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Neue jüdische Presse · 1907-05-17 · Heft 19 (17.5.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 19 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. auch hier nicht für alle Ewigkeiten, denn der Begriff der „Ewigen Verdammnis" ist dem Judentum fremd:*) nur die Gnade Gottes währt ewig, nicht aber sein Zorn. ... Auch das Tier und der oft ihm gleichende sündhafte Mensch sind von der Liebe und dem Erbarnicn Gottes nicht verlassen' - Denn Gott sprach zum Propheten Jona: „Dir tat es leid um deine Kikajonpflauze, und ich sollte nicht Erbarmen haben mit Niniwe, dieser großen Stadt, in der mehr als 120000 Menschen sind, die rechts von links nicht unterscheiden'können und so viel Getter!" .... Der engherzige National- und Rachcgott des Judentums — mit welcher Salbung wird da nicht darüber von den „allein-selig-machcndcn" Gelehrten gefasclt! — erscheint voller Liebe und Erbarmen auch mtt den sündhaften Heiden, während der Gott der Liebe des Christentums mtt „ewiger Rache" droht den Tugendhaftesten, sobald es ihnen unmöglich sein sollte, einige unbegreifliche Dogmen zu begreifen! Wo ist nun hier der Fortschritt des Christentums über das Judentum und die Vollendung der Lehre des Judentums im Christenttlm? Nicht anders verhält es sich mit einer anderen Grundanschauung des Christenttlnrs, . der vom „Stellvertretenden Leiden". Der Gott, der erst dann die Sünden dem schuldigen schwachen Menschen vergeben kami, wenn er durch die Leiden und den Opfer-Tod eines Unschuldigen versöhnt wird, ist wohl nichts weniger als ein Gott der Liebe! Diese Vorstellung gehört zweifellos dem Urchristentum, das noch mit dem Judentum eng verbunden ist, nicht an. Denn im Judentum ist diese echt heidnische Gepflogenheit der Darbringung von Menschenopfern mtt dem Auftreten des ersten Gottesbekenners, unseres Stammvaters Abraham, außer Uebung gekommen; war doch eine der ersten Lehren, die er von Gott empfing, die, daß Gott sich wohl ein Opfer aus dem Tierreich gefallen lasse, aber nicht das von Menschen: „Strecke deine Hand nicht nach dem Knaben und tue chm nichts an." Also lautet die Lehre bei der Mchtopferung Isaaks! . . . Somit stellt sich uns diese Gottesauffassung als ein Rückfall des Heidcnchristentnms in Vorstellungen der vorabrahamitischen Zeit dar; und es bedeutet also dies in keiner Weise einen Fortschritt über das Judentum oder gar dessen Vollendung! Wenn in der Epistel an die Ebräer die Sache so darzustellen versucht wird, als ob die Auffassung der christlichen Lehre im Einllange mtt dem Geiste des Judentums sich befinde, weil ja in der Bibel „die Versöhnung durch Opfcrblut" vielfach gelehrt wird: so ist dazu zu bemerken, daß die Propheten Israels nichtmüde werden, im Namen Gottes zu verkünden, daß dieser religiösen Zeremonie keine übermäßige oder gar ausschlaggebende Bedeutung zugcschrieben wcrden darf: „Höret das Wort Gottes, ihr Fürsten Sodoms. . ., vernehme die Lehre unseres Gottes, du Volk Gomorrhas! Wozu sind mir die Menge euerer Schlachtopfer nütze? spricht Gott." „Ich bin überdrüssig der Ganzopfer der Elim und des Fettes der Meriim, nach dem Blute der Ochsen und der Schafe und der Böcke ttagc ich kein Verlangen." „Und wenn ihr (im Gebet) die Hände ausbrcttet, wende ich mich ab, auch wenn ihr im Gebete verweilt, höre ich nicht, denn eure Hände sind des Blutes voll. . . ." „. . . . Waschet euch, werdet rein, tut ab euere bösen Taten vor meinen Augen, höret auf, Böses zu üben!" . Lernet das Gute üben, suchet Gerechttgkeit, stützet den Beraubten, schaffet Recht dem Waisen, nehmet euch der Witwe an! . (Jesaja I. 10. 11. 15. 16. 