Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-05-10 · Heft 18 (10.5.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 18 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692529--03198-2697867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Sette 4. der verschiedensten Preßorgane gesprochen wird, ist ein geradezu vernichtendes. Das Gebetbuch bedeutet nicht nur eine Leugnung wichtiger Grundsätze des überlieferten Judentums, ein Aufgeben dessen, was unsere Väter mit ihrem Herzblute verteidigt haben, cs ist auch in ä st h e t i s ch e r und namentlich in pädagogischer Hinsicht als ganz und gar mißlungen zu bezeichnen. Dabei verrät es 'einen solchen Mangel an jüd. Selbstbewufitsein, eine solch sklavische Rücksichtnahme auf ungerechtfertigte Angriffe der Judenfeinde, daß es eine Selbsterniedrigung der badischen Juden wäre, wenn sie ein solches Buch in Synagogen und Schulen einführen würden. Das Gebetbuch wimmelt ferner von verwirrenden Widersprüchen, sodaß Orthodoxe und Anhänger der Reform cs in gleicher Weise bekämpfen müssen. Ein Vorzug, den es allerdings besitzt, ist der bWge Preis, Und das ist auch ein Lockmittel, mit welchem man die Gemeinden für das Gebetbuch zu gewinnen hofft. Aber sollte wirklich' die Ersparnis von ein paar Pfennigen genügen, um die badischen Juden zur Verleugnung ihrer Glaubcnsgrundsätze, zur Annahme eines dem jüdischen Empfinden geradezu ins Gesicht schlagenden Gebetbuches zu veranlassen? Wir sind überzeugt, daß sic ein solches Ansinnen m i t Entrüstung zurückwcisen werden! Das Schlimmste bei der ganzen Aktion des Oberrats ist Uber die damit notwendigerweise zusammenhängende Bedrohung der Gewissensfreiheit. Wenn man auch immer und immer wieder betont, daß die Gemeinden nicht gezwungen werdcil könnten, das Gebetbuch einzuführen, so bäeutct doch die geplante Einführung in den S ch ulen einen drückenden Gewissens zw au g und eine gewaltsame Beeinflussung der Jugend im Sinne der Reform. Das Gebetbuch wird Zwietracht und Streit in die Gemeinden tragen! Während die Angriffe der Antisemiten uns dringend dazu mahnen, in unsrer eigenen Mitte wenigstens den Frieden zu wahren, wirft der Oberrat in Gestalt dieses Gebetbuches einen Zankapfel unter die badische Judenheit, der sie in zwei feindliche Lager zu spalten droht." Von den zahlreichen Gutachten, die dem Aufruf beigelegt sind, sei heute nur das des Rabbiners Dr. D. H o f f m a n n, Rektor des Rabbinerseminars zu Berlin, angeführt; den Wortlaut weiterer Gutachten werden wir in der nächsten Nummer bringen. Rabbiner Dr. Hoffmann schreibt: „In dem fraglichen Gebetbuch sind die von unseren Ahnen überlieferten Gebete derart umgestaltct, daß neben anderen Verstößen gegen religionsgesetzliche Bestimmungen auch solche Aendcrungen Vorkommen, welche eine Beseitigung von Glaubensprinzipien des Judentums bedeuten, deren Abrogation einer Verleugnung der ganzen an Israel ergangenen göttlichen Offenbarung gleich zu achten ist. Dem glaubens- und gesetzestreuen Juden ist es daher nicht bloß verboten, das in Rede stehende Gebetbuch zur Verrichtung seiner Andacht zu b enutzeu, sondern er darf auch an keinem öffentlichen Gottesdienste teilnehmen, bei dem ein solches die Negation jüdischer Glanbenswahrheiten sanktionierendes Gebetbuch eingesührt ist. Er muß vielmehr, falls ihm keine andere Andachtsstätte zu Gebote steht, selb st an deit heilig st e n Tagen cs vorziehen, sein Gebet privatim in seinem Hause zu verrichten." Zum Schlüsse möge noch die Erwartung ausgesprochen werden, daß jeder badische Jude, dem die Erhaltung des Judentums am Herzen liegt, dem wackeren „Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums