Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 18 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2. dies alles und der gewollte Gegensatz gegen das Judentum seine ganz natürliche Erklärung findet. Wir dürfen getrost behaupten, daß, wenn man aus dem neuen Testament alles, was aus unserem heiligen Schrifttum entlehnt ist — wenn auch, " wie gesagt, oft mißverstanden oder entstellt — ausscheidcn wollte, so blieben von den gesamten „frohen Botschaften" (Evangelien) einige wenige Blättchen, die manches Neue, das legendarische und märchenhafte, enthalten, das aber bei näherer Betrachtung als auf ganz alte, prämosaische Vorstellungen beruhende Lehren, sich entpuppt. Aber der Grundstock der neuen Lehre besteht aus der alten, wenn auch manches in schiefen». Gesichtswinkel sich darstcllt. Für das Gesagte mag als klassisches Beispiel die Bergpredigt (Ev. Matthäi 5—7) dienen! Es ist die berühmte Bergpredigt, der Stolz des Christentums, worin der Fortschritt der neuen Lehre über die alte am deutlichsten sichtbar werden soll und die höhere Moral des Christentums sich angeblich offenbart. Also wir wollen hören: Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: „Selig sind die da geistlich arnr sind, denn das Himmelreich ist ihrer." Dieser schöne Spruch stammt aus Jesaia 57, 15, nur ist die Uebcrsctzung „geistig arm" falsch, denn Geistesarmut gilt als kein Verdienst im Judentum . . . ., vielmehr muß cs richtig heißen: Demütigen und Gedemütigtcn. Der ganze Satz lautet: „Denn so spricht der da ewig thronet, dessen Name geheiligt: Hoch und erhaben throne ich: aber auch init den Gedemütigtcn und Demütigen, um zu beleben den Geist der Demütigen und das Herz der Gedemütigtcn." . . «. Der zweite Spruch der Bergpredigt lautet: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." Dies ist wörtlich zu lesen Psalm 37, 11. So geht cs fort in allen Evangelien. Es wäre eine interessante Aufgabe, dies im Einzelnen zu untersuchen, aber hier würde es uns doch zu weit führen. Wir wollen darum utrs den Partieen der Bergpredigt zuwenden, die uns am meisten hier interessieren, den Aussprüchen, welche eine höhere, dem Judentum überlegene Moral enthalten sollen. Wenn wir diese Stellen betrachten, die angeblich eine über das Judentum hinausgehcnde Ethik darstellcn, so finden wir hier den bewußten und gewollten Gegensatz gegen die alte Lehre. Die Form lautet da: „Euch wurde gesagt, ich aber sage Euch!" (Fortsetzung folgt.) Die Emigrationsfrage in Rumänien. Von Dr. O. N. Im Verlaufe von wenigen Tagen sind die Juden von mehr als 200 Städten und Dörfern von raubgierigen Banden überfallen worden, die das Hab und Gut von mindestens 5000 Familien plünderten oder zerstörten. Nachdem die Ruhe wiedergekchrt ist, ist es nun diesen Unglücklichen nicht gegeben, die Trümnicr ihrer Habe zu sammeln und am bisherigen Aufenthaltsorte ihrer gewohnten Tätigkeit wieder nachzugehen, sondern, soweit sie auf den Dörfern lebten — und dies war bei der Mehrzahl der Betroffenen der Fall — sind sic aus diesen fortgejagt, ohne jede Aussicht, die Erlaubnis zur Rückkehr in absehbarer Zeit wieder zu erlangen. Für diese Unglückseligen bleiben jetzt zwei Möglichkeiten übrig: entweder in der schon in den Städten vorhandenen Unzahl von Bettlern aufzugchen, da hier durchaus keine neuen Arbeitsgelegenheiten sich schaffen lassen oder — wie schon so viele ihrer Landsleute — jenseits des Meeres freie und gleichberechtigte Bürger eines großen zivilisierten Reiches zu werden. Die Leute geben sich auch, inbezug auf ihre Aussichten in Rumänien durchaus keinen Illusionen hin; ein großer Tell von ihnen hat sich bereits in Gruppen vereinigt, bereit, den Heimat- Frankfurter Israelitisches Famikienblaü. lichen Staub von den Füßen zu schütteln, sobald nur irgcud eine günstige Gelegenheit sich ihnen bietet. Ihre Zahl wird sich im