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Neue jüdische Presse · 1907-05-17 · Heft 19 (17.5.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 19 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsraitLfrtrter fudilifdire Iniiilifnlilptt. (r—-■ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Bierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— ftri ins Hau». Bei der Post abonniert im Inmrd Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Dü. 1,5V, sonstige Änder Dü. 2.— 4. ,— -- — ■ KedaKtiv« u«d chefchäftsft-tt-r Frankfurt a. nr., LlnchjKaIe 2, Me vilbelerßrate P-r-s-« 10507. Hvrausg-Vvr: SalL chei». Jnsertionspreif«: Li« viergespaltrne Petitzeil«..... WPfg. Die Reklamezeile. m „ Platz» und Daten»Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Prei» nach Ueöereinlunst. : 5. Jahrgang. Freitag, den 4. Sivan 5667 <17. Mai 1867). No. 18. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Schewuoth - Bision. — Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. — Wiener Brief. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Ost und West. — Aus der Geschäftswelt. — Wochen- Kalender. — Briefkasten. -- Familiennachrichten. Schewuoth-Bision. Von A. M. Silbermann, Leiter der Gymnasiallehranstalt, Storozynez. Wieder war sie gekommen, die herrliche Zeit, wo die Natur ihre schönsten Lobgesänge anstimmt auf Gott,- wo die Erde im festlichen Schmuck gekleidet, einstimmt in unsere jubelnden Lieder. Ueberall Sonnenschein, überall Blütenduft, süßer, himmlischer, betäubender. — — — Und ich schlief ein! Und ich träumte, ich stand auf den: Felde und ein Wurm lag zu meinen Füßen. Und siehe da, der Wurm, der augenlose, bekam Sprache, fing an zu reden und sagte: „Ich habe von einem höheren Wesen gehört, Mensch genannt, das soll gewaltige Dinge ausführen. Ich kann es nicht sehen, aber ich denke mir wohl, daß es über mich hinaus ein solch' höheres Wesen geben könne." Und nun sing er an. Beweise für das Dasein des Menschen zu führen. Ich lachte und sprach: „Würmlein, armes Würmlein, eine Fnßbewegung von mir kann dich töten — nnd du willst mein Dasein beweisen!?" Und ich ging weiter und sah die Sonne in ihrem herrlichen Glanze, wie sie dann hinabrollte ihre Bahn und sterbend die goldenen Strahlen zunl Abschiedsgruße mir sandte. Langsam trat die Dämmerung ein, und aus der Bahn des scheidenden Tages erschien der Mond, und die Sternlein begannen zu leuchten, alles war so fest, so sicher, so zielbewußt. —-— Und ich fing an zu denke n. Und ich maß in meinen Gedanken die weiten Räume, mein Geist glaubte zu erkennen die Harmonie, die Einheit, die Regel, die Bahnen, welche jene Himmelskörper wandeln müssen, glaubte zu ahnen jene unnennbare Allgewalt, die in der ganzen Natur sich ordnend nnd meisternd zeigt und in tausendfältigen Stimmen zu ihni redete aus jenem erhabenen Weltgebäude. - Und bebend öffnete ich den Mund — und wollte einen Beweis führen für die Existenz Gottes! Doch „der in: Himmel wohnt, lachte darüber, und der Ewige spottete darob" — und eine Stimme rief mir zu: „M i ch willst du Mensch beweisen, du, den ein Wurm überwindet?!" Müde senkte sich der Mond und wieder wurde Tag — — — — der 6. Siwan! Da plötzlich verstummt alles um mich her, das Tier auf dem Felde, der Vogel in den Lüften; der Adler hielt inne in seinem Fluge, der Bach in seinem Rauschen, jegliches Lebewesen hielt den Atem an und harrte mit Grausen der kommenden Erscheinung. Und ein feueriger Blitz spaltete den Himmel nnd ein furchtbarer Donner begleitete ihn; ein Brausen entstand, wiedas Brausen des Meeres und mitten durch dieses drang eine Stimme, gewaltig, furchtbar, weltenbezwingcnd und rief: „Onauchi!" — „Ich bin!" — „Zweifle nicht länger!" — „Ich, der Ewige, der ich meine Scharen zur Freiheit geführt habe, Ich bin es, der jene Himmelsscharen aus freiem Willen in's Dasein gerufen. Ich, der Ich die Gesetze gebe, Ich bin derselbe, der jenen Gesetze gegeben; Ich, der Herr, der Freiwaltende, die Natur Zwingende, den Menschen aber Freimachcndc, beides durch die Gesetze meiner ewigen Weisheit! — Und du Mensch, wenn du deine Augen erhebst zu des Himniels glänzenden Höhen, nicht die Natur bewundere, sondern den Schöpfer. Erhebe dich nicht in deinem Stolze, weil du deinem Gotte einige Gedanken seiner unendlichen Weisheit abgelanscht, sondern beuge dich in Demut vor ihm und sprich: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest?" Leugne den Meister nicht, weil