in Baden" (Vorsitzender: Aron Ettlingcr, Mannheim, Friedrichsring 36) als Mitglied beitrete. München. Am Sonntag zwei Stunden ihre A n g e st e l l t e n zu beschäftigen, ist auf Anregung des Gemeinde-Kollegiums seitens des Magistrats denjenigen Geschäftsinhabern gestattet worden, die Samstags geschlossen haben. Der Beschluß ist die Folge einer von 16 Firmciiinhabern eingereichten Petition. Der Beschluß hat eine prinzipielle Bedeutung, indem er die Berechtigung der den'Samstag feiernden Juden, Sonntags ihr Personal zu beschäftigen, an- . erkennt. Hoffentlich findet der Beschluß an allen Orten, wo gesetzestreue Juden wohnen, Nachahmung, und hoffentlich wird aus den 2 gestatteten Stunden mindestens der ganze Vorinittag. Pose«, 29. April. Wie sehr die kleineren jüd. Gemeinden unserer Provinz nach und nach an Bedeutung verlieren, liefert uns eita zwischen Posen und Wreschen einen deutlichen Beweis. Dieser Ort hatte vor längerer Zeit 3—i Minjonim, jetzt nur noch zwei jüdische Familien. Die schön ausgcstattete Synagoge, welche sich im Hause des Kaufmanns David Lewin befmrd, ist entfernt worden, da das Grundstück in den Besitz eines Christen übergegangen ist. Herr David Lewin, der ein ziemlich großes Geschäft von seinen Eltern übernommen hatte und weiterführte, ist vor einigen Wochen nach hier übergesiedelt. Frankfurt Israelitische- Familienblatt. Oesterreich-Ungar«. Wien, 6. Mai. Hülfsaktion für die r u m ä n i s ch e n Jude n. Unter Leitung des Ritters von Gut m a n n haben gestern in Wien die Vertreter der jüdisch-humanitären Orgau i s a t i o n e n aus verschiedenen Ländern getagt. Aus Frankfurt waren vom Hilfsvcrein für osteuropäische Juden die Herren Philipp S chiff und Rechtsanwalt Dr. Blau, aus Berlin vom Hilfsvercin der deutschen Juden die Herren Oskar Berlin, Dr. Paul Nathan und Dr. Kahn, außerdem Pariser und rumänische Vertreter anwesend. London und Neloyvrk haben brieflich ihren Standpunkt uiedergelegt, Außer den Beschlüssen über die Art und Weise, wie den geschädigten jüdischen Gemeinden in Rumänien schleunigst Hilfe gebracht werden könne, wurde festgesetzt, daß eine Auswanderung von Juden ans Rumänien durch pekuniäre Unterstützung nicht gefördert werden könne, da die vorhandenen Hilfsfonds vollauf in Anspruch genommen werden, auch nur die dringendsten Bedürfnisse der Ausgeraubten, die im Lande bleiben, zu befriedigen. Wien, 4. Mai Das von derjüdischnationalen Studentenschaft eingesetzte Exekutivkomitee begab sich gestern zu den Rektoren der Universität und der technischen Hochschule, um ihnen eine gestern gefaßte Resolution vorznlegcii, in der die Aufn ahme ciner Mationalitäten- 11: b'r i k ins Nationale der Hochschüler gefordert wild. Der Zicktor der technischen Hochsck.ule Prof. Hvichenegg erklärte, daß er den Lt n n d p n n k t d e r j ü d i s ch n a t i o n a l e n S t udenten vollsbändig billige und ihre Forderung, die er für berechtigt halte, aufs wärmste befürworten und u n t e r st ü H e n iverde. Die Deputation begab sich hierauf zum Rektor der Universität Hofrat M eh e r - L i b k e und erhielt auch dort eine ihren Wünschen entsprechende Zu,s a g e und die Versicherung, daß der Rckror die Angelegenheit der nächsten Senatssitznng vorlegen werde. In der nächsten Woche wird die Deputation vom U n t e r r i ch t s m i n i st er Mar ch c t empfangen werden, Budapest. Die Repräsentanz hat mit 109 von 114 Stiiiiilieil Rabbiner Dr. Elias Adler in Altvfcn zum Rabbiner kandidiert und die Gcineindemitglieder haben nun durch „Ja" oder „Nein" zu entscheide», ob sic diesen Kandidaten zum Rabbiner wünschen. Die Angelegenheit hat in den religiösen