17.) Wenn man solche und ähnliche Anssprüche der Propheten vernimmt, so begreift mmr, wenn Maimonides crllärt, Gott habe den ganzen Opfcrknlt nur darum angeordnet, uni das jüdische *) Zwölf Monate währt die Sttafe der R'schoim in Gei-hinom nach dem Talmud. (Rosch- Haschano 17s) Fttückfwcker JsraeMfihÄ FanMenblaÜ.. Volk vom pompösen Götzendienst fern zu halten: also, gleichsam als Konzession sich habe gefallen lassen. *) Deni sei aber, wie ihm wolle; jedenfalls bleibt ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Tierblut und dem Mcnschcnblnte bestehen, der niemals aufgehoben werden kann und darf. — Wenn Judentum und Christentum nichts weiter trennte, als diese zwei Punkte in der Auffassung Gottes, so würde es hinrcichcn, um uns zuni Ausharren bei der Lehre des Judentums unter a l l e n U m st ä n d e n zu verpflichten. Weder wir selbst können uns dazu bekennen, noch dürfen lvir die Seelen unserer unmündigen Kinder init. diesen, dem Judentum wesensfremden Vorstellungen beschweren und verdüstern! — Gewiß — lvir haben es deshalb voransgeschickt, uni einer nröglichcn Empfindlichkeit vorzubcugcn -- nach der Lehre des Judentums hängt cs nicht von dieser oder jener Glaubensformel ab, ob die Bekenner eines Glaubens der Seelen Seligkeit genießen sollen: alle Rechtschaffenen werden ihrer teilhaftig! Denn Gott umfaßt alle seine „Menschenkinder" in gleicher, darum notwendig gercchterLiebe! Aber gerade diese zwei Vorstellungen Ivaren es, die als sehr verhängnisvoll sich, erwiesen haben. Aus ihnen allein erllärt sich unsere zweitausendjährige Geschichte, die mit unserem Blute und unseren Tränen geschrieben ist: die erstere in ihrer Intoleranz verursachte die Bekehrungsftlcht der Christenheit, die nur zu oft in offene Gewalt überging; die zweite pflanzte einen unauslöschlichen Haß gegen das jüdische Volk, das an all' unserem Unglück schuld ist. Und, ivenn cs wahr ist, daß derjenige, der Unrecht übt, mehr zu bedauern sei, als derjenige, der Unrecht erfährt, so sind diese Lehren auch die Quelle des Unglücks der Völker, in deren Mitte wir — leiden. . .! Aber auch die christlichen Sekten untereinander — sind sie etwa gegeneinander liebevoller und gerechter gewesen, waltete und waltet da nicht oft Gewalt vor Recht? Ihr Väter Israels zu Berlin, die Ihr einen Lehrer ivegjagt, weil er sich offen zu dem Gottesbcgriff Israels bekennt, zeigt uns doch, wo hier der Fortschritt waltet! Wahrlich, ich sage euch, daß zwischen diesen Gottanffassungen ganze Welten liegen! Um so viel eben ist auch hierin das Christentum noch zurückgeblieben. Und es werden noch viele Jahrhunderte in das Meer der Ewigkeit fließen, bis die wahre. Gottescrkenntnis ihren Einzug wird halten können!-- — Jede Bekehrungssucht liegt einem Juden fern, wenn wir kämpfen, tun nur es nur zur Verteidigung: und diesmal tat es not! Gern unterlassen wir es daher, in eine Erörterung der weiteren strittigen Punkte, wie sie in der Lehre von der Trinität nsw. liegen, iveil allbekannt, einzutreten. Wir freuen uns, nunmehr an Gebiete zu kommen, >vo die Gegensätze nicht mehr so hart auf einander stoßen; ja, wo die Berührungspunkte noch lebendig erhalten sind und der Gegensatz oft nur künstlich geschaffen ist: es ist das Gebiet der eigentlichen Ethik! Was nachgewiesen werden soll, ist nur, daß wir cs absolut nicht nötig haben, „in die Ferne zu schweifen,, um das Gute zu. fiirden, denn cs liegt uns sehr nahe"! .... (Fortsetzung folgt.) Wiener Brief. W i e u, 14. Mai 1907. Heute wird die große Wahlschlacht geschlagen. Heute wird cs sich zeigen, ob die Wiener Judenschast, oder besser gesagt, die jüdischen Wähler des 5. Wiener Wahlkreises, des einzigen westösterreichischen Wahlkreises mit jüdischer Majorität, schon genügend politisch reif sind, ob es ihnen endlich einmal klar geworden ist, daß wir Juden mit fremdnationaler Politik nichts zu ttin *) Vergl. More-Newuchim III. 46 u. 47. _Nr. 19. haben; heute wird es sich zeigen, ob die Judenschaft in