Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 18 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. auftragt, bringen ehrerbietigst zu Ihrer Kenntnis was folgt: ' ' ' Die Bürgermeister unsrer Wohnorte haben uns Verordnungen zugestellt, in denen wir aufgesordert werden, unfern Herd binnen einer Frist 'von 1—5 Tagen zu verlassen. Unter uns sind nicht wenige, die in ihren Wohnorten geboren sind, die dem Militär - Rekrutiernngsgesetz Genüge geleistet haben, weder für sich noch für ihre Verwandten irgend eine» auswärtigen Schuh genießen. Einige von uns stehen uoäj unter den Fahnen, andere endlich zählen ihre» Aufenthalt in ihrem Wohnort nach Dutzenden von Jahren. Die traurigen und tiefbedaucrlichen Vorkommnisse, die das Land soeben durchgemacht hat und die die Herzen aller seiner Kinder haben bluten machen, stehen noch Jedem vor Augen. Wir alle haben durch die jüngsten Ereignisse moralisch und materiell schwer gelitten. Wir wollen die Frage der Gesetzlichkeit oder Ungesetzlichleit der gegen uns ergriffenen Maßnahmen nicht erörtern; wir bitten Sie nur, anznerkennen, daß eine Maßnahme der erwähnten Art — die Ausweisung — die nicht treffen sollte, die alle ihre Pflichten gegenüber dem «taat erfüllt und selbst ihr Blut für ihn hingegeben haben. Nach Beendigung der Mobilisation haben mehrere unter uns bei der Rückkehr in ihren Wohnort den Ausweisungsbefehl vorgesnnden. Wir bitten Sie inständigst, Verfügung dahin zu treffe», daß die Ausweisungen änsgehoben und Untersuchungen anbcfohlcn werden. Sollte sich ergeben, daß Staatsrücksichten Maßnahmen der erwähnten Art gegenüber friedlichen und treuen Bewohnern des Landes, in dem sie erzogen worden sind, notwendig machen, so bitten wir Sie, uns zum mindesten einen Aufschub von 6 Monaten zu gewähren, damit wir unsere Angelegenheiten ordnen können. . Wir .geben uns der Hoffnung hin, daß die Gc- ' fühle hoher Gerechtigkeit, von denen Sie erfüllt sind, nicht gestatten werden, daß eine ganzeBevölkeutiig binnen xiner nach Stunden zählenden Frist den Weg in die Berbannnng cinschlagen und damit die Früchte eines ganzen Lebens voller Arbeit verlieren soll. Wir sind überzeugt, daß Sie unseren Vorstellungen Gehör schenken und danach' handeln werden. Wir halten zu Ihrer Verfügung unsere M i l i t ä r p a p i e r e — einige von uns stehen augenblicklich noch unter den Fahnen — und andere Schriftstücke, die dazu angetan sind, die außerordentlich kritische Lage zu offenbaren, in die wir durch die gegen uns gerichteten Erlasse versetzt worden find." Amerika. New-Aork, 26. April. Die Einwanderung ist dieses Frühjahr so stark, wie noch nie. Allein am vergangenen Mittivvch und Donnerstag — also an zwei Tagen! — kamen 16121 Personen an (darunter 2779 Passagiere 1. und 2. Kajüte). 0 Mek 0 Ost und West. Sittenbilder aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von . JacobLevy. (Fortsetzung.) Kapitel 8. Zn den eifrigsten Schülerinnen von Rabbi Brandes gehörte nun Betty Werner. ~ Der Rabbi hielt keinen methodischen Unterricht mit den jungen Mädchen ab, sondern trug ihnen aus der Thora, aus der Agadah in bunter Reihe vor und schilderte eingehend die Franengestalten der Bibel. Vorzugsweise belehrte er sie über die religiösen Pflichten der Frauen, und diese interessierten Betty Werner immer ganz besonders. Als sie einmal bei einer sehr schwierigen Koschcrfrage, von der gerade die Rede war, sich äußerst wißbegierig zeigte, fragte der Rabbi lächelnd, weshalb ihr dies so besonders interessant sei. „Weil ich später meinen Haushalt ganz rituell tinrichten will", antlvortete sie mit großem Ernste. Der Rabbi erzählte dies abends seinem Sohn, war aber nicht wenig erstaunt, als Moritz sagte: „Lieber Vater, ich freue mich über das Lob, das Du dem Mädchen spendest. Jetzt will ich Dir auch gestehen, daß ich Betty liebe und sie heimznführen hoffe. Hat dies Deine Billigung?" „Hast Du schon mit dem Mädchen