Kreisen sehr viel Mißstimmuiig hcrvorgcrufcn, sie sind jedoch machtlos und müssen sich die illoyalen Uebcrgriffe des Vorstandes gefallen lassen. Es handelt sich nämlich um die Besetzung der Rabbinerstelle für die Rombachsynagoge, um die orthodoxe Rabbinerstelle der Geincinde, und da hat nun der Vorstand an die „orthodoxen" Kandidaten die Forderung gestellt, auch in den „Orgelsynagogen" zn predigen, welcher Forderung der „orthodoxe" Dr. Adler nachkoimiicii will. In der gestrigen Rcpräsentantciiversammluiig wurde der Jahresbericht der Gemeinde genehmigt. Nach dein Berichte hatte die Gemeinde 1906 rund Kr. 1596 000 Ausgaben und Kr. 1608 000 Einnahmen, sodaß das Jahr mit einem kleinen Uebcrschnß abschloß. Die Zahl der Steuerzahler betrug 17 685. Budapest. Israelitische Kultusgemeinden in Ungarn. 1905 gab cs in Ungarn 2371 israelitische Knltiisgciiieindc» (581 Haupt- und 1790 Filialgemcindeii), von denen 1597 orthodox, 399 sogen. Kvngreß-Religioiisgciiieindcn (cinschlietzl. 23 resormierte-israelit. Kiiltnsgemeindcn in Kroaticn- Slavonieii) und 235 sogen, status quo Gemeinden waren. (Im Jahre 1868 wurden auf einem Kongreß jüdischer Gemeinden in Ungarn gegen den Willen der Orthodoxen Statuten geschaffen, die für sämtliche Religionsgeineindcn Ungarns bindend sein sollten. Dagegen protestierten die Orthodoxen und erlangten 1871 "die Genehmigung der Regierung für die von ihn,.» verfaßten Satzungen. Je nach dem Orga.aisationsstatut gibt cs somit sog. Kongreß-Gcmeiiiden (liberal-rcformiert) und orthodoxe; die neben diesen bestehende 3. Gruppe der „Status quo ante"- Gemcinden haben die vor 1867, dem Jahre der Erlassung der Staatsgrnndgesctzc und der bürgerlichen Gleichbereichtigung der Inden giltige Gcmeindeoerfassung bcibehalten. Letztere uiiterstcheu den staatlichen Verwaltungsbehörden, wohingegen die Kongreß- und orthodoxen Killtusgcmeindcn in der israelitischen Landeskanzler, rcsp. der orthodoxe» Durchföhruuyskommission autonome Zentralorganc besitzen.. Von sämtlichen 412 Rabbinern in Ungarn waren 2.38 in orthodoxen Gemeinden, von allen 1309 Raböinatsverwesern und Religionslehrern 889 in orthodoxe» Gemeinden angestellt. Auf Kroatien-Slavonien entfallen 26 Knltusgemeindeil mit 21 Rabbinern und 35 Rabbinatsverwesern. (Zeitschr. f. Demographie n. Statistik d. Juden.) Czernowitz, 4.Mai.. Zur judenfeindlichen Bewegung. Der Landtagsnbgeordnete Nikolai von- W a s s i l k o, der im vorigen -Parlamente den Wahlbezirk Pnttila als Reichsratsabgeordncter vertreten har 'und dort ohne Gegenkandidaten auch für den neuen Reichsrat kandidiert, hat an dix Gebirgs- Nr. 18. bevölkcning dieses Bezirkes einen Aufruf erlassen, der in vielen Tausenden hon Exemplaren verbreitet wnd. Dieser Aufruf hat die Gemeindevorsteher, Lehrer und die sonstigen einflußreichen Dorfinsasscn des Bezirkes 'veranlaßt, depntativi beim Bezirksyanptmami zu erscheinen und vor demselben die ausdrnaua,e Versicherung abzugebe», daß keinerlei Ausschreitungen zu befürchten wären. Trotzdem hat die Landesregierung zur Beruhigung der geängstigten Judcnschaft, 'welche sich bereits anschickt, aus ihren Wohnorten zu flüchten, die Verstärkung der Gendarmerie angeordnet. Fzernowit;, 6. Mai. Der Ostersonntag ist in dem ruthenischen Gebirge Pntilla-Seletin dank den Sicherheitsmaßregeln der Regierung ruhig verlaufen. Großbritannien. London. Alle Komponisten sind Juden — also spricht oder schreibt A. E. K e e t o n in der „Contemporary Review" — und weiter führt er aus: „Die Auffassung, die die modernen Völker von der Musik haben, unterscheidet sich ganz wesentlich von der, die die Griechen und die Römer hatten, und nähert sich in mancher