Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 18 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692511-2692529--03197-2697866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 18. Frankfurter JsraelktkscheS FamilKnSlatt. Seite 3 vielmehr muß, wie .die Dinge liegen, hier die Jndenfrage ganz speziell und losgetrennt von andern politischen Fragen behandelt werden. Das vermindert natürlich sehr die Aussicht ihrer befriedigendeil Lösung. Diese allgemein erkannte Aussichtslosigkeit ist auch, der Grund, warum in Rumänien der Kampf um die Gleichberechtigung nicht mit vereinten Kräften, sondern lediglich individuell geführt wird. Ter Einzelne hat hier nämlich das Recht, um die politischen Rechte cinzukommen, und über seine Würdigkeit entscheidet in jedem Einzelfalle das Parlanient. Man kann sich — die bekannte Uneigennützigkeit der rumänischen Deputierten und Beaniten hinzngerechnet — danach leicht vorstellen, in welchen Fällen und wie viele Petcnteil für „würdig" befunden werden und dann berechnen, wann die Judensragc in Rumänien Aussicht hat, gelöst zu werden. Es kann also, wie gesagt, unser .Heil durchaus nicht darin allein liegen, die Erlangung der Gleichberechtigung in diesem Lande abznwarten. Wir haben gleichzeitig denen, die zu emigrieren beschlossen haben, mit Ziel und Plan tatkräftig unter die Arme zu greifen. Und wir können uns glücklich preisen, daß unsere Unglücklichen über jenen Mut und jene Energie verfügen, im Momente der Not ihren Blick übers Meer zu richten und den Entschluß zu fassen, ihre Kraft einem fruchtbareren und freundlichern Boden anznvcrtrancn. Man begeht ein Verbrechen, wenn maw diesen Leuten zuruft: Bleibet da! Die ganze Grausamkeit und den Unverstand dieser Sprache kann nur der erfassen, der die Unglücklichen selbst zu sehen und zu hören Gelegenheit hat. Die Woche. Die Wahlen für den. österreichischen Reichstag rücken immer näher heran, nur wenige Tage sind es noch bis zur Wahlschlacht; ein fieberhaftes Treiben ist in allen Parteien und Nationalitäten bemerkbar, ein jeder ringt um den Erfolg. Und der Erfolg! Man sagt die reaktionären, die antisemitischen Christlichsozialen werden am erfolgreichsten sein und die größte Partei im zukünftigen Reichstage bilden. Dies ist nicht unwahrscheinlich,' find doch die Klerikalen an blindes Gehorchen von jeher gewöhnt und hat doch das Böse, in die fromme Kutte gehüllt, noch immer die größte Zugkraft auf die unaufgeklärten Massen ausgeübt, Auch erfreuen sich, wie bekannt, die Klerikalen überall einer guten, wie die Liberalen einer schlechten Organisation. Doch das Prophezeien überlassen wir andern; der 14. Mai wird uns ganz oder halb das Resultat sage». Was aber ein näheres Eingehen bedarf, ist die durch die Wahlen geschaffene augenblickliche Lage der Juden Oesterreichs und das Verhalten der dortigen Juden zur Wahl. Altarmierende Gerüchte kursieren: das; schwarze Wolken sich über die Häupter der Juden zusammcnziehen. Nämlich Pogrome sind im Anzüge! Den rivalisierenden Nationalitäten gefällt es nicht, daß die Juden eine unselbständige Lakaien- Politik treiben; den Polen paßt es nicht, daß die Juden die Rnthencn oder Deutschen unterstützen, und sic drohen daher mit Pogromen: den Ruthenen und Deutschen wiederum paßt es nicht, daß die Juden bei den Wahlen die