gesprochen?" „Nein Vater, aber wir wissen, daß wir uns gern haben." „Moritz, es ist eine gute Familie, brave, wohltätige Leute, 'jedoch ziemlich neumodisch. Das Mädchen aber ist anders,, als seine Angehörigen, wahrhaft fromm. Ich kenne sie nun schon längere frankfurter JsraMWüß FamMeMaü. Zeit und habe sie lieb gewonnen, sie soll mir eine liebe Tochter sein." Sein Sohn strahlte. „Pater, Betty ist in.der modernen Umgebung fromm geworden und brav geblieben, sie wird Deine würdige Tochter. Morgen rede ich mit ihr." Andern Vormittags ging er zu Werners und traf'Betty im Wohnzimmer. Sie kam ihm freundlich entgegen. „Es geschehen Zeichen und Wunder. Erblickt man Sie in der sogenannte» Geschäftszeit einmal? Ich glaube, daß ich Sie noch nicht zweimal bei Tage gesehen habe." Er lachte und küßte ihr die Hand. „Fräulein Betty, es kann mich eigentlich stolz machen, daß Sie meine bescheidenen Besuche nicht vergessen. Aber das nüchterne Tageslicht zeigt mir au»), daß Sie etwas blaß sind und nicht in der gewohnten heiteren Stimmung sich besinden." Sie errötete. „Sie haben scharfe Augen. Aber ich habe in der Tat Knninier. Papa ist unzufrieden mit Karl, es gibt immer heftige Seenen. Und ich stehe machtlos dazwischen. Wenn ich Karl bitte, ernsthaster und solider zu werden, sagt er, ich sei eine Bigotte, die das moderne Leben nicht versteht, und Papa meint einfach, ich solle mir die Laune nicht verderben lassen, er würde ihn schon erziehen. Mama kümmert sich überhaupt nicht darum. Ich weiß aber nicht, weshalb ich Sie mit diesen unerguicklicheii Familienangelegenheiten behellige." ' Er hatte aufmerksam zngehört. „Fräulein Betty, Ihr Bertrauen beglückt mich. Aber Sie sollen sich nicht aufreiben. Ich bin jetzt gekommen, um mir mein Glück zu. holen; viele Worte kann ich nicht machen." Er ergrisf ihre Hand. „Betty, ich habe Sie lieb, werden Sie mein Weib." Sie erwiderte nichts und sah ihn mit leuchtenden Blicken an, vor Seligkeit fand sie keine Worte. „Habe ich Sie erschreckt, war ich zu rasch?" „Ach,"darf ich an mein Glück denken, wenn düstere Wolken in meiner Familie aufziehen!" Er umfaßte sie, und sie erwiderte innig seinen Kuß. „Geliebte, ich rette Dich in mein stilles Heim — und dann — dann habe idj( das Recht, Deinen Eltern bciznstehen und Deinen Bruder zu warnen." „Aber Dein Vater, wünscht er sich nicht eine Schwiegertochter aus frommem Hause?" „Liebchen, mein Vater hat Dich in sein Herz geschlossen. Aber jetzt zu Deinen Eltern, ob die den Russen als Sohn betrachten können. . ." Herr und Frau Werner gaben gerne ihren Segen, bei Moritz Brandes wußten sie ihre Tochter geborgen. Karl dagegen meinte naserümpfend, jetzt müßte er wohl de» ganzen Tag betend herumlaufen. Nach der ersten vertraulichen Aussprache aber, die er mit Moritz hatte, erzählte er zu Hause, der Sckwager sei doch ein ganz feudaler Kerl, den er seinen Freunden vorstellen wolle. Früher hätte er ihn ja gar nicht so gekannt, er sei lustig und spiele Billard und Skat. Er verschwieg allerdings, daß Moritz die Ansicht geäußert habe, ein Referendar brauche wohl mal Geld zu einem Extraschoppen, und dazu stelle er ihm seine Börse zur Verfügung. — Moritz Brandes war ein vielbeschäftigter Mensch. Sein Prodnktengeschäft hatte er in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einer großen Bedeutung gebracht. Er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit gewonnen und zeigte sich für die Gastfreundschaft seines neuen Vaterlandes dankbar, indem er sich an allen gemeinnützigen Veranstaltungen von Anderstadt in hervorragender Weise beteiligte. Aber einen schonungslosen Krieg sührte er gegen den Antisemitismus. In Anderstadt wurde ein antisemitischer Verein gegründet. Moritz Brandes veröffentlichte Akten und gerichtliche Urteile, die bewiesen, daß die Vorstandsmitglieder und Gründer des Vereins anrüchige Personen waren, mit denen ein anständiger Mensch nicht verkehren könne. Der