du ihn nicht ganz begreifst, sondern bewundere und verehre ihn deshalb um so mehr. Wie sein Werk erschaffen wurde, willst du erkennen, und weil du es nicht erkennst, darum leugnest du cs? Tor! Kurzsichtiger! — Und das Leben, welches rings um dich her in taufend nnd abertausend Gebilden woget und wallet, >vic ein gewaltiges Meer, kennst du bei ihm das „Wie?". — Kannst du über fein „Bereschith", — über die diesseitige Grenze des Entstandenseins hinaus? Kennst du es vor seinem Entstehen, weißt du, lvie es entstehe? Wenn du mit deinem seichten Naturloissen eine Entdeckung machst, so wagst du es, statt die Bewunderung des Schöpfers zu mehren, sie als neuen Grund für die Gottesleugnnng zu gebrauchen? Wenn du den Wassertropfen in Fäulnis übergehen läßt — nnd du dann unter dem Glase eine wundervolle Welt kleiner tummelnder Geschöpfe erblickst, so staunst du nicht Gott an, der bis in's innerste gewirkt hat und ein Gewinimel zahllosen Lebens entstehen ließ, sondern dich staunst du an, weil d u den Masscrtropfen unter's Glas gegeben?! Wisse, in der heitern Luft, wie in der donnernden Wolle nnd am klaren Tage, >vie in schauerlicher Nacht, auf blühender Flur, lvie auf starrendem Eisfelde — in allen Erscheinungen der Natur, in allen Begebenheiten der Geschichte, in allen Wechselfällen des Lebens, hörst du? — in allen — Onauchi, Ich bin es. Ich, der Ewige, dein Gott und kein anderer!" — Und erfüllt von der Herrlichkeit Gottes, die rings wie ein Stroni der Ueberzeugung auf mich eindrang, in dem mein Geist sich von allen Zweifeln rein badete, spottete ich, all' derer, die mit Zwergarmen den Thron des allmächtigen Gottes erschüttern wollen, und meine Gott erkennende und bekennende Seele erwachte — und rief triumphierend aus: „Klügelt, rätselt, zweifelt, leugnet — Hasch ein Elokeinu, Haschem echod — der Ewige unser Gott ist doch einzig nnd einig! - - — — — Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. (Warum wir uns nicht t a n s e n.) Bon S. Ben-Dauw. (Fortsetzung.) Die Lehre des lebendigen Gottes, zu der wir uns bekennen, zeigt uns den Weg des Lebens: sie enthält die Gesetze, nach denen wir unser Leben eiuzurichten haben, um zum ewigen Leben zu gelangen. Aber der Glaube allein macht, unserer Lehre nach, nicht selig; erst die gute Tat vollbringt es, wenn sie sich als seine notwendige Folge ihm zugejellt, wodurch er selbst sich erst bewährt und rechtfertigt: eine „Rechtfertigung durch den Glauben" findet da nicht statt. „Die . Erhabenheit Gottes . führend .sie im Munde, aber den zweischneidigen Dolch haben sie in der Hand" . . . sagt der Psalmist von Leuten mit gutem Glauben und schlechten Taten. „Groß ist diejenige Theorie, welche zur Tat führt" . . . lehren auch unsere Weisen Als daher der Prophet Jona nach dem sündhaften Niitive ging, um sie zur Buße und Einkehr zu mahnen, da bezog sich seine Strafpredigt nicht auf ihre falschen Vorstellungen von Gott, sondern „ihre bösen Taten sollten sie lassen und von dem Raube in ihren Händen", damit das Strafgericht über sie nicht hereinbrechc. Alle, die tugendhaft leben. Recht und Gerechtigkeit üben, — ob sie nun bei ihrem Suchen nach Gott auf den: rechten Wege zu ihm sich befinden, oder, weit ab vom Wege irrend, statt des Schöpfers einem seiner Geschöpfe göttliche Ehren erweisen — müssen in gleicher Weise des zukünftigen Lebens nach Verdienst teilhaftig werden. „Denn alle Völker mögen im Namen ihres Gottes wandeln", verkündet uns der Prophet (Micha, », 4). „Die Rechtschaffenen der Völker sind der zukünftigen Welt teilhaftig", lehren daher auch unsere Weisen. So die Lehre des Judentums! Diejenigen aber, lvelchc eine Lehre vertreten, daß alle, die Gott nicht nach einer bestimmten Formel verehren, der „ewigen Verdammnis verfallen", haben selbst von Gott, seiner Allgüte, Liebe und Gerechtigkeit, die allerfchlechteste Vorstellung. Sie werden daher des zukünftigen Lebens nicht der eigenen Lehre nach teilhaftig werden, sondern nur auf Grund der milden Weisheit unserer Weisen, deren Namen man in parteiischer Verblendung zum Schimpsworte gemacht: der Pharisäer Lehre ist es, die ihnen die Tore des Himmels offen hält, wenn sie es sonst verdienen. — Alle. Wesen sind Geschöpfe Gottes, denen sein Erbarmen gilt; alle Menschen sind seine Kinder, die er mit gleicher Liebe umfaßt. Es gibt keinen Verstoßenen, außer, wer sich wissend selbst losreißt und in Sünden untergeht. Aber

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