Laufe der Zeit noch vervielfachen, sobald, wie zu erwarten, die Folgen des angcrichtctcn, für das kleine Land unersetzlichen wirtschaftlichen Schadens auf weitere Kreise zu wirken beginnen werden. Gleichzeitig drohen in der nächsten Nachbarschaft, in Galizien und Bukowina — eine Meinung, die ich auf der Durchreise durch diese österreichischen Provinzen allgemein äußern hörte — die rumänischen Vorgänge ihrcNachahniun g zu finden, um die in diesem Winkel Europas schon vorhandene Verwirrung noch zu vervollständigen. Sott nun die jetzt schon sich regende und die weiterhin zu erivartende verstärkte Emigration nicht wieder wie bis nun ziel- und planlos vor sich gehen, so wird cs nötig sein, daß eine kräftige Organisation, die sowohl für die wirtschaftlichen wie für die speziellen Bedürfnisse der Auswanderer als Juden das notwendige Verständnis hat,, die Regelung der Auswanderung in die Hand nimmt. Wie mir ans sicherer Quelle bekannt ist, hat man sich von hier aus an den gerade zum gleichen Zweck in Odessa weilenden Herrn Dr. Jochelmann, Mitglied des engeren Direktoriums der Jto, gewandt, ihn einladend, auch hier zur Regelung der Emigration ein Bureau des E. D. (Emigrations-Departement) der Jto zu errichten. Herr Dr. Jochelmann erklärte auch — wie ich erfahre im Einverständnis mit dem Präsidenten der Jto, Israel Zangwill — seine Bereitwilligkeit, der Einladung Folge zu leisten; aus unerklärlichen Gründen erfolgte jedoch bald darauf eine Absage, welche hier einen peinlichen Eindruck hcrvorrief. In verschiedenen Städten Runiäniens haben sich unterdessen bald nach den Tagen der Zerstörung größere Gruppen von Familien gebildet, die beschlossen haben, zu emigrieren. Von einer solchen Gruppe, deren Vertreter sich jetzt in Jassy aufhalten, die auch an die Jto Hoffnungen knüpfte, ist mir bekannt, daß sic sich einem Auswanderungsagenten anvertraut und in dieser Woche eine Abordnung nach Maryland abgesandt hat, zur Prüfung eines Projektes einer unbekannten Gesellschaft, welche den Auswanderern, die Landwirte werden wollen, Land auf Abzahlung und freie Ueberfahrt von Bremen nach Baltimore zn gewähren, sich bereit erklärt. Der Strom der Auswanderung ist in normalen, geschweige denn in den gegenwärtigen Zeiten nicht aufzuhalten, auch die Erklärungen der Vertreter der Jca, der Allianz und des „Hilfsvercins deutscher Juden", die diese in Bukarest abgaben, daß zur Zeit für die Auswanderung nichts geschehen könne — wir vermuten, daß die Absage des Dr. Jochelmann mit diesen Erklärungen in Zusammenhang steht — vermögen dies nicht, so sehr sie den Zweck verfolgen, zur Beruhigung der erregten jüdischen Bevölkerung beizutragen. Es ist wieder einmal nötig, daß vom Osten, und diesmal von hier aus, wo täglich und stündlich das Verhältnis der Inden zum Lande und die Wirkungen der Katastrophen beobachtet werden können, mit jener westeuropäischen Ansicht eine Auseinandersetzung eingegangen wird, welche glaubt, cs sei das Klügste und Nützlichste, der Auswanderung unbedingt einen Damm cntgcgenzusetzen. So weit sie in den ersten Tagen der Erregung die in verzweifelte 'Verwirrung geratene jüdische Bevölkerung davon abhalten wollte, leichtsinnige Auswandcrungspläne zu fassen, ist jene Meinung sicherlich weise zu nennen. Allein sic geht von dem Standpunkte aus, die Juden sollten und müßten da bleiben, wo sie einmal sind und daselbst eine Lösung der jüdischen Frage abwarten, wie es etwa in Deutschland und Frankreich geschehen ist. Dieser Standpunkt, auch wenn er nicht mit durch das Selbstinteresse der westeuropäischen Juden diktiert ist, die daheim möglichst von den osteuropäischen unbelästigt bleiben wollen, ist ein falscher, und wir wollen dies an den Wirkungen, __Nr. 1s die eine Zurückhaltung der Auswanderung ausüben könnte, klarzulegen suchen. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, sind, wie schon erwähnt, mehrere Tausend jüdische Familien aus denDörfern vertrieben und befinden sich jetzt ohne jede Existcnzmöglichkcit in den Städten. Gering gerechnet sind 30«/o von ihnen Landarbeiter und Handwerker, die übrigen: kleine Kauflcute, welche neben ihrem Gewerbe, wie das auf dem Dorfe üblich ist, auch Landbau trieben. Wie gleichfalls bereits berührt, konnte ihnen offiziellerseits eine Aussicht, die Erlaubnis zur Rückkehr in ihre Dörfer zu erlangen, nicht eröffnet werden. Was steht nun diesen fleißigen, kräftigen und schönen Menschen vom Lande — unsere Westeuropäer würden staunen, solche Juden zu sehen — bevor? Eine Möglichkeit, ihr Gewerbe oder ihr Handwerk in den Städten auszuüben, haben sie nicht, da die betreffenden Berufe, so weit sie in der Stadt überhaupt möglich sind, schon derart überfüllt sind, daß die sie Ausübenden meist am Hungertuche nagen. Wenn sie also nicht answandern, so werden sie notwendig unter die Bettler getrieben, an denen >vir Ivahrlich ohnehin nicht geringen Ueberfluß leiden, und die zur schönsten Arbeit berufenen Menschen werden auf das tiefste wirtschaftliche und moralische Niveau herabgedrückt. Wir wollen nun aber, wozu zunächst' gar kein Grund vorliegt, optimistisch, sein und annehmen, jener harte Beschluß, die Juden von den Dörfern fern zu halten, würde zurückgcnommcn; — würden da unsere zurückkehrenden Juden nicht denjenigen gleichen, denen man erst die Beine abhackt, und nachher Stelzfüße schenkt? Man vergegenwärtige sich, Ivic sehr durch solche Behandlung nicht nur jeder wirtschaftliche Aufschwung unmöglich gemacht wird, sondern auch, wie sehr vor allein jedes Ehrgefühl und aller Stolz in unfern Volksgenossen geradezu ausgebrannt und an deren Stelle Furcht und Feigheit eingepflanzt werden. Denn das Damoklesschlvert der sich wiederholenden Vertreibungen — wir beobachten dieses grausame Spiel schon seit- Jahrzehnten in Rumänien — hinge nach wie vor über ihnen. Auf solche Weise gerüstet, körperlich und inoralisch durch die uns zu teil werdende Behandlung inimer weiter herabgemindert, sollen wir sehnend jenen Zeitpunkt abwarten, wo, wie uns vom Westen her versprochen wird, der Traum der Gleichberechtigung in Erfüllung gehen soll. Nachdem man den wichtigsten Teil unseres Volksbcstandes, unsere Handwerker, Arbeiter und Landleutc, vernichtet, nachdem man uns das Mark aus den Knochen gesogen haben wird, haben wir inr besten Fall die Erlangung der Gleichberechtigung zu gewärtigen. Einen solchen Ausgang zil verhindern, das ist der Inhalt der Acußerungen der Selbstbesinnung unseres Volkes, Ziouisnius genannt, von den: sich der Territorialismus ablöste, der wieder mit der Errichtung des Emigrations-Departements das notwendige Rcttungswerk zu leisten ansängt. Ist es auch selbstverständlich, daß wir in dem Lande unseres Aufenthaltes die Gleichberechtigung zu erstreben und zu fordern haben, so kann unser Heil wahrlich nicht, tüte man in Westeuropa meint, einzig darin allein liegen. Daselbst übersieht man auch die gänzlich verschiedene Position der Judenfrage hier und dort. In Westeuropa ist den Juden die Gleichberechtigung — soweit auch dort von einer solchen die Rede sein kann — wenn auch nach harten und langen Kämpfen, so doch schließlich nur als Produkt der allgemeinen Entwickelung der Dinge in den Schoß gefallen. Rumänien hat nun gezeigt, daß man zwar eine Konstitution haben, den Juden gegenüber aber sich den Eidbruch' leisten und ihnen zugcsagte Gleichberechtigung hinterlistig vorcnthalten kann. In Westeuropa erfolgte die Emanzipation mehr aus Scham vor der Inkonsequenz, als aus Gerechtigkeitsgefühl. Rnmänien hat nun aber diese Scham überwunden. Den Juden in Rumänien ist es also nicht gegeben, an einem politischen Kampfe sich zu beteiligen, als selbstverständliche Frucht ihrer Mitarbeit die Gleichberechtigung zu gewärtigen;