Hinsicht den Begriffen, die sich die alten Juden von der Musik machten. Die moderne Musik hat also ihren Ursprung in der hebräischen Zivilisation, und es ist 'darum nicht wunderbar, daß die Musik gerade in solchen Ländern, in welchen die israelitische Bevölkerung sehr zahlreich ist, zur höchsten Blüte gelangen konnte. Kceton will nun zwar nicht behaupten, das; Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Liszt, Wagner u. a. persönlich Inden waren — der festen Ucberzeugnng, daß 'alle die Großen unter ihren Vorfahren irgend einen Juden hatten, ist er aber doch. Als Mozart als kleiner Wunderknabe der Königin Marie Antoinette vorgestellt wurde, soll die hohe Dame ausgerufen haben: „Ein Genie darf nicht Jude bleiben!" Die Folge dieser spöttischen Bemerkung war, daß der kleine Mozart zum Christentum übertrat — sagt Kceton. Was Chopin betrifft, so stammte er von einer Familie Szopcu oder Szop, ein Name, der unter den polnischen Juden sehr häufig vorkommt. Wenn man sich Beethovens Bildnisse anjicht, stellt man sofort fest, daß sie alle den semitischen Typus aufweisen. Dasselbe kann man von Wagncr sagen, was die Behauptung bestätigen würde, daß er wirklich der Sohn des Inden Ludwig Geher war, jenes Maler, Dichters, Komponisten und Schauspielers, der als zweite Frau die Mutter des Komponisten des „Lohengrin" heimführte; eine weitere Bekräftigung jener Behauptung ist die Tatsache, das; Wagner bis zum 14. Lebensjahre den Namen Geyer führte. Wenden wir nn§ nun anderen Komponisten zu, so haben wir fcstznstellen, daß die große Komponistenfamilie Straus; sicher jüdischen Ursprungs ist. Bemerkenswert ist auch auf diesem Gebiete die Fähigkeit der Juden, sich dem sozialen Milieu, in welchem sie leben, vollständig anzupassen: Mcyerbeer gab der großen französischen Oper das Gepräge, das sie noch heilte hat; die Musik des jüdischen Koinpoiiisten Saint-Sai-ns hat die charakteristischen Merkmale echt französischer Musik; M e n d e l s s o h n schrieb Oratorien, die vom Geist des Christentums mehr aufweisen, als die Oratorien der allcrchristlichsten Komponisten; R u b i n st e i n komponierte eine Musik die jeder Russe als echt russisch bezeichnen wird." Frankreich. ' Paris. Der bekannte Forscher Clermont» Ganncan.hat in der letzten Sitznng der „Academie de la Mission Archxologiqnc" über eine Reihe von bemerkenswerten Entdeckungen berichtet, die er aus der Insel Elephantine (Nord-Egypten) gemacht hat. Die von ihm gefundenen aramäischen Inschriften beweisen das Vorhandensein einer jüdischen Kolonie um das 5. Jahrhundert vor ü b l. Z e i t r e ch n. ans dieser Insel. Außerdem geht ans den Funden hervor, daß sich in dem jüdischen Viertel der Stadt ein dem Gotte Israels geweihtes Heiligtum befunden hat, dessen L-Pnren der Forscher bei späteren Ausgrabungen aufzudecken hofft. Die Kosten dieser Expedition wurden zum größten Teil von Baron Rothschild bestritten, der zu diesen; Zwecke die Summe von 18000 Franke» bewilligt hat. Rußland. Petersburg, 6. Mai. Die Osteiseiertage sind in ganz Rußland ruhig verlaufen. Minsk. Der Polizeimeister Sokolow batte die Rabbinen ans den 28. April vorgeladen. Etwa 30 Herren waren erschienen. Der Polizeimeister verlangte von ihnen, daß sic in den Synagogen eindringlichst, wie eine Art Bann, auffordcrn sollen, Anarchisten der Polizei sofort anzugebcn. Rumänien. Bukarest. Die aus dem Beznk Baslui ausgewiesenen Inden haben an Minister Brate a n u nachstehendes, von einem Bnkarestcr Advokaten verfaßtes Gesuch gerichtet: „Die Unterzeichneten, von den israelitischen Bewohnern, der Landgemeinden des Bezirks Baslui be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.