Polen fördern sollte», und sie drohe» ebenfalls mit Pogromen. Sind es bloße Drohungen? Sind die Völker der christlichen Liebe dessen unfähig? Leute, die aus Oesterreich 'koinmen und die dortigen Verhältnisse g e n a n kennen, erklären die Situation für sehr ernst. Und die Rettung? Die Juden sollen als Inden 'auftreten und jüdisch-national wählen; — so wollen es die Christen haben. Und ist es nicht eine Ironie des Schicksals, daß die Christen, die einst die Jude» zu zwingen pflegten, Christen zu sein, nunmehr die Judeir zwinge», Inden zu werden? Eine wahre Umwertung aller Werte?! Und doch siehe! Die Juden als „Am Kschee Auref" ließen sich einst für ihr Judentum verbrennen, und heute wollen sie sich für ihre Abneigung zum Judentum verbrennen . . . Die Partei der halb oder drei Viertel Getauften, der Hausjnden hat sich unter dem Namen „U n a b h ä n g i g c I u d e n" vereinigt und bietet all ihr Können ans, die bewußten Nationaljnden zu Fall zu bringen. Ihr Haß zuin Judentum verhindert sie, ihre falsche Politik, für die kein Raum mehr da ist, fallen zu lassen, und dabei wissen sie wohl, daß ihr gefährliches Spiel die Judenheit nicht nur mit Schmach bedeckt, sondern auch sie in direkte Gefahr stürzt. Wie dem auch sei; — die österreichische Judenheit, besonders die Inden Galiziens und der Bukolvina, befindet sich in Gefahr, und man wird von Glück sprechen können, wenn die österreichischen Wahlen für die dortigen Inden glatt ablaufen werden. * * „Sie sind b e i uns in Lohn und Brot, Sie haben n n s c r e A n s ch a u u n g c n z u vertrete n." Dieses klassische Verdikt des Berliner Eemeindepräses ist nicht nur an einen Rabbinen gerichtet, an den gcmaßregctten, vom Amte gewaltsam entsetzten Dr. Cohn, sondern an alle Rabbinen D e u t s ch l a n d s. „Ihr habt unsere Anschauungen zu vertreten!" Also auch, wenn sie direkt zur Taufe führen, denn wofür anders wurde der eine Rabbiner vom Amte entfernt als für seine Bejahung des Judentums, für seine Ablehnung der Aufforderung zur Taufe. Aber dieser Ablehnung, glaube» wir, machen sich fast alle unsere Rabbinen schuldig, und sollte dieser Grundsatz zu Recht bestehen, daß die Rabbinen ihres Lohnes halber alle Anschauungen — gleichviel welcher Natur sie find — der Gemeindevorsteher vertreten müssen, dann — können Amtsentsetzungen jeden Tag stattfinden, dann — sind unsere Rabbinen wie die russischen Inden vogelfrei! Wir glauben der Fall Cohn ist von großer Tragweite für die Existenz unserer Rabbinen, und die Rabbinen müßten sich ernstlich mit der Sache befassen; ihre Standesinteressen erheischen es, sich, ihres zu unrecht gemaßregelten Kollegen anznnehmen. lind dein Rabbinerverbande hätte sich der Lehrcrverband anzuschließen, denn nicht nur der Rabbiner Dr. Cohn ist gemaßregelt worden, sondern auch der Lehrer Dr. Cohn. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Vereinigung der norddeutschen mit den süddeutschen ort h o d o x e n Rabbinen ist nunmehr nach langen Verhandlungen eine vollendete Tatsache geworden. Letzten Montag fand hier in Frankfurt eine Sitzung statt, die die endgültigen Klautelen für die Einigung sestsetzte. Danzig. Der Verband der westpreußischen S 'q n a g o g e n g e m e i n dj e n kann jetzt auf eine z e l, n j ä h r i g e W i r k s a m k e i t znrückblicken. Der Schwerpunkt der Berbandsarbcit lag in dem ersten Dezcnnin'.:' des Bestehens auf dem Gebiete des Religionsunterricht s.