische Staaten; und es ist "Pflicht' jedes rechtdenkenden Menschen, danach zu streben, daß die Staaten ihres eigenen Vorteils ivegen, voll und ganz, die Rechte der Nationalitäten und Konfessionen anerkennen. Nur Männer, die weder national, noch konfessionell, noch liberal sind. können behaupten, daß diejenigen, die ihre nationalen oder konfessionelle» Rechte fordern und sich ihrer Zugehörigkeit zu ihrer nationalen oder oder konfessionellen Gemeinschaft voll bewußt sind, zu Bürgern zweiter Klasse degradiert werden müssen. Was bleibt nun von den „schwerwiegendsten" Vergehen des Herrn Dr. Kohn? Nichts, gar nichts. Wer müßte nun vom Amte entsetzt werden? Nicht Herr Rabbiner Kohn, sondern die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Berlins. Leute, die die Rechte ihrer Nationalität oder „Konfession" leugnen und noch dazu ihrer besseren Brüder, die fest int jüdischen Boden wurzeln und für die Rechte ihrer Nationalität eintreten, als nnpatriotischdenunzieren, müssen, mit Schmach bedeckt, vom Amte entfernt iverden. Solche Männer haben nichts beim Judentum zu suchen! Wir sagten: „denunzieren". Seiner Zeit hat Herr Prof. Geiger — auch ein Berliner Repräsentant! — offen gesagt, daß die Zionisten keine Rechte in ihrem Wohnorte zu beanspruchen habe,:. Und das Gleiche tut der weise Herr Syndikus Lilienthal, nur verfährt er dabei d i p l o in a t i s ch, indem er mit ganz unschuldiger, naiver Mine vor aller Welt feststellt, daß die Zionisteil Deutschlands in erster Linie Deutsche und in zweiter Linie Juden sind und Herr Dr. Kohn mit seiner Ansicht von der festen Zugehörigkeit zum Judentum allein dasteht; mit diesein Mannöver wollte er sowohl den Herr Dr. Kohn als auch die Zionisten treffen. Der Herr Justizrat weiß doch, daß die Ansicht des Herrn Kohn sich mit der 'Ansicht der bewußten Nationaljuden voll und ganz deckt; — wozu also diese Heuchelei, wenn nicht, um dainit die Zionifteil aus diplomatische Weise als unpatriotisch zu denunzieren? Wie gesagt: nicht Herr Kohn muß gehen, sondern die uiljüdischen, fanatischen Assimilanten der jüdischen Repräsentanz zu Berlin! * * * Das Eraebnis der Reichsratswahlen in Oesterreich ist ein unklares, da fast die Hälfte der Mandate noch auf das Resultat der Stichwahl harren. Der Schluß, der sich vorläufig mit Bestimnitheit aus dem 'Ausfall der Wahlen ziehen läßt, ist der, daß der Chauvinismus geschlagen ist und an seine Stelle die sozialen Parteien getreten sind. Das Land ist des ewigen Haders der Nationalitäten satt und bedarf der sozialen Entivicklnng — lind daher diese Umwälzung. Bon den 231 erledigten Mandaten' entfallen 59 auf die Christlichsozialeil llnd 58 auf die Sozialdemokraten; letztere steheit in vielen aussichtsreichen Stichivahlen und die Parole, gegen den Klerikalismus zu stimmen, lvird ihnen die Symvathien der freiheitlichen Elemente zuiühren. Wohl hat' der Sieg der Sozialdemokratie den Börsenkreisen einen gewissen Schrecken eingejagt; allein die -Furcht ist unbegründet, da die österreichische Sozialdemokratie zienrlich zahm ist. Die Regierung '— anscheinend — ist zufrieden mit dem Ausgang der Wahlen, besonders darüber, daß der Chauvinismus geschlagen ist. Erfreulich ist, daß die Christlichsozialen lange nicht die Erfolge erzielt haben, die Man vorausprophezeite; sogar in Wien, ihrer Burg, sind ihre Stiminen znrückgegangen. Was die Judeil anbelangt, läßt sich vorläufig noch ilichts bestiinmtes sagen. Wir werden noch auf dieses, sowie auf die gesamte politische Lage zurückkommen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Eine hochherzige Zuwendung ist dem H i l f s v e r e i n d e r D e u t s ch e n I u d e n ans dem Nachlaß des Herrn I u l i u s Bleichröder zuteil geworden; seine Erben haben für die Zwecke des Vereins 10 000 JL zur Verfügung gestellt. Berlin. Antisemitismus unter den Postbeamten. In dem Organ für die Interessen der Beamtinnen der Post, Telegraphie, Telephonie und der Eisenbahnen Deutschlands und Oesterreichs, „Der Fernsprecher", ist kürzlich über die angestrengte Sonntagsarbeit im Telegraphendienst geklagt worden, welche durch die sonntäglichen Hochzeiten verursacht wird und in einer verhältnismäßig kurzen Zeit nur dadurch zu bewältigen ist, daß die Aushilssbeamten und zwar ohne Entschädigung ihren freien Sonntag Nachmittag opfern müssen. Die Klage scheint nicht ganz unberechtigt; aber in dem 'Artikel tritt dann auch sofort der „a n t i s e m i t i s ch e P f e r d e -;u ß" zutage, denn es heißt dann wörtlich: „Merkwürdigerweise lverden auch gerade an unseren größten Festen, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die größten jüdischen Hochzeiteil ausgerichtct, oft ani ersten Feiertage, an dem jede ändere geräuschvolle Festlichkeit streng untersagt