Oesterreich schon so weit ist, daß sie keine Beschützungspolitik will, sondern eine Politik der Selbstverteidigung. Wir sind schon zu stolz und zu stark dazu, als daß lvir uns mit einem kniumerlichen 'Dasein als Geduldete in den parlamentarischen Klubs anderer Nationalitäten begnügen würden. Wir sind uns dessen beivußt, daß wir spezifisch jüdische Interessen haben, für die wir mannhaft selbst cintreten wollen. Wir wollen uns unser Recht selbst erkämpfen. Wir brauchen keine Politik des Weltbefreiers Dr. Ofner, der sich „sein deutsches Herz nicht aus dem Leibe reißen läßt", eines Dr. Ofners, der Tag und Nacht den Freisinn im Munde führt und sich nnt seiner Abhängerschaft, denn Anhängerschaft hat er keine, hinter ß 2-Bersammlnngen verkriecht, aus Furcht, cs könnte etwa gar ein gegnerischer Redner sprechen. Wir1 brauchen keine Politik eines Dr. Kohn, des Vizepräsidenten der isr. Kultusgemeinde, der nachdem der deutschfortschrittliche Klebinder von der Kandidatur zurückgetrcten >var, in die Leopoldstadt gezogen kanr, das deutsche Volk zu erretten. Wir brauchen keinen Dr. Kohn, der sich rühmt, er ist nämlich auch Landesschulrat, daß er die Sitzung. immer verlasse, wenn von einem Juden gesprochen werde, der dem edlen R. v. Taujsig Vorschub geleistet hat, als er der russischen Regierung die österreichische Anleihe verschaffte, und -der heiße Tränen vergießt, wenn eine deutsche Stadt an die Tschechen verloren geht, eine Sache, die uns Juden gewiß sehr kalt lassen kann. Aber auch die Sozialdemokratie kann unsere Interessen nicht vertreten, denn sie ist die Jnteresscnvertreterin einer Klasse, der Arbeiterklasse. Wir aber sind ein Volk des Mittelstandes und müssen als solches eine Mittelstandspolitik betreiben. Abgesehen von der totalen Unfähigkeit des sozialdemokratischen Kandidaten Emmerling, der in jeder Versammlung das ganze Register sozialdemokratischer Phrasen und Schlagwörter, wie „Ausbeutung", „Selbsthilfe des Proletariats" nsw. in derselben Reihenfolge herunterleicrt, abgesehen davon, daß es von seiten der sozialdemokratischen Parteileitung eine Vergewaltigung ioar, einem Wahlkreise mit überwiegender jüdischer Majorität einen Arier als Kandidaten aufzuoktroyieren. Frühzeitig herrschte hier bereits ein reges Leben. Hunderte von jüdisch-nationalen Studenten kamen bereits um 5 Uhr früh in die Leopoldstadt gezogen, um sich in die Agitationslvkale der einzelnen Sektionen zu begeben. Fröhlich zogen sie ein, geschmückt mit dem schmucken blauen Parteiabzeichen, um sich opferwilligst in den Dienst der nationalen Sache zu stellen. Wer diese heiteren, siegesbewußten Gesichter der begeisterten Jugend sah, diese Selbstlosigkeit und Arbeitsfreude, der konnte wirklich ausrufen: „Unsere Sache wird nicht untergehen, solange noch eine solche Jugend hinter uns ist". Und wenn auch unser Kandidat iit Wien diesmal noch nicht durchdringen sollte, der moralische Erfolg, der Impuls, der unsere in Lethargie versunkene österreichische Judenschaft endlich einmal aufgerüttelt hat, wird nicht spurlos vorübergehen, denn unsere Sache beginnt, die jüdischen Massen zu ergreifen. Ben Esra. Die Woche. „Wir lieben alle beide, Papa wie Mama, am meisten", so lautet die Antwort der naiven Kleinen auf die an sie seitens der Groszen häufig gerichtete Gewissensfrage. Das kleine Kind kann unmöglich abwägen, wen cs von den ihn geliebten Eltern am meisten liebt. Schlauere, größere Kinder geben zur Antwort: „Wir lieben alte beide gleich." Diese Antwort ist 'unwahr, wenn auch schlau: die Liebe setzt. viele Bedingungen voraus, die bei allen beiden Eltern schwerlich im gleichen Masse zutreffen. Nur erwachsene Menschen besitzen den Mut, offen zu bekennen, wem von den beide» Eltern ihre Liebe am meisten gilt. . . . ‘ ,

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