>' Das Bestreben, diesen in sämtlichen 51 Provinzialgemeindcn zu organisieren, zu heben und zu inspizieren, war von guten: Erfolg begleitet. Die Subvention zu den Kosten des Religionsunterrichts nahm auch den größten Teil des Budgets in Anspruch. Der achte Gemeindetag fand am 21. Mai v. I. in Danzig statt. Die Bemühungen, ein jüdisches P r o> v i n z i a l - K r a n k e n h a u s zu errichten, scheinen bisher ohneErfolg geblieben zu sein, dagegen hat sich die W a n d e r b i b l i o t h e k g u t entwickelt. Da es dem Verbände nicht gelungen, den Widerstand zu überwinden, den einzelne westprenßische Gemeinden noch immer der Inspektion ihrer Religionsschnlen entgegensetzen, war derselbe genötigt, sich an'die Regierungsbehörde in Danzig und Marienwerder zu wenden. Beide Behörden haben in erfreulicher Weise der Bitte stattgegeben und an die Synagogenvorstände Verfügungen gerichtet, in denen sie diesen empfehlen, von deni Inspektionen des Verbandes Gebrauch zu machen. Der Versuch, die von vielen Seiten angestrebten Bezirksrabbinate einzurichten, muß nach dem Bericht endgültig als gescheitert angesehen werden. Dem Berbmrde gehören 40 Gemeinden und 244 Prrvatversonen an. Seine Einnahmen betragen 6463,6!) Mark, seine Ausgaben 2793.60 Mark. Der Ausschuß setzt 'sich in folgender Weise znsaminen: Jnstizrat Behrendt, Vorsitzender, Rabbiner Dr. Freudenthal, stellv. Vorsitzender, M. Kadisch, Schatzmeister, A. Eisen-Danzig, Stadtrat 'Löwenskein-Elbing, Stadtrat Belgard-Graudenz, D. Wolfs, Rabbiner Dr. Rosenberg-Thorn, Kommerzienrat Goldfarb-Pr.-Stargard, M. Cohn-Neumark, M. Neumann - Lantenourg, I. -L-pringer-Culmsee. Berlin. Der^ harmlose Antisemitismus — der sogenannte >Lalon-Ai:tisemit:smus nämlich — wird von Dr. Maria Raich in der Ethischen Kirltur einer eingehenden Kritik unterzogen. Wir entnehmen dem Artikel folgende Stellen: „Er ist überall: es gibt kein Entrinneir vor ihm. Er sitzt an der Tadle d'hote im .Hotel, am bescheioeuen Mittagstisch der Pension, er haust in der Stadt und aus dem Lande, er geht auf Reisen, er findet die Opser seiner Mitteilsamkeit im Eisenbahncoupe, auf dem Dampfschiff, auf der Bergtour, im Gesellschaftszimmer: er ist allgegenwärtig — es gibt kein Entrinnen vor ihm. Er erfüllt diejenigen, die vor ihm sich nicht retten können, mit Menschenverachtung, mit Bitterkeit und Trauer. Er treibt in die Einsamkeit. . . Herr Reichstagsabgeordneter N. unterhält sich gewöhnlich am Pensionstisch wenig, sitzt vielmehr würdig, still und in sich gekehrt da. Eines Tages aber wird er durch eine unterhaltende Frage seiner Tischnachbarin: „Waren ^ie schon bei Wertheim?" in Aufregung gebracht und schmettert voll Indignation in die Luft: „Ich werde doch nicht bei Juden kaufen!".... Ein tapferer Afrikakrieger unterhält, in die Heimat zurückgekehrt, espritvoll eine Salongcsellschast. . . über die Juden: dieses Volk scheint ihm die einzig wahre Bestimmung darin zu haben, durch Variöteknnstler nachgeahmt, ihn und seinesgleichen fidel zu stimmen. Auf die Bemerkung einer taktvollen Dame, die einer anwesenden Jüdin gegenüber die Situation retten will: „Karrikiert können ja alle werden, auch die Herren Offiziere," erwiderte der