ist. lind warum müssen wir als christliche Beamte unsere höchsten Feiertage 511 gemeinen Werktagen erniedrigen? Weil es den Juden gerade gelegen "kommt, ihr Familienfest an diesen Tagen zu feiern, damit sie sich deshalb kein Geschäft entgehen zu lassen brauchen. Warum benützen ie dazu nicht ihre 'Feiertage? Weil sie ihnen für derartige Feste zu heilig sind; den christlichen Staatsbeamten aber inuten sie zu, ihre höchsten Feiertage privaten Interessen der Israeliten zu opfern und die Beamten sind schlimmer daran als KonimiS und Verkäuferin, die doch wenigstens den Sonntag zu ihrer Erholung, zu ihrein Vergnügen haben." Denk von dem antisemitischen Verfasser der betreffenden Klage gerügten Uebelstande wäre leicht abznhelfcn, bemerkt hierzu das Organ des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ohne den Juden zuznmuten, ihre Fainilienfeste auf jüdische Feiertage zu verlegen, wenn der Beschwerdeführerin eine größere 'Allzahl jüdischer Kollegen im Telephon- und Telegraphendienst zugesellt würde. In neuerer Zeit soll dies bereits in geringem Maße geschehen sein. Würde die Zahl der jüdischen Beanitinnen entsprechend ihren Fähigkeiten vermehrt, dann bedürfte es nur der einfachen Anweisung, die jüdischen Telegraphen- und Telephonbeamtinnen an üdischen Feiertagen vom Dienst zu dispensieren und dafür auf den Sonntagsdienst zu verweisen. Berlin. Der neue Adel. Gelegentlich der Nobiliiierung der Herren Schwabach und Mendelssoha, ferner der Verleihung der Freiherrnwürde an Herrn von Goldschmidt - Rothschild schreibt die „Deutsche Tageszeitung": „Als "Friedrich Wilhelm HI. im Mai 1810 den Berliner jüdischen Bankier Ferdinand Levy Delmar ilobititierte und einige Wochen daraus baronisierte, herrschte in allen Kreisen des Adels große Entrüstung, die der König zu beschwichtigen suchte, indem er dem Freihrrrn von Delmar, der dem Staate in den Unglücksjahren nach "der Schlacht von Jena große Summen vorgestreckt hatte, statt des gewöhnlichen Wappenschildes ein dreieckiges verlieh. Freiherr von Delmar, der dem Glauben seiner Väter treu blieb, vermählte sich 1832 mit einer Tochter des englischen Ministcrresidenten und Baronets Sir George Rumbold und adoptierte, da seine Ehe kinderlos blieb, eine Nichte seiner Frau, Fräulein Emily Rumbold, die sich 1848 mit einem Mitglied des Hcrzogshauses Devonjhire vermählte, nach ihrer Scheidung mit Königlicher Genehmigung den Namen einer Freifrau von Delmar führte) bis sie 1870 den französischen Gesandten Grafen de la Rochefoucauld heiratete. Dieser ersten Nobilitierung einer jüdischen Familie in Preußen sind verschiedene andere gefolgt. Doch waren es Familien, die seit ein oder zwei Generaticnen denk christlichen Glauben angehörten und teilweise durch Heiraten sich, mit arischem Blut vermischt batten Ich nenne die Freiherren von Magnus, die Familien von Oßenfeld, von Nekro, von Hellmann, vc» Mendelssohn und von Mendelssvhn-Bartholdy. Erst 1872 wurde in der Person des Geheimen Kommerzienrats' Grafen von Bleichröder wieder ein preußischer Uirtertan jüdischen Glaubens nobilitiert. Diesen haben auch seine Kinder beibehalte» mit Ausnahme seines Sohnes James und seiner Tochter Else, die in erster, durch baldige Scheidung gelösten Ehe met einem Herrn'von Uechtritz, damals Leutnant bei den Gardekürassieren, vermählt war und dann in ziveiter Ehe einen österreichischen Großgrundbesitzer semitischer Herkunft, Baron Biedermann de Turony, die Hand züm Ehebunde reichte. Die dritte Nobilitierung eines Staatsangehörigen Mosaischer Konfession eriolgte im Jahre 1903. Sie wurde dem österreichisch - ungarischen Generalkonsul Maximilian Benedikt Göldschinidt, dem Schwiegersohn des 1901 verstorbenen Barons Wilhelm von Rothschild, Chef des jetzt in die Diskonto-Gesellschaft übergegangenen Bankhauses „M. A. von Rothschild & Söhne" zu Frankrurt a. M. unter denk Namen „». Goldschmiüt- ,Rothschild" zuteil. Herrn von Goldschmidt-Rothschild, der inzwischen das Fideikommiß Wroniawy im Kreise Bomst errichtet hatte, ist jetzt die freiherrliche Würde verliehen . . . Schon im Jahre 1888 hieß es, Kaiser Friedrich werde den Bankier Oskar Hainauer, den bekannten Kunstsammler^ dessen wunderschöne Kollektion vor einem Jahre' für drei Millionen von seiner Witwe nach England derkauft kvurde — Frau Hainauer ist die Schwiegermutter der Gräfin Hacke in Dessau, der Frau von Dincklage, der Freifrau von Zedlitz in Wiesbaden und der Mrs. Gaunders, deren Gemahl Vertreter der Londoner Times in Berlin ist — und den Geheimen Kommerzienrats Schwabach, Mitinhaber des Bankhauses S. Bleichröder, die beide jüdischer 'Abstammung wiaren, nobilitieren. Die neugierigen Berliner fanden indessen auf der großen Aste der am 8. Mai 1888 von Kaiser Friedrich aus Anlaß seiner