Verein verschwand lautlos von der Bildfläche. Brandes zahlte zwei Kommis, die in seinem Geschäfte wiederholt antisemitische Postkarten gezeigt hatten, ihren Qnartalsgehalt aus und entließ sie sofort. „Ich dulde meine Feinde nicht in meinem Hanse, laßt Euch von Euren Gesinnungsgenossen aiistellen." — In das Haus seines Vaters trngs er die Kämpfe des Tages nicht. ' Seite 5. Rabbi Brandes hatte einen Lernabend eingerichtet. Dort waren nun seine Landsleute, die aber sämtlich mehr über talniudisches Wissen, als über irdische Güter verfügten, regelmäßige und willkommene Gäste. Moritz, der an diesem Abend niemals fehlte, beteiligte sich, an den Disputationen mit großem Eifer und wurde in der Hitze; des Gefechts von einem der Alten manchmal mit „Bocher" angeredet. Jtzig Strohsessel, der in der Tat ein tüchtiger Talmudist war und sich durchaus nicht genierte, seiner Ansicht Geltung zu verschaffen, widersprach einst Rabbi Brandes laut, wurde eifrig, klopfte auf den Tisch. Ein Freund flüsterte Strohsessel zu: „Sei doch ruhig, der junge Brandes sieht Dich an, als ob er Dich gleich Hinauswersen wollte." „Was," rief er laut, „der junge Brandes ist auch ein Bal Thora, der weiß was in Baba Mezia steht, wer seinen Nächsten öffentlich beschämt, hat gewissermaßen Blut vergossen, indem diesem das Blut aus den Wangen weicht und er blaß wird. Außerdem muß ich gleich mit ihm reden." Moritz hatte dies Ziviegejpräch gehört und lächelte nnmerklich. Beim Ausbruch wurde er von Strohscssel am Rock gezupft. „Herr Brandes, ich muß mit Ihnen sprechen, haben Sie noch eine Minute Zeit?" Moritz erwiderte freundlich: „Gewiß Reb Jtzig, was wünschen Sie denn?" Dieser wartete bis sich alle entfernt hatten, dann begann er: „Herr Brandes, der Bruder Ihrer Braut ist ans keinen: guten Weg. Er ist jede Nacht mit vornehmen christlichen Herren in der Weinwirtschaft von Zllken und vergeudet mit den Mädchen viel Geld. Auch spottet er über unsere Religion und sagt, daß er sich lausen lassen will." Moritz' hörte mit gefurchter Stirn zu. „Woher wißt Ihr das?" „Emnia Stocky — nicht gedacht soll sie werden — ist Kellnerin da und bekommt immer Goldstücke von ii;in. Sie hat's meiner Tochter erzählt." „Ick.'danke Ihnen Reb Jtzig, erzählen Sie cs nicht weiter." „Von mir kommt nichts heraus, er aber macht dcch kein Geheimnis draus. — Nein Herr Brandes, ich danke, deshalb habe ich es Ihnen nicht erzählt. Ich nehme nichts, wirklich nicht." „Nun, dann nochmals meinen Dank. Gute Nacht, Reb Jtzig." Rabbi Brandes, der stummer Zuhörer gewesen war, sagte: „Hätten wir vor einigen Jahren gedacht, daß dieser Nimm jemals ein Goldstück znrückweisen würde? Bringe Jeden an die richtige Stelle, und er gewinnt sein Ehrgefühl wieder. Aber was sagst Du zu seiner Neuigkeit?" „Karl ist aus 'Abwegen. Ich muß mit seinem Vater reden, damit endlich ernst gemacht wird. Seine Fam.iie wird noch unglücklicher durch ihn." Der Greis legte die Hand aus den Arm seines Sohnes und sprach langsam mit schwerer Betonung: „Moritz, heirate bald, denn später wird es Dir vielleicht unmöglich. Morgen spreche ich mit Herrn Werner." Moritz sah ihn starr an. „Vater, Du bist so gut, wie Tn weise hist. Bestimme morgen den Tag unserer Hochzeit. Wenn Karl seiner Familie Schande macht, so kenne ich meine Pflicht, obgleich ich und Betty unglücklich würden." Sein Vater erwiderte mild: „Du sollst nicht unglücklich werden, mein Sohn. Ich wäre es dann auch, und wir haben in Rußland genug gelitten." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. Gegen Gicht und Rheumatismus bewahrt. Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 11. Mai (— 27. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. St 7 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 45 Min., in Berlin 8 Uhr 49 Min. Wochenabschnitte Behar und Bechukosai. In erstgenanntem hören wir von einer tief ein- Mneidenden sozial-wirtschaftlichen Gesetzesbestim-