junge Herr mit sichtbarer Entrüstung „Aber erlauben >L>ie, mein Fräulein!" Wäre sie ein Mann, er hätte sie gefordert. . . . Herrliche Alpciilandschaft. Ein stiller Winkel, weit abgelegen von dem Fremdenverkehrsstrom. Der Lärm des Kanrpfes ums Daseiir und der vergnügnngslüstigen Menge dringt nicht da hinauf, wo nur die Glocken der friedlichen Herden ertönen und das Abendgebet des alten Hirten den Segen Gottes auf die Alpen Herniederrust. Zwei Menschen gehen den Weg hinauf. Es begegnet ihnen ein kleiner Trupp Wanderer. Man geht zusammen — alles zufällig Menschen ans derselben Stadt. Das Gespräch kommt aus das Theater. Ein Oberlehrer hat viel an seiner Leitung auszusetzen: „Ein miserabler Direktor! Kurzgesagt: ein Jude"... Der Leser zuckt vielleicht die Achseln: „lieber solche Kleinigkeiten geht man doch hinweg und soll sich nicht etwa beleidigt fühlen, auch wenn man Jude ist." Jcy meine aber vielmehr: dies soll als eine Beleidigung empfunden werden, es soll dagegen protestiert werden. Es ist ein ftapitet au3 bet „gebend und Umgangs-Kultur," sowohl was die Beleidiger als auch die Beleidigten anbetrifft. Manchen von den letzteren möchte ich zurnfen: „Werde sensibler! Kämpfe um Dein Recht auf Achtung! 'Der salonmäßige Antisemitismus ist eine Beleidigung für Dich. Du darfst ihn nicht schweigend hernnterschlucken. Du sollst ihn nicht schweigend heruntersapucken. Du sollst in jeden: einzelnen Falle die Beleidigung Deines Stolzes in Deiner Gegenwart Dir verbieten. .Wie Tein Ehrgefühl eint nichtachtende Behandlung Deiner selbst nicht zulassen wird, ebenso wenig oder noch weniger darf es die nichtachtenden Aeußerungen über Dein Volk dulden." lind die Beleidiger? Ihr Namt ist Legion. Ihr Antisemitismus ist etwas primäres, etwas hcrdenmäßiges. Er ist vor jeder Erfahrung und Reflexion da; er ist die immer bereite Prämisse einer Schlußfolgerung. Seine geselligen Kundgebungen werden zum festen Habitus — eine schlechte unmoralische Gewohnheit." Berlin. Während sich das Land immer mehr von der jüdischen Bevölkerung entvölkert, nimmt dieselbe in den Städten rapid zu. So hatte Charlottenburg 1885 nur 478 jüdische Seelen (l,13<Vo der Gesanitbevölkerung) und zählte deren 1905 bereits 15 881 (6,95»/» der Gesamtbevölkerung). Ferner seien hier die Zahlen von Nürnberg angeführt: Von 87 jüdischen Seelen 1852 (damals war die Aufenthaltserlaubnis für Inden sehr erschwert) stieg deren Zahl bis 1867 auf 1254, und heute zählt Nürnberg etwa 7000 Inden. Für das jüdische Gemekndeleben bedeutet diese Entwickelung leider keinen Fortschritt, sondern das Gegenteil; denn je größer die Gemeinde, desto mehr verliert der Einzelne den Zusammenhang mit ihr. Karlsruhe. Der Verein zur Wahrung des gesetzestreuen Judentums in Baden versendet in Sachen des Gebetbuches einen Aufruf, kn dem es heißt: „Im Mittelpunkte des Interesses steht seit Monate» der Entwurf eines neuen Gebetbuches, welchen der badische Oberrat herausgegeben und zur öffentlichen Diskussion gestellt hat. Wir unterbreiten Ihnen beifolgend eine Anzahl von Gutachten hervorragender Rabbiner Deutschlands, die zwar v' e rschiedenen Richtungen angehören, aber in der Gegnerschaft gegen das oberrätliche Gebetbuch einig sind. Das Urteil, welches dem badischen Gebetbuch in diesen Gutachten sowie auch in den Aeußerungen